Spagat zwischen Kunst und Kommerz

Leporello im Gespräch mit Christian Schuchart und Hermann Schneider über das Projekt “Frankenhalle” Zehn Jahre nachdem der eiserne Vorhang im Theater beinahe heruntergelassen worden wäre (Schließung des Dreispartenhauses wegen fehlender Finanzierung), ist das Mainfranken Theater Anfang 2010 gut aufgestellt. Es hat die „WangAffäre“ weggesteckt, macht mit Projekten wie „Die Orestie“

Leporello im Gespräch mit Christian Schuchart und Hermann Schneider über das Projekt “Frankenhalle”

Zehn Jahre nachdem der eiserne Vorhang im Theater beinahe heruntergelassen worden wäre (Schließung des Dreispartenhauses wegen fehlender Finanzierung), ist das Mainfranken Theater Anfang 2010 gut aufgestellt. Es hat die „WangAffäre“ weggesteckt, macht mit Projekten wie „Die Orestie“ oder „Goscior“ überregional von sich reden und schultert trotz Personalmangels, steigender Material- und Lohnkosten den laufenden Theaterbetrieb mit fast immer gleich bleibenden Budgets. Applaus von der Stadt bekommt es dafür voraussichtlich 2014, wenn die Umbaumaßnahmen im Mainfranken Theater abgeschlossen sind und die Theaterschaffenden und –begeisterten sich über ein generalsaniertes Stadttheater freuen dürfen.

Ob es darüber hinaus „standing ovations“ vom Stadtrat gibt, in Form einer zweiten Theater-Spielstätte in der Frankenhalle, das soll vor der Sommerpause noch entschieden werden. Über Möglichkeiten und Grenzen dieser Option hat sich Leporello mit dem Stadtkämmerer Christian Schuchart und dem Intendanten des Mainfranken Theaters Hermann Schneider unterhalten.

koer1.jpg“Wenn sich der Stadtrat gegen die Frankenhalle als Übergangsspielstätte des Theaters entscheidet, dann haben wir die Alternative, die Halle für 500.000 Euro abzureißen, ein Theaterzelt für zwei Jahre darauf zu stellen und hinterher den städtischen Grund und Boden zu veräußern”, so der Kämmerer. Das wäre der “worst case”, der eintreffen kann, was alle Beteiligten nicht hoffen. Auch für die Kultur-Interessierten und letztendlich die Stadt wäre es wünschenswert, nachhaltig zu entscheiden, will heißen, das Theater langfristig, über die Sanierungsphase hinaus, an die Meile Veitshöchheimer Straße zu binden. Das würde die Stadt wieder näher an den Fluss rücken. Und die Kulturmeile mit Kulturspeicher, Bockshorn, Tanzspeicher, BBKGalerie und CinemaxX würde eine sinnvolle Ergänzung erfahren (Quartiererschließung).

Ob jedoch die Atmosphäre vor dem Kulturspeicher, die von Berthold Kremmler kürzlich in einer Podiumsdiskussion zur Frankenhalle als „ein Platz, der für öffentliche Hinrichtungen geeignet ist“, dadurch freundlicher wirkt, bleibt zu bezweifeln. Der städtische Kulturreferent Muchtar Al Ghusain entgegnete daraufhin öffentlich, „dass die feindselige Atmosphäre vor dem Kulturspeicher von der Autobahn, die davor vorbei führe“, komme. Aber das ist ein gesondertes Thema, zurück zum Standort „Frankenhalle“…

„Grundsätzlich ist die Lust und das Interesse des Mainfranken Theaters da, nach den zwei Jahren Umbauphase, die Frankenhalle weiter temporär zu bespielen. Hier könnten ganz andere Spielformen gefunden werden und auch andere Sehgewohnheiten für das Publikum entstehen.
koer2.jpg„Ich würde mir hier Barockopern wünschen, dass es Komponisten gibt, die eigens für die Frankenhalle schreiben und, dass wir große gemeinsame Formen finden mit Ballett, Musiktheater und Schauspiel, die die Totalität dieser Arena erspielen. Natürlich müsste dann darüber nachgedacht werden, wie wir das personell schultern“, räumt der Intendant des Mainfranken Theaters ein. „Denn es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, dass wir in der Veitshöchheimer Straße Musical bis zum Abwinken machen (beispielsweise 14 Tage en suite mit Doppelvorstellungen) und im Haus in der Theaterstraße ist es finster…!“

Wenn das Projekt „Frankenhalle“ vom Stadtrat ein „go“ bekommt, müsse über die Personalfrage vor Ort sowieso nachgedacht werden, egal ob das Modell „Bürgerstiftung“ oder ein anderes zum Tragen komme. „Wir brauchen für die Halle so oder so einen Hausmeister. Wenn dieser dann noch Bühnentechniker ist, würde das sowohl für das Theater als auch für Drittveranstalter bedeuten, dass sie auf jemanden Kompetentes vor Ort zurückgreifen können“, erläutert Christian Schuchart den Plan. Positiver Nebeneffekt wäre an dieser Lösung, dass die Personalkosten für den Bühnentechniker, der gleichzeitig Hausmeister ist, nicht allein vom Theater geschultert werden müssten. Ein bisschen Geld für dieses Projekt will der „Mann der Zahlen“ jedoch schon vom Theater und zwar die Summe, die das Theater aus seinem Etat für ein Theaterzelt aufbringen müsste. Diese Opportunitätskosten belaufen sich auf rund 1,5 Millionen Euro. Zusammen mit dem rund 3,4 Millionen Euro Finanzierungszuschuss
vom Staat (der erst noch beantragt werden muss), verbleiben rund 4,6 Millionen Euro Fehlbetrag, der durch das Konstrukt “Bürgerstiftung“ aufgefangen werden soll.

„Im Moment sind all diese Zahlen noch relativ Schall und Rauch“, so der Stadtkämmerer. Zum einen muss noch die exakte Summe für den Förderantrag ermittelt werden, sonst kann dieser nicht an die Regierung rausgehen, und auch beim Modell „Bürgerstiftung“ ist die Konzeptionierung noch nicht abgeschlossen. „Fest steht, so Schuchart, dass im Falle einer Realisierung des Projektes „Frankenhalle“, das Theater 25 Prozent Nutzungsrechte hat, 26 Prozent andere Kulturschaffende und 49 Prozent kommerzielle Anbieter“. Bei einem Spagat zwischen Kunst und Kommerz von 49 zu 51 Prozent wird das kein Spaziergang werden (vergleichsweise Leporello hat nur den Spagat von 70 Prozent Kunst und 30 Prozent Kommerz Monat für Monat zu meistern und der ist schon schwer genug).

Aber zurück zur Frankenhalle… Dieses Jahr hatte die Stadt Würzburg die höchste Investitionsquote seit 1980, das heißt, die Stadt ist gut aufgestellt und könnte sich kulturell in Sachen Nachhaltigkeit schon ein bisschen aus dem Fenster lehnen, oder? „Das stimmt. Wir kommen 2010 und 2011 ohne Kürzungen im Kulturetat aus. 2012 muss man sehen… Wenn sich die Wirtschaft bis dahin nicht erholt hat, haben wir ein Problem“, erzählt Schuchart frei von der Leber weg. Wenn der Himmel einstürzt, sind alle Schwalben gefangen! „Wichtig, so der Stadtkämmerer ist nur, dass uns der Boden unter den Füßen durch die Wirtschaftskrise nicht wegbricht – im Theater sagt man, glaub´ ich, doppelten Boden – und wir in den Orchestergraben fallen“.

Leporello sagt „Toi, toi, toi“ für das Projekt „Frankenhalle“!

Das Interview mit dem Stadtkämmerer Christian Schuchart und dem Intendanten des Mainfranken Theaters Hermann Schneider führte Leporello-Chefredakteurin Susanna Khoury.

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