Kämpft die Enthaltsamkeit mit dem Appetit?

Wenn ein Mensch auf das Essen sein Leben lang verzichten will, dann dauert seine Enthaltsamkeit nur sehr kurz, weil er bald nach seiner Entscheidung stirbt. Bei dem Verzicht auf Sexualität sind die Folgen nicht so radikal schnell. Deswegen wurde die Sexualität von den anfänglichen Psychologen nicht als Bedürfnis angeordnet, sondern

Wenn ein Mensch auf das Essen sein Leben lang verzichten will, dann dauert seine Enthaltsamkeit nur sehr kurz, weil er bald nach seiner Entscheidung stirbt. Bei dem Verzicht auf Sexualität sind die Folgen nicht so radikal schnell. Deswegen wurde die Sexualität von den anfänglichen Psychologen nicht als Bedürfnis angeordnet, sondern als Trieb. Der Begriff Trieb war an sich keine schlechte Wahl, weil uns das sexuelle Bedürfnis oft genauso wild herumtreiben kann wie der Mordshunger. Der Hunger treibt uns in manchen Ausnahmesituationen genauso wie der Sex auch zu Handlungen, die besser gut überlegt sein sollten anstatt triebhaft.

Gutes Essen ist in allen Kulturen sehr beliebt. Aber auch das Fasten ist sehr verbreitet. Nicht nur im Christentum und dem Islam, sondern auch im Buddhismus und in Joga. Im Christentum und im Islam ist das Fasten religiöse Pflicht, im Buddhismus und Joga hat das Fasten eher gesundheitliche Bedeutung. Es dient der Entschlackung des Körpers. Es dient aber auch der Selbsterkenntnis. Während des Fastens kann man wunderbare Erfahrung mit sich selbst machen, wie begierig und gefräßig selbst einer ist. Und wie selbstbestimmend es sein kann, auf das Essen hier und da zu verzichten. Jeder Mensch erfährt dabei, wie weit Er oder Sie über sich selbst bestimmen kann und gleichzeitig wie sehr ein beliebiger Mensch den kausalen Gesetzen des Seins unterliegt.

Zölibat und Magersucht

Die konsequente Enthaltsamkeit gegenüber dem Essen wurde als Magersucht weltweit bekannt. Die konsequente sexuelle Enthaltsamkeit wird oft als Zölibat bezeichnet. Dass die konsequente Enthaltsamkeit gegenüber dem Essen und dem Sex zu krankhaften Erscheinungen führt, ist in der Medizin längst bekannt. Bei der Magersucht essen die Betroffenen ein wenig, um sich hinterher den Finger in den Hals zu stecken, damit das Essen wieder erbrochen wird. Beim Zölibat verschafft sich der Betroffene irgendwelche kurzzeitige Erleichterung und tut danach Buße. Und in beiden Fällen sind die Betroffenen tief darüber erschüttert, was sie da Schlimmes getan haben, wenn sie ein bisschen gegessen oder das Andere gemacht haben.

Die Freiwilligkeit der Selbsterkenntnis

Die Freiwilligkeit der Selbsterkenntnis besteht bereits darin, indem wir lebenslang und ohne jede Unterbrechung mit einer bestimmten Person leben können, ohne sie richtig zu kennen – mit uns selbst. Niemand kann uns dazu zwingen, uns selbst näher kennen zu lernen. Nur in Ausnahmesituationen erfahren wir hier und da etwas mehr als gewohnt über uns selbst, um es dann meistens bald zu vergessen. Die Freiwilligkeit der Selbsterkenntnis wird uns deutlich zuverlässiger gewährt als andere Menschenrechte.

Wer sich freiwillig dazu entscheidet, eine Zeit lang nicht zu essen, dann tut Er oder Sie das bereits mit dem Vorsatz, das gleich zu lassen, wenn es ihm nicht gut tut oder sogar schadet. Wer freiwillig fastet, der kann es genauso freiwillig jederzeit lassen. Das funktioniert also wie mit der Selbsterkenntnis: Wer sich bei näheren Betrachtung nicht mehr mögen kann, der kann es jederzeit lassen. Freiwillig einen Weg einzuschlagen bedeutet, dass man den Weg jederzeit freiwillig ändern kann. Weil sich der Mensch im Sinne der Freiwilligkeit bei jedem Schritt und Tritt nach dem eigenen freien Willen richten kann und eigentlich auch muss. Wegen der Freiwilligkeit.

Die Magersucht können wir nicht mehr als freiwillige Erkrankung betrachten, weil es die Magersüchtigen nicht mehr lassen können. Auch wenn sie sich ursprünglich freiwillig für das Fasten entschieden haben, ist das Fasten inzwischen zur Sucht geworden. Und auch der Zölibat ist nicht freiwillig, wenn es der Mensch nicht jederzeit lassen kann. Zwar wird dem Zölibat die Freiwilligkeit gerne unterstellt, doch auch die Priester können irren. Jeder Mensch kann sich freiwillig in die Sklaverei begeben, doch ist er ab diesem Moment kein freier Mensch mehr, sondern ein Sklave. Wer seinen freien Willen freiwillig aufgibt, der kann nicht mehr nach seinem freien Willen handeln. Er fastet nicht mehr freiwillig. Er fastet, weil es sein Sklavenhalter so will. Weil ihm sein Sklavenhalter kein gutes Essen gönnt.

Es ist also gleich, ob wir der Macht einer Krankheit oder der eines Sklavenhalters unterliegen, und es ist auch gleich, ob wir uns freiwillig diesen Mächten hingegeben haben. Die Freiwilligkeit fand ihr jähes Ende dank der fremden Macht.

Das Fasten ist gut, es muss also gut sein!

Ohne nur ein einziges Wort an dem Satz zu verändern, könnte man ihn völlig verkehrt verstehen. Wer den Zölibat für gut hält, der wird es wohl als ein gutes Zölibat verteidigen. Und genau so wird ein gutgesinnter Mensch auch bei dem Fasten vorgehen. Doch jede Münze hat zwei Seiten, das wurde hier bereits mehrmals wiederholt.

Wer fasten will, weil es für ihn gut sein könnte, der macht es, weil er das Gute für sich vereinnahmen will. Dann kann aber nur dieser eine einzige Mensch darüber entscheiden, ob das Fasten für ihn auch wirklich gut ist. Und er muss auch die Freiheit haben, nur so viel von dem Guten für sich zu vereinnahmen, wie viel er auch tragen kann. Niemand sollte ihn zu mehr zwingen.

Und wer die sexuelle Enthaltsamkeit für sich genießen will, der muss sie auch genießen können. Deswegen muss auch hierbei jeder Mensch selbst darüber entscheiden können, ob es ihm gut tut. Und wenn ihm die sexuelle Enthaltsamkeit nicht mehr gut tut, wenn sie ihn schwächt und deformiert, dann ist es auch vor den Augen Gottes nicht mehr gut.

Wenn jemand Gutes tun will, dann muss es auch gut sein!

Kann auch das Böse gut sein?

Nur wer das Essen für schlecht hält, kann das magersüchtige Fasten für prinzipiell gut halten. Und wer die Sexualität für schlecht hält, der wird den Zölibat mit all seinen Erscheinungen grundsätzlich für gut halten. Wir müssen also die Tatsache bereitwillig ignorieren, dass das Essen und der Sex genauso gut sein kann wie auch ziemlich schlecht, um zu einer eindeutig einseitigen Bewertung zu kommen. Es kostet zwar viel Mühe, aber wenn wir das wirklich wollen, gelingt uns jeder Unsinn.

Kommentare

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  1. Jede Form von Unterdrueckung erzeugt Stress.

    Kastei erzeugt Spannungen. Denn niemand der einen bewussten Lebenswandel fuehrt muesste sich in irgend einer Form zwingen und in eine Richtung draengen.

    Es geht darum in uns Frieden zu finden, jedoch nicht durch Zwaenge.

    Diesen Frieden koennen wir nur finden, wenn wir uns selbst nicht ewig bekaempfen, wir pervertieren ansonsten. Heil ist nicht darin zu finden sich zu Unterdruecken, sondern das “Heil” kommt von heilen unserer angeschlagenen Eigenliebe.

    Deshalb ist es ein ganz wichtiger Punkt fuer die Entwicklung des Individuums, dass sich bewusst fuer Frieden entscheidet. Diese Entscheidung mit sich selbst Frieden zu schliessen, bringt langfristig, Frieden im aeusseren. Genau deshalb haben Religionen den Sex verdammt, weil genau dort Bewusstheit fuer einen selbst beginnt, neben dem Atem ist das unsere engste Verbindung zur Existenz.