Der Leverkusener Schriftsteller Thorsten Nesch, der bereits in den 1990ern den literarischen Untergrund unsicher gemacht hat und zu den Begründern des Social Beat gehört, hat mit “Joyride Ost” seinen ersten Jugendroman im Rotfuchs Verlag (Rowohlt) vorgelegt. Darüber hinaus ist er auch sehr aktiv in der Filmszene. Über seinen Jugendroman und seine anderen künstlerischen Aktivitäten sprach ich mit ihm.
Roland: Nachdem du schon viele unterschiedliche Projekte durchgezogen hast, ist jetzt dein erster Jugendroman erschienen. Wie ist es dazu gekommen?
Thorsten: 2008 hatte ich den Roman geschrieben. Als es dann um Einreichungen bei Literaturpreisen ging, war ich pleite – 2008 war meine persönliche Wirtschaftskrise. Die hatte aber kaum Auswirkungen auf den deutschen Export. Na, auf jeden Fall konnte ich nicht die 50 Tacken berappen, die ich brauchte, um fünf gebundene Exemplare nach Oldenburg zu schicken. Ein Freund aus Frankfurt, hatte den Roman bereits gelesen und meinte, der sei so gut, ich müsse ihn einreichen! Also schlug er mir vor, ihm das PDF zu schicken – das konnte ich mir gerade noch erlauben. “Joyride Ost” wurde auf seiner Arbeit kopiert und gebunden, dann fälschte er meine Unterschrift für die Einreichung, schickte es los, und der Rest ist Geschichte. Das Ding wurde nominiert als Bestes deutschsprachiges Jugendbuch-Debut, Verlagsinteresse, und ich freue mich sehr, dass es bei Rowohlt geklappt hat. Gepfuscht habe ich im Leben irgendwie immer am besten abgeschnitten.
“Als Autor ist man schließlich der eigene Regisseur”
Roland: Was mich besonders faszinierte, war die Idee, zwei Jugendliche mit Migrationshintergrund als Hauptpersonen in den Mittelpunkt zu stellen. Was hat dich dazu inspiriert?
Thorsten: Gute Frage, wichtige Frage! Am Anfang war die Idee zur Geschichte, und die Figuren standen in groben Zügen. Klar war, die beiden klasse Figuren sind super drauf und erleben eine krasse Story. So wie die beiden sind, will jeder sein! (Mensch, sogar ich!) Wer soll das spielen? Wem gebe ich die Rolle? Als Autor ist man schließlich der eigene Regisseur. Hmmmh, zwei Kartoffeldeutschen (ich habe selber keinen Background), die – wenn es solche Geschichten gibt, diese Rollen immer abbekommen? – oder zwei deutsche Kids mit Background, denen ansonsten nur anstrengende Milieustudien vorbehalten sind, wenn man nicht das Glück hat, für “Soul Kitchen” gecastet zu werden.
Und weil ich während meiner Zeit in Kanada deren Stories und die Behandlung mit Background studieren konnte, dachte ich: Da ist in Germany sowohl Bedarf als auch Platz. Ja, beide mit Background.
Nächste Frage: Welchen? Gegensatz wäre cool. In meinem ersten Roman, dem westkanadischen Roadmovie “Strandpiraten des Lebens” kommt ein Halbukrainersenegalese vor – einen solchen hatte ich dort getroffen, und der erzählte mir tief in den Wäldern, seine Eltern waren selbst für kanadische Verhältnisse so rebellisch gewesen, dass sie damals aufgrund ihrer Liebe ihre Heimatstadt verlassen mussten, um miteinander glücklich zu werden. Zusammengefasst hieß das für mich: Russland-Afrika. Aus der Idee wurde dann Tarik mit marokkanischen Wurzeln und Jana mit russland-deutschen Wurzeln.
“Ich stehe auf Geschichten, die nach vorne gehen. ‘Joyride Ost’ ist keine Milieustudie”
Bald gesellte sich dazu eine Überlegung: Was, wenn ich nie explizit sage, woher Tarik kommt, ihn nur beschreibe? Das ist ein Spiel mit Vorurteilen in den Köpfen. Aber ich weiß, dass mehrere Leser und Zuhörer richtig tippen aufgrund der von mir kombinierten Namenswahl der Geschwister.
Mir wäre es am liebsten, wenn der Leser offen ist, denn ich habe weder die eine noch die andere Familie und ihren Background lang und breit beleuchtet, das sollen andere machen, die können das besser. Ich stehe auf Geschichten, die nach vorne gehen. „Joyride Ost“ ist keine Milieustudie. Und Bottomline ist: sämtliche Figuren in „Joyride Ost“ haben einen deutschen Pass.
Roland: Also ein multikulturelles Roadmovie. Die wirklich originellen Ideen, auf denen ja auch den wohl für dich überraschenden Erfolg teilweise zurückzuführen sein dürfte, liegen bekanntlich nicht mehr massenhaft auf der Straße. Mittlerweile wurde schon Interesse signalisiert, das Buch zu verfilmen. Wie weit sieht es damit aus?
Thorsten: Das Kuriose dabei: die Verfilmungsrechte wurden vor den Romanrechten gekauft. So etwas passiert normal nicht in freier Wildbahn – höchstens Stephen King. Noch vor der Preisverleihung in Oldenburg kam der Producer von Erfttal-Film nach Leverkusen geflogen und legte mir den Vertrag wie besprochen zur Unterschrift vor. Das fand ich sehr fair. Man hätte ja auch sagen können, wir warten mal, ob er den Preis gewinnt. Seit dem wird gemeinsam am Drehbuch gearbeitet. Jetzt ist es so weit, dass Sender, Fördergremien und Verleiher mit einer ersten Dialogfassung angesprochen werden. Geplant ist der Dreh für 2011. Film ist ein langer Prozess. Und ganz am Anfang stand eine Lesung von mir. Ich las aus meinem unveröffentlichten Roman „Wir überfallen die Polizei“ im Topas gegenüber von der Polizei Leverkusen, und der Bruder vom Producer hatte seinen Spaß und erzählte seinem Bruder davon. Der Kontakt wurde gemacht, zufällig war Erfttal-Film an einer Jugendstory interessiert, also schickte ich den Roman „Joyride Ost“. Volltreffer. An einem Freitagnachmittag rief mich der Producer an, dass sie die Option haben wollen, mit mir als Drehbuchautor. Wahnsinn. Dass es ein Freitag war, weiß ich so genau, weil ich an dem gleichen Freitagvormittag die Zusage von Rowohlt bekommen habe. Ich hab dann ganz gefasst Aufwiederhören zum Producer gesagt, den Hörer aufgelegt und etwas im Zimmer veranstaltet, wo jeder Verhaltensforscher angstschweißgebadet an unserer Spezies zweifeln und die Brocken hinwerfen würde. Beatles-Groupie meets Canadian-Eishockeyfan … bis die Nachbarn sich beschwerten, dann habe ich `ne Flasche entkorkt. Feierabend war.
Roland: Und der Flasche sind im Laufe des Abends bestimmt noch einige gefolgt. Ursprünglich kommst du aber aus der Undergroundliteratur, warst auch einer der, nennen wir es mal so, Gründungsmitglieder des Social Beat, wobei das ja bekanntlich kein Club war, aber auch damals schon filmmäßig unterwegs. Wie sahen deine Anfänge konkret aus?
Thorsten: Die Anfänge … also angefangen hatte das Schreiben bei mir, als es uncool wurde, in der Schule mit Playmobil zu prahlen. Als das Ausspielen von Geschichten keinen Spaß mehr machte, ersetzte dies das Schreiben von Geschichten. Irgendwann schlug mir dann eine Antiquarin vor, eine Lesung zu machen, meine erste, wow! Das Papier zersetzte sich dabei zwischen meinen feuchten Flossen, so nervös war ich. Das war vor 20 Jahren.
Dann mit einem Kumpel, der auch schrieb zur Mainzer Minipressenmesse gegurkt, und, weil wir kein Geld hatten, im Auto in den Weinbergen gepennt. Nicht zu empfehlen übrigens, weil sehr schief alles auf so einem Berg. Am nächsten Tag festgestellt, dass da ein Dutzend Verrückte aus ganz Deutschland wie wir mit ihren Literatur-Fanzines waren, und die alle irgendwo am Rhein oder sonst wo pennten. Da hat sich ein Ortsansässiger, Mario Todisco, erbarmt und alle zu sich eingeladen. Riesen Sause. Und die Berliner meinten, wir machen ein Lit-Fest in Berlin, und ihr kommt alle. Das brauchte einen Namen: Social Beat war geboren. Es folgten Jahre on the road, Lesungen überall, eigene Lesereihe im Pentagon in Leverkusen, Veröffentlichungen, gelebte Literatur. Romane geschrieben, gelesen, am Stil gefeilt, und die Jobs liefen immer parallel, mit der Zeit immer näher an der Schreibe: Kulturjournalist, Redakteur.
In Kanada kam Übersetzer dazu, Bischof Desmond Tutu, gemeinsam mit Axel Monte, und weiter geschrieben und gejobbt, Filmen gelernt in Kanada, und das floss auch in den Schreibstil ein. Zurück in Germany als Drehbuchdoktor meine Dienste angeboten, ebenso Kameramann und Cutter und Produzent – bis zum besagten Freitag 2008.
“Das erste Fußfassen in Kanada ist mit Sicherheit einfacher als in einem Dorf in Mittelbayern”
Roland: Haha, ich glaube, nie zuvor hat jemand sein abwechslungsreiches Leben so stringent zusammengefasst wie du. Wenn ich mich noch so recht erinnere, hast du auch mal mit zwei Verrückten aus dem Rheinland eine Zeitschrift mit dem unglaublichen Titel “Der Kulturterrorist tanzt den Buletten-Tango” herausgegeben. Aber das nur so als Anekdote am Rande. Nach dem Social-Beat-Hype Mitte der 1990er bist du dann, 1998 glaube ich, nach Kanada ausgewandert und hast dich dort einige Jahren rumgetrieben. Und wie du schon sagtest, dort auch mit Film im allgemeinen und besonderen angefangen. Wie hast du denn diese Zeit erlebt? War es einfach für dich, dort zu Fuß zu fassen?
Thorsten: Das erste Fußfassen in Kanada ist mit Sicherheit einfacher als in einem Dorf in Mittelbayern, wo die eigene Familie als „Neudazugezogene“ für die nächsten 12 Generationen gilt und nur hinter zuckenden Gardienen beobachtet wird. Der Durchschnittskanadier zieht 8 mal öfter um als der Deutsche, und das merkt man. Da geht es mehreren so wie einem selbst. Viel leichter kommt man so in Kontakt mit Leuten, Nachbarn und Kulturschaffenden (und das mit der Oberflächlichkeit von Freundschaften ist übrigens Quatsch). Und wenn ich mich auf unsere Zeit in Victoria auf Vancouver Island beziehe, dann ist der von uns in Anspruch genommene billige Wohnraum mit Balkon und Blick auf 80 Kilometer Pazifik und den schneebedeckten Bergen des Staates Washington nicht das schäbigste gewesen. Zu Fuß zum Supermarkt entlang des Meeres, Wale … Wahnsinn. Auto konnten wir uns auch nicht leisten, und in der Verbindung mit Kind und Mietwohnung gucken einem die meisten Kanadier bei der Nachricht an, als hätte man nur noch eine Woche zu leben.
Schwierig war die Geldbeschaffung, denn: 1. ist Victoria das Florida der Kanadier, wo sich alle, die es können, zur Ruhe setzen (und somit kaum Jobs schaffen und Mieten hochschrauben), 2. hatte die neue Regierung gerade jede Menge Leute entlassen, und 3. wird man dann als männlicher Immigrant nur für geschlechtertypische Jobs gesucht (Arbeitsagentur für Bürokräfte lachte mich aus, ich solle mich eine Etage tiefer melden, bei den Waldarbeitern – ja!). Nun, kein vernunftbegabter Mensch würde mir eine Kettensäge in die Hand geben, und ich weiß, wo ich im Leben stehe, also habe ich die Buchhandlungen und Videoläden abgeklappert, mit der Ablehnung freundlicher Betreiber, sie hätten heute schon 5 Ex-Regierungsbeamte abweisen müssen… (kein Scherz!) Über Kunstkollegenkontakt konnte ich dann in der Greater Victoria Art Gallery anfangen, sehr cool, aber nur 20-30 Stunden die Woche, 11 Dollar die Stunde, dazu ein paar Jobs als Übersetzer und Kameramann, keine wirkliche Basis um eine Familie zu gründen. Und wir wollten noch weitergründen. Daher sind wir wieder zurück nach D-Land.
Roland: In deinem Debütroman “Strandpiraten des Lebens” hast du ja auch einiges von deinen Erlebnissen aufgeschrieben. Zum Schluss bleibt im Grunde nur noch die Frage, was du momentan literarisch planst und natürlich, ob der Film dann auch in den Kinos zu sehen sein wird?
Thorsten: Vor einer Woche habe ich meinen zweiten Jugendroman beim Verlag und einer Filmproduktionsfirma angeboten. Gerade, Mitte März, sitze ich an der letzten Korrektur des Hörspielmanuskriptes „Die Lokomotive“. Für die Adaption meines eigenen gleichnamigen Romans, mit dem mich die Berliner Literaturagentur Simon vertritt, hatte mir 2009 die Filmstiftung NRW ein Stipendium zur Erstellung eines Hörspielmanuskriptes verliehen. Das beende ich also gerade. Anschließen wird sich die letzte Korrektur eines neuen Romans, den ich dann anbieten werde. Nebenbei nehme ich mein 2. Album auf. Dann ist der April rum, und ich kann gar nicht erwarten, was ab Mai das nächste Projekt sein wird, der nächste Roman. Das werde ich dann aus den anrecherchierten Ideen spontan entscheiden – es sei denn, einer beantragten Förderung wird stattgegeben, oder eine gepitchte Idee wird von einem Verlag genommen. Und parallel dazu läuft ja immer die Arbeit am Drehbuch für JOYRIDE OST. Geplant ist der Dreh für 2011.
Roland: Das hört sich nach wenig Langeweile an. Dann wünsche ich Dir viel Erfolg bei deinen Projekten und wer noch mehr zu Thorsten Nesch erfahren möchte kann das unter seiner Website machen: http://www.thorsten-nesch.com/
Link zum Buch: http://www.rowohlt.de
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