Warum will der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan das Türkische in Deutschland stärken? Die beste Antwort auf diese Frage könnten die Vertriebenenverbände geben. Nicht nur für Recep Tayyip Erdogan sondern für viele Türken ist das Deutsche viel zu fremdartig, wenig verständlich und noch weniger nachvollziehbar. Etwas, was höchstens geduldet werden kann, was aber keine besondere Förderung verdient. Deswegen soll in Deutschland nicht das typisch deutsche Denken und Dichten weiter gestärkt werden, sondern lieber das, was unverfälscht türkisch ist.
Die Forderung, Deutschland solle dem Türkischen in Deutschland mehr Raum für Entfaltung gewähren, müsste den Vertriebenenverbänden nicht nur bekannt, sondern auch berechtigt vorkommen. Auch die Vertriebenen standen bereits frühzeitig in unserer modernen Geschichte geschlossen und entschlossen hinter der Forderung, das Deutsche müsse in Polen oder der Tschechei mehr Raum und privilegierte Anerkennung bekommen. Und die daraus resultierenden Integrationsprobleme sollten allein die Polen und die Tschechen tragen. Sie waren schließlich diejenigen, die für die dort lebenden Deutschen viel zu fremdartig, wenig verständlich und noch weniger nachvollziehbar waren. Die Polen und Tschechen erschienen den Deutschen sehr ähnlich, wie die Deutschen den Türken erscheinen.
Der Flucht und der Vertreibung gedenken, die Versöhnung vergessen?
Um der Wirklichkeit gerecht zu werden, wird der Stiftung: “Flucht, Vertreibung, Versöhnung” irgendwann nichts anderes übrig bleiben, als auch die mangelnde Integration der Vertriebenen in den Ursprungsländern zu dokumentieren. Weil wir die Spannungen und das kulturelle Konkurrenz-Gebaren heute viel besser nachvollziehen können – auch dank den vielen türkischen Mitbürgern und den Forderungen des türkischen Ministerpräsidenten. Schließlich standen früher auch manche deutsche Politiker vor der Aufgabe, den Sudetendeutschen unbedingt zur Seite zu stehen, sie notfalls ins Reich zu holen.
Die Türken wurden schon mal aus der Gegend um Wien vertrieben, die Deutschen wurden aus den Ostgebieten vertrieben. Beides geschah im Zusammenhang mit der Gewalttätigkeit der Kriege, welche nicht mehr friedlich beigelegt werden konnten. Und es sind die beeindruckenden Kriege, die die Tatsache verschleiern, dass die Vertriebenen auch schon vor dem Krieg für die Polen und Tschechen zum Problem geworden sind. Auch die Polen und die Tschechen mussten manche multikulturelle Ansprüche der deutschen Minderheiten in ihren Ländern ertragen, die selbst ein gebildeter Mensch nur schlecht verstehen kann.
Ist es denkbar, dass Menschen auch anders denken?
Die Deutschen in Polen und in der Tschechei haben sich organisiert, die Türken in Deutschland organisieren sich, und auch die Vertriebenen haben ihre Verbände. Ist es aber möglich, dass manche Türken anders denken als die türkische Verbände? Und ist es vorstellbar, dass manche Vertriebenen auch anders denken, als die Vertriebenenverbände?
Ja. Heute denken womöglich die meisten der Vertriebenen etwas anders. Aber diese denkenden Menschen hatten und haben keine echte Chance, in den Vertriebenenverbänden Fuß zu fassen. Die Andersdenkenden gehören wahrscheinlich zu der schweigenden Mehrheit nicht nur unter den Vertriebenen. Der Grund dafür liegt an der Hand: Nirgendwo wird die Meinungsfreiheit so unterdrückt wie in der organisierten Demokratie. Ob Parteien oder Verbände, der Mensch muss dringend der gleichen Meinung sein, am gleichen Strang ziehen, um in den Parteien oder Verbänden zu bestehen. Und das mit Sicherheit nicht deswegen, weil es Gott so will, auch wenn sich manche Parteien und Verbände gerne hinter den vielen Gesichtern des einen und selben Gottes verstecken.
Der Aufbau einer Gedenkstätte braucht gutes Gedächtnis
Die mangelnde Integration und Fähigkeit zur Verständigung war bei der Mehrheit der Deutschen in Polen und der Tschechei genauso ein Problem, wie deren einseitige Bevorzugung des Deutschen und des Deutschtums. Sie fielen mit ihren Ansprüchen gegenüber ihrer fremdartigen Umwelt deutlicher auf als andere Zuwanderer. Ähnlich wie heute in Deutschland: Die Chinesen, Vietnamesen, Russen, Amerikaner, Griechen, Polen, Zigeuner oder Inder fallen mit ihren Ansprüchen nicht so auf, wie die Türken. Trotz ihrer vielen Kinder fallen nicht einmal die Inder so sehr auf.
Die Stiftung: “Flucht, Vertreibung, Versöhnung” kann nicht nur den Krieg und die Vertreibung gewissenhaft dokumentieren, wenn sie glaubwürdig sein will. Sie muss sich auch mit den Ursachen für die Vertreibung beschäftigen. Sie muss auf eine moderne und unvoreingenommene Art die alten nationalen Gehässigkeiten unparteiisch untersuchen. Einschließlich der Integrationsprobleme, die uns endlich bewusst geworden sind. Auch wenn es den Begriff “Integrationsprobleme” weder in der Vorkriegszeit noch in der Zeit danach gab, diese Probleme gab es zweifelsfrei schon damals und das gewaltig. Doch auch das reicht noch nicht. Die integrationswilligen Einwanderer müssen bekanntlich auch freundlich aufgenommen werden, um Schmerzen zu vermeiden.
Jeder Schmerz muss berücksichtigt werden
Also muss auch das Schicksal der Vertriebenen nach ihrer Vertreibung ausreichend aufgezeichnet werden. Wie sie in Deutschland ankamen und wie sie angenommen wurden. Wie gut sie sich in Deutschland integrieren konnten und welche Hindernisse standen ihnen im Weg? Es ist nämlich noch nicht ganz vergessen, dass die Vertriebenen nicht vergleichbar so gut in Deutschland aufgenommen wurden wie etwas später die Griechen, Spanier, Türken oder Inder. Die Vertriebenen hatten wenig Freude daran, in Deutschland endlich angekommen zu sein. Obwohl sie das Deutsche über alles schätzen. Bei vielen Vertriebenen blieb auch die Sehnsucht wach nach ihrer Heimat, trotz der angeblichen Unterdrückung, die sie in Polen und der Tschechei erlebt haben. Auch wenn sie über die Länder und die Menschen dort nichts nettes über die Lippen brachten, sie fanden es schmerzhaft, von dort vertrieben zu sein.
Und auch diese Tatsache verdient ihre Würdigung in einer Gedenkstätte, gerade weil sie so erstaunlich ist. Anstatt sich von den bösen Polen und Tschechen endlich befreit zu fühlen, fühlen sich die Vertriebenen bis heute vertrieben. Deswegen muss uns die Gedenkstätte dabei helfen, die ach so verschiedene Menschen besser zu verstehen. Damit wir aus dem Staunen endlich herauskommen.
Ich bin in einem fremden Land aufgewachsen und dort auf eine fremdsprachige Schule gegangen. Ich spreche heute diese fremde Sprache wie meine eigene (?), und außerdem Englisch, das ist die Sprache, die mein Bruder spricht (das ist eine komlizierte Geschichte).
Was ist meine Heimat? Dieses fremde Land, in dem ich aufgewachsen bin? Das Land meines Bruders? Das Land, wo ich heute lebe? Was ist Heimat überhaupt? Wird sie durch die Sprache definiert? Ich habe drei davon. Durch die Länder, in denen man seine Kindheit verbracht hat? Da hätte ich fünf oder sechs zu bieten, je nachdem, wie viele deutsche Regionen mit eigenem Dialekt man dazurechnet.
Egal, jedenfalls kenne ich viele Türken, die besser Deutsch sprechen als viele Deutsche, die ich kenne, obwohl sie nicht auf eine türkische Schule gegangen sind.
Der Begriff Heimat sagt mit nichts. “Haymatloz” wurde deutschen Flüchtlingen während des Dritten Reichs in der Türkei in den Pass gestempelt, wenn die deutsche Botschaft ihren Pass nicht mehr erneuerte. Die Türkei nahm solche Flüchtlinge auf, auch und vor allem Juden, obwohl die Türkei immer ein muslimisches Land war.
Ich hatte das Glück, nie vertrieben zu werden. Aber herzlich aufgenommen wurde ich auch nirgends. Ein Fremder eben, wie die meisten Menschen auf diesem Planeten.