Kinder, wie die Zeit vergeht. Eben haben sie noch hier gestanden und sich die Haare gerauft über die Lindemann-Art von Antifußball, das ziellose Ballgeschiebe unter Reinhard Häfner und die Verlagerung der Kampfzone vom Rasen in die Kabine unter dem Russen German Andrejew. Seit einiger Zeit hat nun schon vieles Hand und vor allem Fuß, was da unten auf dem Rasen versucht wird. Aber zur Pause im Spiel des Tabellenzweiten Hallescher FC gegen den Tabellenachten ZFC Meuselwitz wabert doch Unmut durch die Bröckelmauern des vor dem Abriss stehenden Kurt-Wabbel-Stadions.
Pfiffe für ein Null zu Null, um das in den ersten 45 Minuten nie gezittert werden musste – die Ansprüche des Publikums in der Fußballprovinz steigen augenscheinlich noch schneller als die seit Monaten wachsende Zuversicht von Spielern und Vereinsführung, aus irgendeinem Grund wohl wirklich eine Spitzenmannschaft zu sein beziehungsweise zu haben.
Gegen die mit acht Mann mauernden Gäste aus der Stadt, die ganze Generationen von DDR-Montagearbeitern hervorgebracht hat, spielen die Hallenser geduldig an. Thomas Neubert könnte das erste Tor machen, aber er lässt es, auch Nico Kanitz verzieht. Angelo Hauk hingegen, nach der Winterpause auf Rechtsaußen gesetzt, fällt diesmal nur dadurch auf, dass er hinfällt. An seiner statt spielt Neubert den Fußball-Zauberer: Gleich zweimal schlängelt der kantige Riese sich an einem Gegenspieler vorbei, ohne wie sonst üblich den Ball dabei zurückzulassen.
Ein Spiel, dessen Ausgang schon vor drei Jahren klar gewesen wäre.
Irgendwann hätte Meuselwitz einen einzigen Konter gefahren, ein Tor gemacht, die rot-weißen Hallenser wären nervös geworden und immer nervöser, sie hätten zahllose Chancen vergeben und noch mehr gar nicht erarbeitet, vor lauter Angst, sie dann doch zu vergeben. Bis kurz vor Schluss ein gerade eingewechselter ZFC-Nachwuchsmann zum 0:2 getroffen hätte.
Trotz der Pfiffe in der Halbzeitpause ist das inzwischen nicht einmal mehr eine Denkübung wert. Sven Köhler erkennt, dass Angelo Hauk heute die falschen Schuhe trägt, und er bringt Toni Lindenhahn, den größten Fußballästheten, den Halle seit Dariusz Wosz und Christian Fährmann in den eigenen Dressen gesehen hat. Kaum da, ist der 19-Jährige auch schon fort: Durch drei Mann schlängelt er sich Richtung Tor, der Schuss geht nur knapp vorbei. Und es geht weiter mit Fußball zum Zungeschnalzen direkt vor der Haupttribüne. Lindenhahn will Bälle und wenn er sie bekommt, zieht er unwiderstehlich an, als habe er eine Dosis Messi und eine Portion Marin inhaliert: Der Himmel über dem Stadion wird dunkel, unten auf dem Rasen geht die Fußballsonne auf.
Während der ZFC steht und über den jüngsten Hallenser auf dem Feld staunt, ist es die Ü30-Fraktion, die vorn alles klar macht. Erst legt Neubert auf David ab, der aus zehn Metern durch die Beine von Ex-FCM-Keeper Beer trifft. Dann legt Ronny Hebestreit nach: Kanitz bringt einen Freistoß, der Ex-Erfurter springt am höchsten. 2:0. Erledigt. Mission accomplished.
Damian Halata, früher ebenfalls in Magdeburger Diensten und in Halle deshalb so beliebt wie eiskalter Dauerregen am Spieltag, weiß auch Bescheid. Dem großen Sportsmann, zu seinen besten Zeiten sogar Nationalspieler, kullert ein ins Aus gegangener Ball direkt vor die Füße. Halata, dessen Mannschaft jede Sekunde bräuchte, um vielleicht doch noch das geplante Remis zu holen, starrt indianerhaft angestrengt über ihn hinweg ins Weite, er regt nicht Hand noch Fuß, sondern holt ein paar wertvolle Sekunden heraus, in denen die Niederlage nicht noch höher ausfallen kann.
Die Strategie geht auf, es bleibt beim 2:0. Schnell fängt es noch an zu regnen. Alle müssen jetzt eilig zum Auto. Da hat gar keiner mehr Zeit zum Pfeifen.
Quelle: politplatschquatsch.com
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