“Der LHC verschlingt Milliarden, hinterher wird in die Röhre geguckt”
Am CERN in Genf laufen zur Stunde die letzten Vorbereitungen für das Urknall-Experiment. Am 30. März werden ab 9.00 Uhr den Plänen der Forscher zufolge im LHC zwei Protonenstrahlen mit einer aufsummierten Energie von sieben Billionen Elektronenvolt (7 TeV) aufeinander treffen, um die Bedingungen des Urknalls zu simulieren. Readers Edition sprach mit dem langjährigen Max-Planck-Wissenschaftler und Publizisten Dr. Rolf Froböse, der in der vor wenigen Tagen erschienenen Neuauflage seines Buches “Sekunde Null. Das Urknall-Experiment” das Experiment kritisch begleitet.
Readers Edition: Wie werden Sie den morgigen Tag verbringen?
Froböse: Ich werde mein Bestes versuchen, die Ereignisse in Genf möglichst gelassen zu sehen. Alles andere wäre kontraproduktiv.
Readers Edition: Ein wenig Bauchweh dürfen wir Ihnen doch aber unterstellen – oder?
Froböse: Natürlich sehe ich dem Experiment aus diversen Gründen mit gemischten Gefühlen entgegen. Das hat zunächst mit der Sicherheitslage am CERN zu tun. Diverse internationale Kritiker haben gefordert, dass eine unabhängige Expertenkommission vor der Aufnahme der Versuche eine belastbare Sicherheitsstudie über das Experiment erstellt. Warum verweigert sich das CERN diesem Anliegen? Hat es mit einem intern erstellten Sicherheitsreports zu tun, der im Februar deswegen in die Schlagzeilen geriet, weil einer der Verfasser der Studie gegenüber der Zeitschrift “Physics Today” eingeräumt hatte, dass das Ergebnis dieses Reports von vornherein festgestanden habe? Das CERN hat sich in diesem Punkt bisher zu keiner Stellungnahme durchringen können.
“Das Experiment ist ein tragisches Versagen der Vernunft.”
Readers Edition: In der Presse sind die Kommentare gemischt. Neben kritischen Stimmen gibt es auch positive Artikel, in denen die Spitzentechnologie hervorgehoben wird.
Froböse: Als Naturwissenschaftler zolle ich den Forschern am CERN meinen Respekt vor ihren Leistungen. Es hat zwar in der Vergangenheit regelrechte Kaskaden von Störfällen gegeben, die auf diverse Mängel in unterschiedlichen Ebenen hinweisen, darauf möchte ich jetzt aber nicht weiter herumreiten, sondern vielmehr etwas Persönliches loswerden. Im Oktober 1969 nahm ich an der Universität Göttingen das Studium der Chemie auf. Im Januar 1970 verstarb in Göttingen Max Born, der für seine grundlegenden Forschungen in der Quantenmechanik mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde. In einem Zeitungsartikel las ich ein Zitat von ihm: “Ich gehöre zu der Generation, die noch zwischen Verstand und Vernunft unterscheidet.” Da habe ich mir als damals Zwanzigjähriger gesagt. “Vielleicht bin ich altmodisch, aber das möchte ich glatt unterschreiben.”
Readers Edition: Was heißt das konkret in Bezug auf das Urknall-Experiment?
Froböse: Kürz und bündig: Das Experiment ist ein tragisches Versagen der Vernunft.
Readers Edition: Nur weil die Szenarien eines möglichen Risikos nicht sorgfältig genug geprüft wurden.
Froböse: Nein, nicht nur das. Der Bau des LHC hat über drei Milliarden Euro gekostet. Die Reparaturen seit 2008 schlugen mit weiteren Unkosten im dreistelligen Millionenbereich zu Buche. Darauf sollte das CERN nicht noch stolz sein, denn die Zeche zahlt letztendlich der Steuerzahler, und die investierten Mittel wären besser in anderen Projekten der Forschungsförderung aufgehoben.
Readers Edition: Können Sie das konkretisieren?
Froböse: Was im Zeitalter des globalen Wettbewerbs dringend benötigt wird, ist eine nachhaltige Forschungs- und Innovationslandschaft, in der die Jobs von Morgen gedeihen können. Genau an dieser Stelle sollte die Forschungsförderung einsetzen. Mit anderen Worten: Die finanziellen Mittel, die in den LHC geflossen sind und weiter fließen, würde ich lieber in Start-Up-Unternehmen sehen, und zwar in sämtlichen Schlüsseltechnologien. Dagegen bindet die Jagd nach ominösen Teilchen gerade vor dem Hintergrund einer fatalen Finanzkrise nur jene Mittel, die an anderer Stelle viel dringender benötigt werden. Meine Prognose: Der LHC verschlingt Milliarden, hinterher wird buchstäblich in die Röhre geguckt.
Buchinfo: Sekunde Null – das Urknall-Experiment. Wird das Schwarze Loch von Genf die Erde verschlingen? Edition BoD, herausgegeben von Vito von Eichborn. ISBN 3839156130, 144 Seiten, EUR 16,50. Jetzt im Handel.
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ein prima selbstinterview.
zum glück die werbung darunter nicht vergessen.