Erst Helene Hegemann, die ihr drogensattes Discohasentagebuch von einem Blogger abschrieb. Dann unser Lieblingsrapper Bushido, der seine vielfach preisgekrönten Beats von der Band Dark Sanctuary klaute. Und nun auch noch die Polizei Sachsen-Anhalts, die ihre Fahndungsbilder neuerdings aus Youtube-Videos herauskopiert und die Screenshots dann als Polizeifotos ausgibt.
So geschehen auf der Suche nach den Spaßbrüdern, die nach dem Fußballspiel des Halleschen FC gegen den FC Magdeburg im vergangenen September mit Tränengas, Stöcken und Steinen gegen abmarschierende Fans vorgingen. Pünktlich zur halbjährigen Wiederkehr des Überfalldatum ist es den Fahndern gelungen, von einer eigens eingerichteten Spezialistengruppe mit dem Tarnnamen StrgaltDruck einen nahezu gestochen scharfen Gipsabguss einer Szene aus einem PPQ-Video erstellen zu lassen.
Ein Riesenerfolg für die SoKo “Hinterhalt”, die darauf so stolz ist, dass sie unter souveräner Missachtung aller in Deutschland geltenden Regeln zu Urheber- und Verwertungsrechten “Foto: Polizei” als Quelle des Screenshot angibt. “Quelle Polizeidirektion Süd” schreibt auch der MDR wunschgemäß unter ein Fahndungsbild, das von der einzig wahren deutschen Nachrichtenagentur DPA in die Welt gesendet wurde.
Der Gebührensender hatte den PPQ-Film direkt nach dem Überfall auf die Fans noch selbst haben wollen.
Die Anfrage per Mail lautete freundlich. Der Mitteldeutsche Rundfunk sei an einer Nutzung des Videoclips “Hallescher FC vs. FCM 1:1″ interessiert, schrieb eine “Chefin vom Dienst” ohne übertriebene Höflichkeitsfloskeln. Man würde das Video “gern in der heutigen Ausgabe von Sachsen-Anhalt heute verwenden” und bitte daher, “uns Ihr Video zur nicht-exklusiven, zeitlich, räumlich und sachlich unbeschränkten Nutzung für die Ausstrahlung im MDR-Fernsehen, insbesondere in der Sendung „Sachsen-Anhalt heute“ sowie für die Nutzung des Videoclips und der unter Verwendung des Videoclips hergestellten Produktionen im Internet (im Wege des Abrufstreamings einschließlich Download) zur Verfügung zu stellen und uns zu gestatten, sie zu bearbeiten sowie zum Zwecke der Verbreitung und Weiterverbreitung auch Dritten zur Verfügung zu stellen”.
Zum Zeichen des Einverständnisses und als “Bestätigung Ihrer Berechtigung zur Rechteeinräumung bitten wir Sie, Ihren Videoclips elektronisch an sah-cvd@mdr.de zuzusenden”, lautete der an eine Anwaltsabmahnung erinnernde Einladungstext. Die zu erteilende Nutzungsgenehmigung gelte dann “für einen Zeitraum von 12 Monaten ab Erstausstrahlung”.
Die PPQ-Anwort lautete seinerzeit, ähnlich nett formuliert, “Nein, abgelehnt. Wir gestatten ihnen die Nutzung ausdrücklich nicht”. Die Polizeidirektion Süd fragt nun gar nicht mehr, obwohl nach Paragraf 2 Nr. 5, 72 UrhG jedes Lichtbild und Lichtbildwerk geschützt ist und “ohne vorherige Zustimmung des Fotografen als Urheber weder vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich zugänglich gemacht” werden darf. Tut jemand das dennoch, wird es teuer. Fälscht der Täter dazu noch die Fotoquelle, sogar doppelt.
Natürlich, hier ist der Täter der Rechtsstaat, sein Anliegen die gute Sache.
Doch macht das das Internet zum “rechtsfreien Raum” (Angela Merkel)? Gelten im Netz andere Regeln? Hat die Polizei keine Möglichkeiten, Emails zu verschicken? Und warum sucht sie, die das Video ja offenbar ein halbes Jahr lang Frame für Frame studiert hat, überhaupt nach dem jungen Mann im weißen Shirt?
Ausweislich des Videos handelt es sich bei dem Gesuchten nämlich gar nicht um einen der Hooligans, die Feuerwerkskörper in die Menge schossen, Tränengas auf abmarschierende Kinder und Frauen sprühten und Pflastersteine auf die überforderte Polizeieinsatztruppe warfen. Die trugen schwarze Kapuzenjacken und Gesichtsvermummung, die nahmen sich nicht die Zeit, mit dem nackten Finger auf die Polizeitruppe im Vollschutz zu weisen und zu gestikulieren wie einst Napoleon auf dem Feldherrenhügel. Die Täter sind allerdings gerade deshalb auch nicht so scharf getroffen wie der nun Gesuchte. Weshalb die Polizei wohl einfach beschloss, den zu suchen, der auch gefunden werden kann.
Quelle: politplatschquatsch.com
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