Der Mensch kann sich selber fraglich werden
Die Bedeutungen tierischer Umwelten haben alle einen gemeinsamen Nenner: Sie sind Funktionen der Erhaltung – der Individuen wie der Art. Was keinen Erhaltungswert hat, kommt in ihnen, wenn es auch ‘da’ ist, buchstäblich nicht vor. Der Mensch hat aber vor Jahrmillionen seine Urwaldnische verlassen und ist aus der ererbten Umwelt in eine fremde Welt aufgebrochen. Deren Bedeutungen waren nicht ererbt; er musste sie selber heraus-, d. h. hineinfinden: Ihm kann alles bedeutsam werden. Und die Bedeutung ist, seit er einmal dem Überfluss begegnet war, nicht mehr auf den Erhaltungswert beschränkt: Jedes kann ihm Vieles bedeuten, und er kann sich sogar selber fraglich werden.
Der Mensch ist ein Problemfall
Leben ist für die Naturwissenschaft Stoffwechsel und Fortpflanzung, einschließlich der neuronalen Prozesse, die sich kausal dazwischen schieben. Nur der Mensch kann sich damit nicht begnügen, weil er in keiner natürlichen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgegeben hätte, sondern in einer selbstbedeuteten Welt: schlecht und recht. Seine Existenz ist eo ipso prekär. Er kann nicht bloß “da sein”, sondern muss sein Leben führen. Das ist offenbar ein Problem. Und nur, weil er es hat, sagt er “ich”.
Der Mensch ist ein Luxus der Natur
Der springende Punkt: Der Mensch kann nach Bedeutung fragen, weil er muss. Muss der Gorilla nicht. Er kann es “lernen”, wenn es ihm im Labor beigebracht wird – vom Menschen. Die Laborsituation ist für den Gorilla eine ‘luxurierende’. Die bemerkenswerten Fähigkeiten, die Menschenaffen im Labor antrainiert werden können, weisen darauf hin, dass ihre Gehirne viel mehr ‘vermögen’, als ihre natürliche Umwelt ihnen abverlangt. Da sind offenbar Reserven, die aktualisiert werden können.
Das widerspricht vor allem dem philiströsen Dogma von der Natur als einer Ökonomin: “Die Natur verschwendet nix”, und wie die Platitüden alle lauten. Adolf Portmann hat den Begriff der Hypertelie (“übers Ziel hinaus”) in die Biologie eingeführt. Durch ihn wird vieles verständlich, was in mechanistisch-ökonomischer Sicht völlig im Dunkel bleibt.
Zum Beispiel die Hominisation selbst.
Lieber Herr Ebmeier,
so können wir der Erkenntnis dieser Zusammenhänge eine eigene Bedeutung geben wie auch dem Erleben dieser Erkenntnis, das wir als Freude empfinden können.
Das Wissen darum, dass wir Menschen uns (in Grenzen) von den Vorgaben der Natur einfach verabschieden können, hat auch für unser praktisches Verhalten eine große Bedeutung. Menschen haben sich nämlich gar nicht immer nur zu ihrem Vorteil von den von der Natur eingerichteten Bahnen verabschiedet, was die Bibel schon in der Genesis beschreibt. Unser vermeintlich großes Wissen vom Baum der Erkenntnis hat uns die Vertreibung aus dem Paradies eingetragen. Seither müssen wir uns unser Brot im Schweiße unseres Angesichts verdienen und leben nicht mehr sorglos wie die Vögel auf dem Felde.
Ich komme in diesem Zusammenhang noch einmal zurück auf Ihren interessanten Beitrag über die Jagd. Nicht die Vorläufer von Mensch und Affe, erst der Mensch ging dazu über, vielseitig verwendbare Werkzeuge zu schaffen und sich ganz neue Nahrungsquellen zu erschließen. Niemand vor ihm hat jemals fast alle seine Nahrung vor dem Verzehr einer Hitzebehandlung unterzogen – allerdings handelte der Mesnch da ohne zu wissen, was er tat.
Er gab die früher lebensotwendige Gewohnheit auf, rohe Pflanzenkost mit seinen Mahlzähnen pulverfein zu zerkleinern. Umgebracht hat ihn das nicht, weil die neue Nahrung ja nicht ganz Abfall war. Aber seither kriegen wir fast nur noch denaturierte Proteine in den Körper, die mangels intakter Nahrungsenzyme nie
ausreichend ausgenutzt werden. Dann muss es eben viel mehr Nahrung sein, die
wir uns einverleiben. Damit kommt aber auch Ballst in den Körper, den wir gar nicht immer gut entsorgen können.
Als wir gerade homo habilis geworden waren, konnten wir die vollen Implikationen nicht verstehen. Erst heute lässt sich ganz sicher sagen, dass diese Umstellung der Ernährung uns von funktionalen Wirkzusammenhängen abgeschnitten hat, die für den Erhalt unserer Gesundheit von großer Bedeutung sind. Damals haben wir den Grundstein gelegt für die Unzahl chronischer Leiden, die in ihrem Umfang in der ganzen Natur einmalig sind. Erst der Mensch mit seiner Freiheit alles anders zu machen, entdeckte die Wege zu Adipositas, Diabetes, Rheuma, Asthma, Gicht, Kreislaufbeschwerden und den endlosen Ausprägungen der vegetativen Dystonie (Depression, Migräne, Fibromyalgie, Phobien, Manien, Zwängen und mehr).
In dem sehr lesenswerten Buch von H.-U. Grimm, Die Kalorienlüge, findet sich der
nachdenkenswerte Satz: “Es gibt keine dicken Adler!” Die Natur “belohnt” die Wesen, die nicht blind missachten, was sie zur Erhaltung ihrer Lebensfunktionen brauchen. Auf der anderen Seite haben die vielen neuen Wege, die der Mensch beschritten hat, ihn wie Sie richtig schreiben, auch in eine neue eigene Welt geführt.
Aus praktischer Sicht meine ich, dass wir gut daran tun, alle Bdingungen unserer körperlichen und geistigen Existenz gründlich zu ermitteln und unser Verhalten so einzustellen, dass wir unsere neue Welt genießen können ohne immer weiter für unsere Abkehr von den doch erkennbaren residentiellen Wirkzusammenhängen aus der Zeit unserer Existenzwerdung bestraft zu werden.
Der Rückblick auf die Zeit der Anlage unserer körperlichen und mentalen Systeme
erscheint angesichts des Standes der Humanwissensachaften als ein Schritt in Neuland. Dabei braucht es nur die Bereitschaft, die Dinge zuende zu denken um zu erkennen, dass nach einigem neuen Wissen über unsere Natur die Zeit reif ist für einige Paradigmenwechsel. Sie haben im Kommentar zu IHrem Beitrag über den Menschen als Jäger und Sammler betont, dass die etablierten Wissenschaften einheitlich erklärten, dass die Verfügung über tierisches Eiweiß das Wachstum des menschlichen Gehirns begünstigt hätte. Aber Sie wissen doch sicher um die Trägheit der etablierten Wissenschaften! Ich sehe, dass Sie Bezug nehmen auf die Sichtweisen der Gorillas. Ich nehme an, dass Ihnen zu denken gegeben hat, dass
diese reinen Pflanzenfresser doch Eiweiß im Überfluss abbekommen, weil sie ihre rohe vitalstoffreiche Pflanzenkost pulverfein zermahlen. Ich habe erfahren, dass wir, wenn wir das nur zum Teil auch tun, unsere Aussichten auf ein Leben ohne Krankheiten auf geradezu frappierende Weise verbessern.