Das schöne Wermannshausen
Wermannshausen hatte schon zweimal den Preis für die schönste Stadt des Landes bekommen. Die Stadt war aber auch einfach zu schön. Und sehr gepflegt. Die Bürger waren stolz auf ihre Stadt und auf sich selbst. In Wermannshausen war ja auch alles perfekt geordnet. Jeder Bürger hatte seine eigene Katze. Kam Nachwuchs, taten sich die gesunden Männer zusammen und bauten einen Raum an. Die Stadt hatte auch sonst alles was die Bürger zum Leben brauchten. Wasser lieferte der Fluss, der auch die Mühlen betrieb, die den Strom lieferten und in denen insbesondere die Wermannshäuser Bohnen gemahlen wurden.
Die Wermannshäuser Bohne
In Wermannshausen brauchte niemand zu hungern. Es gab ja die Wermannshäuser Bohnen. Und die in großer Fülle. Sie wurde auf den Äckern um Wermannshausen angebaut. Aus gebackenen Bohnen machte man traditioneller Weise das Bohnenmehl, daraus das Bohnenmus, das Bohnenbrot, die Bohnenbrezel und mehr. Die Wermannshäuser waren stolz auf ihre Kochkunst. Ihr Lieblingsessen waren gekochte Bohnen, überbacken mit in Bohnenöl vermischtem Bohnenmehl. Und dann gab es noch den Wermannshäuser Bohnenkorn und den feinen Wermannshäuser Bohnenwein. Da ließ es sich gut leben.
Wermannshäuser Infrastruktur
Wermannshausen hatte eine Schule für alle, in der man alles lernte, was man zum Leben in Wermannshausen brauchte und auch die Wermannshäuser Geschichte. In der Stadt praktizierten viele Ärzte, die alle Heilmittel kannten, die man aus der Wermannshäuser Bohne herstellen konnte. Es gab auch ein großes Krankenhaus, dem ein Altenheim und ein Hospiz angegliedert waren. Das Krankenhaus war bei weitem das größte aller Gebäude in der Stadt. Der Gang zum Arzt und auch der Aufenthalt im Krankenhaus stand jedem Bürger ohne Gegenleistung offen. Es verstand sich aber, dass jeder, der eine wertvolle Leistung anbieten konnte wie etwa Bohnen aufziehen und verarbeiten oder Gerätschaften für Haus und Landwirtschaft zu bauen, auch alle anderen mit bediente. Koordiniert wurde alle Arbeit vom Bürgeramt, das direkt ans Krankehnhaus angrenzte. Teil des Amtshauses war das Gericht, in dem der gewählte Oberbürger die verurteilte, die die Wemannhäuser Sitten nicht achteten.
Wermannshäuser Gesundheitswesen
Die Wermannshäuser waren ganz besonders stolz auf ihr perfektes Gesundheitssystem. Krankheiten konnte ja bekanntlich niemand vermeiden. Die Wermannshäuser Mediziner entdeckten immer mehr Krankheiten, teilweise neue selbständige Leiden oder auch nur Unterarten davon. Man sprach inzwischen von vielen Tausenden verschiedener Krankheiten. Niemand aber wurde mit seinen Leiden im Stich gelassen. Vor einigen Generationen war es einem Wermannshäuser Mediziner gelungen, aus der Wermannshäuser Bohne ein sehr wirksames Schmerzmittel zu entwickeln, das zuverlässig den bohrenden Schmerz bei der häufigen Hautverlederung beseitigte. Man musste das raffiniert hergestellte Arzneipulver zwar mehrfach am Tag in Wasser verrührt einnehmen, es wurde einem davon auch für eine ganze Weile schummrig vor den Augen, aber die Schmerzen waren weg. Unter den vielen anderen Krankheiten sind besonders erwähnensert das Stolperschlucken, das nächtliche Würgen, die Rasende Esssucht und die zermürbende Liegekrankheit. Es gab aber häufig auch das sog. blaufarbene Zittern, die Hängeschulter, den Drehast, die schwankende Verdauung und die gemeinen grünen Pusteln. Ein Glück, dass es so viele Mediziner gab, die fleißig die schlimmsten Folgen angingen.
Werhats Entdeckung
Und dann kam ein braver Wermannshäuser Bürger, der zeitlebens eine Ölmühle betrieben hatte darauf, dass in Wermannshausen möglicherweis etwas grundlegend falsch lief. Dieser Bürger mit Namen Werhats hatte entgegen alter Sitte einmal Wermannshäuser Bohnen ungekocht in die Mühle gegeben und dann von dem Treber und dem kalt gepressten Öl gekostet. Er behauptete, dass sein blaufarbenes Zittern davon sofort vergangen sei und auch das lästige Stolperschlucken. Mit dieser Information ging er zu seinem Arzt, Dr. Wernicht, der ihm klar machte, dass er als Nichtarzt solche Feststellungen gar nicht treffen dürfte. Werhats versuchte zu erklären, dass die rohen Bohnen wohl einen wertvollen Inhalt hätten, der bei der Bearbeitung verloren gegangen sei. Dr. Wernicht erklärte ihm, dass Werhats sich als Laie aus der Wissenschaft heraus halten solle. Akzeptieren könne man nach den festen Usancen in Wermannshausen solche Behauptungen nur, wenn mehr oder minder die ganze Ärzteschaft von Wermannshausen die Richtigkeit festgestellt hätte. Das zu bewerkstelligen könne man aber vergessen. Also schickte er Werhats wieder nach Hause.
Werhats Zumutung gegenüber Dr. Wernicht
Werhats aber experimentierte immer weiter mit den rohen Bohnen und dem Bohnenöl. Er hörte auf, sich zu überessen, hob die hässliche Hängeschulter an und verbrachte Nacht für Nacht ohne das lästige Würgen. Als er meinte, dass tatsächlich all die vielen Wermannshäuser Krankheiten verschwanden oder einfach weg blieben, ging er wieder zu Dr. Wernicht. Dieser hörte sich alles an und wurde ärgerlich. Ob Werhats noch alle beisammen hätte!? Es reiche doch, dass er, Werhats, sich gegen die Wermannshäuser Regeln stelle. Er brauche doch nicht auch noch seinen Arzt in eine so üble Geschichte mit hinein zu ziehen! Was schließlich sollten seine Kollegen von ihm denken, wenn er sich hinter solch einen Blödsinn stellte? Werhats solle aufpassen, dass er nicht belangt würde. Auf einen Schwätzer wie ihn hätte man in Wermannshausen lange gewartet!
Krankhafte Langlebigkeit
Werhats gab also Ruhe. Alle Nachbarn fragten sich in den nächsten Jahren, was mit Werhats wohl nicht stimmte. Denn anders als alle anderen ging er nie wieder zum Arzt, auch nicht im hohen Alter. Er überlebte noch drei Generationen bis er alt wie Methusalem für die letzten Jahre seines Lebens ins Altersheim umzog. Dort traf er einen rüstigen alten Dr. Werhats, der alle Jahre heimlich von den rohen Bohnen genascht hatte. Sie waren sich einig, dass sie niemand beunruhigen wollten und behielten ihre Erfahrungen für sich. In den Chroniken von Wermannshausen ist festgehalten, dass sie beide in höchstem Alter friedlich entschlafen waren. Der Schreiber der Stadt vermerkte, dass ihre unnatürliche Langlebigkeit wohl auf einem genetischen Defekt beruhe, der aber glücklicher Weise nie wieder beobachtet wurde.
Die Überlieferung
Einen schriftlichen Bericht von Werhats über seine Erfahrungen, den man nach seinem Tode in seinen Unterlagen gefunden hatte, ließ der Finder verschwinden. Von diesem Finder, der seltsamerweise bald nach Werhats Tod die Stadt verließ um im Ausland zu leben, habe ich diese seltsame Geschichte.
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