Glaubenssachen und Sprachinhalte

RE-Autoren befassen sich tausenfach mit Glaube und Glauben Readers Edition gibt es bald volle vier Jahre. “Unser” Blog hat mit seinen Hunderten von Autoren viele Tausende Beiträge produziert. Er ist inzwischen von solcher Bedeutung im Netz und darüber hinaus geworden, dass er sich selbst als Objekt der Beobachtung und Berichterstattung

perjwe.jpgRE-Autoren befassen sich tausenfach mit Glaube und Glauben

Readers Edition gibt es bald volle vier Jahre. “Unser” Blog hat mit seinen Hunderten von Autoren viele Tausende Beiträge produziert. Er ist inzwischen von solcher Bedeutung im Netz und darüber hinaus geworden, dass er sich selbst als Objekt der Beobachtung und Berichterstattung anbietet. Diese Plattform ist von Beginn an sehr professionell mit allen Hilfen versehen worden, die es leicht machen, sie inhaltlich auszuloten. Nehmen Sie nur die Suchfunktion.

Für mein Thema “Glaubenssachen” habe ich einmal auf der Startseite der RE nach Eingabe im Feld “Suchen” den Begriff Glaube und 1445 Einträge gefunden, nach Eingabe des Begriffs Glauben sind es immerhin noch 1115.

Rechnet man zu diesem Massenangebot an Information und Meinung in diesem Bereich noch die durchschnittlich etwa sechs Kommentare (meine grobe Schätzung) je Beitrag hinzu, sieht man wie die RE die Bedeutung widerspiegelt, die das mit Glaube und Glauben umschriebene Thema allgemein hat €“ trotz der Abwanderung von den großen christlichen Kirchen, die nach den Übergriffen katholischer Priester auf ihnen schutzbefohlene Kinder und dem Schweigen des Papstes zu den Vorgängen in Deutschland aktuell neue Höhepunkte erreicht.

Zum Vergleich: der Google-Bot unter google.de wirft bei 26.700.000 und bei Glaube Glauben 26.500.000 Einträge aus. Bei google.com wirft er bei belief 54.200.000 und bei believe 332.000.000 Einträge aus. Die Mange der Einträge sagt nichts aus über ein etwa vorliegendes besonderes Verständis der angesprochenen Sachverhalte, eher das Ggenteil. Weil die Begriffe überall, auch von Autoren und Kommentatoren der RE, ständig durcheinander geworfen werden, will ich hier die Begriffe klarstellen und gegeneinander abgrenzen.

Der sprachliche Unterschied zwischen Glaube und glauben

Der allgemeine Sprachgebrauch kennt oft keinen Unterschied zwischen den verschienden Glaubensbegriffen. Das geschieht allzu leicht, denn auch hehre religiöse Glauben-sinhalte kann man, ohne sich willentlich zu ihnen zu bekennen oder auch zusätzlich zu seinem Glaubensbekenntnis “für wahr halten.” Dieser normalsprachlicheBegriff von glauben ist in Bezug auf jegliche Sachverhalte, die wir nicht sicher wissen, eine Wahrscheinlichkeitsannahme, eine Hypothese, die mehr oder weniger gut begründet sein kann, aber nie so sicher ist als dass die Richtigkeit der Aussage bewiesen oder akzeptiert wäre. Er gilt ebenso für banale wie besondere Dinge.

Der viel benutzte Satz “Glauben heißt nicht wissen” trifft daher auf den bestehenden allgemeinen Spachbegriff von “glauben” vollauf zu.

Eine schwache Annäherung an die Wahrheit bieten die Ahnung, die (bloße) Meinung, die Vermutung oder die Annahme einer mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeit ihrer Richtigkeit. Die höchste Form der Annäherung an die Wahrheit liegt vor, wenn die Richtigkeit dessen was wir glauben, auf der Skala der Plausibilität als höchst wahrscheinlich einzustufen ist oder sie als fast sicher oder kaum bezweifelbar anzunehmen ist. In diesem Sinne kann ich auch jemandem glauben oder an ihn glauben, wenn ich ihm vertraue, denn sicher sein kann man sich dessen ja nie.

Sprachvergleichend ist besonders die Situation im Lateinischen von Interesse, weil sie über die christlichen Religionen den größten Einfluss auf das Sprachverständnis in unseren Breiten genommen hat. “Putare” (glauben, dass…) entspricht ziemlich genau dem allgemeinsprachlichen Begriff dt. “glauben“, engl. believe,  während “credere” €“ das Credo ist das Glaubensbekenntnis €“  von “cor” (Herz) “dare” (geben/schenken) kommt und deutlich macht, dass einen Glauben nur hat, wer sich entschlossen hat, ihn anzunehmen oder sich ihm hinzugeben.

Hinter dem lateinischen wie dem deutschen und englischen Sprachverständnis steckt die indogermanische Herkunft dieser Sprachen, die mit der altindischen Wurzel “sraddha” bedeutet, sein Herz auf etwas zu setzen.

Dieser Begriff des Glaubens auf Grund einer willentlichen Zuwendung zu einer ungewissen Sache von Bedeutung ist nicht ein Fachbegriff irgendeiner Religion oder Weltanschauung. Auch dieser allgemein verwendete abweichende Begriff ist ein Sprachbegriff, der von allen Nutzern der Sprachgemeinschaft verstanden wird.

Ich schlage vor, zwischen dem allgemeinen und dem besonderen Sprachbegriff zu unterscheiden.

Eine Besonderheit gilt es beim besonderen Begriff des Glaubens zu beachten. Er ist nicht anwendbar auf läppische oder abstruse Glaubensinhalte. Wenn sich ein Vollidiot dazu entscheidet, inbrünstig an die Rettung seiner Seele durch seine Goldfisch namens Wanda (oder so) zu glauben, erfüllt das nur formal die Kriterein der glaubenden willentlichen Hinwendung an einen ungewissen Sachverhalt. Es gibt also Glaubenssachen, die nicht das Premiumprodukt eines religösen oder diesem ähnlichen Glaubens sind.  Der Glaube der Scientologen daran, dass der böse Gott XENU das Böse auf die Erde gebracht hätte, indem er seine Gefangenen aus einer anderen Galaxie hierher schaffte und sie dann in Vulkanen umbrachte und dass seither auf der Erde die so entstandenen bösen Geister, die Thetane, für alles Schlechte verantwortlich sein sollen (bis sie bei den Scientologen gerettet werden) ist so unübertrefflich abstrus, dass ich sehr gut verstehen kann, dass in Deutschland die Behörden davon ausgehen, dass die Organisation der Scientologen alles andere als eine Relgion verbreitet und keine Kirche ist.

http://www.readers-edition.de/2010/04/08/kalindi-praesentiert-lord-gourasana-den-allmaechtigen-vater, s. dort besonders den Kommentar von “Lord X”

Im Ergebnis ist also klar:

1. Wenn wir von “glauben” sprechen, ist normalerweise die Annahme der Richtigkeit eines nicht als sicher anerkannten beliebigen Sachverhalts gemeint. Das kann ganz banale, aber auch die letzten Dinge wie Gott und die Welt und den Sinn des Lebens oder eine durchformulierte Religion betreffen.

2. Wenn wir dagegen sagen wollen, was ein Glaube ist bzw. wann jemand einen Glauben hat, ist nicht der allgemeine Sprachbegriff “glauben” gemeint, sondern  der besondere Sprachbegriff von “glauben”, der nur die willentliche Akzeptanz und Zuwendung zu ungewissen subjektiv als wichtig empfundenen und wenigstens halbwegs sinnfälligen Dingen beschreibt.

Eigene Begrifflichkeiten der Religionen

Es gehört zum Wesen der Religionen, dass sie in ihrem unverbrüchlichen Glauben (im besonderen Sinne) an die Richtigkeit ihrer Aussagen versuchen, sich der Allgemeinsprache zu bemächtigen, wo sie es schon nicht schaffen, die Vernunft ganz auszuschalten und ihren Gebrauch, wenn er den (besonderen) Glauben stört, als sündig zu erklären.

Die katholische Kiche ist da ganz konsequent. Sie behauptet, dass der Mensch mit seinem Verstand zum Glauben finden kann (Thomas von Aquin). Wo das nicht leicht fällt, hilft dem Menschen die göttliche Offenbarung, die es jedem Menshen ermöglicht, “ohne Schwierigkeit und mit Gewissheit Gott zu erkennen.”

Weit weniger autoritär, aber sehr einfallsreich sind die Protestanten, die anders als die Mutter Kirche in Rom den Zweifel am und im Glauben nicht verdammen, sondern für ganz normal halten.

Kühn abgeleitet besonders von den Theologen Barth und Bultmann predigen die Protestanten, dass der Glaube in ihrem Sinne eine Gnade, ein Geschenk Gottes sei, das nur dem gewährt werde, der sich mit seiner Seele dem Glauben öffne. Mit diesem Kniff schaffen sie es, dass der ewig zweifelnde gläubige Protestant nicht gehalten is, wie ein Sturkopf nur immer auf der Richtigkeit der verstandesgemäß nicht fassbaren  Grundannahmen der Religion herum zu reiten. Der Protestant darf mitreden und darf laut sagen, wie unwahrscheinlich die biblischen Geschichten doch sind. Das wirkt doch viel ehrlicher! Der zweifeldn-gläubige Protestant muss sich  nur zur rechten Zeit wieder von der Gnade des Glaubens umhüllen lassen, um am Ende doch die Erlösung aus dem irdischen Jammertal zu erleben. Vertretend für andere zitiere ich hierzu den Münchner Astrophysiker und Moderator der ZDF-Sendung “Abenteuer Forschung” Harald Lesch, der das sehr verständlich rüberbringt.

Im Zeichen der Mission haben die Kirchen in der Vergangenheit den Menschen immer wieder  ihre eigenen Sprachbegriffe aufgedrängt. Im Zeichen der Weltanschanschauungsneutralität des Staates und nach den Substanzverluste der Kirchen im Kampf gegen Aufklärung und Humanismus ist das müssig geworden. Denn jedes Mitglied der Spachgemeinschaft erkennt heute sofort, wann die Predigt aufhört verständlich zu werden, weil der Pastor zur kircheigenen Sprache wechselt.

Photo Quelle/Copyright: frozenminds, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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