Gestern ging an der Volksbühne Berlin das Attac-Bankentribunal zu Ende. Traurig zwar, dass es eine Nichtregierungsorganisation wie Attac in die Hand nehmen musste, wenigstens den Versuch zu unternehmen, die Ursachen der weltweiten Finanzkrise aufzuarbeiten und die Verantwortlichen dafür wenigstens per “Schauprozess” (im wahrsten Sinne des Wortes: dieser konnte nämlich nicht nur in den Zuschauerreihen der Volksbühne Berlin vor 800 Zuschauern, sondern auch via Internet-Lifestream verfolgt werden) zur Rechenschaft zu ziehen und schließlich einem gerechten Urteil zuzuführen. Aber: jemand musste es ja schließlich tun. Da hat Attac völlig recht.
Wirkliche juristische Aufarbeitung: Fehlanzeige
Wenngleich viele unserer Bürgerinnen und Bürger freilich tief im Innersten wissen: Dieser auf einer Theaterbühne improvisierte “Schauprozess”, das Attac-Bankentribunal, hätte eigentlich als wirklicher Prozess vor einem ordentlichen Gericht – nicht nur diesen Landes – stattfinden müssen. Die Hoffnung jedoch, dass solche Prozesse jemals in Wirklichkeit stattfinden werden, muss allerdings bislang noch immer als naiver Wunsch, der wenig Chancen hat in Erfüllung zu gehen, eingeschätzt werden. Denn alles andere als dies wird derzeit (und wohl auch fürderhin) angestrebt. Weder seitens irgendwelcher Staatsanwaltschaften und erst recht nicht von Verantwortung tragenden Politikern unserer Tage. Ein Beispiel dafür: Der NRW-Wahlkampfauftakt von CDU und FDP. Dort spielte die Finanzkrise keine Rolle. Natürlich auch in den Auslassungen des selbsternannten “Arbeiterführer” Jürgen Rüttgers (CDU) nicht. Wie auch? Gewönne man denn so Wahlen? Indem man Kritik an vielleicht auch eigner Mitschuld übt und gar obendrein noch Ursachen und Verantwortliche für die Krise nennte? Also dann doch lieber davon schweigen und weiterwurschteln. Im Sinne der eigenen Klientel. Vielleicht vergessen’s ja die Leut’?
Bissiges Vorspiel zum Tribunal von Georg Schramm und Urban Priol: Zornig sein, Leute!
Nichts vergessen hingegen hat Lothar Dombrowski, der Rentner mit der markanten Handprothese, welcher angesichts des ausufernden Unrechts und es Niedergangs der Werte hierzulande jedes Mal aufs Neue wieder vor Wut zu platzen droht. Rentner Dombrowski, eine Bühnenfigur des Kabarettisten Georg Schramm stieß während einer Auftaktveranstaltung am vergangenen Freitag in den Räumen der Volksbühne Berlin - u. a. zusammen mit seinem Kollegen Urban Priol, selbst Attac-Mitglied – sozusagen das Bankentribunal in Form eines bissigen Vorspiels an. Der Rat der engagierten Kabarettisten an die Leute: Zornig sein, sich nicht alles gefallen lassen!
Tribunal fand hohes Interesse
Dass dem Berliner Attac-Bankentribunal seitens der sich stets mehr der Veröffentlichten anstelle der Öffentlichen Meinung verpflichtet sehenden Print- und elektronischen Medien die ihm gebührende Beachtung erfahren würde, konnte vielleicht von vornherein nicht erwartet werden. Wie auch immer: die Veranstaltung fand trotzdem hohes Interesse. Und bei weitem nicht nur bei Menschen jenseits des Alters von 60 Jahren, wie der Bericht einer Zeitung seinen Leserinnen und Lesern weismachen und die Veranstaltung damit vielleicht in ihrer Bedeutung herunterspielen wollte. Wolfgang Lieb dagegen, der zusammen mit Albrecht Müller die NachDenkSeiten betreut, war am Wochenende selbst Beteiligter und demzufolge beim Bankentribunal in der Berliner Volksbühne persönlich anwesend, traf dort aber sehr wohl auf junge interessierte Leute.
Der Text des Urteils
Lesen Sie Wolfgang Liebs Bericht aus Berlin und den Text des Urteils. Sie finden dort auch Links zu Bild- bzw. Tondokumenten vom Bankentribunal. Oder rufen Sie die Seiten von Attac auf. Dort finden Sie die noch ihrer Überarbeitung harrende Fassung des Bankentribunal-Urteils als PDF-Dokument.
Das verflossene Attac-Bankentribunal mag vielleicht für manchen letztlich nicht das Nonplusultra gewesen sein. Diesen Anspruch haben die Inszenatoren des “Schauprozesses” zuvor auch gar nicht erst erhoben. Dessen Abhaltung in der Öffentlichkeit war allerdings zweifellos nötig in Ermangelung einer ordentlichen juristischen Befassung mit den Ursachen der Weltfinanzkrise und der Suche nach den Schuldigen daran. Das Bankentribunal setzte fraglos ein notwendiges Zeichen. Immerhin!
Schade um die Zeit und aufgewendete Energie der Initiatoren und Teilnehmer. Was bringt so eine Veranstaltung? Einen negativen Beitrag auf Spiegel-Online und viel Wind um nichts. Ich halte Attac für einen Honigtopf, der all die unzufriedenen “Fliegen” einfangen soll, die sich dann selbst auf die Schulter klopfen können, mit dem Satz “ich habe mich eingebracht”. Gut so, denn nur unter diesen Voraussetzungen wird sich in der Gesellschaft nichts ändern. Und das ist schließlich von Machthabern und Profiteuren so gewollt.
Gibt es überhaupt ein gesellschaftliches Problem, dass mit Aktionen und Hilfe von Attac aufgehalten wurde oder zu einem gesellschaftlichen Umdenken geführt hat? Nein. Dann fragen Sie sich einmal, warum das so ist ….