Kurz nach 18 Uhr spurtet Günter Wallraff, eine Reisetasche an der Hand, hurtig die paar Stufen hinauf zum Podium im Hasper Hammer in Hagen. Tosender, warmherziger, Applaus empfängt den bekannten Enthüllungsjournalisten. Eingeladen worden war Wallraff, wie das den Saal – in dem sonst u. a. Kabarettisten auftreten – bis auf den allerletzten Platz füllende Publikum im Rahmen der von Gewerkschaften der VHS Hagen und der DGB-Initiative Arbeit und Leben getragenen Reihe “Gegen den Strom”. Einer Veranstaltung, welche sich einreiht in die gemeinsame Kampagne der IG Metall und der Gewerkschaft ver.di gegen Leiharbeit – für gute und fair bezahlte Arbeit.
Allerorten ist momentan zu beobachten, dass der Bedarf an derlei Veranstaltungen wächst, welche sich mit den schweren gesellschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit beschäftigen. Nicht nur der Zuspruch daran steigt merklich an, sondern auch die Wut vieler Menschen, dass es überhaupt erst soweit kommen konnte und mehr noch: das nicht endlich nachhaltig gegengesteuert wird.
Günter Wallraff: Seit Jahrzehnten diversen Schweinereien auf der Spur
Günter Wallraff ist seit Jahrzehnten schon ein gegen den Strom schwimmender, der zumeist mit verdeckter Identität kleinen und größeren Schweinereien erst auf der Spur ist und diese dann später öffentlich macht. Vielen von uns unvergessen ist da wohl sein Buch “Ganz unten”, worin Wallraff über seine schlimmen Erfahrungen Zeugnis ablegt, die er als türkischer Gastarbeiter Ali in einem deutschen Chemiebetrieb hatte machen müssen. Wallraff erinnert sich: er hatte sich vor Arbeitsantritt ein Schutzhelm auf eigne Kosten beschafft. Ein Vorarbeiter, der im Betrieb einen deutschen Kollegen ohne Helm angetroffen hatte, wies “Ali” Wallraff barsch an: “Du ihm geben, den Helm!”
Was wir der Bundeswehr verdanken
Nimmt man es genau, so haben wir den engagierten Günter Wallraff – so wie wir ihn kennen und schätzen gelernt haben – der Bundeswehr zu verdanken. Einer Bundeswehr, welche zur Zeit der Einberufung Wallraffs noch mit reichlich Altnazis durchsetzt war. Wie übrigens laut Wallraff ebenso die Wirtschaft, wo ca. 75 Prozent der Leitungskräfte Nazialtlasten gewesen waren. In einer Bundeswehr der alten Nazis, wo noch NS-Parolen an den Wänden gestanden haben, wollte Günter Wallraff keinen Waffendienst leisten. Das brachte Wallraff damals in eine Geschlossene Abteilung, er wurde sozusagen psychatrisiert. Später aber dann mit einem Ehrentitel entlassen. All das, und wie es im Leben Wallraffs weiterging, können Sie in seiner Biographie lesen.
Bild-Zeitung und BND versus Günter Wallraff
Doch eines dann doch noch, man sollte es niemals vergessen und nachwachsenden Generationen mit auf den Weg geben: Bekanntlich hatte sich Wallraff einst als Journalist in die Redaktion der Bild-Zeitung eingeschleust, um als “Hans Esser” aus erster Hand etwas über deren Machenschaften, Schweinereien und den dort gepflegten journalistischen “Berufsethos” in Erfahrung zu bringen und dies dann hernach der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. Den “Schweinejournalisten” (Pardon, die richtigen Schweine mögen mir den Ausfall verzeihen) der Bild und natürlich dem Springerkonzern selbst gefiel dies freilich ganz und gar nicht. Günter Wallraff, so berichtete er gestern Abend, musste gar um sein Leben fürchten. Privatdetektive wurden auf ihn angesetzt und selbst der BND – nur für Auslandsaufklärung zuständig – ließ sich von Bild einspannten und mißbrauchen: Wallraff wurde abgehört, seine privaten Gespräche direkt (!!!) in die Bild-Redaktion geleitet. Sogar Haussuchungen bei ihm wurden veranlasst. Am Ende steckten sie ihm auch noch die Wohnung in Brand. Wallraff wehrte sich juristisch. Die Bild-Leute kamen mit Bewährung davon. Seitens des BND wurde allerdings nie jemand zur Verantwortung gezogen. Wallraff: Zwischen Bild und denen bestanden (bestehen?) interessante Seilschaften…
Heute wieder in der Spur
Heute ist Günter Wallraff, salopp ausgedrückt, abermals voll in der Spur. Was wunder? Wallraff: Heute hätten sich die Zustände wieder dermaßen verschlimmert, dass er fühlte, ich werde wieder gebraucht. Also musste die Maskenbildnerin wieder ‘ran. Günter Wallraff:
“Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.”
Sein Beispiel machte und macht noch immer anderswo Schule. So arbeitet in China ein Kollege nach der Methode Wallraff. Ein anderer in Italien. Auch von einem mutigen Kollegen in Ghana hörte Wallraff und lernte diesen bereits auch selbst kennen. Auch in Schweden ist sein Name in vieler Munde. Wallraffen, für die gesellschaftlichen Zustände durchforschen, hat es sogar als Verb in die schwedische Sprache geschafft.
Der Fall Lidl und die neue Seuche unserer Zeit
Einer der bekanntesten Coups der letzten Zeit (Sie, liebe Leserinnen und Leser haben vielleicht den TV-Beitrag darüber gesehen) gelang Wallraff mit der Aufdeckung der unhaltbaren Zustände in einer Bäckerei, welche Brötchen für Lidl bäckt.
Doch das allerschlimmste, das Wallraff in seiner Berufslaufbahn erleben musste, war eignen Angaben zufolge seine (verdeckte) Tätigkeit als Callcenter-Agent. Die Callcenter hält der Enthüllungsjournalist für “die Seuche unserer Zeit”. Wallraff zeichnet in seinem Buch “Aus der schönen neuen Welt” ein düsteres Bild von jener Arbeits-Welt. Wallraff: “Das Schlimmste, in diesem Job muss man sich jeden Tag aufs Neue selbst verleugnen.” Länger als ein paar Monate halten das die wenigsten Menschen durch. Kein Wunder, dass die psychischen Erkrankungen in unserer kaputten Gesellschaft zunehmen. Was, so Wallraff, die psychosomatischen Kliniken freut, “die wie Pilze aus dem Boden schiessen.” Um es einmal kurz in ein Bild zu fassen: Um die 500.000 Menschen sind in Deutschland in der Callcenter-Branche tätig. Jährlich nimmt diese Zahl um 40 – 50.000 neue Arbeitskräfte zu. Millionen werden da verdient. Zumeist mit Betrug. Laut Wallraff ist die Firma CallON, die ihren Sitz (wie viele andere Firmen dieser Art) im KÖLN-Turm hat, der bezeichnenderweise um 8 Meter höher wie der Kölner Dom sei, die schlimmste in der Branche. Staatsanwaltschaften ermittelten bereits. Doch die Ergebnisse sind mehr als dürftig. Zu schlecht ist der Staat und seine Organe ausgerüstet, um diesen Gaunern beizukommen, zu ausgebufft deren Methoden. Menschen, welche von diesen Callcentern angerufen werden, rät Wallraff nach wie vor: Sofort auflegen! Allein 600 Mio konnte dem Zugriff deutscher Behörden durch Verbringung ins Ausland entzogen werden.
Arbeiterverräter Clement
Günter Wallraff nannte auch Verantwortliche für das Unwesen, wie für die zumeist unhaltbaren Zustände in den Leiharbeitsfirmen. Die Menschen, arbeitslos, heute gezwungen jede Arbeit anzunehmen, um sich durchzubringen, seien zu bedauern. Er, Wallraff habe ja immer gewusst: Das ist nur für eine gewisse Zeitspanne. Einer der Schuldigen an der Misere ist für Wallraff Wolfgang Clement, “der inzwischen aus der SPD ausgetreten wurde”. Während einer Talksendung, so Wallraff gestern, habe er seine gute Kinderstube vergessen und Clement als das bezeichnen müssen, was er sei: nämlich ein Arbeiterverräter! Wie sonst sollte man auch einen Menschen nennen, der erst die Gesetze mit schuf, die Menschen in prekäre Jobs etwa bei den Zeitarbeitsfirmen und nach Beendigung seiner Ministerzeit als Aufsichtsratsmitglied etwa der Firma Adecco saftig profitiere. Ebenso ein Friedrich Merz, der zuletzt in so vielen Aufsichtsräten saß, dass dessen Bundestagsmandat zum Nebenjob wurde.
Mehr von diesen Wallraffs! Warnungen betreffs der Zukunft
All diese Auswüchse zeigen, wie wichtig gerade auch in Zeiten von akuter Meinungsmache die Arbeit von Enthüllungsjournalisten wie Günter Wallraff wieder ist. Mehr davon! Günter Wallraff befürchtet – wenn es nicht gelingt, mehr Menschen zu gewinnen, die sich gegen die schon lange nicht mehr hinzunehmenden gesellschaftlichen Zustände in unserem Land engagieren – eine schwere Katastrophe für unser Land. Die Schere zwischen arm und reich klaffe immer weiter auseinander. Eine weitere Berlusconisierung der Medien hierzulande, meint Wallraff, sei zu befürchten, aber ganz sicher längst nicht das Fürchterlichste, was uns blüht. Denn das sind für ihn, die vielleicht von der zunehmenden Zerstörung unserer Demokratie, eines womöglich gar nicht mehr allzu fernen Tages profitierenden extremen Kräfte, die dann sagen, wo es lang geht. Günter Wallraff verfolgt diese bedenklichen Entwicklungen als ein penibler Seismograph am Puls der Gesellschaft. Konnte er noch vor kurzen im ZDF, solange der parteipolitisch nahezu unabhängige Nikolaus Brender dort noch etwas zu sagen hatte, noch kritische Sozialreportagen unterbringen – die dann auch gesendet wurden – ist dieser Zug wohl nun abgefahren, seit Brender fort und Herr Frey dessen Funktion als Chefredakteur des ZDF übernommen hat. Und noch so ein Zeichen der Zeit macht Wallraff Sorgen: Wenn der Deutsche-Bank-Chef Ackermann seinen Geburtstag im Kanzleramt feiern dürfe und auch noch bestimmen könne, wer zu dieser Feier vorgelassen werde, dann werfe das schon ein bedenkliches Bild von den in diesem Lande mittlerweile herrschenden Machtverhältnissen.
Das von Günter Wallraff gezeichnete düstere Bild der momentanen gesellschaftlichen Zustände wurde auch zum Schluss des gestrigen Abends nicht besser. Wie auch? Die Zeiten sind eben wie sie sind. Denn sind wir nicht längst wieder in eine Art gewerkschaftliches Mittelalter zurückgerutscht, wenn man wie gestern hören musste, dass es bereits wieder geheime (sic!) Gewerkschaftsmitglieder gibt? Wenn deren Mitgliedschaft bekannt würde, verlören sie nämlich ihren Job! Ansonsten werden sie von schmierigen Rechtsanwaltskanzleien herausgemobbt. Mit Werbesprüchen wie diesen: “Wir machen nicht alles, was Recht ist”. Unglaublich. Aber leider wahr! Nein, so Wallraff zum Schluß, soetwas sei nicht länger hinnehmbar. Eigentlich müsste heutzutage in vielen Betrieben der Verfassungsschutz ermitteln. Denn dort würde schlimmstens gegen Artikel 1 des Grundgesetzes verstossen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Einführung eines Mindestlohns hält Wallraff ebenfalls für überfällig. Ebenso, meinte der Autor, mache für ihn ein bei den Gewerkschaften angesiedeltes MOBILES EINSATZKOMMANDO Sinn, das von Unrecht betroffene Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer anrufen könnten. Es müsste mit guten Anwälten und einem Psychologen anrücken.
Ein neuer Job für Wallraff?
Ja, es gibt viel zu tun. Packen wir’s an! In der abschließenden Diskussion meldete sich ein Gewerkschafter mit einem neuen Job für Wallraff und dergleichen engagierte Journalisten. Es handelte sich um ein bekanntes Unternehmen, das angeblich keinen Urlaub und keinerlei Lohnfortzahlung gewährt. Ich erwähne es hier absichtlich nicht. Sonst wäre es ja gewarnt. Betroffen, so der Gewerkschafter aus dem Publikum seien etwa 15.000 Teilzeitkräfte. Die Firma, so vernahm das staunende Publikum gestern entrüstet, zahle seinen Mitarbeitern in Luxemburg einen Mindeststundenlohn von über 8 Euro, ein paar Kilometer weiter in Deutschlands schöner neuen Arbeitswelt jedoch nur 5 Euro und 11 Cent per Arbeitsstunde…
Danke für den Artikel. Er ist einer der Querulanten die uns so manchen politischen Totalschaden vom Hals halten können. Allerdings wird mit zunehmenden Alter alles etwas langsamer in der Erscheinung.