Das erfundene Volk

Das Buch “Wie das jüdische Volk erfunden wurde” des israelischen Historikers Schlomo Sand sorgt nicht nur bei Juden für Diskussionen. Schlomo Sand bezweifelt in seinem Buch nicht nur die Vertreibung der Juden durch die Römer vor 2000 Jahren. Auch von einem jüdischen Volk will er nichts wissen. Immer diese Zweifler!

Das Buch “Wie das jüdische Volk erfunden wurde” des israelischen Historikers Schlomo Sand sorgt nicht nur bei Juden für Diskussionen. Schlomo Sand bezweifelt in seinem Buch nicht nur die Vertreibung der Juden durch die Römer vor 2000 Jahren. Auch von einem jüdischen Volk will er nichts wissen. Immer diese Zweifler! denkt sich wohl ein unvoreingenommener Beobachter des Weltgeschehens und übersieht dabei, dass Schlomo Sand selbst ein Jude ist. Ein zweifelnder Jude. Er gehört zu einer Gruppe der so genannten “Neuen Historiker”, die sich kritisch mit der Geschichte Israels und und vor allem mit dem staatstragenden Zionismus auseinandersetzt.

Seine trotzigen Gedanken sollen den eher unbeholfenen zionistischen Nationalismus provozieren, die Formung des zionistischen, des jüdischen Nationalbewusstseins in Frage stellen. Seine Gedanken sind aber auch eine Art Heilwasser auf die Mühlen derjenigen, welche die Existenz des Staates Israel nicht so richtig akzeptieren können. Denn sollte es das jüdische Volk in Wirklichkeit nicht geben, dann hat dieses Volk auch keinen Anspruch auf irgendwelches Land. So ein Volk kann nicht einmal einen Staat gründen, weil es dieses Volk nun mal nicht wirklich gibt, weil es nur erfunden wurde.

Ein genialer Gedanke

Auch wenn es sich dabei unverkennbar um einen jüdischen Witz handelt, hat Schlomo Sand mit seinen Thesen für große Aufregung nicht nur in Israel gesorgt. Die Pointe dieses Witzes wird vor allem in Deutschland sichtbar: Falls die Juden nur ein selbsterfundenes Volk sein sollten, das es in Wirklichkeit nicht gibt, wenn hat man dann in den Konzentrationslagern eigentlich massenhaft umgebracht?

Doch für einen Teil aus dem Nachwuchs an Dichtern und Denkern, vor allem aus dem linken Lager, geht diese Frage einfach zu weit. Weil diese aufstrebende Generation von ihrer Einstellung her mit der Vernichtung des unzähligen Lebens der Juden, Zigeuner, Polen und zweifelsfrei auch der Deutschen und noch Andesstämmigen in den Konzentrationslagern nichts zu tun hat, denkt sie darüber auch nicht mehr nach. Weil diese Generation die Vernichtung des Lebens einfach nur verabscheut. Und Verabscheung hat mit dem Nachdenken bekanntlich nicht allzu viel zu tun.

Kann es sein, dass es uns Menschen gar nicht gibt?

Dass wir nur einer Illusion unterliegen? Indem wir einfach nur glauben, dass wir existieren, dass wir leben? Der Versuch, die Existenz eines nachweisbar existierendes Volkes in Frage zu stellen, ist ein genialer Gedanke. Weil damit alles in Frage gestellt wird, was dieses Volk macht und denkt, sein ganzes Streben und Leiden. Kann es sein, dass auch das Leid nur eine Illusion ist?

Die daraus entstehende Verunsicherung ähnelt derjenigen verblüfften Unsicherheit, die einen Zen-Schüler erfasst, nachdem er von seinem Meister vor eine scheinbar unlösbare Frage gestellt wird, den so genannten Koan. Z.B.: Wie klingt der Applaus einer Hand? Oder: Wie kann man die Gewalt auf der anderen Straßenseite stoppen? Das mit der Gewalt auf der anderen Straßenseite wäre ein passender Koan für die heutige Zeit. Ein normaler Mensch, der nach schnellen Lösungen sucht, könnte antworten: Einfach schreien. Ein Zen-Schüler dagegen ahnt die mögliche Falle in der scheinbar unschuldigen Frage und fragt sich deswegen weiter: Wo ist die andere Straßenseite? Ist die andere Seite der Straße wirklich anders? Was ist Gewalt? Kann man Gewalt wirklich stoppen?

Und auf diese bedächtige Art und Weise wird selbst die einfachste Frage praktisch unlösbar. Im Zen-Buddhismus geht es aber nicht um die Lösung einer eher langweiligen Frage, sondern um die Erkenntnis. Es geht um das Verständnis für die Welt um uns herum und für unseren Standpunkt in der Welt. Die Fragen sind nur theoretisch, eine vernünftige Lösung ist deswegen nicht dringend erforderlich.

Zweifel zwingt zum Nachdenken

Wir können zwar den Zwang als Einschränkung der persönlichen Freiheit betrachten, leider können wir den zwanghaften Zweifel vor keinem Gericht anklagen. Wir sind dem Zweifel schutzlos ausgeliefert, trotz unseren ausgeklügelten Menschenrechten. Deswegen bedient sich auch Schlomo Sand des Zweifels, um seine Mitmenschen zum Nachdenken zu zwingen. Und wer will, der kann Schlomo Sand vor jedem Gericht der Welt verklagen, falls er oder sie sich durch seine Thesen zum Nachdenken gezwungen fühlt.

Deutlich schwieriger wird es für diejenigen, die sich dem Zwang zum Nachdenken standhaft erwehren können und die provozierenden, oft sogar sachlich begründeten Thesen von Schlomo Sand für bare Münze nehmen. Sie können später niemanden verklagen.

Kann sich ein Mensch selbst erfinden?

Ja. Er muss es sogar. Um nicht nur das Ergebnis der züchtigen Erziehung seiner Eltern und Lehrer zu sein, muss sich jeder Mensch irgendwie auch selbst erfinden, um sich eine ganz individuelle Note einverleiben zu können. Das fängt bereits damit an, dass fast jeder Mensch irgendwann mit dem Träumen anfängt, was er oder sie gerne werden will. Oder wie der Mensch gerne sein will. Und dass dabei manchmal auch die Schönheitschirurgen mithelfen müssen, ist bereits ausreichend bekannt.

Auf ähnliche Weise haben sich mit Sicherheit auch die Bayern erfunden. Und sie können auf ihr Erfindungsreichtum bis heute stolz sein. Wir müssen sogar kleinlaut zugeben, dass niemand sonst die Bayern so gut erfinden könnte, als es die Bayern selbst gemacht haben. Und auch die Ostfriesen haben sich selbst erfunden. Doch die Verleumdungen, die über die Ostfriesen kursieren, wurden eindeutig von jemanden anderen erfunden. Unser Problem besteht deswegen darin, dass wir wegen den vielen Verleumdungen die wahren Ostfriesen nicht richtig kennen.

Das gleiche Schicksal?

Die Juden und die Ostfriesen scheinen das gleiche Schicksal zu teilen. Ganz gleich, wie diese beiden Völkchen ihre Kultur und sich selbst definieren, sie werden von allen Seiten bis zur Unkenntlichkeit verleumdet und ihr wahres Denken und Streben wird direkt vor unseren Augen verzerrt. Über die Ostfriesen lachen wir dabei immer noch, über die Juden nicht mehr. Über die Juden ärgern sich viele Menschen, weil die Juden den Berichten nach alles falsch machen. Genauso wie die Ostfriesen…

Also können sich weder die Juden noch die Ostfriesen neu erfinden. Weil all die liebgewonnenen Vorurteile an den Juden genauso wie an den Ostfriesen hängen bleiben. Die Juden und die Ostfriesen sind eindeutig zwei außergewöhnliche Völkchen, die sich nicht frei und selbständig bis in alle Details erfinden durften. Und damit ist auch die These von Schlomo Sand widerlegt, dass sich die Juden ganz alleine und ohne jede fremde Hilfe erfunden haben.

Schabbat schalom

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