Schaulaufen auf der Zielgeraden

Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne, dem vom altehrwürdigen Kurt-Wabbel-Stadion, das schon Friedensfahrt-Stadionankünfte, Fallschirmunglücke, Kantersiege, skandalöse Niederlagen und bürgerkriegsähnliche Unruhen erlebt hat, will aber dennoch kaum noch jemand erliegen. Nach einer Serie aus Standard-Unentschieden, umhäkelt mit knappen Siegen und dummen Niederlagen, hat sich der Hallesche FC im 74. Jahr nach

Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne, dem vom altehrwürdigen Kurt-Wabbel-Stadion, das schon Friedensfahrt-Stadionankünfte, Fallschirmunglücke, Kantersiege, skandalöse Niederlagen und bürgerkriegsähnliche Unruhen erlebt hat, will aber dennoch kaum noch jemand erliegen. Nach einer Serie aus Standard-Unentschieden, umhäkelt mit knappen Siegen und dummen Niederlagen, hat sich der Hallesche FC im 74. Jahr nach Baubeginn für die “Mitteldeutsche Kampfbahn” aus dem Rennen um den Aufstieg in die 3. Liga verabschiedet.

Wettkampfstimmung herrscht hier nur noch vor dem Stadion, wo sich die Bierflaschensammler mit ihren Rollwägelchen erbarmungslose Rennen um die nächste leere Pulle liefern. Was jetzt drinnen noch folgt, vor nur noch 1448 Unentwegten, ist hingegen Sommerfußball zum Entspannen und Spieler-Schaulaufen im Casting für die Scouts höherklassiger Vereine.

Die haben Adli Lachheb, den einst aus Offenbach an die Saale gewechselten Abwehrhünen, schon so gut wie eingekauft. Ein Wechsel, der für Halle historisch wird: Lachheb ist seit mehr als einem Jahrzehnt der erste Hallenser, der bei einem höherklassigen Verein eine neue Anstellung findet. Da trifft es sich, dass Hansa Rostock, mutmaßlicher neuer Arbeitgeber des Tunesiers, heute nochmal zum Gucken kommt: Die zweite Mannschaft der Hanseaten ist nach der Formtabelle klarer Favorit, zuletzt hat die Elf von Axel Rietpietsch zweimal gewonnen und einmal remis gespielt. Halle hingegen kommt nur auf zwei Unentschieden und eine Niederlage aus den letzten drei Spielen.

Zumindest in der ersten Viertelstunde wird die Bundesligareserve ihrer Rolle gerecht.

Dreimal muss Halles Torwart Darko Horvat in höchster Not retten, nachdem Lachheb und sein vor lauter Castingaufregung übernervöser Nebenmann Patrick Mouyaya Bälle zum Gegner spielen. Seinen Vertrag hatte der als “Horvat – unser Torwart” gefeierte Kroate schon vor dem Spiel um ein weiteres Jahr verlängert – ein Zeichen vielleicht auch für andere in der Mannschaft, trotz anderer Angebote an der Saale zu bleiben.

Wie etwa Toni Lindenhahn, das größte HFC-Talent seit Dariusz Wosz. Lindenhahn, ein ballgewandter, schneller und fintenreicher Mann, spielt heute von Anfang an – und nicht einmal als einziger Nachwuchsmann. Neben ihm hat Marco Hartmann jetzt wohl dauerhaft die Stelle des zweiten defensiven Mittelfeldspielers neben Steve Finke übernommen. Historische Stunde Nummer 2: Dass beim Anpfiff eines Punktspieles zwei eigene Spieler aus dem eigenen Nachwuchs auf dem Platz standen, ist auch mit Augenzudrücken und Gemeindereform länger als ein halbes Jahrzehnt her. In der 17. Minute wird eben jener Lindenhahn an der Strafraumgrenze angespielt, er geht durch zwei Gegenspieler durch und schießt zum 1:0 ein.

Nach den Ergebnissen der letzten neun Spiele, in denen gerademal neun Treffer gelangen, hat Halle damit sein Torsoll erfüllt. Heute aber, unbelastet vom Druck, im Zweikampf mit Babelsberg vorlegen zu müssen, geht mehr. Nico Kanitz versucht es erst mit einem Seitfallzieher, dann springt Hebestreit nach einem Eckball nicht hoch genug. Doch schließlich findet eine Kanitz-Flanke den aufgerückten Jan Benes, der scheint zu unentschlossen, stolpert an einem Gegner vorbei, umkurvt den nächsten, schießt. Und es steht 2:0.

Nach der Halbzeitpause hat Hansa zweimal gewechselt, aber die Mitarbeit am Spiel eingestellt.

Jetzt dürfen alle Hallenser mitstürmen. Adli Lachheb setzt zweimal zum Spurt über die Mittellinie an, findet aber keinen Abnehmer für seine Pässe. Anders Philipp Schubert in der 48. Minute: Der etatmäßige Außenverteidiger passt von der Grundlinie nach innen, dort steht der etatmäßige Innenverteidiger Mouyaya in Mittelstürmerposition völlig frei. 3:0.

Das wäre jetzt schon der höchste Sieg seit viereinhalb Magerkost-Monaten. Aber einer geht noch, einer geht noch rein. Fußballgott Thomas Neubert will ihn erst nicht machen, freistehend aus fünf Metern trifft er nur den Torwart. Fünf Minuten später aber ist der Westernhagen des deutschen Fußballs zur Stelle: Von der Grundlinie aus köpft er ins Tor und Kollege Marco Hartmann ist höflich genug, den Ball ohne Nachhilfe über die Linie fallen zu lassen.

Spiel, Satz und Sieg, Rostock will oder kann nicht mehr. Halles Trainer Sven Köhler bringt noch Markus Müller für Ronny Hebestreit, den aus geheimnisvollen Ggründen in Ungnade gefallenen Thorsten Görke für Hartmann und Selim Aydemir für Toni Lindenhahn, aber die Luft ist raus. Was jetzt noch folgt, ist Sommerfußball zum Entspannen und Schaulaufen für die Tribüne, auf der die Dauergäste murren: Hätten die immer so getroffen, wenn sie so gespielt haben, hätte Babelsberg jetzt neun Punkte Rückstand.

Quelle: politplatschquatsch.com

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