Geistheilung ist noch längst keine neue Heilkunde

Liebe Frau Rayner, so anschaulich Ihre Beschreibung der körperlichen Auswirkung geistiger Phänomene in Ihrem aktuellen RE-Beitrag über die angebliche Macht des Placebos auch ist und so sicher auch die Tatsache ist, dass nachweisbare Wirkungen durch Placebos im Körper stattfinden, so sehr ist Ihr Plädoyer für das geistige oder spirituelle Heilen

Liebe Frau Rayner,

so anschaulich Ihre Beschreibung der körperlichen Auswirkung geistiger Phänomene in Ihrem aktuellen RE-Beitrag über die angebliche Macht des Placebos auch ist und so sicher auch die Tatsache ist, dass nachweisbare Wirkungen durch Placebos im Körper stattfinden, so sehr ist Ihr Plädoyer für das geistige oder spirituelle Heilen übertrieben.

Grundlegende Anerkennung von Geistheilungen

Sie gehen zu weit, selbst wo Sie eingangs noch vage bleiben und mitteilen, dass Geist und Psyche eine weit größere Rolle in der Gesundheitsprävention und Gesundung spielten als bislang angenommen und also die Macht der inneren Bilder und die mit ihnen verbundenen Gefühle es wäre, die körperliche Veränderungen hervorriefen. Geistige Eindrücke erzeugen zweifellos Wirkungen im Hirngeschehen und nachfolgend auch in den körperlichen Abläufen. Ich zweifle auch nicht daran, dass das in vielen Fällen bis zur Prävention und Gesundung führen kann. Schließlich gibt es ja auch gesundheitliche Störungen durch plötzliche konfliktive Ereignisse wie  z.B., einen Schock. Zwar scheint es nicht so, als dass man einfach die Vorgänge umkehren kann und könnte in einem Fall die gesundheitliche Störung hervorrufen und bei Änderung der Vorzeichen wieder abstellen. Wenn dem so wäre, gäbe es wirklich Grund für Ihre euphorische Mitteilung, dass die spirituelle Beeinflussung eine “große Rolle” in der Prävention und Heilung von Krankheiten spielte.

Falsche Erklärung der physiologischen Zusammenhänge

Kann es “durchaus” sein, dass ein “Bilderstau” im Kopf Migräne, Tinnitus und chronischen Kopfschmerz hervorruft? Kommt daher auch oft eine Verspannung der Nackenmuskulatur? Ihre Erklärung, dass sich die Bilder aus dem Kopf einen Weg über das Herz in den Körper suchen, ist wohl mehr eine Metapher als eine erst zu nehmende Erklärung. Sie sprechen über einen im Kreis fließenden Energiestrom, der mentale Energie des Kopfes mit der emotionalen Energie des Herzens miteinander verbände, als wenn Sie diesen Strom wirklich gemessen hätten. Die Körpernergie des Menschen, das in der Atmungskette der Verbrennungskammern (Mitochondrien) unserer Körperzellen in jeder Sekunde unseres Lebens entstehende Adenosintriphosphat (ATP), hat man tatsächlich gemessen. Das ist eine Realtität: 70 kg ATP stellt der menschliche Körper jeden Tag in den Trillionen Mitochondrien her und verbraucht sie alsbald. Wenn man nach Wundern sucht, hier ist eines.

Beschönigende Herz-Schmerz-Darstellung

Ihre Herz-Schmerz-Vorstellung ist einfach zu märchenhaft. Brauchen wir denn solche Bilder, um die Natur und den Menschen zu verstehen? Das Herz ist ein fleißiger Muskel, aber doch außerhalb der Poesie nicht der Sitz des Gemüts. Das Denken und die Emotionen haben ihren Sitz im zentralnervösen System, nirgends sonst. Und die Emotionen werden erlebt durch die Ausschüttung von Hormonen, nicht durch das Anschauen von Bildern oder das Anhören von Seufzern. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: was über unsere Sinne auf uns eindringt, bringt unsere Hormone zur Ausschüttung, Stresshormone, Kontrollhormone und viele andere. Ohne Hormone keine Gefühle, wobei die Hormone nicht aktiv werden, wenn sie nicht durch Reize von innen oder außen angesprochen werden. Es kann eben nicht durchaus sein, dass Kopfschmerzen direkt durch die Bilder ausgelöst werden. Die Bilder haben damit indirekt zu tun. Zum Beispiel können angstmachende oder erschreckende Bilder zur Ausschüttung der Stresshormone CDH, Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin führen. Fehlt dem Menschen dann das Anti-Stress- und Schmerzkontrollhormon Serotonin, kann er die sich auftürmende sog. Stresskaskade nicht abbauen und der Kopfschmerz richtet sich ein.

Bei der Geistheilung mangelt es an der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse

Ihre Beispiele über nachgewiesene Wirkungen lassen nicht erkennen, dass sich an diese Feststellungen eine sinnvolle regelrechte Heilbehandlung durch Placebo anküpfen ließe.

Wenn also im Versuch ein Patient ein Placebo einnimmt und glaubt es sei ein Magenpräparat oder wenn ein Schmerzpatient im falschen Glauben, das Verum gekommen zu haben, eine Wirkung wie bei der Einnahme der echten Präparate zeigt, ist das zwar beachtlich, aber nicht so, dass man gleich von einer neuen Heilweise sprechen könnte. Denn die Reproduzierbarkeit derErgebnisse und ihre Intensität sind nicht mitgeteilt.

Die gleichen Mängel hat die von Ihnen berichtete Regensburger Studie mit Probanden, die zur einen Hälfte nach eigenem Bekunden elektrosenisitv waren. Klar ist es, dass der, der die hohe Schädlichkeit von Handys glaubt, Angst bekommen und Schmerzsensationen fühlen kann. Aber es sind doch nicht die Attrappen-Handys, die dies bewirkt haben, sondern die Erwartungshaltung der Probanden. Die Untersuchung beweist auf keinen Fall, dass Handys körperliches Leiden hervorrufen können. Dass sie es wirklich tun, ist längst bewiesen €“ aber auf ganz herkömmliche Weise durch Messung des Temperaturanstiegs im Gehirn bei Kindern und bei Erwachsenen.

Ihre Schlussfolgerung: “Der eine wird über die Schulmedizin gesund, der andere greift zur Homöopathie oder zur TCM. Ein dritter wendet sich an einen spirituellen Heiler und vertraut auf die Kraft von Gebeten und Engeln” ist falsch. Da verwechseln Sie Äpfel mit Birnen. Besonders forsch haben Sie auch noch Engelkräfte hineingemengt, wo doch die Engel die Wissenschaft so fürchten. Was “das Placebo geschafft hat” ist, einen Nachweis mehr zu erbringen, dass Glaube und Hoffnung Auslöser sein können, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu wecken. Es lohnt durchaus, sich mit diesen Auslösern näher zu beschäftigen, um mehr über die Mechanismen zu erfahren. Eine neue Heilkunde neben der Schulmedizin und der Homöopathie ist die Geistheilung damit aber noch lange nicht. Es hat schon immer übertriebene Versprechen auf Geistheilung zu geben. Es gibt immer wieder großsprecherische Scharlatane, die die Betroffenen von wirklich möglicher sicherer Hilfe abhalten. Wir wissen heute, dass die Geistheilung immer wieder mal stattfindet. Wir können aber nicht die Uhr danach stellen.

Der Schlüssel zur Gesundheit liegt bei der richtigen Ernährung

Das was Sie, liebe Frau Rayner, in Ihrem Beitrag gleich zu Beginn als Erfindung des Zeitgeistes abtun, indem Sie die gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung abschätzig das gesellschaftlich akzeptierte Allzweckmittel nennen, hält den indes den Schlüssel für ein langes Leben in ungestörter Gesundheit.

s. http://www.readers-edition.de/2010/04/22/hygiene-des-verdauungstrakts-bedienungsanleitung-fuer-unser-versorgungssystem-teil-i und

http://www.readers-edition.de/2010/04/22/hygiene-des-verdauungstrakts-bedienungsanleitung-fuer-unser-versorgungssystem-teil-ii

Kommentare

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  1. Lieber Herr Ehlers,

    wow! Danke für Ihre ausführliche Antwort.

    Ich kann Ihre Skepsis durchaus nachvollziehen. Um einige Punkte zu klären: die Attrapen-Handys bewirken wirklich nix – außer: chemische Reaktionen im Körper (Hormonausschüttung), die durch bestimmte Gedanken und Gefühle hervorgerufen werden. Dass Handys die Temperatur im Gehirn erhöhen, ist richtig. Inwieweit es uns schadet, ist individuell unterschiedlich und kann von uns selbst beeinflußt werden. DAS ist meine These – und soll weder für noch gegen die Handynutzung sprechen.

    Dennoch bleibe ich dabei: wir nehmen Pillen & Co. zu uns und glauben, sie helfen! Aber sie können uns auch schaden. Wie stark, können wiederum wir selber beeinflussen.

    Die Geistheilung ist noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sicher. Aber der Weg geht dahin. Das hat meine Recherche mit zahlreichen Krebspatienten und Ärzten über Deutschlands Grenzen hinweg ergeben. Das sind keine wissenschaftlichen Studien, sondern MEINE Recherchen aus vielen Gesprächen. Die mögen vielleicht nicht repräsentativ sein, aber ergeben ein Stimmungsbild. Und das ist in der Regel der Beginn einer Veränderung in der (gesellschaftlichen) Denkweise.

    Übrigens beobachte ich, dass die Süddeutsche Zeitung immer öfter so vage Themen wie Naturmedizin und Geistheilung aufgreift. Nur ein Trend?