“Der Energiewende entgegen stehen die Interessen der großen Energiekonzerne”

Am Samstag setzten 120.000 Menschen in einer 120 Kilometer langen Menschenkette ein Zeichen gegen Atomkraft. Jens-Martin Rode* von Attac zeigt sich im Interview erfreut über die gewaltige Resonanz. Er kritisiert jedoch gleichzeitig das Anti-Atom-Gebaren einiger Politiker und warnt: “Angesichts der Tatsache, dass etliche Vertreter aus der Politik bei den großen

tegfdkl.jpgAm Samstag setzten 120.000 Menschen in einer 120 Kilometer langen Menschenkette ein Zeichen gegen Atomkraft. Jens-Martin Rode* von Attac zeigt sich im Interview erfreut über die gewaltige Resonanz. Er kritisiert jedoch gleichzeitig das Anti-Atom-Gebaren einiger Politiker und warnt: “Angesichts der Tatsache, dass etliche Vertreter aus der Politik bei den großen Energiekonzernen in Lohn und Brot stehen, sollte man aufpassen, dass die politischen Entscheidungsträger nicht Einfluss auf den Widerstand nehmen.”

RE: Waren Sie selbst überrascht von der Resonanz auf die Aktion?

Rode: Offen gesagt, war ich positiv überrascht. Ich hatte nicht grundsätzlich daran gezweifelt, dass die Anti-Atom-Kette zustande kommen würde. Das Thema “Atomausstieg” beschäftigt derzeit viele Menschen.  Der Protest gegen die Atomkraft erfasst ein breites Spektrum der Bevölkerung. Aber eine so große Anzahl an TeilnehmerInnen hatte ich nicht erwartet. Aber auch die Resonanz auf die gleichzeitig stattfindenden Aktionen “Biblis umzingeln”, der Großdemonstration in Ahaus und dem Anti-Atom-Treck war bemerkenswert.

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“Auf der Kundgebungsbühne in Elmshorn hatte man das Gefühl, Herr Gabriel zöge eine Wahlkampfrede Schema F aus dem Jackett”

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RE: Ziel der Demonstration ist es, die von der schwarz-gelben Regierung diskutierte Verlängerung der AKW-Laufzeiten zu verhindern. Glauben Sie, dass der öffentliche Widerstand nun größeren Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger nehmen wird?

Rode: Zumindest setzt die große Teilnehmerzahl ein deutliches Signal. Ob die Aktionen vom letzten Samstag z.B. angesichts der bevorstehenden Landtagswahl in NRW nun wahlentscheidend sein können oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Das steht für mich als Aktivist bei Attac aber auch nicht im Vordergrund. Wichtiger als der Protest im Rahmen von spektakulären Einzelaktionen ist der permanente Widerstand in der Bevölkerung. Die Frage der Energieversorgung ist eine der zentralen Schlüsselfragen der Zukunft. Sie ist zu wichtig, um sie den Politikern zu überlassen. Notwendig ist angesichts des Klimawandels eine Energiewende insgesamt. Die Frage der Atomenergie ist in diesem Zusammenhang ein Teilaspekt. Die Parteien haben in den lokalen Bündnissen zur Mobilisierung zum Teil konstruktiv mitgearbeitet. Andererseits war aber auch das Bestreben zu spüren, sich mit der Parteiprominenz entsprechend in Szene zu setzen. Auf der Kundgebungsbühne in Elmshorn etwa hatte man das Gefühl, Herr Gabriel zöge eine Wahlkampfrede Schema F aus dem Jackett und hatte extra für die Anti-Atom-Bewegung die passenden Vokabeln eingefügt. Angesichts der Tatsache, dass etliche Vertreter aus der Politik bei den großen Energiekonzernen in Lohn und Brot stehen, könnte man die Frage fast umdrehen: man sollte aufpassen, dass die politischen Entscheidungsträger nicht Einfluss auf den Widerstand nehmen.

RE: Ist Umweltminister Röttgen (CDU) Ihrer Meinung nach ein Freund der Anti-Atomkraft-Bewegung?

Rode: Nein.

RE: Zur Tschernobyl-Katastrophe, die sich am Montag jährte: Trotz des Risikos das von Kernkraftwerken ausgeht, werden weltweit weiterhin neue AKW gebaut, manche sprechen gar von einer Renaissance der Kernkraft. Wie präsent ist das verheerende Ereignis von 1986 noch im kollektiven Gedächtnis?

Rode: Leider ist der Reaktorunfall eindeutig zu wenig präsent. Aber die allgemeine Skepsis gegen die Atomkraft dürfte zumindest in Deutschland zum Allgemeingut geworden sein. In anderen Ländern sieht das womöglich anders aus.

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“Der Betrieb von Atomkraftwerken bremst den Ausbau der erneuerbaren Energien”

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RE: Was antworten Sie Menschen, die mit einer drohenden
Energie-Versorgungslücke sowie im Verhältnis zu bspw. Kohlekraftwerken geringen CO2-Emissionen von Kernkraftwerken und der daraus resultierenden Notwendigkeit der Verlängerung der AKW-Laufzeiten argumentieren?

Rode: An dieser Stelle ist wohl auch die Gegenfrage erlaubt: fossile Brennstoffe und Uran sind endliche Rohstoffe. Werden die Kohle- und Atomkraftwerke nicht durch Anlagen auf Basis der erneuerbaren Energien ersetzt, dann drohen in der Zukunft gravierende Versorgungslücken. Von den bestehenden Atomkraftwerken ist eine erhebliche Anzahl zudem gar nicht am Netz. Trotzdem ist noch nirgendwo das Licht ausgegangen. Im Gegenteil: der Betrieb von Atomkraftwerken bremst den Ausbau der erneuerbaren Energien und sorgt dafür dass z.B. Windkraftanlagen abgeschaltet werden müssen, weil sie sich zeitweilig nicht in das Netz integrieren lassen. Atomkraftwerke verursachen beim Betrieb in Deutschland wenig CO2, das mag so sein. Doch geschieht die Gewinnung des Urans und die notwendige Aufbereitung unter einem erheblichen Energieeinsatz. Zudem verursacht der Uranabbau in den Herkunftsländern massive Umweltprobleme und die Entsorgungsfrage ist mitnichten gelöst. Die Probleme eines hierzulande ach so sauberen Atomkraftwerks werden sozusagen “globalisiert”.

RE: Wann werden erneuerbare Energien technisch so weit entwickelt sein, dass sie konventionelle fossile Energieformen und die Atomenergie komplett ablösen können?

Rode: Sich in dieser Frage auf eine konkrete Jahreszahl festzulegen, wäre sicher nicht seriös. Aber angesichts des derzeitigen Ausbaus der erneuerbaren Energien bin ich sehr optimistisch, dass eine Energiewende innerhalb einer Generation gelingen könnte. Aber eines sollte man dabei bedenken: eine Energiewende bedeutet nicht nur den Austausch alter Technik durch neue. Sie ist keine rein technische Frage. Voraussetzung für einen konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien ist ein Umbau der Energiewirtschaft insgesamt. Schon heute produzieren Häuslebauer mit einer Solaranlage auf dem Dach mehr Strom, als sie benötigen. Überall entstehen Bürger-Solar-Parks, ganze Landstriche entwickeln sich zu 100-Prozent-erneuerbare-Energien-Regionen, einst von Subventionen abhängige Landwirte werden Energiewirte und schaffen regionale Wertschöpfungskreisläufe. BürgerInnen kaufen “ihren” Stromversorger. Wie wäre es denn, wenn nicht nur Privatpersonen durch bewussten Konsum ihren Atomausstieg selber machen, sondern ganze Stadtwerke beschließen, ihren Strom Kohle- und Atomfrei zu produzieren oder einzukaufen? Was der Energiewende entgegen steht, sind die Interessen der großen Energiekonzerne, welche weiterhin den Strom ihrer großen Kohle- und Atomkraftwerke mit hohem Gewinn verkaufen wollen. Deswegen ist die Energiewende zuerst eine gesellschaftliche Frage. Energieversorgung muss wieder als Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge betrachtet werden. Deswegen gehören entgegen dem allgemeinen Privatisierungstrend z.B. Stromnetze in öffentliche Hand. Die Strukturen der großen Konzerne sind schlichtweg überflüssig. Sie gehören in kleinere Einheiten zerlegt, die demokratisch kontrollierbar sind. Hier stellt sich die Eigentumsfrage.

RE: Es zeigt sich, dass der Widerstand gegen die Atomkraft nicht nur ein 68er Phänomen ist, auffallend viele Jugendliche nahmen am Protest teil. Stimmt Sie das hoffnungsfroh für die Zukunft der Anti-Atomkraft-Bewegung?

Rode: Ich habe im Vorfeld zu der Menschenkette unter anderem Infoveranstaltungen mit Jugendlichen organisiert. Ich war überrascht, auf welch großes Interesse ich gestoßen bin und wie gut die Zusammenhänge in der Generation, die jetzt erwachsen wird, präsent sind. Das stimmt mich optimistisch.

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“Der heutige Protest gegen die Laufzeitverlängerung ist vergleichsweise harmlos und hat eher Eventcharakter.”

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RE: Falls es trotz der Proteste zu einem politischen Beschluss zur Laufzeitverlängerung kommen sollte – Rechnen Sie mit einem Wiederaufleben der massiven Proteste gegen Atommülltransporte?

Rode: Ja. Die Proteste haben heute mit Sicherheit einen anderen Charakter angenommen. Sie werden von einem breiten Spektrum der Gesellschaft getragen. Die Protestformen sind dabei andere geworden. Eine Menschenkette zieht 120.000 Menschen an. Der heutige Protest gegen die Laufzeitverlängerung ist dabei vergleichsweise harmlos und hat eher Eventcharakter. So wurde dementsprechend die Menschenkette wenig von Polizei begleitet. Die Reaktion der Ordnungsmacht ist zurückhaltend. Zu Zeiten der Freien Republik Wendland gab es da noch andere Bilder. Aber die gesellschaftliche Auseinandersetzung wird sicherlich noch an Schärfe zunehmen. Parallel wird auch eine aktive Klimabewegung entstehen. Gerade die Castortransporte könnten die Dringlichkeit von zivilem Ungehorsam erneut vor Augen führen.

dgsfsdf.jpg*Jens-Martin Rode von der Attac AG Energie Klima Umwelt war für Attac im Trägerkreis der Menschenkette

Interview: Adrian Restemeyer, Felix Kubach

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