Der größte Feind des Anwalts ist der eigene Mandant.

Das Leben bringt uns immer wieder dazu, gründlich über Freundschaft und Feindschaft nachzudenken. Es gibt enge Beziehungen, die wir uns generell als offen, ehrlich und freundlich vorstellen. Die Beziehung zum Lebenspartner, zu Kindern, Freunden, aber auch zu Geschäftspartnern, Auftraggebern und Kunden malen wir uns gern im schönsten Sonnenschein aus und

ifranz.jpgDas Leben bringt uns immer wieder dazu, gründlich über Freundschaft und Feindschaft nachzudenken. Es gibt enge Beziehungen, die wir uns generell als offen, ehrlich und freundlich vorstellen. Die Beziehung zum Lebenspartner, zu Kindern, Freunden, aber auch zu Geschäftspartnern, Auftraggebern und Kunden malen wir uns gern im schönsten Sonnenschein aus und geben uns baff erstaunt, wenn es da immer wieder hagelt. Wir sind moralisch empört, wenn unser Freunde sich gegen uns stellen. Dabei ist das beileibe keine seltene Ausnahme.

Bei allem eigentlich guten Willen bleibt es nicht aus, dass wir erleben, dass uns jemand feindlich gegenübertritt oder dass wir feststellen, dass wir selbst ihm feindlich gesonnen sind. In unserer Vorstellung sind Feinde die Gegner im Prozess, die Konkurrenten im Wettbewerb und Dritte, die Einfluss auf unser Leben nehmen können ohne dass sie uns verpflichtet wären. Nach dem Motto: “Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!” In letztere Kategorie fallen auch die Richter im Prozess, denen man ja nicht trauen kann. Schließlich glauben fast alle, dass man “vor Gericht  und auf hohere See immer in Gottes Hand” sei. Ganz selbstverständlich hasst man den Anwalt, der den Prozessgegner vertritt und die Geschäftspartner und Kunden des Konkurrenten, der einem das Wasser abgräbt. Wenn aber von Feindesseite Gutes kommt, verstehen wir die Welt nicht mehr.

Irgendwann wird fast jeder Mensch von der Realität eingeholt und wird aus solchen Träumen gerissen.

Da erweist sich der gegnerische Anwalt als besonders klug und verständig, sodass man ihm seinen nächsten Prozess anvertraut. Der Richter beweist eine großartige Beobachtungsgabe und Urteilskraft und findet überraschender Weise heraus, mit welchen schrägen Zügen der Prozessgegner versucht hat, uns zu schaden. Der beste Freund erweist sich als neidisch und missgünstig, der Lebenspartner sorgt überraschender Weise nur für sich selbst und seine Familie. Geschäftspartner und selbst die eigenen Kinder versuchen, einem das Geschäft weg zu nehmen. Die Auftraggeber und Kunden erweisen sich als bösartig, täuschen Mängel vor und drücken sich vor der Zahlung. Am Ende zeigen sie einen noch blindwütig bei allen möglichen Stellen an.

Was läuft denn da schief? Nichts. C’est la vie!

Die Beziehungen zwischen den Parteien und ihren Anwälten sowie zum Gericht machen prototypisch deutlich, wie sehr die wirkliche Welt der menschlichen Beziehungen von der vorgestellten Verhaltensmoral abweicht. Die Situation vor Gericht ist leicht auf andere menschliche Beziehungen zu übertragen.

Als junger Anwalt war es mir vergönnt, eine zeitlang als Angestellter für den 2002 verstorbenen bei Richtern, Kollegen und Klienten regelrecht berühmten, einmalig geschliffenenen und noblen Rechtsanwalt Dr. Gerhard Rock aus Iserlohn zu arbeiten. Dieser schockte mich Greenhorn damals mit einer Rede, die er in seinem langen Anwaltsleben bestimmt anderen Berufsanfängern auch gehalten hat:

Der größte Feind des Anwalts ist der eigene Mandant.

Ihm ist der Anwalt verpflichtet, von ihm droht Unheil. Wenn er nicht zufrieden ist, lässt er seinen Anwalt im Zweifel mitten in der Sitzung hängen. Natürlich will er seinen Anwalt nicht bezahlen. Den nächsten Prozess führt er mit dem gegnerischen Anwalt. Vor dem eigenen Mandanten musst Du Dich in Acht nehmen, vor niemand sonst.

Der Prozessgegner ist nicht der Feind des Anwalts.

Sei bei allem Einsatz für Deinen Mandanten nett zu ihm und er kommt demnächst zu Dir.

Der gegenerische Anwalt ist gar kein Feind.

Er will zwar Deine Mandate, aber mach Deine Arbeit gut und der Mandant wechselt nicht einfach so zu Deinen Kollegen auf der anderen Seite. Kollegen, die sich Mühe im Umgang miteinander machen und sich nicht angiften, sind viel erfolgreicher als die Schreihälse.

Der Richter ist der Partner des Anwalts.

Der Anwalt tragt auf Augenhöhe mit dem Gericht diesem so vor, so dass er alle günstigen Umstände erkennt und ein vorteilhaftes Urteil schreiben kann. Der Richter hat  kaum einmal ein persönliches Interesse am Ausgang des Verfahrens. Wenn der Anwalt sich vor Gericht fair, konsequent, aber bei Bedarf auch verbindlich zeigt, hat er den Richter vom Gefühl her auf seiner Seite. Erbärmlich ein Anwalt, der sich vor dem Gericht fürchtet.

Diese Rede klingt nur auf den ersten Blick ketzerisch. Wir alle tun gut daran, unseren Freunden zu vertrauen – aber nicht blind-naiv – und unsere Feinde im Auge zu behalten – aber nicht zu verteufeln.

Photo Quelle/Copyright: ifranzmedia, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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