Kon nichiwa – oder so ähnlich. Das heißt so viel wie “Guten Tag” und ist eine der wenigen japanischen Vokabeln, die ich verstehe…
Vom 14. Bis 19. April 2010 fand in Frankfurt am Main das zehnte japanische Filmfestival Nippon Connection statt. Japanisches Kino ist weit mehr als Samurai-Filme, Godzilla oder Zeichentrickfilme. Das Spektrum umfasst darüber hinaus Fantasy-Filme, Action, Komödie, Tragödie und Horror sowie die so genannten Pink Eiga, eine Mischung aus Soft-Porno und Autorenfilm. Nippon Connection zeigt einen Querschnitt des aktuellen japanischen Kinos, Digitalprojektionen japanischer Nachwuchskünstler, eine Retrospektive – diesmal das Beste aus neun Jahren Nippon-Connection – sowie ein umfassendes kulturelles und gastronomisches Rahmenprogramm zwischen traditioneller Teezeremonie und aktueller Kunst. Spielorte sind das Festivalzentrum im Studierendenhauses des Campus Frankfurt-Bockenheim sowie zwei Frankfurter Programmkinos.
Das Design im Festivalzentrum ist seit den Anfangsjahren konsequent in pink und rosa gehalten. Die Räume sind rosa beleuchtet. Sogar die Hinweisleuchten für die Notausgänge sind mit rosa Folien überklebt. Früher waren sogar die Eintrittskarten mit roter Schrift bedruckt, was im Eingangsbereich zu der kuriosen Situation führte, dass bei der rosa Beleuchtung die Beschriftung der Eintrittskarten unlesbar war. Und die Toiletten sind mit Originaltonaufnahmen aus der U-Bahn von Tokio beschallt – ja, wirklich.
Das Festival ist komplett ehrenamtlich organisiert. So wird dann vom Publikum auch sehr wohlwollend mit Pannen und Verzögerungen und anderen kleinen Problemen umgegangen – eigentlich würde ein Großteil des Publikums sogar etwas vermissen, wenn alles ohne kleine Probleme abliefe; große Probleme gibt es nicht.
Alle Kinofilme, die bei Nippon mindestens Deutschlandpremiere werden, können vom Publikum bewertet werden und nehmen an einem Wettbewerb um den Nippon-Cinema-Award teil, der von einem Bankhaus gestiftet wird. Zur Bewertung erhalten die Kinogäste Zettel im Postkartenformat, die im Bewertungsspektrum zwischen fünf Sternen (sehr gut) und einem Stern (zum Davonlaufen) eingerissen werden. Anhand dieses Bewertungsspektrum benote ich im Folgenden die Filme mit Sternen. Die Filme werden bis auf sehr wenige Ausnahmen in japanischer Originalfassung mit englischen Untertiteln gezeigt.
Mittwoch, 14. April (Eröffnungsabend)
Ca. 18:00 Uhr. Ich komme direkt von der Arbeit, habe Schwierigkeiten, einen Parkplatz zu finden, denn es ist Messe, und esse in einem asiatischen Restaurant. Früher arbeitete ich in dem Viertel und kenne das Restaurant noch aus früheren Jahren. Die Gerichte waren sehr vielfältig und durchaus raffiniert. Jetzt ist das Restaurant offensichtlich unter neuem Management und bietet nur Baukasten-Gerichte mit Standard-Soßen. Schade. Während ich da bin, erscheinen nacheinander zwei Lederjacken- und Sonnenbrillen-tragende Männer mit Thai-Boxer-Statur und tauschen mit dem Barmann Alu-Folien-Päckchen gegen größere Bargeldbeträge. Aber es muss bestimmt etwas Anderes gewesen sein, als ich zuerst dachte.
19:30 Uhr: Eröffnung im Festivalzentrum. Es sprechen die Festivalleitung sowie die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst. Die Ministerin lobt die kulturelle Bedeutung des Festivals und die Karrierechancen japanischer Filmkünstler durch das Festival. Nun haben wir die Situation, dass der Campus in den nächsten Jahren umziehen wird und das Gelände vom Land Hessen an Finanzinvestoren verkauft werden soll. Somit sind auch die Zukunft des Festivals bzw. eines geeigneten Standortes ungeklärt. Dazu sagte die Ministerin leider nichts.
Ein Pop-Musiker, der in Japan sehr bekannt ist, trägt mit der Gitarre einen Song vor, dessen Titelzeile so viel bedeutet wie “In 100 Jahren wird meine Liebe zu Dir nicht vergangen sein.” Die Lautsprecher funktionieren zwischenzeitlich nicht. Der Künstler singt laut genug, damit alle ca. 400 Kinogäste etwas davon haben. Er spricht offensichtlich gut deutsch und wechselt mehrfach zwischen japanisch und deutsch, wobei die Textzeile “In 100 Jahren werden die Lautsprecher wieder gehen.” für sehr viel Heiterkeit sorgt.
Eröffnungsfilm:
THE CHEF OF SOUTH POLAR von Shuichi OKITA, 2009
Völlig unvorbereitet muss Nishimura für seinen verletzten Kollegen einspringen. Kurzerhand wird er an den Südpol beordert, als Koch für die 8köpfige Forschercrew der Station Dome Fuji. Seine Tochter und Ehefrau zurücklassend, wird er dort für ein Jahr verpflichtet und sorgt für das leibliche und seelische Wohl der Besatzung. Mit großer Situationskomik gestaltet Shuichi OKITA die kleinen Sorgen und großen Probleme der Forschergruppe, die in der menschenfeindlichen Umgebung existentielle Sinnkrisen zu überwinden haben. Wer kann sich schon ein Leben ohne eine leckere Ramen-Suppe vorstellen? Ausgezeichnet mit dem Golden Shindo Kaneto Director Award 2009.Ein sehr unterhaltsamer Film. Trotz schwacher Kameraarbeit gelingt es dem Regisseur, Situationen gut zu beobachten. Neben der Forschungsarbeit treiben die Antarktis-Bewohner allerlei Schabernack wie das Grillen eines Bratens am offenen Feuer im Freien oder ein Baseball-Spiel auf einem Spielfeld, welches mit Fruchtsaft im Schnee angelegt wird. Irgendwann bricht der Lagerkoller aus, weil sich die Sonne auf die nördliche Hemisphäre zieht und die Antarktis in Monate langer Dunkelheit zurück lässt. Außerdem sind die Grundzutaten für die traditionelle japanische Nudelsuppe aufgebraucht, was für echte Depressionen sorgt. Koch Nishimura gelingt es, aus Mehl und – wenn ich das richtig verstanden habe – Forschungschemikalien Ramen (Nudeln) herzustellen, und rettet die Situation. Völlig unrealistisch ist allerdings die Situation, in der einer der Forscher aus Jux in Unterwäsche bei 70 Grad minis im Freien ausgesetzt wird, ohne dauerhafte Schäden davonzutragen.
Insgesamt ein guter Eröffnungsfilm, der gute Laune macht. Vier Sterne ****
Ca. 22:15 Uhr im Festivalzentrum
HEAVENS DOOR von Michael Arias, 2009
Der 28jährige Automechaniker Masato und die 14jährige Harumi sind schwer krank und haben beide nicht mehr lange zu leben. Nach einer durchsoffenen Nacht beschließen sie, ein erstes und letztes Mal ans Meer zu fahren. Für diesen Zweck kommt ihnen ein unachtsam vor dem Krankenhaus abgestelltes Luxusauto gerade recht. Damit beginnt ein Road Trip der besonderen Art – verfolgt von der Polizei, die eine Entführung vermutet, und von Kriminellen, denen das Auto mit dem Geld im Kofferraum gehört. Michael Arias, bekannt als Regisseur des Animes TEKKON KINKREET, überzeugt bei seinem Spielfilmdebüt mit der Adaption des erfolgreichen deutschen Road Movies KNOCKIN’ ON HEAVEN’S DOOR, der Soundtrack kommt von dem britischen Elektropopduo Plaid.Der US-Amerikaner Michael Arias kommt aus dem Bereich der visuellen Effekte, blieb irgendwann in Japan hängen und arbeitete dort im Bereich Animationsfilme. Was bringt so jemanden oder überhaupt jemanden dazu, eine Neuverfilmung von KNOCKING ON HEAVENS DOOR zu drehen? Mir gefallen weder dieser Film noch Til Schweiger als Schauspieler. Die Geschichte ist aus dem britischen Film DIE FALKEN mit Ex-Bond Timothy Dalton und einer Episode von PULP FICTION zusammengestümpert. Allerdings imponiert mir der Unternehmergeist von Til Schweiger, der die Filmidee während einer Taxifahrt vom Taxifahrer erzählt bekam, die Kontaktdaten mit ihm austauschte, den Film produzierte, die Hauptrolle spielte und dem Taxifahrer die Regie überließ.
Aus einem der jungen Männer wird in der japanischen Neuauflage ein 14jähriges Mädchen. Was hätte aus diesem Stoff alles gemacht werden können. über die Todesangst und den Prozess des Sterbens hinaus hätte der Film ein echtes Abenteuer über Gefühle, Sehnsüchte, das Auskosten des letzten Lebensabschnitts, das Genießen, den letzten (oder ersten) Sex und alles Mögliche werden können. Michael Arias hat optisch durchaus Einiges drauf, versagt allerdings als Geschichtenerzähler und langweilt sein Publikum. Der originellste Moment ist während meiner Anwesenheit die visuelle Umsetzung eines epileptischen Anfalls, was hier einfach nur daneben wirkt. In Til Schweigers Film wird einer der kriminellen Verfolger von Moritz Bleibtreu gespielt, von dem ich ebenfalls sehr wenig als Darsteller halte. Allerdings muss man anerkennen, dass er hier für Tempo sorgt und durch diese immerhin Rolle in die A-Liga der deutschen Schauspieler aufstieg. In dieser Neuverfilmung werden die beiden kriminellen Schergen zu völlig bedeutungslosen Nebenfiguren degradiert.
Nachdem ich an diesem Tag um 5:00 Uhr aufstand, einen fast zehnstündigen Arbeitstag hinter mir habe und mich auf den Mehrzweckstühlen kaum noch halten kann, schlafe ich immer wieder kurz ein, was allerdings auch erheblich an dem Film liegt. Zuzuschauen, wie Farbe an der Wand trocknet, könnte kaum uninteressanter sein. Fazit: 1 Stern *. Zum Davonlaufen. Nach ca. einer Stunde fahre ich heim in mein Bett.
22:15 Uhr im Festivalzentrum
SYMBOL von Hitoshi MATSUMOTO
Ein Mann erwacht in einem türenlosen Raum. Er hat Hunger und möchte nach Hause. Wenn er auf die Penisse in der Wand wohnender Putten drückt fallen hilfreiche Dinge aus der Wand. Möglicherweise bringen ja Sushi, eine Vase, ein Seil und ein Schlüssel die Freiheit. Vielleicht ist unser Held auch Gott. Aber kann Gott so doof sein? Gleichzeitig bereitet sich ein schmächtiger Wrestler in einer mexikanischen Kleinstadt auf einen aussichtslosen Kampf vor. Nach DAINIPPONJIN liefert Regisseur und Hauptdarsteller Hitoshi MATSUMOTO erneut ein Spektakel ab, das an absurdem Wahnsinn kaum zu übertreffen ist. Perfekt choreographierter Slapstick trifft auf menschliche Tragödie. Religiöse Symbolik auf totalen Blödsinn. Ein unglaubliches Meisterwerk.
Ein sehr unterhaltsamer und absurder Film. Typisch japanisch.Dem Mann im Raum gelingt es nach einiger Forschungsarbeit über die Zusammenhänge der verschiedenen Druckknöpfe, aus dem betreffenden Raum auszubrechen. Allerdings gelangt er in einen zweiten Raum mit erwachsenen Engeln in der Wand. Als er dort auf den ersten Dödel drückt, greift er damit direkt in das Ringkampfgeschehen in Mexiko ein. Mehr will ich nicht verraten. Der Film kommt bestimmt auf DVD heraus.
Gezeigt wird eine Digitalprojektion. Viele stört das, mir macht es nicht viel aus. Das liegt auch daran, dass diese Art von Filmen besonders gut für Filmfestivals geeignet sind. In einer normalen Kinovorstellung bzw. auf DVD würde das ohne ein gleichgesinntes Publikum nicht so viel Spaß machen.
Drei von fünf Punkten ***
im Festivalzentrum
14:30 Uhr. Ich bin mit dem Fahrad da. Es ist angenehm sonnig und ich komme mit einem Platten an.
CHOCOLATE UNDERGROUND von Takayuki HAMANA
In einem imaginären Staat der Zukunft kämpfen zwei tapfere Teenager, Huntley und Smudger, gegen die Schokoladenprohibition. Die regierende Partei “Good for You” verweigert den Menschen jegliche Süße des Lebens. Doch hinter verschlossenen Türen wird mit klammheimlich erworbenen Zutaten Schokolade hergestellt und in dem Süßwarenladen von Freundin Louise unter der Ladentheke gehandelt. Es wird sogar eine Schokoladen-Partei gegründet. Bei einer Razzia wird jedoch ein Freund von Huntley und Smudger von der Schokoladenpolizei verhaftet. Von nun an kämpfen sie mit allen Mitteln gegen die tyrannische Diktatur. Das nach einen Kinderbuch von Alex Shearer spannend inszenierte Anime lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Dieses Anime kann durchaus als Zeichentrick-Variante von FAHRENHEIT 451 bezeichnet werden; in FAHRENHEIT sind in einem totalitären Staat Bücher verboten und werden verbrannt.
Manche Handlungselemente in CHOCOLATE UNDERGROUND sind durchaus bedrohlich inszeniert und dadurch ist der Film geeignet, bei Kindern ein Gespür für Demokratie bzw. demokratiefeindliche Tendenzen zu entwickeln. Bei zwei der jugendlichen Hauptpersonen bin ich am Anfang unsicher, ob sie Mädchen oder Jungs sind, bis mir klar ist, dass es Jungs sind, denn sie sind mit hohen Stimmen synchronisiert und einer von beiden trägt Ohrringe beidseitig.
Gelungen und gut animiert. Vier Sterne ****
BARE ESSENCE OF LIFE (Urutora mirakuru rabu sutori) von Satoko YOKOHAMA
Yojin ist ein exzentrischer junger Bauer, dessen Leben sich um die Bewirtschaftung des Gemüsegartens seiner Großmutter dreht. Als er Machiko begegnet, ist es um ihn geschehen. Nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, besucht er Machiko täglich, um ihr seine Liebe zu gestehen. Doch Machiko ist traumatisiert: Die Erinnerung an den Unfalltod ihres Freundes verfolgt sie bis in diesen abgelegenen Ort. Die Vergangenheit kann man nun einmal nicht so einfach vergessen, oder doch? Yojin will sich jedenfalls nicht geschlagen geben Der Film zeichnet ein lebendiges Bild des Landlebens mit einem überzeugenden Ken’ichi MATSUYAMA (DETROIT METAL CITY, KAIJI) als Yojin.
Die Filmrolle ging auf dem Transport verloren. Daher wird der Film als DVD gezeigt. Das ist optisch sehr nervig, aber das Endergebnis wäre auf Film auch nicht besser. Längere Zeit dreht sich der Film um die Frage, ob für den Gemüsegarten Pestizide angeschafft werden sollten oder nicht. Der Höhepunkt ist tatsächlich eine Szene, in der Jungbauer Yojin eine Kundin beschimpft und mit Gemüse bewirft.
Zum Davonlaufen. 1 Stern *
Nach ca. einer ¾ Stunde gehe ich.
Ca. 18:00 Uhr: Essen bei einem andern Asiaten, den ich von früher kenne, und wo es mir bisher schmeckte. Vieles hängt ja von der Tagesform des Koches ab. Hier schmeckt das gemischte Gemüse nach vietnamesischer Art nur nach ranzigem Bratöl. Bäh. Und es dauert auch noch ganz schön lange.
19:45 Uhr
TOAD´S OIL von Koji YAKUSHO, 2009
Der exzentrische Börsen-Makler Takuro hat vermeintlich sein Leben im Griff, selbst einen großen finanziellen Verlust steckt er mit Humor weg. Doch als sein Sohn Takuya einen schweren Autounfall hat und ins Koma fällt, weiß er nicht damit umzugehen. Als Takuyas Handy klingelt, meldet Takuro sich mit dem Namen seines Sohnes. Damit beginnt eine ungewöhnliche Geschichte über die Verarbeitung von Trauer, die Tragik und Komik gekonnt verbindet. Das fulminante Regiedebüt von Schauspielstar Koji YAKUSHO (SHALL WE DANCE?), der selbst die Hauptrolle spielt, fasziniert mit einer eigenwilligen Emotionalität, die intensiv ist, aber nie schwermütig wird.
Regisseur und Hauptdarsteller Koji Yakusho war als Gast angekündigt. Aber er steckt schon wieder in Dreharbeiten, wurde aufgehalten und musste leider absagen.
Japanische Tragödien über Tod und familiäre Verluste können sehr öde sein. Hier ist das zum Glück nicht so. Regisseur Yakusho gelingt es, ein schwieriges und bedrückendes Thema mit immer neuen Einfällen interessant und innovativ zu halten. In einer sehr skurille Szene werden Takuro und der beste Freund seines Sohnes beim Campen im Wald von einem Bären verfolgt, der offensichtlich computer-animiert ist und teilweise aussieht wie ein Werwolf. Die Kameraarbeit ist im gesamten Film sehr gelungen. Die Telefonbeziehung von Takuro in der Rolle seines mittlerweile verstorbenen Sohnes und dessen Freundin hätte etwas kürzer gehalten werden sollen.
Starke Leistung. Vier Sterne ****
22:15 Uhr
THE BLOOD OF REBIRTH von Toshiaki TOYODA, 2009
In Anwesenheit des Regisseurs
Wen kümmert schon der Tod? Für den Frevel seine heilenden Hände keinem Regime unterzuordnen wird Masseur Oguri vom launischen Lord ins Jenseits befördert. Vom Scheideweg zwischen Himmel und Hölle geht es für Oguri jedoch als Gefangener seines eigenen leblosen Körpers wieder zurück ins Diesseits – auf die quälende Reise zur Quelle des Lebens, was schließlich in einer absurd-exzentrischen Auflösung von Raum, Zeit, Leben, Tod und anderen lästigen Fesseln menschlichen Daseins kulminiert. Nach 4jähriger Leinwandabstinenz schleudert Regisseur Toshiaki TOYODA nun sein Rockpoem in die Filmwelt und bricht sich mit sengenden Gitarrenhieben den Weg zu seinem angestammten Platz unter den vitalsten Regisseuren Japans frei. Ein Re-Debüt mit monumentalem Ausrufezeichen.
Toshiaki Toyoda ist nicht zum ersten mal bei Nippon Connection. Er ist ein Könner und beherrscht vom Familiendrama bis zum Gangster-Thriller wahrscheinlich alles. Sogar ein Dokumentarfilm über japanische Profi-Ringerinnen gab es mal von ihm zu sehen. Mit diesem Film kann ich leider nicht viel anfangen. Handlung und Inszenierungsstil lassen mich überwiegend unbeeindruckt. Es war auch ein anstrengender Tag.
Regisseur Toyoda erzählt, dass sein Film auf einem Spezialfestival mit sehr lauten Filmen mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Der Film ist in der Tat sehr laut und der Ton ist an vielen Stellen übersteuert, was sehr störend ist.
Zwei Sterne **
Ich kann mein Fahrrad wieder so weit aufpumpen, dass ich mit einmal Nachpumpen nach Hause komme. Die nächtliche Temperatur beträgt 6 Grad und ich friere sehr an den Händen.
im Festivalzentrum
Ich bin mit öffentlichen Verkehrsmitteln da, denn zwischenzeitlich werde ich zur Retrospektive ins Programmkino mal seh´n wechseln, was weder mit dem Auto noch mit dem Fahrrad zeitnah zu schaffen ist.
12:00 Uhr
NO MORE CRY !!! von Nobuo MIZUTA, 2009
Die beiden Brüder Yuta und Yusuke sind sich bisher noch nie begegnet. Yuta wurde von seinem Vater verlassen und landete schließlich bei einem Restaurantbesitzer, der ihn wie seinen eigenen Sohn aufzog. In der Zennin Einkaufsstrasse ist Yuta mittlerweile aufgrund seiner fröhlichen und hilfreichen Art allseits beliebt. Yusuke ist als eine Hälfte der Kinjo Brothers ein erfolgreicher Fernsehkomiker geworden. Während eines TV-Berichtes über das Restaurant treffen die beiden Brüder zum ersten Mal aufeinander. Keiner kennt den anderen, doch irgendwie scheint es da ein Band zu geben, das die beiden verbindet. Damit nehmen die tragikomischen Ereignisse ihren Lauf Ebenso warmherziges wie schräges Familiendrama vom Regisseur der Kultkomödie MAIKO HAAAAN!!!
Dazu gibt es nicht viel zu schreiben. Es ist eine nette gelungene Tragikomödie mit originellen Ideen, aber ohne wirkliche Höhepunkte. Sehenswert, muss ich aber nicht bis zu meinem Lebensende im DVD-Regal stehen haben.
Drei von fünf Sternen ***
14:00 Uhr
OBLIVION ISLAND – HARUKA AND THE MAGIC WOMAN von Shinsuke SATO, 2009
Die 16jährige Haruka lebt bei ihrem Vater, der kaum Zeit für sie hat. Auf einer ihrer einsamen Wanderungen entdeckt sie ein seltsames, fuchsähnliches Wesen und folgt ihm. So gelangt Haruka in eine wundersame Welt, die komplett aus vergessenen Erinnerungsstücken der Menschen zusammengebaut ist. Hier begibt sich Haruka auf die Suche nach ihren verlorenen Kindheitserinnerungen. Aber Menschen haben in dieser Welt nichts verloren, und der Baron, Herrscher über diese Welt, hat bereits ein Auge auf Haruka geworfen Damit beginnt eine abenteuerliche Jagd durch die Tiefen und Höhen von OBLIVION ISLAND. In der fantasievollen Animation verbindet sich Anime-Tradition mit modernster 3D-CGI-Technik.
Haruka folgt also einem fuchsähnlichen Wesen und fällt durch eine Wasserquelle in deren unterirdische Wunderwelt. Jawohl, das erinnert deutlich an ALICE IM WUNDERLAND; die Neuverfilmung in 3D startete wenige Wochen davor in den Kinos. Die Japaner vollbringen faszinierende Leistungen im Bereich des Animationsfilms. Jetzt fangen sie auch mit dem 3D-Mist an. Wo AKIRA sensationeller Science-Fiction-Bombast ist und die Filme von Hayao Miyazaki (Oscar und Goldener Bär für CHIHIRO REISE INS ZAUBERLAND) pure Magie sind, ist dieses 3D-Machwerk leider nichts weiter als digitale Reizüberflutung. Die dreidimensionalen Figuren sehen in den nicht durchgängig dreidimensionalen Kulissen und Hintergründen aus wie Fremdkörper und das sieht für mich aus wie ein besserer Bildschirmschoner. Das alles ist so schade, denn die Geschichte um verlorene und wiedergefundene Erinnerungen wirkt sehr reizvoll. Mir tut dieses Spektakel jedenfalls in den Augen weh und ich gehe nach einer knappen Stunde und genieße in der Sonne einen Eisbecher.
Bewertung: leider nur ein Stern *
In dieser Vorstellung waren sehr viele Kinder anwesend, denen diese moderne Form der Visualität offensichtlich gut gefällt. So wurde einer der blödesten Filme auch noch mit dem Nippon-Cinema-Award ausgezeichnet.
17:00 Uhr
CRIME OR PUNISHMENT ?!? von Keralino Sandorovich, 2009
Das zweitklassige Model Ayame lebt unbeachtet im Schatten der Supermodels. Als sie in einem Magazin ein Foto entdeckt, das sie absolut unvorteilhaft darstellt, stiehlt sie es und wird daraufhin prompt verhaftet. Um der Verurteilung zu entgehen, willigt sie ein, für die Imagekampagne der Polizei als “Polizistin für einen Tag” anzutreten. Dort begegnet sie auch ihrem alten Freund Haruko wieder, den sie immer noch mag, obwohl er neben seinem Polizeidienst Frauen ermordet. Während sich die Ereignisse überschlagen, erkennt Ayame, dass sie sich durchaus in ihrem neuen Job als Polizistin behaupten kann. CRIME OR PUNISHMENT?!? ist ein bizarrer, fast schon kafkaesk surreal anmutender Film mit einer herrlich pointierten Komik.
Wer hätte das gedacht? Bei dieser Filmgescheibung war kaum zu erwarten, dass hier ein unglaublich unterhaltsamer Film auf das Publikum wartet. Die Abenteuer der Polizistin wider Willen, ihres frauenmordenden Kollegen, der Nachbarn eines Opfers, die einen Supermarkt überfallen, der Supermarktbelegschaft entwickeln sich zu einem fantastisch verwobenen Handlungspuzzle voller origineller Ideen und Situationskomik. Bisher der Höhepunkt. Fünf von fünf Sternen *****
Ca. 19:00 Uhr. Ich habe Hunger und nicht viel Zeit, also besorge ich mir ein anderes Gemüsegericht mit Reis zum Mitnehmen beim Asiaten von gestern und löffle das in der U-Bahn-Station. Es ist ein anderes Gericht als gestern, schmeckt aber genau so mies.
20:00 Uhr im mal-seh´n-Kino
PORNOSTAR von Toshiaki TOYODA (anwesend), 1998, Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Den Film sah ich vor knapp zehn bzw. acht Jahren bereits zwei mal. Trotz eines Sitzes in der ersten Reihe, ist es eine Wohltat, zur Abwechslung mal nicht auf Mehrzweck-Stühlen zu sitzen sondern in einem echten Kinosessel.
Ein junger Mann mit einer mysteriösen Tasche streift durch Shibuya, wo Kids die Straßen beherrschen. Er spricht kaum und scheint völlig emotionslos, selbst wenn er eines seiner Messer benutzt. In plötzlichen Gewaltausbrüchen entlädt sich seine angestaute Aggression. “Es gibt zu viele überflüssige Elemente in dieser Welt” – mehr sagt er dazu nicht. Eines Tages schließt er sich einer Gang an, lässt sich aber nichts vorschreiben. Das geht nur so lange gut, bis ein Skater-Mädchen versucht LSD abzuzweigen. Das bildgewaltige Regiedebüt von TOYODA ist ein cooler Tokio-Street-Gang-Film mit tollem Soundtrack. Sein neuster Film THE BLOOD OF REBIRTH läuft im NIPPON CINEMA Programm.
Ja, die mysteriöse Sporttasche ist voll mit Messern. Und diese Messer benutzt er, um Typen, die ihm nicht gefallen abzustechen und in ihren größer werdenen Blutpfützen verenden zu lassen. PORNOSTAR ist ein roher, rauher, direkter und schmutziger Gang-Film ohne Mätzchen, dessen Atmosphäre durch das düstere, sehr grobkörnige Bild unterstützt wird. Aber cool ist hier wirklich gar nichts! Toyoda verlässt seinen krassen Realismus nur in wenigen Szenen, in denen er es Messer regnen lässt, um den gestörten Charakter zu beschreiben. Sehr gut und intensiv gespielt.
4 Sterne ****
Das Zeitmanagement ist leider nicht gut. Der Film fängt mit längerer Verzögerung an und ich muss vor Beginn des Interviews mit dem Regisseur aufbrechen, um rechtzeitig zum Beginn des nächsten Films das Festivalzentrum zu erreichen.
22:15 Uhr. Wieder zurück im Festivalzentrum. Der Saal ist ausverkauft. Ich bekomme noch einen Rasiersitz in der ersten Reihe, Mitte.
OPPAI VOLLEYBALL von Eiichiro HASUMI, 2009
Mikako ist die neue Lehrerin an der Tobata Junior High und hat die zweifelhafte Ehre das Jungen Volleyballteam zu coachen. Die Jungs haben mit Bällen jedoch nur im entfernten Sinne etwas am Hut. Besessen von ihren pubertären sexuellen Fantasien, drehen sich ihre Gedanken ausnahmslos um wohlgeformte, pralle Brüste. €šAlles was zählt ist die richtige Motivation’ denkt sich Mikako und ist plötzlich fest an ein Versprechen gebunden: Sollten ihre Schützlinge ein Match gewinnen, wird sie ihre Brüste für sie entblößen. Die Burschen trainieren härter als je zuvor in ihrem Leben. Aber kommen diese Lehrmethoden auch bei der Schulleitung gut an? Man mag es kaum glauben, aber dieser hinreißend komische Film entstand nach einer wahren Begebenheit.
Ja, warum nicht. Warum keine Schülerkomödie.
Bei Jugend-, Schul- und Universitätskomödien kann man jede Menge falsch machen. Das Schlimmste ist, die jugendlichen bzw. jungen Protagonisten für billige Witze zu missbrauchen. Damit werden sie entwürdigt und denunziert. Diese Fehler macht OPPAI VOLLEYBALL nicht, sie machen eigentlich gar keine Fehler. Die Macher nehmen ihre Figuren und ihre Gefühle und Bedürfnisse ernst und machen es trotzdem – oder gerade deswegen – möglich, mit ihnen und über sie zu lachen.
Die Darstellerin der Lehrerin ist toll. Aber die Darsteller der Jungs sind einfach grandios. Sie sind geschätzte 14 / 15 Jahre alt und steigern voller Emotionen und Hingabe sich alle in ihre Rollen hinein.
Bei jedem Training und bei jedem Spiel stellen sich die Jungs im Kreis auf und spornen sich gegenseitig mit dem Ruf “Oppai Oppai Oppai” an. “Oppai” heißt nach den englischen Untertiteln “Boobies, boobies, boobies” in die deutsche Umgangssprache übersetzt ungefähr so viel wie “Möpse”. (Jetzt ist mein geringer japanischer Wortschatz dank dieses Films um eine neues Wort bereichert. Sollte ich jemals nach Japan reisen, bin ich mit dem Vokabular für die wichtigsten Lebenslagen ausgestattet.)
Die Kameraarbeit ist gut, temporeich und dynamisch.
Der Film macht einen Riesenspaß und hinterlässt eine Superlaune. Jedem deutschen Rechteinhaber kann ich nur empfehlen, den Film für den deutschen Markt zu kaufen und im Sommer im Open-Air-Programm im Grünen zu spielen.
Bewertung: volle fünf *****
im Festivalzentrum
KAJI von Toya SATO, 2009
Kaiji ist ein Loosertyp, der von der Hand in den Mund lebt und mit seinem Leben nichts anzufangen weiß. Eines Tages wird er beschuldigt einer Kreditfirma rund 2 Millionen Yen zu schulden. Angeblich hat er gemeinsam mit einem Arbeitskollegen, der spurlos veschwunden ist, einen Kreditvertrag unterschrieben. Kaiji hat keine Idee, wie er die Schulden abbezahlen soll. Da macht ihm die Kreditfirma ein lukratives Angebot: Er könne über Nacht seine Schulden auf dem Schiff Espoir (Hoffnung) los werden, wenn er bei einem mysteriösen Spiel gewinnt. Ein nervenzerreissendes Abenteuer nimmt seinen Lauf. Die spektakuläre Realverfilmung der gleichnamigen Mangaserie wartet mit eindrucksvollen Bildern, einer mitreißenden Filmmusik und dramatischen Szenen auf.
Wer bei diesem Spiel verliert, wird als Sklave in ein unterirdisches Arbeitslager deportiert und muss die Schulden für einen fiktiven Minilohn in Jahre langer Schwerstarbeit tilgen. Auserwählte bekommen die Chance, das Arbeitslager zu verlassen, müssen dafür aber selbstmörderische Mutproben bestehen, die von den Veranstaltern per Video-Direktübertragung beim Luxusbankett beobachtet werden; die Wenigsten überleben und jeder Todesfall wird vom dekadenten Publikum mit Applaus und Gegröhle gefeiert. Eine eindringlichere Umsetzung der totalen Ausbeutung ist mir aus den letzten Kinojahren nicht bekannt.
Kaji muss zuletzt eine abschließende Prüfung bestehen, die aus mehreren Runden eines Kartenspiels besteht. Diese Szenenabfolge dauert vorsichtig geschätzt eine halbe Stunde und besteht größtenteils aus Dialogen bzw. eingespielten Gedankenspielen um die nächsten Züge und die folgende Spieltaktik in allen Varianten. Wäre mir das so vorher erzählt worden, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass dieser filmische Ablauf eines Kartenspiels so spannend und fesselnd sein könnte.
Spitzenklasse.
Volle Punktzahl *****
Die nächsten Filme machen im Filmprogramm den Eindruck von deprimierenden Tragödienstoffen. Abgesehen vom Film aus der Retro, den ich schon kannte, hatte ich nacheinander drei Spitzenfilme im Programm. Besser kann es nicht werden. Daher gibt es keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, um aus dem Festival auszusteigen und einen Nachmittag in der Sonne zu genießen.
Insgesamt war es ein sehr guter Jahrgang mit wenigen Enttäuschungen, einigen mäßigen bis guten Filmen und drei extrem positiven überraschungen.
Domo arigato = Vielen Dank.
s. auch:
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