Frank Schirrmacher macht sich Sorgen um die Zukunft des Kapitalismus

Dass er eine Zukunft hat, der Kapitalismus, dessen sind sich fast alle Autoren der von Frank Schirrmacher in der FAZ zusammengetragenen Debatte, die nun in einem Bändchen bei “Suhrkamp” vorliegt, sicher. Es geht also, fast zwei Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise, eher um den Reparaturbetrieb, als um die Frage

Dass er eine Zukunft hat, der Kapitalismus, dessen sind sich fast alle Autoren der von Frank Schirrmacher in der FAZ zusammengetragenen Debatte, die nun in einem Bändchen bei “Suhrkamp” vorliegt, sicher. Es geht also, fast zwei Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise, eher um den Reparaturbetrieb, als um die Frage eines neuen Modells. Und genau hier liegt eine gewisse Langeweile der Debatte. Man redet (kleine Ausnahmen bestätigen die Regel) mit sich selbst. In einem leicht geschwollenen Vorwort erklärt uns Schirrmacher den Beginn der Diskussion: Er habe mit dem Blogger Thomas Strobl einen sehr belesenen Kritiker der Krisenlage gefunden, den mit den Positionen anderer konfrontiert und das zeige auch, dass Krisen Nachdenklichkeit provozieren. Das ist etwa so originell, wie der abgenutzte Spruch von der Chance, die in jeder Krise stecke.

Der Blogger Thomas Strobl ist nicht ohne Erkenntnis: Dass die reichsten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung mehr als sechzig Prozent des privaten Vermögens auf sich vereinen fällt ihm unangenehm auf und auch, dass dieser Vermögenskonzentration rund die Hälfte der Bevölkerung entgegensteht, die gar kein Vermögen besitzt. Doch trotzdem gibt er einen fatalen Grundakkord an: “Wenn wir den Kapitalismus als prinzipiell beste Wirtschaftsform für eine pluralistische und demokratische Gesellschaft erhalten wollen… dann müssen wir unseren Kurs ändern”.” Wer ist wir? Es sind zumeist Autoren in Schirrmachers Buch, die sich auf die uns bekannte Welt konzentrieren. Lateinamerika haben sie noch nicht entdeckt, Indien nicht und auch nicht Afrika, manchem ist auch der Hartz IV-Komplex eine Terra Incognita. Doch auch dort herrscht der Kapitalismus. Und trotzdem soll in all diesen ausgegrenzten Kontinenten, Ländern und sozialen Welten die “beste Wirtschaftsform” erhalten bleiben?

Es ist der Kanon des wohltemperierten Kapital-Chores, der in “Die Zukunft des Kapitalismus” gesungen wird, in dem dann Textfragmente auftauchen wie “Die Krisenanfälligkeit ist dem Menschen an sich immanent”, wie Karen Horn vom “Institut der deutschen Wirtschaft” zu wissen glaubt, und wer Abschied nähme von der “Eigenverantwortung”, der lande letztlich in der “totalitären Versuchung”. Das könnte Westerwelle ihr aufgeschrieben haben. Der Autor Gunnar Heinsohn macht die verblüffende Entdeckung eines “Perpetuum-mobile-Charakters”, der den Kapitalismus zur beispiellosen Dynamik geführt habe. Ob er nicht weiß, dass dem gedachten, physikalischen Perpetuum mobile keine Energie für dessen Bewegung zugeführt werden muss, der Kapitalismus aber in seinen vielen Kriegen als Hauptbrennstoff jede Menge Menschenleiber für seine imperiale Entwicklung benötigt? Natürlich nicht die Leiber der Profiteure, sondern jene Millionen Toten auf der anderen Seite.

Zu den klügsten Beiträgen im Buch gehören jene von zwei Schriftstellern.

Leider stammt auch der dümmste aus dieser Berufsgruppe: Martin Walser kennt einen netten Kapitalisten. Der lässt seine “Mitarbeiter” täglich vierundzwanzig unentgeltliche Minuten mehr arbeiten, dafür werden sie am Erfolg beteiligt, wenn es einen gibt. Der Betrieb floriert, sicher auch, weil der einzelne Kollege sich an das Profitziel des Unternehmens gebunden fühlt. Das lobt Herr Walser. über den Kapitalismus, dessen Anarchie mal diesen mal jenen Produktionszweig schließt, mal diese oder jene Gruppe nicht beteiligter oder “beteiligter” Arbeitnehmer von Arbeit befreit (Porzellan-Rosenthal, Foto-Porst, etc.) sagt das Beispiel nix und gar nix. Viel aber über Walser: Er hat vom Thema keine Ahnung, ist unsäglich angepasst und möchte gerne mitreden.

Der Schriftsteller Ingo Schulze hat noch diesen kritischen Ostgeist. Es ist nicht lange her, da haben solche wie Schulze den Honecker in all seiner Nacktheit gezeigt. Und auch dem neuen Kaiser, Kapital genannt, glauben sie die Verpackung nicht: “Statt Politik und Demokratie ernst zu nehmen, schafft die Regierung lieber die Realität ab”, schreibt Schulze und meint die permanente Lügerei über die Arbeitslosenzahlen. Anna Katharina Hahn kommt aus dem Westen und formuliert in bester Swiftscher Tradition: Man solle, legt sie einem fiktiven Professor in den Mund, die unproduktive Kindheit abschaffen, weil die bereits bei nur einem Kind “die Arbeitskraft von mehr als zehn Personen bindet.” Aus dem Reagenzglas in die Produktion, das brauche die globalisierte Wirtschaft, und wer das nicht wolle, der sei eben ein “Modernisierungsverlierer”. Der zynische Vorschlag ist nicht allzu weit von der Realität entfernt: In Bangladesch und anderswo ist die Kindheit längst der Gobaliserung geopfert.

Es ist ein wundersamer Zufall, dass Schirrmachers Debatten-Buch zeitgleich zur zweiten schweren Krise des Kapitalismus in kürzester Frist erscheint.

Die Ereignisse um Griechenland, deren Ursachen auch – aber nicht primär – in Griechenland liegen, lassen viele der im Buch versammelten Thesen so alt aussehen, wie sie wirklich sind. Wenn vom “bewährten Marktsystem” geschrieben wird, vom “Ethos der Eliten” mit dem Wolfgang Schäuble das System gesundbeten will, oder wenn Paul Kirchhof zum Beispiel, der beinahe unter Merkel Finanzminister geworden wäre, vor sich hin schwätzt: “Wir stehen vor der Aufgabe, unser Wirtschaftssystem in die verantwortliche Freiheit jedes Unternehmers, Finanziers und Nachfragers zurückzuführen.” Man sieht sie richtig vor sich, die Hartz Vierer, wie sie als Nachfrager ihre Verantwortung wahrnehmen. Oder den Ackermann, wie er seine Profitfreiheit zurückführt. So bleibt dann Frank Schirrmachers lyrischer Satz aus dem Vorwort als Sinnspruch aus dem Poesiealbum des Kapitals: “Manchmal entscheidet sie (die Krise) darüber, wo das Herz des Systems schlägt.” Lieber Frank, wenn es denn ein Herz hat, das System, dann schlägt es an der Börse. Und nur dann, wenn die da Unten aufmuckten, säße es in der Hose.

Kommentare

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  1. Ja, der Kapitalismus hat Zukunft! Denn es hat ihn noch nie gegeben. Kein Mensch dieser Erde hat ihn je zu Gesicht bekommen. Denn Kapitalismus heißt. Kein Staatsmonopol, kein öffentliches Sozialsystem. Keine Eingriffe in die Persönlichkeit. Recht und Pflicht gilt paritätisch und ohne Einschränkung für Alle. Alle sind gleich, alle sind frei, alle sind ihr eigener Herr. Haben wir das? Nein. Werden wir das je haben? Nein. Weil wir zu feige dazu sind und uns lieber in allen Bereichen des Lebens bevormunden lassen. Was haben wir denn. Sozialismus haben wir. Auf dem Weg zum Kommunismus sind wir gerade. Denken sie gut darüber nach ob sie wirklich frei sind in ihrer Entfaltung. Ich werde Recht behalten, niemand ist wirklich ohne Beschränkung.