Eine wesentliche Eigenheit des Menschen ist der aufrechte Gang. Er ist uns heute nicht nur ein entscheidendes Abgrenzungskriterium gegenüber den anderen Wesen der Natur, besonders gegenüber unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Affen. Der ausgeprägte aufrechte Gang zeugt auch von der Freiheit des Menschen und seinem Selbstbewusstsein.
Um uns durchgängig auf zwei Beinen bewegen zu können, musste sich gegenüber unseren vierbeinigen Vorläufern das menschliche Skelett wesentlich verändern. Der Fuß ist bei Menschen – anders als noch beim 4,4 Millionen Jahre alten Fossil namens “Ardi” (ardipithecus ramidus) – kein Greifwerkzeug mehr. Der Mensch kann die große Zehe nicht mehr abspreizen. Dass das in der Entwicklung unserer Art früher anders war, zeigt der bekannte Greifreflex der Kleinkinder in den Handflächen und an den Fußsohlen, der sich mit dem Älterwerden verliert. Das Becken des Menschen ist gekippt und verbreitert, so dass es im aufrechten Gang als “Schüssel” für die Eingeweide zur Verfügung steht. Die Wirbelsäule ist doppelt S-förmig (sigmoid) geschwungen und trägt Rücken und Kopf. Das Hinterhauptsloch zum Stammhirn hin liegt unter dem Schädel und nicht wie bei Vierfüßern relativ weit hinter dem Schädel.
Lange herrschte die Meinung vor, dass sich der aufrechte Gang des Menschen aus dem Knöchelgang seiner Vorläufer entwickelt gehabt hätte. Anatomische Vergleiche von Gorillas, Schimpansen, Bonobos und Menschen deuten auf einen baumlebenden Urahn und eine unabhängige Entwicklung des Knöchelgangs bei Gorillas einerseits und Schimpansen und Bonobos andererseits hin. Die neue Studie ist jetzt in der Fachzeitschrift “Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) erschienen.
Es besteht heute kein Zweifel mehr, dass die Evolution des Menschen in Afrika vonstatten ging. Schon vor 3,6 Millionen Jahren haben die frühen Primaten den aufrechten Gang gekannt, wie man jetzt durch Funde versteinerter Fußspuren und ein überzeugendes biomechanisches Experiment an der Universität von Tucson, Arizona, festgestellt hat. Man verglich die Fußspuren moderner Menschen mit denen des Australopithecus afarensis in der feuchten Asche des Vulkans Sadiman im afrikanischen Laetoli. Dabei stellte man fest, dass bei den Abdrücken in Laetoli genauso wie bei menschlichen Fußspuren im Sand beim aufrechten Gang die Fersen- und Zehenabdrücke im Sand gleich tief ausgeprägt waren. Bewegt sich ein Mensch dagegen wie ein Affe auf allen Vieren mit gebeugten Knien, bildet sich der Zehenabdruck wegen der Gewichtsverteilung über der Fußsohle tiefer im Boden ab.
Was aber war der Grund für diese durchgreifende Veränderung?
Ein nahe liegender Auslöser ist die im Vergleich zur Fortbewegung der Affen größere Energieeffizienz beim zweibeinigen Gehen. Die großen afrikanischen Savannen haben sich erst vor weniger als drei Millionen Jahren entwickelt, bis dahin lebten unsere Vorfahren ganz sicher in den Bäumen der Wälder. Die früher oft geäußerte Mutmaßung, dass der Mensch erst in der Savanne den aufrechten Gang gelernt hätte, ist falsch. Nach der Meinung des Evolutionsbiologen Lovejoy ist diese alte Annahme geradezu lächerlich, weil sie ohne den bereits gelernten aufrechten Gang und den besseren Blick in größere Ferne gegen die großen Raubtiere in der Savanne niemals hätten überleben können. Als die Wälder vor sieben Millionen Jahren begannen auszudünnen und die Fruchtbäume der Primaten in größeren Abständen standen, war die größere Energieeffizienz des aufrechten Ganges gegenüber dem vierbeinigen Huschen wie es die Affen noch heute kennen, ein deutlicher Vorteil. Messungen haben ergeben, dass Menschen mit dem zweibeinigen Gang bei nicht maximaler Geschwindigkeit etwa doppelt so lange Strecken zurücklegen können wie vierfüßige Schimpansen. Der Mensch wurde zum Ausdauerläufer.
Mit der Ausdünnung der Wälder wurde die vermehrte Sonneneinstrahlung zum Problem. Der Körper, insbesondere das Gehirn, darf nicht überhitzen. Durch die aufrechte Fortbewegung wird die der Sonne um die Mittagszeit ausgesetzte Körperfläche deutlich verringert. Der Körper hat mehr Abstand zum ebenfalls Wärme abstrahlenden Boden und kann zusätzlich durch Wind besser gekühlt werden. In diesem Zusammenhang wurde vielleicht auch das Schwitzen “erfunden”, was die Affen ja bis heute nicht gelernt haben.
Mit der alleinigen Nutzung der Hinterbeine zur Fortbewegung wurden die vorderen Extremitäten frei für viele wertvolle Funktionen. Sie konnten sich zu Händen entwickeln, die viele neue Aufgaben übernehmen konnten: greifen, sammeln, Werkzeuge schaffen und letztlich auch die Erhöhung der Intelligenz. Mit den in der Nutzung nicht festgelegten Händen erst konnte der Mensch sich als zu einem allen anderen Lebewesen überlegenen Wesen entwickeln. Jeder Schritt dahin war gewiss ein Fortschritt, der von der Evolution belohnt wurde.
Nicht ganz neu, aber wieder aktuell: die Wasseraffen-Theorie.
Sie wurde vom Berliner Pathologen Max Westenhöfer begründet, der schon 1923 darüber berichtete. Nach seiner Meinung hatte der Mensch eine “aquatische Phase, was er mit anatomischen Vergleichen belegte. Er sah den Menschen als einen direkten Nachfolger von Lurchen und Salamandern. Unabhängig von Westenhöfer äußerte der anerkannte britische Meeresbiologe Sir Alister Hardy ausgehend von der für landlebende Säugetiere ungewöhnliche Beschaffenheit des menschlichen Unterhautfettgewebes zu ähnlichen Gedanken, die er erst 1960 veröffentlichte. In jüngerer Zeit fanden die Argumente der Wasseraffen-Theorie bei Chris Stringer (British Natural History Museum) und David Attenborough, dem bekannten BBC-Autor Beachtung.
Der Mensch besitzt tatsächlich als einziger Primat und neben den wasserlebenden Walen, Robben und Seekühen als einziges Säugetier ein leicht ausgeprägtes, in Ansätzen auch wärmeisolierend wirkendes Unterhautfettgewebe. Unterhautfettgewebe isoliert im Wasser den Körper besser als nasse Haare. Andere Wissenschaftler sehen jedoch diese Fettschicht – insbesondere im Zusammenhang mit der Haarlosigkeit und den Schweißdrüsen – als Teil eines komplizierten thermoregulatorischen Systems an. Das Unterhautfettgewebe wäre demnach als Kompensation der mangelhaften Isolierung durch die fehlende Behaarung einzuordnen. Eine weitere Erklärung für dieses Phänomen besagt, dass die Speckschicht der Nahrungsreserve diene und insbesondere den erhöhten Energiebedarf des Gehirns bei Nahrungsmangel decke.
Eine Vielzahl weiterer Momente dienen den Verfechtern als Beleg für die Richtigkeit der Wasseraffen-Theorie, so der dem Menschen angeborene Tauchreflex, die hier und da anzutreffenden “Schwimmhäutchen” zwischen den Zehen, der stromlinienförmige Haarstrich auf dem menschlichen Körper, der schwach ausgebildete Geruchssinn (der im Wasser nicht so wichtig ist), die Nacktheit des Menschen, die nach unten gerichtete Nase und mehr. Nicht alle diese Argumente sind wirklich tragfähig.
Eine Beobachtung legt allerdings nahe, dass der Mensch beim Waten im Wasser den aufrechten Gang gelernt haben könnte. Affen, die anders als man früher glaubte, gar nicht wasserscheu sind, richten sich im Wasser regelmäßig auf und bewegen sich darin nur auf den Hinterbeinen fort. Man weiß aus der Beobachtung von Affen, dass diese in der Lage sind, neue Verhaltensweisen zu lernen und sie an ihre Nachkommen weiter zu geben. Berühmt geworden ist das von den Forschern Imo genannte Japanmakakenweibchen von der Insel Koshima, das 1953 das Waschen von Nahrung im Wasser erfand. Später wuschen diese Paviane der Art Macaca fuscata, die auch bekannt geworden sind, weil sie im Winter gern in heißen Quellen baden, ihre Nahrung im Meer, weil sie dadurch gesalzen wurde. Mitglieder dieser Affenpopulation lernten es, geschickt zu schwimmen, zu tauchen, Nahrung mit den Händen zu tragen und entdeckten Seetang als neue wertvolle Nahrung. Seit Anfang der 80er Jahre essen diese Affen rohen Fisch.
Wenn unsere Vorfahren ins seichte Wasser gingen, erfuhren sie unweigerlich, dass sie viel tiefer gehen und viel besser auf nur den Hinterläufen voran kamen als wenn sie wie üblich auf allen Vieren gingen. Solch kluge Wesen werden unzweifelhaft die Vorteile der Zweibeinigkeit auf das Leben an Land übertragen haben. Es spricht alles dafür, dass solche Primaten, wenn sie den aufrechten Gang im Wasser erlebten, diesen auch an Land trainierten. Ich nehme daher an, dass es diese Erfahrung war, die unsere Vorfahren dazu brachte, mehr und mehr auch an Land die aufrechte Position zu suchen. Die Evolution zog schließlich nach, weil die Summe der Vorteile des aufrechten Ganges seinen Nutzern einen beträchtlichen überlebensvorteil bot.
Bekanntester aktueller Verfechter der Wasseraffen-Theorie ist der Berliner Humanbiologe und Evolutionsforscher Professor Dr. Carsten Niemitz.
Im Klappentext seines Buches “Das Geheimnis des aufrechten Gangs“, Beck, 2004,255 S., 22,90 EUR wird sein neues Verständnis der Entstehung des aufrechten Ganges kurz und treffend zusammengefasst:
“Anschaulich und nicht ohne Humor beschreibt Carsten Niemitz die Hintergründe für die Skepsis am bisherigen Bild von der Entstehung des aufrechten Gangs und erläutert sein Gegenmodell vom amphibisch lebenden Affen als dem eigentlichen Vorfahr des Menschen. “Der Mensch stieg von den Bäumen” – nur weniger Aussagen sind wir uns so gewiss wie dieser. Leider vergessen wir hierbei allzu oft, dass auch wissenschaftliche Erklärungen, selbst wenn sie von Darwin stammen, sich ändern können. So auch im Fall des äffischen Vorfahren des heutigen Menschen, von dem es immer heißt, er habe erst die Bäume verlassen und sich dann, als Bewohner der Savanne, im Laufe seiner weiteren Entwicklung aufgerichtet, um schließlich auf seinen zwei Hinterbeinen zu laufen. Mittlerweile wachsen die Zweifel an dieser Sichtweise von der Evolution des Menschen. Gibt es doch eine Fülle von Hinweisen die nahelegen, dass sich die unmittelbaren Vorfahren des Menschen gar nicht primär in den Bäumen, sondern in den Uferzonen von Seen, Flüssen und anderen Gewässern aufhielten.”
Niemitz erklärt, dass es den Menschen schon immer ans Wasser gezogen hat. Das könne man auch daran ablesen, dass Grundstücke am Wasser, an Seen, Flüssen und am Meer schon immer eine größere Wertschätzung hatten. Für unsere Vorfahren war das Wasser natürlich auch ein Quell zusätzlicher wertvoller Nahrung (Muscheln, Krebse, Tang, Algen, Fische).Nach seiner Auffassung haben diese fett- und eiweißreichen reichen Nährstoffe dazu beigetragen, dass das zu 70 % aus Fett und 30 % aus Eiweiß bestehende Gehirn beträchtlich wachsen konnte. Das indes halte ich für sehr fraglich, weil die gewohnte Pflanzennahrung unserer Vorläufer alle notwendigen Proteine und Lipide enthielt, um alle Strukturen aufzubauen, die herzustellen waren. Heute reicht genau diese Nahrung immer noch aus, um Gorillas zum Aufbau gewaltiger muskelbepackter Körper zu verhelfen und zu einem Gehirn, das auch nicht weniger Fett und Eiweiß beinhaltet als unseres.
Das Pech für Carsten Niemitz war, dass seine Theorie auf der einen Seite den inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden Dogmen der Evolutionsbiologen widerspricht und sozusagen Skandal macht, aber zum andern am Grundschema der Evolutionsbiologie überhaupt nichts ändert. Wer für ihn in der Wissenschaft Partei ergreift, muss wissen, dass er in einen Skandal verwickelt wird – ohne dass sich das für irgendwen lohnt!
Denn natürlich sind unsere Vorfahren nicht eines schönen Tages aus den Bäumen “herabgestiegen”, sondern der Wald ist ihnen über etliche Jahrzehntausende buchstäblich unterm Hintern weggeschwunden, und so lange, wie der Urwald brauchte, um sich zur Baumsavanne zu verdünnen, solange hatten unsere Vorfahren Zeit, vom einen zum andern ‘überzugehen’. Eine Zwischenphase an den Seeufern wäre da nur eine
Episode.
Jedenfalls von der Fortbewegungsmechanik, d. h. vom Knochenbau her betrachtet. Dass eine ‘amphibische’ übergangszeit ihre eignen Spuren in der Entwicklung unserer inneren Organe hinterlassen haben mag, steht auf einem anderen Blatt. Aber das hat für das Problem der Humanisation eine viel geringere Bedeutung als die alles entscheidende Entwicklung des aufrechten Gangs und des senkrecht auf der Wirbelsäule balacierenden Schädels.