Volly Tanner ist ja mittlerweile im Friedrich Bödecker Kreis Sachsen für die Außendarstellung zuständig – und dabei lernte er die junge Leipzigerin Claudia Hengst kennen, die ihn gleich in die Jury des Schreibwettbewerbs der sächsischen JVAs einschleuste. So spielt das Leben. Dafür gab es dann auch ein Bücherpaket vom FBK für die JVA und ein Gespräch übers Im-Knast-Arbeiten:
Volly Tanner: Hallo Claudia, schön mal mit Dir etwas länger zu sprechen. Unsere Leser interessiert natürlich zuallererst, was Du eigentlich machst. Du bist, meines Wissens nach, Kunstpädagogin in der JVA Torgau. Was ist denn da Dein Aufgabengebiet? Häkeln mit Knackis?
Claudia Hengst: Hallo, ja auch ich freue mich sehr darüber den Lesern etwas von meiner Arbeit innerhalb des Gefängnisalltags erzählen zu dürfen! Ich bin Kunsttherapeutin und arbeite in einer JVA für männliche Mehrfachstraftäter. Als Kunsttherapeutin ist es mir wichtig über den Weg der künstlerischen Betätigung das Ziel der Resozialisierung und Behandlung im Strafvollzug zu unterstützen.
Ich möchte den Gefangenen etwas anbieten, um sich kreativ zu entfalten und individuell auszudrücken. Gefangene sagen oft, dass ihr Alltag von Verboten, Monotonie und emotionaler Kälte geprägt ist. Diese Monotonie möchte ich für einen kurzen Moment durchbrechen, versuchen Vertrauen zu Ihnen herzustellen und ihre individuellen Stärken zu fördern.
Zu meinem Arbeitsmaterial gehören Pastell- und Ölkreiden, Graphitstifte, Acrylfarben, Pigmentfarben, Bilder-und Postkartensortiment und einiges mehr. Ich arbeite mit Ihnen in Gruppen oder im Einzel und die Gefangenen entscheiden selbst mit welchem Material sie arbeiten möchten und was sie darstellen wollen. Sie haben beispielsweise auch die Möglichkeit Fotos von Angehörigen mitzubringen und diese mit malerischen Mitteln auf eine Leinwand zu übertragen. Die Leinwände können dann an Angehörige verschenkt werden.
Ich unterstütze und begleite jeden Prozess der individuellen Auseinandersetzung.
Besonders wichtig ist mir auch den Kontakt zu Angehörigen und nach “draußen” wiederherzustellen. Daher plane ich zurzeit künstlerische Projekte, die Gefangene zusammen mit ihren Angehörigen innerhalb der JVA durchführen können.
(zu häkeln ist aber auch keine dumme Idee. Das bietet Halt und Struktur, was einigen Gefangenen manchmal auch guttäte. Leider kann ich nicht häkeln;)
Volly Tanner: Funktioniert das denn? Kommen sich die “harten Jungs” nicht gedemütigt vor, wenn Du ihnen mit Kreide kommst? Das Image des GANGSTAS ist ja doch ein anderes – Knarren, Weiber, dicke Autos!!!
Claudia Hengst: Die Kunsttherapie ist schon seit einigen Jahren fester Bestandteil in einigen sächsischen Justizvollzugsanstalten. Auch in Torgau gab´s schon seit 2002 Möglichkeiten für Inhaftierte sich künstlerisch auszudrücken. Als ich in Torgau anfing zu arbeiten, haben mir einige Inhaftierte von ihren künstlerischen Erfahrungen aus Projekten und dem “offenen Atelier” berichtet. Während des Arbeitens hat sich auch mein Bild vom klassischen “Gangsta” verwandelt und ich merkte schnell, dass es wichtig ist die “Jungs” sehr differenziert wahrzunehmen.
Viele verbinden mit der Kunst schlechte Erfahrungen aus der Schulzeit, aber interessieren sich; andere haben noch Erinnerungen an die Kunsttherapie aus anderen Anstalten oder haben in ihrer Vergangenheit selber künstlerisch gearbeitet. Die Männer, die sich bei der Kunsttherapie anmelden sind natürlich nicht die Masse – aber es sind in der Woche ca. 17 Interessierte, dich sich künstlerisch betätigen!
Volly Tanner: Mittlerweile gibt es ja auch einen Schreibwettbewerb in den sächsischen JVAs – erzähl doch mal dazu ein bisschen.
Claudia Hengst: Genau, ein Schreibwettbewerb findet momentan in allen sächsischen Vollzugsanstalten statt. Bis Ende Juli können Inhaftierte allerlei Schriftstücke in allen literarischen Formen, zum Thema: Zusammen-allein, verfassen. Eine Jury aus Schriftstellern und anderen lesebegeisterten Interessenten werden die Texte auswerten und mit Buchpreisen prämieren. Du bist ja auch in der Jury, Volly – und der große Krimiautor Henner Kotte hat ja auch zugesagt. Das große Ziel ist, dass alle ausgewählten Texte in Buchform gedruckt und veröffentlicht werden.
Ich bin dann sehr gespannt auf das Buch mit den ausgewählten Texten.
Der Sinn ist, dass die geschriebenen Texte den Leser in der Welt außerhalb des Vollzuges erreichen, sowie die Autoren für ihre Leistung zu würdigen. Dann gibt’s noch einige Ideen, um die Texte unter das “Volk” zu bringen: Lesereisen gemeinsam mit den Autoren innerhalb der JVA, Lesungen mit Schauspielern…
Der Entstehungsprozess beginnt gerade zusammen mit den Inhaftierten als Hauptpersonen!
Volly Tanner: Nun werden ja bestimmt einige Leute in Freiheit sagen: aha, da muss ich also nur gehörig Scheiße bauen, damit sich jemand freundlich um mich kümmert. Was sagst Du denen? Manchen ist ja auch nur STRAFE genug.
Claudia Hengst: …jo, die Frage ist nicht so ohne und sehr komplex. Sie kommt mir auch bekannt vor. In erster Linie schildere ich mal kurz mein Erleben vom Häftlingsalltag. Sicher haben die meisten Menschen kaum einen realistischen Eindruck vom Gefängnis. Der Alltag der Häftlinge wird von außen sehr durchstrukuriert und vorgegeben. Der fehlende Freiraum mit seinen individuellen Möglichkeiten kann für viele sehr belastend sein. Da ist es vor allem am Anfang schwierig sich mit dieser Situation abzufinden. Innerhalb des Vollzuges gibt es zwar Psychologen, Sozialarbeiter, Kunsttherapie, Suchtberater und den Pfarrer, aber die Angebote, die wir machen können, sind sehr begrenzt. Da ist besonders die Mitarbeit aller im Vollzug Tätigen gefragt!!!
Letztendlich ist es aus meiner Sicht sehr sinnvoll gerade in diesem Bereich etwas zu tun, denn Täterarbeit ist auch Opferschutz!!! Die Therapieangebote sind vor allem dazu da, neue Handlungsstrategien im Umgang mit Anderen zu erwerben, die Fähigkeit zu trainieren, sich in andere Menschen einzufühlen und sich selbst bewusster zu werden. Potenziell kann jeder Mensch zum Straftäter werden. Manchmal reichen schon Bagatelldelikte aus…
Ich denke, dass in dieser Hinsicht noch einiges zu tun ist, damit die häufige Abwertung gegenüber Straftätern nicht zu viel Raum einnimmt. Wichtig ist es innerhalb des Gefängnisses mehr Möglichkeiten zu schaffen, damit sie sich ausprobieren können, mit sich auseinandersetzen können und mehr Erfolgserlebnisse erfahren, was wiederum die Selbstachtung steigert!!! Das Annehmen können von eigenen Stärken und Schwächen und das Gefühl zu haben eine neue Chance zu bekommen… kann ein weiteres Plus für ein respektvolles Miteinander sein und ist letztendlich ein kleiner Beitrag, der den Sprung in die Freiheit erleichtern kann!! Um realistisch zu bleiben, muss ich aber auch feststellen, dass nur sehr wenige wirklich erreicht werden. Es ist also noch viel zu tun….
Da hab ich mich vor allem aus therapeutischer Sicht Gedanken gemacht und den Mensch in den Vordergrund gestellt… bzw. den behandlerischen Aspekt… was natürlich auch dem Sinn des Strafvollzuges an sich entgegenstehen kann… bzw. mit Meinungen Anderer kollidieren könnte.
Volly Tanner: Gibt es etwas, dass Du dir wünschst, von draußen, von drinnen, von den Mitmenschen? Im Umgang mit Deiner Arbeit und/oder den Inhaftierten? Oder auch im Umkehrschluss – was Du dir von denen drinnen im Umgang mit denen draußen wünschst?
Claudia Hengst: …als erstes wünsche ich mir, dass ich meinen Beruf noch eine kleine Weile mit Elan, Freude und Energie durchstehe: Durchbeißen, ohne auf Granit zu beißen;)!
Mein Arbeitsfeld bringt mich zur Zeit viel zum Nachdenken und ich habe oft das Gefühl, dass es für mich wichtig ist, den Menschen drinnen wie draußen etwas mit auf den Weg zugeben und dass ich mit Hilfe meiner Funktion zwischen den Welten vermitteln möchte. Vor allem innerhalb der JVA wird mir die Kluft zwischen Menschen, die sich in unterschiedlichen Lebensräumen befinden, oft besonders deutlich. Da mache ich mir oft Gedanken, wie ich einen kleinen Beitrag dazu leisten kann eine Brücke zu schaffen, die Kollegen, Inhaftierte, Menschen von draußen, zusammenführt. Das kann die Zusammenarbeit für künstlerische Projekte sein, Diskussionsrunden, gemeinsam erlebte Veranstaltungen etc. immer wieder neue Räume zu erfinden, in denen sich Menschen ebenbürtig begegnen können.
Im Idealfalle springt ein kleiner Funke über und Neues entsteht. Es bleibt spannend!
Ich möchte es mit einem Zitat beenden:
Weil das Verstehen eine Verurteilung sein kann.
Und das Nicht-verstehen eine Tür, die sich öffnet.
Enrique Vila-Matas
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