Meta”morph”osen

Leporello im Gespräch mit Dr. Gerhard Schweppenhäuser, Professor für Design, Kommunikation und Medientheorie an der Fachhochschule Würzburg, Teil 2 Im April-Leporello haben wir vom Kommunikationsexperten Professor Dr. Gerhard Schweppenhäuser erfahren, dass wir Menschen alle “Dividuuen” sind und uns “Interpassivität” nicht wirklich eine Zeitersparnis bringt, weil wir in keiner “vernünftigen” Welt

prof.jpgLeporello im Gespräch mit Dr. Gerhard Schweppenhäuser, Professor für Design, Kommunikation und Medientheorie an der Fachhochschule Würzburg, Teil 2

Im April-Leporello haben wir vom Kommunikationsexperten Professor Dr. Gerhard Schweppenhäuser erfahren, dass wir Menschen alle “Dividuuen” sind und uns “Interpassivität” nicht wirklich eine Zeitersparnis bringt, weil wir in keiner “vernünftigen” Welt leben. Im Mai-Leporello nehmen wir einen anderen Faden aus dem Band “Design & Geschichte” auf und stricken mit Dr. Gerhard Schweppenhäuser (Mitautor des Buches) Zusammenhänge zwischen Intellektualität, Kultur und kultureller Identität.

Die Voraussetzung für intellektuellen Diskurs ist, dass es einen Grundstock an Wissen in einer Gesellschaft gibt, über das alle verfügen. Ist vor diesem Hintergrund Diskurs überhaupt noch möglich und für wen? Oder anders gefragt, ist der klassische Intellektuelle eine aussterbende Spezies?” Der “klassische Intellektuelle” analysiert, kritisiert und ist parteiisch. Der “konstruktive Intellektuelle” analysiert auch, nur geht er einen Schritt weiter und macht Lösungsvorschläge, er will mitgestalten, nicht nur kritteln,” betont Schweppenhäuser. Viele “Pseudo”-Intellektuelle von heute sind jedoch weder das eine noch das andere. “Sie sind”, so der Medienexperten, “Darsteller und gute Redner, die keine eigene Position haben, aber Kontroversen lostreten: ein Mix aus Spaß-Guerillas und Philophendarstellern.” Bestens
geeignet für die Entertainment-Gesellschaft.

Apropos Entertainment, allein den Begriff nehmen Intellektuelle schon gar nicht in den Mund, da ihre Vorstellung von Kunst und Kultur auf keinen Fall massenkompatibel sein kann. Ihr Kriterium für Kunst ist die Anerkennung von Experten, L’art pour l’art eben, auch wenn sie sich nicht verkaufen lässt wen interessiert´s! Das Qualitätsmerkmal von Mainstream (Massenkultur) ist der kommerzielle Erfolg. Und jetzt fängt es an interessant zu werden, ein einstiges Eliteprogramm wie “Oper” ist seit Paul Potts, dem englischen “Superstar”-Teilnehmer, massenkompatibel geworden, während Jazz langsam aber sicher zum Spartenprogramm absackt. Hier finden Metamorphosen statt. “Was kann Puccini oder Verdi Besseres passieren, als zum Bestseller zu werden, Beethoven hat es damals schon darauf angelegt, verstanden zu werden”, wirft Dr. Gerhard Schweppenhäuser ein. Paul Potts erobert mit einem Opernsong die Spitzen der Charts und erhält dafür 2009 den Echo in der Kategorie Rock/Pop!

Verkehrte Welt?

Das einzig Konstante ist die Veränderung, konstatierte bereits der griechische Philosoph Heraklit. Und nicht nur im massenkompatiblen Streifen “Und täglich grüßt das Murmeltier” heißt es nach einer Odyssee ewiger Wiederholungen: Alles, was anders ist, ist gut! “Wiederholung ist an und für sich nichts Schlechtes, das Problem der Masssenkultur ist die ewige Wiederholung, die stete Wiederkehr des Gleichen”, so der Medienexperte Dr. Schweppenhäuser. Er hält damit sicher kein Plädoyer für das ständig Neue, aber doch für das Andere, das seiner Meinung nach kulturelle Identität erst möglich macht, auf der Basis der Nicht-Identität.

Aber zurück auf Anfang: Früher bestand die einhellige Meinung, kulturelle Identität wird über die Sprache vermittelt. “Aber auch die Sprache ist unser Anderes, das erst mühsam erlernt werden muss”, so Schweppenhäuser. Der Kommunikationsfachmann meint: “Alles, was ich nicht bin, dem muss ich mich erst einmal unterwerfen, so auch der Sprache, bis sie mir selbstverständliches Vehikel wird.” (Aber auch hier gilt: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.) Also ist die Voraussetzung von kultureller Identität die Nicht-Identität,
q.e.d.!

Das Interview mit Professor Dr. Gerhard Schweppenhäuser führte
Leporello-Chefredakteurin Susanna Khoury

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