Ruhrfestspiele Recklinghausen mit Kleist im romantischen Meer…

Wer einmal da war, der kommt immer wieder. Das wage ich hier einfach einmal keck zu behaupten. Die Ruhrfestspiele Recklinghausen sind – oder werden – für einen zum MUSS. Doch wer im Mai (das Festival wird immer am 1. Mai eröffnet und endet Mitte Juni) oder auch im Juni dabei

Ruhrfest2010-4.jpgWer einmal da war, der kommt immer wieder. Das wage ich hier einfach einmal keck zu behaupten. Die Ruhrfestspiele Recklinghausen sind – oder werden – für einen zum MUSS. Doch wer im Mai (das Festival wird immer am 1. Mai eröffnet und endet Mitte Juni) oder auch im Juni dabei sein will, muss früh aufstehen und schon im Januar Tickets buchen, bzw. sofort via Internet kaufen. Denn schnell – so lehren es die Erfahrungswerte – sind die besten Kulturhappen (wenn man es denn einmal so leicht schnodderig ausdrücken darf) weggeschnappt. Theater- und Kabarettaufführungen ausverkauft. Wer zu spät kommt, den bestraft – frei nach Gorbatschow – bekanntlich das Leben: und er muss in die TV-Röhre gucken. Was weniger als kein Ersatz für die Ruhrfestspiele ist…

Kontinent Kleist im romantischen Meer

Dieses Jahr haben sich die Ruhrfestspiele in des Wortes wahrem Sinne zu neuen Ufern aufgemacht. Das diesjährige Programm – mitten also im Kulturhauptstadt-Jahr Europas 2010 – steht nämlich unter dem Motto “Kontinent Kleist im romantischen Meer” und somit ein herausragender Beitrag in diesem Kontext.  Der “alte” Festspielleiter Dr. Frank Hoffmann ist auch dieses Jahr wieder am “Ruder” des Festpielschiffes. Ihm es bestens gelungen die Recklinghäuser Festspiele (nach der kurzen und wenig erfolgreichen “Ära” Frank Castorf) zu stabilisieren. Mehr noch: In der Tat zu neuen Ufern zu führen. Ein Zuschauer brachte das letztens sogar verbal zum Ausdruck, indem er im Großen Saal des Festspielhauses aufsprang und Frank Hoffmann dafür lautstark dankte. Es gibt bereits jetzt schon ernst zu nehmende Anzeichen dafür, dass “Kapitän” Hoffmann das Recklinghäuser Festspielschiff auch gut durch momentane Krisenzeiten steuern wird. Dazu muss man wissen, dass Dr. Hoffmann kein “Kapitän” ist, der nur elitär von der Brücke herunter “Ruderbefehle” erteilt. Frank Hoffmann ein Festspielleiter zum Anfassen. Und immer – auch im Zuschauerbereich Ruhrfest2010-6.jpg(Photo: das bewusst transparent gestaltete Foyer) nicht nur präsent, sondern auch barrierefrei ansprechbar.

Heute sind die Ruhrfestspiele das größte und renommierteste Theaterfestival Europas

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen sind heute wohl das größte und renommierteste Theaterfestival Europas. Das Entstehen der Ruhrfestspiele geht auf eine zutiefst menschliche Begegnung von Hamburger Theaterleuten und Kohlekumpeln im Ruhrpott unmittelbar nach dem Ende des verheerenden 2. Weltkriegs zurück. Otto Ruhrfest2010-3.jpgBurrmeister (das Photo zeigt ihn als Büste im Recklinghäuser Festspielhaus), der Verwaltungsdirektor des Deutschen Schausspielhauses Hamburg und einige Mitstreiter waren auf der Suche nach Kohle (um das Theater zu heizen) ins Ruhrgebiet gekommen. Sie trafen auf hilfsbereite Leute aus dem “Pott” und bekamen ihre Kohle. Zum Dank kehrten sie später nach Recklinghausen zurück, um im dortigen Saalbau Theater zu spielen. Ruhrfest2010-2.jpgDas Motto: KOHLE GEGEN KUNST – KUNST GEGEN KOHLE (Photo links). Es ist bis heute nicht vergessen. Vielmehr: es lebt fort. Und das ist gut so.

Einzigartige Werkschau

Diese Jahr also nun Kleist. Keine leichte Kost. Gewiss. Doch keine Angst. Man sollte (und kann) sich auf das Programm und dessen einzelne Punkte (Stücke) einlassen. Heinrich von Kleist war der “große tragische Dichter der Deutschen”, wie Stefan Zweig es ausdrückte.  Und ein wohl ewig trauriger und von allerlei Nöten und Bedrängnissen geplagter Mensch dazu. Die einzigartige Werkschau, die uns die Ruhrfestspiele 2010 dankenswerter Weise offerieren, greifen an Herz und Seele. Auch die Wiederentdeckung “Robert Guiskard” – obgleich Fragment geblieben – tat das bereits Anfang Mai, dank intelligenter und behutsamer Bearbeitung in der Inszenierung von Frank Hoffmann und so hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern wie Jaqueline Macaulay, Mathieu Carriére und Thomas Thieme. Ebenfalls stark zu berühren vermochte kürzlich die Inszenierung des “Prinz Friedrich von Homburg” von Andreas Kriegenburg (auch Bühnenbild). Ein Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin mit überzeugenden Schauspielerinnen und Schauspieler wie Jörg Pose, Judith Hofmann, Barbara Heynen, Ole Lagerpusch, Johannes Schäfer und nicht zu vergessen, Bernd Stempel, der einst seine erste Theaterschritte am Landestheater Halle machte.

Kaum noch ist die Spannung zu ertragen, die einen schon im Vorfeld elektrisiert, wenn man weiß, dass man am kommenden 18. Mai  wieder einmal den großartigen Edgar Selge (unvergessen sein großartiger Faust auf der Recklinghäuser Bühne!) im Großen Saal des Festspielhauses (zusammen mit seiner Frau Franziska Walser und anderen Spitzenmimen) als Dorfrichter Adam in “Der zerbrochene Krug” erleben darf.

Soviel zu Kleist, um den “herum”, wie Dr. Frank Hoffmann ans Publikum schrieb, “das Meer der Romantik von Novalis über Ludwig Tieck und Joseph Eichendorff bis zu E.T.A. Hoffmann” ist. Zu erleben exklusiv bei den diesjährigen Ruhrfestspielen 2010.

Es gibt noch Eintrittskarten

Schauen Sie, liebe Leserinnen und Leser, doch einmal hinein ins Programm der Ruhrfestspiele. Obgleich bestimmte Höhepunkte bereits gelaufen bzw. aus verständlichen Gründen ausverkauft sind, finden sich immer noch vereinzelt freie Eintrittskarten. Auch für die Spielstätten außerhalb von Recklinghausen (z.B. Theater Marl) oder für das FRINGE-Festival.

Erfolgreiches wird dieses Jahr in Recklinghausen fortgeführt. Das Bridge Project bringt Shakespeares “The Tempest” in der Regie des Oscar-Preisträgers Sam Menderes auf die Bühne. Hollywood-Star John Malkovich wird mit “The Infernal Comedy” auf der Theaterbühne stehen.

Mathieu Carriére rauchend am Fenster, der “Berserker” nebenan

Und last but not least: Auch das bewährte Theaterzelt neben dem Bühnenhaus, füllt sich dieses Jahr wieder. Bei Lesungen und Kabarettveranstaltungen. Leider immer viel zu schnell: denn der Plätze sind wenig. Dafür ist die Atmosphäre intim, beinahe privat. Das Wetter spielt leider bisher noch nicht so recht mit (wie schön ist es doch, im herrlichen Park auf dem Recklinghäuser grünen Hügel zu wandeln!). Man bibbert. Die Außengastronomie leidet. Aber es bieten sich ja reichlich Ersatz und Plätze im Glaseingangsfoyerpalast (welch einzigartige Transparenz, die schweifende Blicke zwischen Kultur und Natur möglich macht!) Dennoch stapften vorm Kabarettauftritt des bissig-kritischen Wilfried Schmickler nicht wenige mutige, lufthungrige, Besucherinnen und Besucher zwischen Pfützen und auf Plastikplatten am Zelteingang herum. Manche von ihnen erheischten dabei sogar noch einen Blick auf Mathieu Carriére, der sich eben noch schlohweißhaarig und angenehm unauffällig ohne Starallüren im Trenchcoat im Foyer mit einem Teller Antipasti versorgte und nun (natürlich und wie man ihn als Kettenraucher kennt) zunächst telefoniert und dann wie selbstverständlich am Fenster seiner Garderobe drüben im Bühnenhaus eine Zigarette schmaucht – klar: bei “Robert Guiskard” kommt er 1 Stunde und 30 Minuten nicht von der Bühne! Und neben an taucht für ein paar Sekunden der Schauspiel-Berserker Thomas Thieme (vor kurzem noch als Helmut Kohl im Film zu sehen) an der regennassen Fensterscheibe auf…

Von Schmickler ignoriert, gab der Pfau von Recklinghausen dieses Mal auf

Ruhrfest2010-1.jpgApropos Schmickler, den man via den WDR-Mitternachtsspitzen kennen und schätzen gelernt hat, wobei er am Schluss blökt: “Aufhören, Herr Becker!” In Recklinghausen brillierte er kürzlich mit seinem vierten Programm “Es war nicht alles schlecht”. Zum 30-jährigen Bühnenjubiläum ließ Schmickler in einem wahrem Parforceritt, unterbrochen nur von bissig-tieflotenden Songs, einen kabarettistischen Knüppel nach dem anderem aus dem gut gefüllten Programmpunktesack. Ich, mich an die zurückliegenden Jahren und Programme (Hagen Rether, Dieter Hildebrandt: hier) erinnernd, ahnte freilich, was nun auch den Kabarrettzeltneuling Schmickler erwarten würde. Die Pfauenrufe aus dem nahen Tiergehege! Wie würde Schmickler darauf reagieren? Und tatsächlich: der Pfau schrie! Aus meiner kleinen Schadenfreude  wurde jedoch – unerwartet – nichts. Pardon, Herr Schmickler, Sie hätten sie doch vom Prinzip her gegönnt, nicht wahr? Recht geschah’s mir! Da müssen wohl schon andere Kaliber kommen! Schmickler, das kluge Köpfchen, ignorierte den Pfau ganz einfach. Und siehe da: Bald schwieg der Vogel und stellte -  wohl beleidigt? – sein von lauten Rufen  begleitetes Spreizen ein…

Noch bis zum 13. Juni laufen die Ruhrfestspiele. Ein Besuch lohnt immer. Wer einmal kam, kommt wieder. Das behaupte ich hier einmal keck…

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  1. Pingback: Recklinghausen - Blog - 15 May 2010