Ungewöhnlich laut wurde es gestern Nachmittag in der Fußgängerzone des beschaulichen Dortmunder Stadtbezirks Hombruch. Ging man diesem Lärm auf der Harkortstrasse nach, so stieß man schon bald auf eine Gruppe augenscheinlich sehr empörter, aber durchaus auch zum Kampf entschlossener Menschen. Diese hatte sich vor den örtlichen Filialen der Dresdner Bank und der Targo-Bank versammelt. Zwischen Bäumen und Laternenpfählen waren Leinen gespannt worden. Daran hingen Plakate, welche über den Protest der Menschen informierten. Die dort versammelten Bürgerinnen und Bürger erregten einiges Aufsehen unter den Passanten auf der ansonsten so ruhigen Einkaufsstrasse. Bei jener Gruppe handelte es sich jedoch keinesfalls um irgendwelche Chaoten, wie mancher, der dem Lärm zunächst nur von weitem vernommen hatte, möglicherweise hätte durchaus vermuten können – sondern um einfache Mitbürgerinnen und Mitbürger meist gesetzten Alters, welche ganz einfach ihr verfassungsgemäß verbrieftes demokratisches Demonstrationsrecht wahrnahmen.
50.000 Geschädigte sind wahrlich keine Peanuts!
Die demonstrierenden Bürgerinnen und Bürger, gehörten, wie vor Ort zu erfahren war, einer Selbsthilfegruppe der durch Lehman-Brother-Zertifikate geschädigten Personen an. Mag gestern in der Hombrucher Fußgängerzone die Gruppe der Protestierer relativ leicht überschaubar gewesen sein, man soll sich davon nicht täuschen lassen: die Anzahl der Lehman-Brother-Geschädigten hierzulande dürfte nämlich mindestens um die 50.000 Betroffene zählen! Manchem mag vielleicht auch diese Zahl angesichts der 80 Millionen Einwohner Deutschlands lächerlich vorkommen und deshalb zum unüberlegten Ausruf “Peanuts!” verleiten. Man vergisst dabei nur: Diese 50.000 Banken-Geschädigte haben in der Regel noch Familie. Betrachten wir dies, erscheint uns der Fall schon einmal ein ganzes Stück gewichtiger. Diese Menschen vertrauten ihren Banken in der Hoffnung, sie sorgten damit für sich und ihre Lieben fürs Alter vor, nicht unbeträchtliche Geldsummen an. Dazu waren sie durch Angestellte ihrer jeweiligen Banken ermuntert worden, welche sich Berater nannten, jedoch in Wahrheit reine Verkäufer waren. Verkäufer, die Ramsch- und – wie wir inzwischen wissen – betrügerische Anlageprodukte (die sie wohl in den meisten der Fälle nicht einmal selbst verstanden hatten!) an die Frau und den Mann brachten.
“Beraten und verkauft”
Die so übers Ohr gehauenen fühlen sich inzwischen wohl zu Recht “Beraten und verkauft”. Nun, werden wohl manche Leserinnen und Leser möglicherweise spätestens an dieser Stelle einwenden, bei manchem Anleger, der sich zu Lehman-Brother-Zertifikaten überreden ließ, wird bei der Entscheidung für dies “Produkte” vielleicht auch eine gewisse Portion Gier mitgespielt haben. Die Medien sind nicht unschuldig an der Verbreitung derartiger Einstellungen in der Bevölkerung. Wir wollen das nicht vergessen! Vielleicht hat in dem einen oder anderen Fall tatsächlich auch Gier eine Rolle gespielt. Wobei ich den kritischen Leserinnen und Lesern gleichzeitig aber auch entgegenhalten möchte: die allermeisten Lehman-Brother-Geschädigten, hatten sich während ihrer Arbeitsjahre redlich und mehr oder weniger schwer relativ bescheidene Geldsummen erarbeitet bzw. erspart. Die gedachten sie – mit besorgten Blick auf die kommende oder bereits gekommene Zeit des Rentenalters - nun ganz einfach ein wenig zu vermehren. Ist das verwerflich? Wohl kaum. Nun müssen sie jedoch sehen, dass ihnen dieses Vorhaben gewaltig misslang. Weil sie statt ordentlich beraten zu werden (wie sie es sicherlich erwartet hatten) von Gaunern und Tricksern, Nieten, Blendern, in Nadelstreifen, übers Ohr halbiert worden sind.
Die Bank, die hampelt
Doch die Geschädigten haben sich geschworen nicht auf- und klein bei zu geben. Deshalb organisierten sie sich (hier). Deshalb tragen sie ihren Kampf auf der Straße direkt vor den Banken aus, welche für die Verursacher des Schadens sind. Eben deshalb gestern in Dortmund-Hombruch auch der Protest vorm Eingang der Targo-Bank (Photo: Demonstrant mit “Hampelmann”-Schild). Diese Bank nämlich hieß vor gar nicht so langer Zeit noch Citi-Bank (Lesen Sie dazu einen Beitrag des Focus). Der deutschen Citi-Bank wird von Kritikern und Betrugsopfern vorgeworfen, mit besonders ausgebufften Methoden skrupellos Lehman-Papiere unter die Leute gebracht zu haben.
Nun, da die deutsche Citi-Bank unterdessen an die französische Crédit Mutuel verkauft ist, dachte man womöglich, damit auch gleich die Altlasten und die Forderungen der von Citi betrogenen Kunden los geworden zu sein. Doch dem ist nicht so. Die sich betrogen fühlenden Menschen kämpfen um ihr Recht. Mehr noch: Auch um das verlorene Geld. “Einer neuer Name, macht noch keine neue Bank!”, rief deshalb gestern einer der Aktivisten vor der Targo-Bank. Immer wieder stampfte der Mann (siehe Photo etwas weiter oben) mit seinem Schild – das ein Teil des Targo-Bank-Logos (ein stilisierter Mensch mit Kopf, Körper und Gliedmaßen) – zeigte auf und erhob laut seine Stimme: “Die Hampelmann-Bank! Diese Bank hampelt herum. Wir wollen unser Geld zurück. Die Hampelmann-Bank!” In der Tat erinnert das Targo-Bank-Logo an einen Hampelmann. Ebenso stimmt es wohl, was die Geschädigten der Citi-Bank-Nachfolgerin Targo-Bank vorwerfen: Man hampelt herum, will den Betrogenen ihr im guten Glauben an die ordentliche “Beratung” durch Citibanker nicht bzw. nur zum Teil zurück erstatten. Wie ich gestern von einem der Demonstranten erfuhr, steht demnächst eine Entscheidung zum Fall vor dem Europäischen Gerichtshof an. Allerdings ist anscheinend schon jetzt klar: Die Bank will nur einen lächerlichen Bruchteil des Geldes an die Geschädigten zurück zahlen. Dies aber gedenken sich die Bank-Opfer nicht gefallen zu lassen.
Kampf bis zum eignen Tod
Nötigenfalls werde man um sein gutes Recht, so wurde mir versichert, kämpfen bis zum eigenen Tod. Zunächst aber bleibt es erst einmal dabei: Gemeinsam handelt und weiter gemeinsam Klagen organisieren. Weiter demonstrieren gegen die vorsätzliche Falschberatung. überdies wolle man mit Politikerin reden und die Presse verstärkt in die Informationskampagne einbeziehen. “Gemeinsam”, so glauben die Geschädigten, “werden wir unser Recht bekommen!”
Ja, in der Hombrucher Fußgängerzone auf der Harkortstraße ist es gestern ziemlich laut geworden. Passanten blieben verdutzt stehen. Was, werden sich manche da gefragt haben, ist nur aus unserem Land geworden? Eine berechtigte Frage. Laut könnte es überall in unseren Städten werden, wenn sich die Verhältnisse nicht grundlegend ändern. Gestern konnte man den Zustand unserer Gesellschaft sehr gut auf der ansonsten so friedlichen Harkortstraße beobachten. Unterhalb protestierten die von Banken Betrogenen. Und ein Stück weiter oberhalb kaufen seit ein paar Tagen nunmehr die Leute im kürzlich eröffneten Ein-Euro-Shop ein, die das einfach tun müssen, weil sie mit ihrem Geld hinten und vorne nicht mehr auskommen. Heißt es nicht, kommen erst einmal die Ein-Euro-Shops ins Stadtviertel, beginnt dessen Niedergang. Nur muss man wissen Hombruch ist nicht der arme Dortmunder Norden mit seinen vielen sozialen Problemen, sondern eher ein “besserer” Stadtteil im Süden der Stadt…
Pingback: Twitter Trackbacks for Readers Edition » Dortmund: Protest vor der "Hampelmann"-Targo-Bank [readers-edition.de] on Topsy.com