Viele große Stars hat das Africa Festival in Würzburg schon gesehen. “Mama Africa”, Miriam Makeba war zu Gast. Klaus Doldinger begeisterte das rot-weiß gestreifte Zirkuszelt und auch Youssou N’Dour – der afrikanische Superstar überhaupt, hat zuletzt im Jahr 2008 die Mainwiesen besucht. Exakt 24 Monate später reist Letzterer erneut aus dem Senegal an. “Dakar – Kingston” lautet die Strecke, die er nicht nur auf dem gleichnamigen, neuen Album, sondern auch im Fränkischen zurücklegt, um am Ende selbst eine ausgesprochen positive überraschung zu erleben.
Gespannt blicken die unzähligen Zuschauer gen Bühne. Mariana Ramos von den Kapverden hat sie soeben verzaubert, da sollte auch schon einer der Höhepunkte des diesjährigen Africa Festivals folgen. Dicht gedrängt warten sie auf Youssou N’Dour, der ihnen diesmal ganz neue Töne präsentieren wird. “Mbalax meets Reggae” lautet das auf den ersten Blick so exotisch klingende Motto, das unter der Regie des Altmeisters mit jedem Ton selbstverständlicher wird. Erinnerungen an die letzte Begegnung vor zwei Jahren werden wach. Mystisch und unnahbar erschien er im Gedächtnis.
Eine Hommage an Bob Marley
Heute wirkt Youssou N’Dour trotz fortgeschrittenen Alters jünger und dynamischer denn je. Immer wieder schafft es der mittlerweile 50-Jährige sich neu zu erfinden. Unter dem Eindruck unzähliger jubelnder Fans scheint es gewiss. Die Prophezeiung seiner Großmutter: “Dein Weg möge geebnet sein” hat sich restlos erfüllt. Mit einem Großaufgebot an Musikern aus dem Senegal und natürlich aus Jamaika betritt er die Bühne, um sein einziges Konzert im deutschsprachigen Raum zu absolvieren. Die Freude, wieder hier zu sein, ist ihm deutlich anzusehen: “This is our Festival!” ruft er der Menge entgegen, um sie sogleich temporeich mit auf eine musikalische Reise zu nehmen. Gut steht ihm das jüngste Sound-Experiment zu Gesicht. Stücke wie “Black Woman” oder “Marley” lassen die Begeisterung für den Reggae nicht nur erahnen, sondern auch das Publikum selbst in euphorische Zustände fallen. Seine Neuinterpretation von “Redemption Song” aus Bob Marleys neuntem Album “Uprising” kann sich hören lassen. Wohnt dem “Erlösungslied” nun doch ein neuer Zauber inne.
Diesen konnte der politische engagierte Sänger und Komponist auch in den nächsten Morgen hinüber retten. Für die Gäste spontan traf er zu einer öffentlichen Pressekonferenz ein, um dort über das Thema “Wird Afrika arm regiert?” zu sprechen. Zunächst wurde der Künstler jedoch selbst überrascht. Aus den Händen von Dr. Stefan Oschmann, Mitbegründer des Festivals, konnte er einen der begehrten Festival Awards in Empfang nehmen. “Er ist ein Kämpfer, der nicht aufgibt”, begründete Oschmann die Entscheidung. Er sei ein Botschafter für afrikanische Belange par excellence. Ein Umstand, der ihn auch am Montagvormittag entschieden für seinen Kontinent eintreten ließ. Muss die Entwicklungshilfe eingestellt werden? Wie steht es um das Thema Korruption und was hat es mit seiner eigenen Bürgerbewegung auf sich? Solche Fragen beantwortete der Megastar souverän und mit afrikanischem Selbstbewusstsein.
Die Verantwortlichen müssen den Menschen zuhören
N’Dour sieht die Regierenden hier wie auch in Afrika in der Verantwortung. Gemeinsam müsse genau hingesehen werden, was mit den Geldern passiere. Wo die Hilfe ankomme sei ein ganz entscheidender Faktor. Den Menschen, die sie erhalten auch zu zu hören gehöre da unbedingt dazu. Pauschale Forderungen manch Intellektueller, die Entwicklungshilfe generell einzustellen, lehnt er ab. Konditionierung ist seine Losung der Stunde. Denn Ländern mit Visionen muss weiterhin geholfen werden. Immer wieder betont er die zwei Seiten der Medaille, das nötige Zusammenspiel von Europa mit Afrika. Auch beim Thema Korruption nimmt er da kein Blatt vor den Mund. “Die Finanzkrise zeigt, dass die größten Schurken hier sind”, so Youssou N’Dour. Die Korruption müsse auf allen Ebenen bekämpft werden. Und es müsse klar sein: In Afrika ist nicht alles schlecht. Einiges, wie zum Beispiel manche Banken funktionierten tadellos – trotz Finanzkrise.
Auch er trägt seinen Teil dazu bei, seine Heimat ein Stück weit voranzubringen. “Fekke maci boole” lautet der Name der von ihm ins Leben gerufenen Bürgerbewegung, die eine Brücke zwischen Volk – meist Analphabeten – und Regierung schlagen und auf breiter Ebene die senegalesische Verfassung näher bringen soll. N’Dour weiß um seine Rolle. Er kennt seinen Job. Selbst eines Tages Präsident zu werden liegt ihm fern. “Musik ist mein Leben”, betont er daher nachhaltig. Nichts desto trotz brauche sein Volk Informationen und Unterstützung, um eines Tages die Macht zurück zu erlangen. Die Aufforderung, an die gebildeten Schichten Afrikas kam daher umso entschiedener: “Die Leute müssen sich einmischen, anstatt in einer Bank zu stehen.”
Schließlich wurde die Korruption Jahrzehnte lang geduldet, nur damit wir ein schöneres Bild von unserer Welt haben können. Hüben wie drüben. Wir konnten uns so ganz billig über eine viel bessere Welt freuen, als sie es ist.