“Vollendetes Leben” aus freiem Willen beenden?

In den Niederlanden muss sich das Parlament mit einer Bürgerinitiative zu einem über das geltende Recht zur Sterbehilfe und Euthanasie hinaus gehenden Vorschlag befassen. 40.000 Stimmen hätten für diese Initiative zusammen kommen müssen. Am Ende waren es 117.000 Bürger, die dem Parlament in Den Haag nahe legen, das Recht auf

altere.jpgIn den Niederlanden muss sich das Parlament mit einer Bürgerinitiative zu einem über das geltende Recht zur Sterbehilfe und Euthanasie hinaus gehenden Vorschlag befassen. 40.000 Stimmen hätten für diese Initiative zusammen kommen müssen. Am Ende waren es 117.000 Bürger, die dem Parlament in Den Haag nahe legen, das Recht auf den eigenen Tod gesetzlich zu erweitern.

Vorab bemerkt: die Holländer sind wieder einmal weiter als die Deutschen. Warum hat das deutsche Volk nicht auch ein solches Recht, Gesetzesinitiativen im Deutschen Bundestag  einzubringen?  Warum ist es mit der Weggabe unserer Stimme alle vier Jahre mit der politischen Einflussmöglichkeit aus und vorbei? Natürlich muss man damit rechnen, dass auch Initiativen betrieben werden, die rein sachlich wenig Sinn machen. Aber selbst dann ist es besser, dass das Volk aktiv beteiligt wird als dass es das dumme Stimmvieh bleibt!

Wie sinnvoll aber ist das Streben so vieler Niederländer zum freien selbstbestimmten Sterben?

Die Niederländer haben das liberalste Sterberecht der Welt. Bei ihnen ist es nicht strafbar, wenn jemand als Arzt aktive Sterbehilfe leistet, wenn er die gesetzlichen strengen Regeln einhält. Nur wenn ein Patient in der Lage ist, dies aus eigenem Willen zu tun und es nachdrücklich fordert , ein zweiter Arzt hinzugezogen wird und  wenn der Patient ohne Aussicht auf Besserung auf unerträgliche Weise an einer klassifizierbaren Krankheit leidet, ist Euthanasie in Holland erlaubt.

Das ist vielen Menschen in unserem Nachbarland nicht genug. Sie kritisieren, dass nach der jetzigen Regelung der Betroffene nur verlangen, der Arzt oder die Ärzte aber letztlich entscheiden, ob dem Wunsch des Menschen nach Beendigung seines Lebens Rechnung getragen wird. Die Bürgerinitiative “Aus freiem Willen” sucht die wirkliche Selbstbestimmung des Menschen über den eigenen Tod.  Nur das sei ein würdiges Lebensende in eigener Regie, wenn man statt den Arzt um Hilfe bitten zu müssen selbst nach reiflicher überlegung zur Sterbepille greift, die frei verfügbar sein soll. Die Initiatoren der Initiative denken besonders an alte Menschen, die ihr Leben gelebt haben und – wie sie sagen – bei voller Gesundheit in eigener Verantwortung sich für die Beendigung ihres Lebens entscheiden. Das allein sei ein bewusstes Sterben in Würde. Dagegen sähen sich nach der heutigen Rechtslage doch immer wieder auch alte Menschen, die nach eigener Einschätzung ein erfülltes Leben gehabt hätten und körperlich und psychisch gesund seien zum Selbstmord gezwungen, wenn sie sich von der Welt verabschieden wollten. Die Gesellschaft sei aufgerufen zu verhindern, dass Ältere Selbstmord begehen – allein gelassen und auf oft grausame Weise.

Ganze 30 Jahre hatten unsere Nachbarn öffentlich heftig über aktive Sterbehilfe und Euthanasie diskutiert, bis sie 2002 die Straffreiheit der Hilfe zur Selbsttötung und der Euthanasie unter klar beschriebenen Bedingungen durchsetzten. Das Ergebnis ist nach vielfacher Einschätzung  ein sehr humanes Sterberecht, auf das die Niederländer stolz sein können.

Was aber jetzt geregelt werden soll, sprengt jede Vorstellung und ist bereits im Ansatz verfehlt.

Wenn künftig jeder Niederländer immer seine Sterbepille in der Nähe weiß, ändert das grundlegend die Einstellung der Menschen zu Leben und Tod, auch zu der verbreiteten Vorstellungen von mögliche Verantwortung vor sich, seinen Lieben, der Gesellschaft und vor angenommenen übergeordneten Mächten wie der Natur oder Gott. Kein Wunder, dass Frau Käßmann - noch in ihrer Amtszeit als Ratspräsidentin der Evangesichscn Kirche Deutschlands- wegen der ethischen Konsequenzen die Initiative als “Irrweg” bezeichnete.

Unabhängig von den ethischen Fragen ist festzuhalten, dass jede Tötung ein ultimativer Akt ist, eine nicht korrigierbare Entscheidung zwischen der Welt und dem Ungewissen, vielleicht zum Jenseits oder dem Nichts. Diese Finalität der Entscheidung wird zu Recht als einer der tragenden Gründe gegen die Todesstrafe diskutiert.

Wir können zuschauen und wissen genau, welch nachteilige Wirkungen schon eine Geldstrafe und erst Recht eine Freiheitsstrafe hat, insbesondere nicht nur für den Verurteilten, sondern besonders für seine unschuldige Familie. Das Dilemma, dass der Staat einen notorischen Verletzter der Unterhaltspflicht gegenüber seinen minderjährigen Kindern aus der Arbeit herausnimmt, sodass er sogar theoretisch nichts mehr zum Unterhalt beitragen kann, vermag niemand zu lösen. Aber man weiß wenigstens, welches Unrecht man begeht. Was die Tötung menschlichen Lebens wirklich bedeutet – sub specie aeternitatis – werden wir nie erfahren. Das gilt aber auch für die Beurteilung der Selbsttötung.

Jeden Menschen mit der Selbstmordpille auszurüsten, damit er sein Leben beenden kann, wann immer ihm danach ist, verändert nachhaltig die Einstellung jedes Einzelnen und der Gesellschaft zum menschlichen Leben. Ich verkenne nicht, dass nach dem Willen der Bürgerinitiative diese Freiheit sein soll, um der freien Entscheidung im Leben mehr Raum zu geben. Gewollt ist damit eine höhere Wertschätzung des Lebens selbst. Aber ist zu erwarten, dass das in der Realität auch so erfahren wird?  Führt das nicht auch zum Empfinden einer Beliebigkeit des menschlichen Lebens? Heute ist weit verbreitet die Vorstellung, dass wir im Heideggerschen Sinne in die Welt “geworfen” sind.

Wir wissen, dass wir nicht für unseren Eintritt in die Welt verantwortlich sind. Wer nicht eigenwilligen solipsistischen Gedanken nachhängt, ist sich auch bewusst, dass wir Geschöpfe sind, die sich auch im Verlaufe ihres Lebens “in fremder Hand” befinden. Was soll das, die Menschen nunmehr glauben zu lassen, dass sie wenigstens die Herren über ihren Tod seien?!

Wir machen viele Kompromisse mit Leben und Tod. Schon wieder schickt Deutschland junge Soldaten in einen aussichtslosen Krieg, von dem mit Sicherheit nicht alle lebend zurückkommen können. Wäre es nicht eine dreiste Lüge, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt würde – wie weiland ebenso verlogen angeblich die ganze Welt in Vietnam – stünden wir wirklich vor der Entscheidung, einen solchen lebensbedrohlichen Einsatz auch noch zu rechtfertigen. übrigens: gerade lese ich, dass allein in Dien Bien Phu 3000 deutsche Fremdenlegionäre “gefallen” sind. Wir bejubeln auch sportliche Leistungen, bei denen immer wieder einmal das Risiko zu sterben, in die Realität umgesetzt wird. Aus humanistischen Gründen machen wir Kompromisse mit dem im Werden begriffenen menschlichen Leben. Wer will sich auch das Recht nehmen, eine unwillig schwanger gewordene Frau zum Austragen der Leibesfrucht zu zwingen? Das alles ist nachvollziehbar. Aberangeblich gesund gebliebenen Alten, die  meinen ihre Pflicht im Leben getan zu haben und aus der Welt scheiden wollen, bei der Selbsttötung noch die Hand zu führen, ist dagegen ein fauler Kompromiss.

Die Unterstellung der Initiatoren der Initiative, dass es eine ganze “vergessene” Gruppe von gesunden lebensmüden Alten gäbe, denen man mit der Erleichterung der Selbstentleibung  gerecht werden müsste, ist falsch. Ebenso falsch ist die – mit angeblich aussagekräftigen Statistiken über Selbstmorde in Altersheimen begründete – Vorstellung, dass es wirklich gesunde Menschen in den Altersheimen gäbe, die sich selbst töteten.

Die Annahme, dass ein Suizid aus ungestörtem freien Willen kommen könne, ist der Hauptfehler der Bürgerinitiative.

Die Initiatoren der Initiative setzen sich damit in Widerspruch  zum gesicherten Wissen in der Psychologie und der Hormonlehre. Den Drang, seinem Leben ein Ende zu machen, kennen viele Menschen, denen es an ausreichender zentralnervöser Verfügung über den Botenstoff Serotonin fehlt, besonders Depressive. Serotonin, das seit Anfang der 90er Jahre heftig beforscht worden ist, ist aus diesem Grunde auch bekannt geworden als das Suizidkontrollhormon. Es gibt umfangreiche Erfahrungen mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI), Psychopharmaka, die wegen der Unterversorgung diesen Stoff, wo immer er an seine Rezeptoren zur Informationsweitergabe andockt, dazu zwingen, sich nicht chemisch abbauen und in den Körper zurückführen zu lassen, sondern immer und immer wieder seine Information abzugeben. Berichtet wird, dass die Gabe dieser Medikamente die Selbstmordneigung aufhöbe. Ich habe auf der anderen Seite aber auch von Depressiven gehört, die bis zur Nutzung solcher Stoffe nie Selbstmordgedanken hatten, danach aber an nichts anderes mehr denken konnten, bis sie aus lauter Angst, Ernst zu machen das Präparat absetzten.

Wir können nicht anders als praktisch in der Vorstellung eines freien Willens zu leben. Was freier Wille aber real ist, kann niemand sagen. Das neue Wissen aus der Hormonlehre lässt vielmehr keinen Zweifel daran, dass alle unsere Gefühle und Empfindungen von der Aktivierung bestimmter Hormone begleitet werden.

Wir sind damit nicht Spielball dieser körpereigenen Steuerstoffe, aber ohne sie finden die Gefühle einfach nicht statt. Bestes Beispiel ist die Wachheit. Fehlt in der Gehirnchemie das Wach- und Schlafkontrollhormon Serotonin, kommen wir morgens einfach nicht auf die Beine. So ist es aber auch mit der Selbstmordneigung.  Sind wir mental gut versorgt mit dem “Wohlfühlhormon” Serotonin, ist es ausgeschlossen, dass wir auf den Gedanken kommen, unserem Leben ein Ende zu setzen.

Wir sind von der Natur mit einem Selbsterhaltungssystem ausgestattet, das uns Freude am Leben empfinden lässt, wenn wir im mental-hormonellen Gleichgewicht stehen. Früher umschrieb man das mit dem Selbsterhaltungtrieb, der allen Lebewesen von der Nartur mitgegeben worden sei.

Ein losgelöster freier Wille ist dagegen beim besten Willen nicht auszumachen. Wenn ein Mensch etwas will, hat das immer einen Grund. Gerade darum ist es falsch, den freien Willen isoliert zu betrachten und als den obersten Wert im menschlichen Leben zu postulieren. Wir sind immer zugleich denkende und fühlende Wesen.

Das niederländische Parlament wird gewiss Experten aus den Humanwissen-schaften zu Rate ziehen und am Ende das Begehren der Bürgerinitiative zurückweisen. Gewiss werden die Gründe für und gegen in der niederländischen Öffentlichkeit gründlich diskutiert werden. Die Initiative, auch wenn sie keinen Erfolg haben sollte, hat allein dadurch ihren Wert.

Ist es nicht herrlich, dass ein ganzes Volk sich selbst  intensiv mit einem philosophisch-psychologischen Problem wie dem freien Willens befasst  und das Parlament  zum Mitdenken zwingt statt dass das Volk wie bei uns von oben, unterstützt von den großen Medien, konsequent von der wirklichen Mitbeteiligung am politischen Leben fern gehalten wird?

Photo Quelle/Copyright: Wollbinho, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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  1. Das ist ein sehr heißes Thema Herr Ehlers. Passive Sterbehilfe ja, aktive nein. Und wenigstens 3 freie UNABHÄNGIGE Ärzte als Prüfer ins Gesetz geschrieben. Naja, ein ungutes Gefühl bei mir bleibt.