Dass die digitale Revolution nicht nur die Produktion des materiellen Reichtums und die Weise unseres Kommunizierens umwälzt, sondern schließlich wohl gar unsere Sitten prägen wird, gehört zu den Trivialitäten des Feuilletons. Sensation macht aber weiterhin die Vorstellung, die Digitalisierung könne unser Denken selber revolutionieren.
Das analoge Denken, das uns von der Natur mitgegeben wurde, trägt seinen Mangel schon an der Wurzel bei sich. Die analoge Repräsentation der Welt erweist sich, wo immer es um Genauigkeit geht, als mit einem irreduziblen Rest von Ungefähr behaftet. Er ist der Ursprung von aller Ungenauigkeit, von sachlichen Irrtümern sowohl als von logischen Fehlern, ewiger Quell von Missverständnissen und am Ende sogar aller Konflikte zwischen den Menschen.
Die computergestützte Digitalisierung aller Denkvorgänge würde den gesellschaftlichen Verkehr auf eine völlig neue und solide Grundlage stellen. Digitalisierung ist die Bedingung des diskursiven Denkens. Der durch ein Wortzeichen identifizierte Begriff ist ein digit. Definiert wurde er durch andere Begriffe, die in einem geregelten und daher überprüfbaren Verfahren (€šLogik’) zu einem diskursiven Satz verknüpft wurden; und er lässt sich durch dasselbe Verfahren mit anderen Begriffen wiederum zu Sätzen verbinden, die neue Definitionen geben. Diskursives Denken und Rationalität bedeuten dasselbe. Die Beschreibung der Welt durch I und 0 ist der Schlusspunkt des diskursiven Denkens (und die Frage kommt auf, ob es in dieser Gestalt nicht automatisierbar ist).
In der gegenwärtigen globalen Klimadebatte erleben wir den Beginn dieses Umwälzungsprozesses. Wissenschaftliches Denken bestimmt nicht nur das politische Handeln, sondern wird durch ebendiesen Kanal schließlich Eingang ins Bewusstsein der Alltagsmenschen finden. Es ist gerade die Krise um das IPCC, die diese Hoffnung nährt. Keine Fallgrube, keine Fußangel bleibt lange unentdeckt, und der Tag ist abzusehen, wo die Wissenschaft der Welt wie ein einziges großes Wiki funktioniert.
Allerdings geht es hier immer noch erst um das Wie des Denkens und noch gar nicht um sein Was.
Der Anschein einer grundsätzlichen überlegenheit des Digitalen über das Analoge beruht auf der Verwechslung von Wissenschaft und Technik.
Die Verwissenschaftlichung des Lebens durch die Industriegesellschaft ist ein Mythos. Das tägliche Leben und daher auch das Alltagsdenken der Menschen ist heute nicht stärker von €šWissenschaft’ beherrscht als je. Viele Ergebnisse der naturwisschenschaftlichen Forschungen sind in den letzten zwei Jahrhunderten ins Allgemeinwissen eingegangen; aber nicht als Wissenschaft, sondern als Doxa. Und beherrscht wird unser Alltag von der Technik und nicht von der Wissenschaft. €šJeder ein Wissenschaftler’ ist ebensolcher Blödsinn wie €šjeder ein Künstler’, in der Industriegesellschaft nicht minder als bei den Ackerbauern.
Allerdings hat sich die Technik, die unsern Alltag durchdringt, in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend (!) verändert. Die industrielle Zivilisation hat eine mechanische Technik hervorgebracht, die auf dem linear-kausalen Denken der cartesisch-Newton’schen Naturwissenschaft beruhte.
In der Wissenschaft selbst ist das Denken seit bald anderthalb Jahrhunderten von der systemischen Denkweise der Thermodynamik verdrängt worden, die nicht einzelne Ursachen mit einzelnen Wirkungen verkettet, sondern die mehr oder minder wahrscheinlichen Veränderungen in einem €šFeld’ unter sich ändernden Bedingungen beobachtet. Mit einiger Verzögerung hat dieses Denken schließlich Eingang in die Technologie gefunden, seit der Entwicklung von Kybernetik und Informationswissenschaft Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Die Computerisierung erst der Produktionsabläufe, dann zunehmend des bürgerlichen Alltags, bekannt unter dem Schlagwort Digitale Revolution, ist das Ergebnis.
Nicht das Wissen ist digital geworden, sondern die aus dem Wissen entwickelte Technik.
Digital ist das Verfahren des (natur)wissenschaftlichen Denkens geworden, aber nicht sein Gehalt. Der ist so €šbildhaft’ und €šanschaulich’ wie je. Parameter der mechanischen Technik des Industriezeitalters war die zweidimensionale Konstruktionszeichnung €šjenseits der Zeit’. Der Höhepunkt und Inbegriff des digitalen Denkens ist das animierte Hologramm* in zeitlicher Dynamik. Kein digit, sondern ein anschauliches, anschaulicheres €šModell’.
Die Technik erlaubt uns, das Modell für diesen oder jenen Zweck einzusetzen. Aber sie sagt uns nicht, was ein Zweck ist. Das hat das anschauliche Denken €švor’ oder €šhinter’ den digitalen Verfahren immer noch selbst zu entscheiden.
Der wissenslogische Zugewinn der Digitalen Revolution ist immens. Aber er ist nicht positiv – etwa in dem Sinn, dass sich nun €šAlles erfassen’ ließe; sondern negativ, in dem Sinn, dass das, was sich €šnachhaltig’ der digitalen Erfassung verweigert, nunmehr identifizierbar wird. Digitalisieren, d. h. als Zeichen mit andern Zeichen zu einem sinnvollen €šDiskurs’ verknüpfen, lässt sich nur Relationelles. Diskurs ist die Beschreibung einer Relation. Was nicht darin aufgeht, muss ein Quale sein. Als solches lässt es sich nicht beschreiben, sondern nur anschauen. Die Digitalisierung des Relationellen bringt die Qualitäten zur Anschauung.
Allerdings stellt das digitale Zeitalter die Politik auf eine neue Grundlage. Politik ist die Wahl der Zwecke – und erst danach die Suche nach der geeigneten Technik.
Die Fortschritte der Digitalisierung sind ein Prüfstein, ein Mittel der Unterscheidung. Digitalisierung scheidet das Was vom Wie, und zwar unwiderruflich.
Der Mensch verwendet digitale Beschreibungen der Umwelt, seit er zählen kann. Denken tun wir wohl eher in Symbolen und Sprachelementen, eher nicht analog. Der erste digitale Speicher war wohl Papier oder ein anderer Schriftträger auf dem per Zahlen oder Symbolen Zusammenhänge dargestellt waren. Die erste Ferndatenübertragung erfolgte digital per Morsealphabet und Schreibtelegrafen. Erst als die ersten analogen elektronischen Verstärker, Mikrophone und Lautsprecher entwickelt wurden, wurde diese alte Digitaltechnik mit dem Telephon durch eine moderne Analogtechnik abgelöst, die mit weniger Kosten mehr Daten/Zeit übertragen konnte. Diese wird nun seit ca. 20 Jahren wieder durch eine digitale Verarbeitung abgelöst, weil sich nun mit der Digitaltechnik mit geringeren Kosten mehr Daten übertragen lassen. Grundsätzlich gilt aber, dass durch Verfahren der Digitaltechnik Daten ohne Störeinflüsse oder Rauschen auf dem übertragungsweg übertragen werden können. Das ist für die übertragung von Filmen oder Ton, was wohl die Masse ist, aber nicht so wichtig. Sieht man auch daran, dass die digitalen Fernsehsender durch gezielte Datenreduktion vor dem Senden auf DVBT eine schlechter Bildqualität hinkriegen, als die alten Analogverfahren.