Seit Ausbruch der globalen Wirtschaft- und Finanzkrise tobt eine Debatte, ob es zu einer Depression, eine Kombination aus Rezession und Deflation, kommt, oder ob es zu einer akzelerierenden Inflation infolge der lockeren Geldpolitik aufgrund der Zentralbankzinssätze nahe Null sowie unorthodoxer Geldpolitik wie dem Aufkauf der toxic assets durch Zentralbanken oder den Kauf von Staatsanleihen kommen wird. Die massiven staatlichen Ausgabenprogramme, die die G20-Staaten auf dem Pittburg-Gipfel im Jahr 2008 beschlossen haben, laufen voraussichtlich in den meisten Ländern im Laufe des zweiten Halbjahres 2010 aus. Zugleich müssen zahlreiche Staaten eine Haushaltskonsolidierung vornehmen, da insbesondere in Europa durch die Diskussion möglicher Staatspleiten wie im Falle Griechenlands und anderer möglicher Kandidaten, den sogenannten PIIGS-Staaten, die Fähigkeit zur Defizitfinanzierung aufgrund der Schuldenfalle abhanden gekommen ist.
Was ist Stagflation?
Mit Stagflation beschreibt man einen Zustand, bei dem sowohl die Inflationsraten sich deutlich beschleunigen und trotzdem die Wirtschaft schrumpft. Dieser Zustand war vorher als faktisch unmöglich angesehen worden, bis man dann im Zuge der beiden Ölpreiskrisen seit Mitte der 1970er und Anfang der 1980er Jahre Abschied von dem Glauben nehmen musste, dass es nur ein entweder Inflation oder Arbeitslosigkeit aufgrund von Wirtschaftsschrumpfung geben könnte.
Ben Bernanke und zahlreiche US-Ökonomen Paul Krugman, Barry Eichengreen, Bradford DeLong diagnostizierten die jetzige schwere Wirtschaftskrise als analogen Fall zu der Weltwirtschaftskrise von 1929. Mithin richten sich alle Rezepturen an dem nachträglich aufgrund der Forschung zu dieser Krise ausgerichteten geld- und fiskalpolitischen Fehlern aus, die damals begangen worden sein sollen.
Hinzu kommt das Beispiel Japans, das nach einem einmaligen Boom zum Ende der 1980er und zu Beginn der1990er Jahre nach dem Platzen der dortigen Immobilienblase eine lang andauernde Phase der Stagnation bei gleichzeitiger milder Deflation gefangen ist. Wegen der immer wieder ergriffenen fiskalischen Stützungsmaßnahmen der japanischen Regierung schnellte das japanische Haushaltsdefizit bereits jetzt auf eine BIP-Quote von über 200 Prozent hoch.
Anhand dieser beiden Leitbilder versuchen nun insbesondere die USA durch vermeintlich entsprechend andere Politikmaßnahmen ohne die negativen Folgen wie 1929 oder wie in Japan zu befreien. Die Hoffnungen, dass dies gelingt schwinden jedoch derzeit rapide. Mit dem Auslaufen des großen Konjunkturpakets der US-Bundesregierung ist derzeit noch kein Silberstreif eines sich selbsttragenden Wirtschaftsaufschwungs in Sicht. Zwar sind im ersten Halbjahr die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts aufgrund der staatlichen Ausgabenprogramme durchaus beachtlich, aber mit deren Auslaufen im zweiten Halbjahr droht ein erneuter konjunktureller Rückschlag. Selbst die Fed sieht eine deutliche Abschwächung der US-Konjunktur für das zweite Halbjahr 2010 voraus. Zugleich stecken die US-Bundesstaaten weiterhin in einer sich ausweitenden Finanzkrise. Des Weiteren wächst der Widerstand im US-Kongress ein weiteres Konjunkturpaket zu verabschieden. Aus dem ursprünglichen Entwurf der Obama-Adminstration ist ein Konjunkturpaket light geworden. Mithin ist der Raum für Konjunkturstützende Maßnahmen äußerst begrenzt.
Schlimmer noch hat die Eurokrise, den Euro-Wechselkurs seit Jahresende von rund 1,50 US-Dollar auf derzeit 1,27 abstürzen lassen. Dies hat sich als wesentliche Exportbremse für die US-Wirtschaft bemerkbar gemacht. Hinzu kommt ebenfalls, dass China wenig Neigung zeigt dem Wunsch nach einer raschen deutlichen Aufwertung des chinesischen Yuan zu folgen. Als Ergebnis weitet sich das Handelsbilanzdefizit der USA seit Jahresbeginn wieder rapide aus. Die Importe steigen schneller als die Exporte und dies bremst den Beschäftigungsaufbau in den USA. Bei weiterhin rund zehn Prozent Arbeitslosigkeit ist auch der private Verbrauch keine wirkliche Stütze der Binnennachfrage. Nach einer kurzen Aufflackern im Frühjahr in den USA ist der private Verbrauch – nicht zuletzt wegen des Auslaufens der Cash-for-Clunkers-Förderungen und anderer Steuervergünstigen – erneut rückläufig. Das Szenario eines Double Dip, d.h. eines erneuten konjunkturellen Rückschlags wird damit immer wahrscheinlicher.
Wieso dann Stagflation?
Die Antwort ist recht einfach. Man sehe sich nur die jüngsten Wirtschaftsdaten für Griechenland an. Dort herrscht bereits Stagflation. Die Inflationsrate beträgt im Juni 2010 5,2 Prozent und die Industrieproduktion schrumpfte bereits im in der Zeit von Januar bis Mai 2010 um -3.1Prozent. Mithin werden Länder, die wegen einer Krise der Staatsfinanzen nicht mehr in der Lage sind die Binnennachfrage zu stützen, dazu gezwungen ihre Staatsausgaben zu senken und gleichzeitig der Bevölkerung zur Haushaltskonsolidierung zusätzliche Steuer- und Abgabenlasten aufzuerlegen. Die Konsequenz die Wirtschaft schrumpft.
Warum aber dann steigende Inflation? Das Problem liegt darin, dass beispielsweise der Staat durch Verbrauchsteuererhöhungen die Preise vorübergehend treibt. Des Weiteren sind in zahlreichen Märkten die Anbieterstruktur oligopolistisch organisiert, d.h. es gibt keinen echten Preiswettbewerb. Durch geringe Wertschöpfungstiefen großer Konzerne können diese relativ rascher als vorher einen Kapazitätsabbau bewerkstelligen und die Preise stattdessen aufgrund des sinkenden Absatzes als Ausgleich für ihre Gewinne anheben.
Ein gutes Beispiel hierfür ist der Ölpreis. Trotz weltweiter Rezession ist der ursprüngliche Ölpreisverfall gestoppt worden. Das Kartell hat sich darauf verständigt die Produktionsmenge soweit zu drosseln, dass ein Ölpreis von mindestens 70 US-Dollar gehalten werden kann. Was hier im Teilmarkt Öl geschehen ist, kann auch auf große andere Teile der Wirtschaft übertragen werden. Unternehmen nutzen ihre Preissetzungsspielräume insbesondere dann, wenn über eine mengenmäßige Absatzausweitung kein zusätzlicher Umsatz und entsprechende Gewinne mehr gemacht werden können. Da große Teile der Weltwirtschaft bereits jetzt durch große Konzerne kontrolliert werden, wirkt sich deren Verhalten sehr viel deutlicher auf die Gesamtwirtschaft aus. Statt eines ruinösen Verdrängungswettbewerbs kommt es zum raschen Kapazitätsabbau und steigenden Preisen, um die Umsatzeinbußen bei den Gewinnen nicht durchschlagen zu lassen. Voilá so endet voraussichtlich diesmal die Krise in den USA nicht wie befürchtet in der Deflation, sondern in der Stagflation. Dies dürfte jedoch die US-Notenbank vor ein weiteres Dilemma stellen. Soll man die Inflation bekämpfen oder durch lockere Geldpolitik das Wirtschaftswachstum stimulieren. Man darf gespannt sein.
Die neue Masche, von Japan vorgemacht, sind doch die 0% Zinsen. Was begrenzt bei 0 % Zinsen denn noch die Staatsschulden? Werden es dann 1000% des BSP? Wieso mühen sich die Politiker in Europa überhaupt um Sparpakete? Alles was sie sparen muss doch demnächst in internationalen Rettungspaketen wieder versenkt werden. Da kann man doch auch lustig weiter prassen?