Versuch einer deutschen Zustandsbeschreibung
Ich kann Gregor Schock nur uneingeschränkt zupflichten. Meine Erfahrungen als ebenfalls der Generation 60 + Zugehöriger, als aus konservativ kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend und nicht linkslastig Verdächtiger (worauf ich aber nicht stolz bin) und mittlerweile seit acht Jahren arbeitsloser Bürger lassen mich ebenfalls zu der Einschätzung gelangen, dass ich mich für dieses Land schämen muss.
Wer an diesem gegen den Himmel stinkenden System Kritik äußert, wird mittlerweile aus einschlägigen ideologischen Kreisen als Nestbeschmutzer, Linker, Sozialist oder Kommunist – wenn nicht gar als Terrorist – diffamiert und beschimpft. Darauf, dass “Kommunisten” und “Sozialisten” sich von der ureigensten Idee (wie die Herkunft der Bezeichnungen ergibt) genau wie Christen (und wie ich persönlich) sich für die Allgemeininteressen und eine solidarische Gesellschaft einsetzen, kommen diese arroganten hirnverbrannten Brandstifter überhaupt nicht. Gemeinsam und parteienübergreifend auf sachlicher Ebene ein Ziel, eine Idee oder eine Aufgabe in urdemokratischer Manier zu lösen und an einem Strang zu ziehen, das passt nicht unter den eingeschränkten Horizont dieser Egomanen!
Wenn ich mir die Entwicklung in diesem Lande in den letzten 20 Jahren betrachte, dann gelange ich zu der Einsicht, dass alle zuvor erkämpften Arbeitnehmererungenschaften, sozialen und Wohlstandsstandards (der unteren und mittleren Schichten) sowie demokratischen Fortschritte entweder bereits zerschlagen sind oder dem weiteren Kahlschlag ausgesetzt sind.
Wenn ich mir gleichzeitig die dafür Verantwortlichen anschaue, dann muss ich nennen: Politiker aus fast allen Parteien, Kapitaleigner, Wirtschaftsführer und Manager, Medienmogule und ihre leitenden Angestellten sowie die gekauften „Wissenschaftler“, die Mietmäuler – vorwiegend aus den Reihen der sog. Wirtschaftswissenschaften – und sämtliche anderen Mitplapperer, Marionetten, Drecksperten und gewissenlosen Karrieristen. Und wenn ich mir die Kriterien, nach denen man gemeinhin und auch nach juristischer Definition Terroristen und Kriminelle bezeichnet, dann entdecke ich frappierende Übereinstimmungen mit den o. a. Personengruppen. Die üblichen Verdächtigen aus orientalischen Gefilden, die normalerweise als Schwarzer Peter und Feindbild herhalten müssen, schaden uns im Gegensatz zu den Läusen, die in unserem eigenen Pelz sitzen, ausgesprochen wenig.
Wenn ich schon auf der Suche nach Schuldigen bzw. Verantwortlichen bin, dann will ich auch uns selbst – also die große Masse der im Strom mit schwimmenden Herdentiere – in den Vordergrund stellen, die vergessen haben, dass Zivilcourage und Mut zu Kritik gepaart mit Gegenwehr auf der Liste der Bürgerpflichten ganz oben angesiedelt sind. Dazu passt ganz vortrefflich ein Zitat von Hans Eberhard Richter:
Bedenken gegen Anpassung „Es gibt eine kreisförmige Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen.
Wenn man nicht macht, was man als notwendig, wenn auch mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist !
Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt – wohl wissend – dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, das heißt, die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen.
Alles erscheint normal : die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr als Verzicht erlebt !“
@ Lieber Peter A. Weber,
Habe mich von meinem Schreibtischstuhl erhoben um Ihnen eine “Standing ovation” als Dank für diesen Artikel zu erbringen.
Eigentlich wollte ich in dieser anbrechenden Sommerpause, weder Kommentare noch Artikel schreiben. Nun haben Sie und Gregor Schock mich aus meinem Sommernickerchen gerissen.
Liebe Grüsse aus dem schwarzen Wald
O. W. H.