So endet der Technotraum von Love, Peace und Happiness – auf dem Weg zu einem vertrümmerten Güterbahnhof, auf dem ein McFitnessunternehmer den letzten amtlich beurkundeten Aufstand einer Jugendkultur als Atzenparty wiederaufführt. Techno war immer Gegenkultur für Kulturlose, ein kollektives Stampfen, wo Generationen davor noch individuelle Ideale hatten. Keine andere Jugendmusik ließ sich so bereitwillig aus- und aufsaugen, keine andere beruhte so sehr auf Regression und Industrialisierung. Keine andere wählte sich mit mehr Stolz dürftigere Idole als das ostdeutsche Augenbrauen-Model Marusha und den Heimelektroniker Westbam.
Mit wenig mehr Substanz als ein elektrifiziertes Erntedankfest hat es die sogenannte Loveparade bis zur Volljährigkeit geschafft. Aus dem Aufstand der Aussteiger war schon längst der Ausverkauf der Traumtänzer geworden. 2010 ist die aus Berlin in die Provinz von Duisburg vertriebene Parade ein Revival zwischen Mallorca-Party und Apres-Ski-Saufen. Ein Karneval für Adoleszente, der der gastgebenden Kommune als “Standortfaktor” gilt, der aber eigentlich schon lange nur noch Luft tritt, weil der Abgrund schon weit hinter ihm liegt.
Das offizielle Ende hätte ein leises fade away sein können, wie es Neil Young besang und Kurt Cobain fürchtete.
Doch zum wilden Leben der “Loveparade”, erfunden von einem Rhythmiker, der sich “Dr. Motte” nannte, passt, dass sie lange nach ihren großen Tagen, in denen sie noch tanzend Systemkritik und Party vereinte, noch immer Millionen anzieht. Die Party allerdings ist sich seit Jahren selbst genug. Das Dröhnen verbreitet keine Botschaft mehr, sondern temporären Spaß wie Ballermann und Parkplatz-Sex.
Das hätte ewig so weitergehen können. Nun aber ist die Loveparade, einer der letzten wenigstens als Zombie überlebenden Dinosaurier der Musikkultur der 90er, mit einem lauten Knall von der Bühne abgetreten. Mit mehr Toten als damals in Altamont, mit mehr Verletzten als bei einem Busunglück in Bangladesh. Eine innenpolitische Krise dämmert von fern herauf, weil das Volk es längst gewöhnt ist, Schuldige präsentiert und Verantwortliche vorgeführt zu bekommen, ganz egal, worum es geht.
Heute noch macht Angela Merkel, die einer Pressemitteilung zufolge “bestürzt” über die Nachrichten aus Duisburg war, noch ungerührt den Wagner-Festspielen ihre Aufwartung. Spätestens morgen aber muss der Ruf nach “klaren Regeln für Großveranstaltungen”, Weiterbildungslehrgängen für Veranstalter und neuen Gesetzen zur Regulierung von Massen-Events erschallen. Jetzt schon fantasieren Staatsanwälte wie in allen Fällen von öffentlichem Interesse den schwerstmöglichen Verfolgungstatbestand herbei: “Fahrlässige Tötung” – obwohl bereits jetzt absehbar ist, dass es ohne die Sorgfaltsverletzung von Bekifften und Zugedröhnten, die in Duisburg über die Absperrungen kletterten und die Panik auslösten, selbst angesichts aller Organisationsmängel von Veranstaltern und Stadt kaum zum Massensterben am Technotunnel hätte kommen können.
Doch Verantwortung muss vom Einzelnen weg und medial neu verteilt werden, auch der Technoparty-Gast, der sich von hinten klatschend und johlend in einen sichtlich völlig überfüllten Zugangstunnel drängt wie ein Schaulustiger in ein brennendes Haus, statt auf dem Fuße kehrtzumachen, hat ein Recht, nicht zuständig gewesen zu sein, keine eigene Verantwortung gehabt zu haben, eine höhere Macht in Haftung nehmen zu dürfen, die ihm die Last abnimmt, “Seven Nations Army” jodelnd seinen eigenen kleinen Beitrag zur Tragödie geleistet zu haben.
Das wird erwartet, das füllt Sendezeit und Druckspalten, das gibt allen das beruhigende Gefühl, alles sei verhinderbar, wenn nur alle wollen. Der Loveparade kann das nicht mehr helfen, denn sie ist tot wie die Musik, deren tanzender Arm sie einst war. Die Generation Techno marschierte vor 21 Jahren mit einem Traum im Kopf durch Berlin. Sie endet im Trauma von Duisburg.
Loveparade 2010 Duisburg Love as a Battlefield from Holger Finn on Vimeo.
Quelle: politplatschquatsch.com
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