Hin und wieder glitzern echte ungeschliffene Perlen im Kultursumpf des Landes. Da brechen sich Lichtstrahlen an den Kanten, da blinkt es grell und wunderschön. So wie beim Genuss der Frontfrau der derzeit räudigsten Punkkapelle des Planeten – The Heroine Whores – einer so faszinierend hellen jungen Dame, dass dem Volly Tanner in uns allen das Herz schier aufspringt. Messerscharf!
Guten Tag, junge Frau. Unter welchem Namen darf ich Dich denn interviewen? Szeneheldinnen kleiden sich ja gern in Namen fernab von Lars und Frank und Steffi.
Bitte sprich mich unter dem Namen “Tarcy Mirinda” an. Dieser Name wurde eigentlich ungewollt zu meinem “Künstlernamen”. Es begann damit, dass ich mich bei Myspace anmelden wollte und mich fragte unter welchem Nickname ich dies tun sollte. Dabei kam mir eine humorvolle Idee: In den vielen Büchern, die ich über NIRVANA gelesen hatte, wurde Kurt Cobains “erste Freundin” Tracy Marander oft falsch geschrieben, z.B. “Tracy Mirander” oder “Tracy Mirinder”. Deswegen entschied ich mich, ihren Namen, einfach falsch geschrieben, als meinen Nickname bei Myspace anzunehmen. “Tarcy” – einfach so um es falsch zu schreiben – und “Mirinda” weil es eine Orangenlimonade gibt, die so heißt. Später hat sich der Name einfach so eingebürgert. Auch bei Veranstaltern stelle ich mich als “Tarcy” vor, weil ich es einfach nicht mag, wenn jeder meinen richtigen Vor- und Zunamen kennt, vor allem im Internet.
THW – nicht das techn. Hilfswerk, sondern Ihr – worum gehts, was macht Euch besonders – weshalb sollen die Massen in eure Shows strömen?
Ja, wir, The Heroine Whores, sind eine ganz besondere Band, allein schon, weil wir zwischen diesen ganzen reinen Männerbands hervorstechen. Hierbei sind natürlich ROCK-Bands gemeint, keine gecasteten Bands. Bei uns geht es darum richtig abgehen zu können bei der Musik die man liebt. Uns geht es darum, musikalisch das ausdrücken zu können was wir möchten, OHNE Grenzen. Und mir persönlich geht es darum, meine innersten Melodien auf der Gitarre wiedergeben zu können – ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Ich muss meine Gefühle rausschreien können, mich befreien von allem was mich bedrückt, es löst Schmerzen, es tröstet, es schreit Wut hinaus – es ist die pure Erlösung. Es gab schon eine Handvoll Menschen, die uns live gesehen haben und sehr von unserer energievollen Musik berührt waren – das treibt uns an. Die Energie, die wir ausstrahlen, gebündelt mit feministischer Power, sollte jedermann anziehen. Allein schon mein Geschrei und unsere genialen Bühnenperformances a la The Who sollten dazu inspirieren uns live sehen zu wollen.
“Mein Leben ist die Kunst – egal wann und wo.”
Was machst Du, wenn Du keine Musik machst? Gibt’s noch ne Ausbildung, andere Interessen (ich mag das Wort “Hobbys” nicht!)?
Ich mache zurzeit ein FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) in einer thüringischen Suchtklinik für alkohol- und medikamentenabhängige Männer und Frauen. Ich weiß, man traut mir das vielleicht nicht zu, weil ich eher selbst wie ein Junkie aussehe und dann noch der Bandname! Die Patienten dort sind mir echt ans Herz gewachsen, meinerseits und ihrerseits wurde schon Bedauern verkündet, dass das Jahr bald zu Ende geht (31.August 2010). Aber dann habe ich wieder mehr Zeit dafür meine Interessen, neben der Musik, weiter auszuleben. Ich bin eine Künstlerin – ich liebe es zu malen, zu zeichnen, Plastiken zu fertigen, Gedichte und Geschichten zu schreiben usw., außerdem designe und schneidere ich für mein Leben gern eigene Kleidungsstücke! Mein Leben ist die Kunst – egal wann und wo. Ich gehe gern zu Konzerten und mit Freunden was trinken, bin aber auch gern allein und lebe mich kreativ aus. Jeder kann künstlerisch aktiv sein. Ich bin künstlerisch schaffend. Ich liebe es eigene Dinge aus dem Nichts zu erschaffen, seien es Songs, Bilder, Gedankengänge, mich selbst.
Wieso bist Du beim GRUNGE klebengeblieben, junge Damen in Deinem Alter sind doch heutzutage alle “Supermodells” oder “Superstars” oder “Superzicken”…
Das ist eine gute Frage! Ich bin nun mal nicht wie die anderen Mädchen, ich könnte nicht mal so tun als ob. Jemand sagte einmal über Courtney Love sie hätte “Den Körper einer Frau, aber den Verstand eines Mannes”. Wenn das jemand über mich sagen würde, hätte er ebenso Recht. Ich bin gern eine Frau, ich würde das mit nichts eintauschen wollen, aber ehrlich, wie lange wollen diese Mädchen sich immer noch in ihre Geschlechterrollen pressen lassen? Es ist echt traurig, vor allem die Tatsache, dass sie es nicht einmal merken. Frauen im populären Musikgeschäft dürfen nur einen bestimmten Weg einschlagen – diese Lieder über Liebe und Herzschmerz, Freude, Partys feiern – die nerven und langweilen mich echt zu Tode. Ich habe schon lange keine Lust mehr das Radio oder den Fernseher einzuschalten, weil man genau voraussagen kann wie die Musikvideos, vor allem von heutigen “Pop-Ladys”, aussehen (hübsche Frauen, leicht bekleidet/ sexy angezogen) und die Songs mit weiblichen Sängern sich anhören – überall diese zarten, poppigen Stimmchen, die ihre Kopfstimme bis zu äußersten Höhen reizen und dabei – für mich – alle gleich klingen. Im Untergrund sieht es viel besser aus, Bands wie 42 (Leipzig), Blackviolet (Dresden), Sassy (Frankreich), Pandora (Belgien), Violet Kiss (Italien), Betty Poison (Italien), Ruby Fruit (Österreich) – und viele viele mehr – sind die besten Beispiele dafür, dass Frauen in einer Band die Zukunft des Rock´n´Roll sind. Die Popmusik ist dem Untergang geweiht, eben wegen diesen Superstars, die ein Image und Songs aufgedrückt bekommen und sie sind auch noch GLüCKLICH damit! Ich könnte das nie, ich möchte ECHT sein und mir von keiner Jury der Welt, die eh keine Ahnung hat, mir am Ende noch einreden lassen, wie ich meine Stimme in meinen Songs einsetzen soll und wie ich mich auf der Bühne zu bewegen habe. Deshalb bin ich beim GRUNGE hängengeblieben. Ich fühle mich hier wohl, das ist mein zuhause, ich liebe die GRUNGE-Community. Und warum? Weil ich so sein kann wie ich will. Ich darf provozieren und schreien so laut ich will, ich kann schocken und komplett zerrissene Sachen anziehen, meinen Lippenstift verschmieren und meine Gitarre zerschlagen und werde dafür von der GRUNGE-Gemeinde gemocht. Weil sie dasselbe fühlen wie ich. In einer Gesellschaft, die total kaputt ist, in der alle so tun als wäre alles prima, stellen wir uns mit unseren Songs und unserem Lebensgefühl dagegen und sagen “Scheiß drauf!”.
Wir sehen die Wahrheit und wir haben keine Angst sie auszusprechen, unser Leid “auszukotzen” – so sehe ich das jedenfalls. Ich habe immer Tad Doyle von TAD (eine Grungeband aus Seattle) vor Augen wie er sich mit seinem “LOSER” -Tshirt von Wasser bespritzen lässt und einen sexy Wet-Tshirt-Contest-Gesichtsausdruck macht. Hast du das schon mal gesehen? Es ist göttlich! Ich fühle mich als Loser, ganz nach dem Motto: “I guess it´s really easy to think of yourself as a loser, because then you don´t care if people like you or not. Yeah, it´s sort of the idea, that you can do whatever you want. And it´s fun!” (“The young fresh fellows”) in Hype! (ein Film, über die 90er Jahre Grunge-Bewegung).
Wo, denkst Du, bist Du in zehn Jahren (und bitte nicht die Schrotflintengeschichte
!)
Ach Mist, genau diese Geschichte wollte ich jetzt anbringen Ich glaube auch viele erwarten das einfach von mir – nein, jetzt mal ernsthaft. In 10 Jahren da wäre ich ja 29 Ich hoffe dann spätestens endlich von meiner Musik leben zu können. Ich will ja keine Villa, oder ein großes Auto und so einen Kram. Ich will auch nicht reich sein. Es würde mir gefallen, in einem völlig heruntergekommenen Abrisshaus zu wohnen, Musik machen zu können, auf Tour zu gehen und gerade mit dem Geld über die Runden kommen zu können. Aber ich hoffe dass das alles schon viel früher als in 10 Jahren eintritt. Ich bin eh ein Mensch, der nicht mal sagen kann, was morgen sein wird.
Bist du eigentlich Leipzigerin? Gibts Unterstützung von der Familie?
Nein, ich bin keine Leipzigerin. Ich wohne zurzeit in Naunhof, in der Nähe von Leipzig, Richtung Grimma. Ja, meine Familie unterstützt mich bei allem was ich mache sehr gut. Sie haben sich auch schon an meine Eigenarten gewöhnt
Willst Du noch irgendetwas mit drin haben im Beitrag? Ne Lebensweisheit oder so?
Was ich noch sagen will: Ich habe die besten Bandmitglieder der Welt und “Punkrock means freedom” (K.C.).
Danke Tarcy – und wir sehen uns bei der Elvisparty am Samstag auf dem Leipziger Schletterplatz!
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