Anfang der 90er Jahre fing es in den USA an. Das amerikanische nationale Krebsforschungsinstitut schuf die Kampagne “5 a day – for Better Health.” Medizinische Studien hatten nicht übersehbare Hinweise darauf gebracht, dass ein gesteigerter Verzehr von Obst und Gemüse Krebserkrankungen vorbeugte, besonders Krebs im Mund- und Rachenraum, in der Speiseröhre, im Magen, Darm und in der Lunge. Als Grund wurden die mit vorwiegend roher Pflanzennahrung verbesserte Einbringung “bioaktiver Substanzen” aus Obst und Gemüse genannt. Heute würde man von Vitalstoffen reden. Damals wurde eine Menge von 650 g an Obst und Gemüse als optimal bezeichnet. Im Jahre 2000 griff mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) der Verein “5 am Tag e.V.” die Idee auf. Jetzt wird auch bei uns schon seit zehn Jahren für fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag getrommelt.
Der Einfluss von Obst und Gemüse in der Krebsprävention ist nach Auskunft der DGE nach und nach immer stärker wissenschaftlich gesichert. Aktuell heißt es:
“Die wesentliche Begründung für die ’5 am Tag’-Kampagne bezieht sich demnach zur Zeit auf die Beweiskraft beobachtender epidemiologischer Studien, unterlegt durch biologische Plausibilität. Diese Feststellung gilt auch für andere Krankheitsbilder, deren Erkrankungsrisiko mit steigendem Gemüse- und Obstverzehr abnimmt: kardiovaskuläre Erkrankungen, Katarakt (Jansen et al. 1998, Ness und Powles 1997, Joshipura et al. 1999). Eine weitere Erkrankung, für die vermehrt Hinweise über eine Risikominderung publiziert wurden, ist der Typ -2 -Diabetes mellitus (Williams et al. 1999). Ebenso konnte gezeigt werden, dass ein hoher Gemüseverzehr in Verbindung mit anderen Ernährungsumstellungen den Blutdruck bei Hypertonikern senkt (Appel et al. 1997).” [Fettdruck vom Verfasser]
In diesem Text der “Arbeitsgruppe Wissenschaft des ’5 am Tag-Vereins’; Sprecher der AG: Prof. Dr. H.K. Biesalski, Universität Stuttgart-Hohenheim” heißt es aber weiter:
“Einen unmittelbaren Nachweis, dass eine Intervention mit Gemüse und Obst das Risiko für Krebs oder auch andere chronische Erkrankungen senkt, gibt es derzeitig nicht. Ebenso fehlen beobachtende epidemiologische Daten, die belegen, dass eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten im Sinne einer Erhöhung des Gemüse- und Obstverzehrs im Erwachsenenalter das Erkrankungsrisiko für Krebs und andere chronische Erkrankungen zu senken vermag. Nach Expertenmeinung reicht die bisher vorgelegte Evidenz aber aus, um eine ’5 am Tag’-Kampagne zu rechtfertigen. Für diese Einschätzung gibt es zwei Begründungen: Zum einen ist es zwar theoretisch möglich, dass sich die in den epidemiologischen Studien beobachteten Risikosenkungen durch hohen Gemüse- und Obstverzehr auf andere Faktoren zurückführen lassen, die mit dem Gemüse- und Obstverzehr verbunden sind; doch erscheint dies wenig wahrscheinlich, da die einzelnen Studienergebnisse häufig für solche Effekte kontrolliert wurden. Zum anderen lässt sich die Einschätzung damit begründen, dass von den vielen Ernährungsfaktoren, die potentiell für die Krebsprävention in Frage kommen, der Einfluss von Gemüse und Obst wissenschaftlich am besten abgesichert ist und nach der derzeitigen Datenlage den größten Effekt erbringt.”
Der Plausibilität eine Stimme gegeben.
Damit will sich die Forschergruppe von dem möglichen Vorwurf freizeichnen, dass sie vielleicht nicht eisern genug am Grundsatz der evidenzbasierten Medizin festgehalten hätte. Es verdient aber Respekt, dass sie trotz offenbar noch nicht vollständig mit ergebnisbasierten randomisierten Doppelblindstudien belegter Erkenntnisse auf die fast sicheren Ergebnisse hin der biologischen Plausibilität eine Stimme gegeben haben. Gut, dass die üblichen überzogenen Nachweiskriterien hier nicht eingehalten wurden. Denn in aller Wissenschaft gibt es nicht eine einzige Stimme, die bezweifelte, dass neben einer allgemein gut ausgewählten ausgewogenen Ernährung und einem ausreichenden Bewegungsverhalten der Verzehr von im wesentlichen roher Pflanzennahrung vorbeugende Wirkung nicht nur bei Krebs, sondern auch der großen Zahl der chronischen Erkrankungen hat. Ganz offenichtlich bringt die rohe Pflanzennahrung Wertigkeiten mit sich, die hitzebehandelte Kost nicht hat (keine Denaturierung der Proteine, intakte Nahrungsenzyme).
Die Kampagne musste einfach scheitern.
Die Ergebnisse der Kampgne sind nach eigenem Eingeständnis der Initiatoren dürftig. Schon im Ernährungsbericht 2004 gab die DGE an, dass die empfohlene Menge von 650 Gramm Obst und Gemüse von den meisten Deutschen nicht erreicht wird.
Wenn man dann schon ausnahmsweise in der großen Wissenschaft einmal mit der Plausibilität operieren darf, muss ich darauf hinweisen, dass logischerweise die Kampagne aus zwei Gründen von vornherein zum Scheitern verurteilt war.
(1) Solche Kampagnen sind regelmäßig fruchtlos. Der deutsche Verein “5 am Tag” stellt seinen Mitgliedern Informationsmaterial, Plakate und Werbematerial für Veranstaltungen zur Verfügung, z. B., für Schulfeste, Infostände, Tag der offenen Tür usw. und räumt ihnen das Recht ein, das Logo “5 am Tag” zu verwenden. Solcher Aktivismus bringt nach aller Erfahrung generell keine messbaren Ergebnisse. Man denke nur an die Aufrufe zur Erklärung der Organspendenbereitschaft oder an die Appelle, mit dem Rauchen aufzuhören. Es ist eine Frage der Psychologie, weshalb wir auf solche Ansprache hin einfach nicht reagieren. Es kommt aber noch schlimmer.
(2) Selbst wenn die ganze Bevölkerung der Kampagen gefolgt wäre und täglich in fünf Portionen bis zu 800 g Obst und Gemüse am Tag verzehrt hätten, hätte sich die von Jahr zu Jahr schlechter werdende allgemeine gesundheitliche Situation im Volke nicht gebessert. Der Grund dafür ist nicht der, dass frisches Obst und Gemüse nicht wirklich das beinhalteten, was unsere Körper brauchen. Es liegt daran, dass wir nicht bereit sind, die wichtigen Gemüse so zu verzehren, dass uns überhaupt der Inhalt der Pflanzenzellen wirklich zugute kommt. Das gilt für das meiste Obst nicht. Es ist so weich, dass es sich im Mund zerquetschen lässt. Die Pflanzenzellen öffnen sich und wir können die wertvolle Fracht verstoffwechseln. Auf das Obst kommt es aber nicht ausschlaggebend an. Obst hat sehr wenige Eiweiße, mit die meisten Proteine haben die Bananen mit dem aber auch zu kleinen Anteil von 1,5 %. Gemüse und mehr noch Samenkörner haben mit bis zu 14 % ausreichende Anteile. Wir sind aber fast ohne Ausnahme viel zu faul, um Gemüse, Wurzeln, Samen und Nüsse so fein mit den Zähnen zu vermahlen, dass sich ihre Zellen öffnen. Ohne mechanische Zerkleinerung kommen wir aber an die in den Zellen liegenden Vitalstoffe nicht heran. Unsere Verdauungssäfte (Enzyme) können die Zellulosepanzer der Pflanzenzellen nicht knacken, auch nicht die Chitinpanzer der Pilze. Also fault ihr Inhalt während der endlosen Darmpassage nur vor sich hin. Gehen die Gase rückwärtig ab und richten keinen weiteren Schaden an, können wir schon von Glück reden.
Die Kampgane kann aber gerettet werden.
Wir sollten nicht versuchen, unseren Mitmenschen vorzuschlagen, jeden Bissen roher Pflanzenkost bis zu 150 Mal zu zerkauen, wie das der bekannte Münchner Heilpraktiker Hennig Müller-Burzler konsequenterweise wirklich propagiert. Das tut doch sowieso niemand. Wir klettern ja auch nicht wieder zurück auf die Bäume zu unseren Vettern im Tierreich, den Affen! Schon 30 Mal immer wieder auf jedem Bissen heumzukauen, ist eine Zumutung. Bei unserer hektischen Essweise zerteilen wir alle Nahrung im Mund nur ganz grob und betätigen den Schluckmechanismus im Hals, den sog. oberen Schlundschnürer. Schon ist alles zu spät!
Aber wir können die benötigten Pflanzenprodukte doch schonend trocknen und vermahlen! Wenn sie dann beim Verzehr in reichlich Flüssigkeiten verlöst (dispergiert) werden, laufen sie beim Verzehr auf leeren Magen die Magenrinne nur hindurch, werden vom Magenpförtner alsbald in den Dünnndarm eingelassen und dort in Windeseile verstoffwechselt.
Berner (“An vollen Töpfen verhungern”, Medi-Verlag) hat schon 1995 darauf hingewiesen, dass wir uns mit der Nutzung der Vitalstoffe der Pflanzen unter ihren Schutzschirm stellen sollen, den sie als stationäre Lebewesen in Hunderten Millionen Jahren gegen alle Angriffe von außen erfinden mussten. Heute spricht man davon, dass es an die 100.000 sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe gibt, die wohl alle ihren Wert zum Schutz des Lebens haben. Wir können mit der klugen Nutzung unserer Lebenmittel doch nicht warten, bis im Sinne der großen Wissenschaft perfekt bis in jedes Detail nachgewiesen ist, wie das funktioniert! Ist es nicht plausibel, dass wir längst die beste Vorbeugung gegen die Unzahl der Volkskrankheiten in Händen haben, gegen Krebs und die Fülle der chronischen Erkrankungen?
Was der Körper alles mit seinen Systemen aus solcher auf ihn perfekt zugeschnittenen Nahrung macht, die ich native Kost nenne, habe ich in meinen Beiträgen über die Hygiene des Verdauungstrakts vom April des Jahres eingehend geschildert.
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