Der Fall Sarrazin: Aufpassen, Ablenkungsmanöver!

Das Medienereignis um das Buch von Thilo Sarrazin dient einem speziellen Zweck der Ablenkung der Öffentlichkeit von anderen aktuellen Ereignissen. Man kann jetzt die Schlagzeilen mit der Debatte um die Äußerungen von und um Thilo Sarrazin füllen. Die viel wichtigere Debatte um die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, die bis Ende September

sareg.jpgDas Medienereignis um das Buch von Thilo Sarrazin dient einem speziellen Zweck der Ablenkung der Öffentlichkeit von anderen aktuellen Ereignissen. Man kann jetzt die Schlagzeilen mit der Debatte um die Äußerungen von und um Thilo Sarrazin füllen. Die viel wichtigere Debatte um die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, die bis Ende September entschieden werden soll, verschwindet gleichzeitig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Ebenfalls sinkt die öffentliche Aufmerksamkeit über die Sparpläne der Bundesregierung, die zunehmend aufgrund massiver Einflussnahme der Lobbyisten nicht mehr in der bisher angekündigten Form umgesetzt werden sollen.

Medien schlachten Sarrazin aus

Es muss doch einen tieferen Grund haben, dass insbesondere die Bild-Zeitung und der Spiegel sich in trauter Einigkeit als Plattform für Sarrazin zur Verfügung gestellt haben, um seine Thesen medienwirksam in die Öffentlichkeit als Sensationsereignis zu transportieren. Die Parteien jedweder Couleur sind auch begeistert dabei. Haben wir nichts Wichtigeres zu tun als dem Geschwätz des Thilo Sarrazin und seiner Kritiker und Befürworter unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken?

Cui bono?

Gewinner sind die Medien insgesamt, die sich jetzt als Moralapostel gegenüber dem Aussätzigen Sarrazin hervortun können. Michel Friedman – der sich wegen Zwangsprostitution und einer Kokain-Affaire öffentlich diskreditiert hat – kann sich ebenso als lauterer Verteidiger gegen rassistische Äußerungen Sarrazins in Szene setzen.

Angela Merkel verteidigt die türkischen Mitbewohner. Ohne Hintergedanken?

Axel Weber ist Thilo Sarrazin endlich los. Vorher war er sowieso schon von ihm kaltgestellt worden. Man hatte ihn bereits vorher mehr oder minder zum Frühstücksdirektor, sprich Vorstandsmitglied ohne Geschäftsbereich, gemacht. Offenbar haben sich die Meinungen in der CDU und SPD über Sarrazin grundlegend geändert. Vor einem Jahr erklärte Otto Bernhardt, finanzpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, noch der “Bild”-Zeitung:

“Die Entmachtung ist nicht transparent und nicht nachvollziehbar, weil man ihm Bereiche weggenommen hat, die nichts mit seinen Aussagen zu tun haben.”

Wenn dies damals so war, so ist dies jetzt ebenfalls der Fall

Die SPD möchte ebenfalls ihren Quertreiber schon seit langem loswerden.

Die Grünen wollten ihn ebenfalls schon immer loswerden.

Die FDP kann dies für die Propagierung einer liberalen Migrationspolitik, sprich mehr Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften, nutzen. Senkt die Einkommensgrenzen für qualifizierte Zuwanderer!, lautet hier die Parole.

Es geht um billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland, die bei absehbarem Arbeitskräftemangel aufgrund des demographischen Wandels einen Lohn- und Gehaltskostendruck verhindern helfen sollen.

Die Links-Partei kann diesen Skandal um das SPD-Mitglied Sarrazin für die eigene Profilierung gegenüber der SPD nutzen. Der Hartz-VI-Befürworter Sarrazin war schon immer ein Lieblingsfeind in den vorangegangenen Debatten.

Alle hoffen auf Wählerstimmen von wahlberechtigten Bürgern mit Migrationshintergrund.

Man könnte mit Goethe sagen: Sarrazin ist die Kraft, die eine schärfere Migrationskontrolle wollte, und das Gegenteil schafft.

Mithin bewirken die Provokationen von Thilo Sarrazin das Gegenteil dessen, was er intendiert hatte.

Das macht Sarrazin nicht zum Märtyrer, aber er dient als Projektionsfläche für alle möglichen Interessenslagen, um sich von ihm abzugrenzen. Die einzige Sorge: Sarrazin ist in der Bevölkerung populär. Mithin sind alle Sanktionen gegen ihn vergleichsweise wirkungslos. Finanziell dürfte er sowieso ausgesorgt haben. Als ehemaliger Finanzsenator von Berlin und noch Vorstandmitglied der Bundesbank muss er sich um seine finanzielle Zukunft nicht sorgen. Das Buch könnte ihn auch leicht zum Millionär machen. Mithin dürfte ihm am Ende sowohl der Rausschmiss aus der Bundesbank und der SPD – sollten beide vollzogen werden – gleichgültig sein. Der sich abzeichnende Rechtsstreit wird sowieso noch nach anderen Regeln erfolgen. Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit und das Recht auf Berufsfreiheit sind hohe Rechtsgüter, die nicht ohne weiteres wegen provozierender Äußerungen zur Disposition gestellt werden sollten. Am Ende könnte die ganze Angelegenheit ausgehen wie das Hornberger Schießen. Sollte Sarrazin vor Gericht obsiegen, was dann, Herr Axel Weber?

Der Verleger von Sarrazins Buch, die Deutsche Verlagsanstalt (DVA) dürfte sich die Hände reiben. Besseres Marketing gibt’s nicht.

Warum das Alles?

Offenbar rührt die Debatte, die Sarrazin angestoßen hat, an Urängste über die sich fortentwickelnde Krise unserer Gesellschaft. Zukunftsangst, Abstiegsangst, Xenophobie etc. grassieren in unserer Gesellschaft, da ihr eine positive Zukunftsvision fehlt. Die globalen Krisen von der Umwelt bis zu den Finanzmärkten haben zusätzlich eine tiefe Verunsicherung in der Bevölkerung ausgelöst.

Das Staatsversagen und das der Politik, glaubwürdige Antworten dafür zu finden, macht die Lage noch schlimmer. Man fürchtet die Agonie eines Gesellschaftssystems, das die Kräfte zu einer Selbstheilung und Neuorientierung verloren hat.

Sarrazin hat mit seinen teilweise krausen Thesen nur einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass man spürt, dass unserer gesellschaftliches und politisches System in einer tiefen Sinnkrise steckt. Der Kaiser ist nackt und trägt keine Kleider. Wie schauerlich.

Photo Quelle/Copyright: oparazzi photos, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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  1. Noch ein Nachtrag DVA gehört zu Bertelsmann bzw, der Konradin Verlagsgruppe

    Im Jahr 2000 zog die DVA von Stuttgart nach München. 2003 wurde der Zeitschriftenverlag in Stuttgart an den Konradin Verlag verkauft. Im September 2005 verkaufte die FAZ ihre Anteile an die Verlagsgruppe Random House des Bertelsmann-Konzerns.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Verlags-Anstalt

    http://de.wikipedia.org/wiki/Konradin_Mediengruppe

    Dumme Frage, warum hat DVA das Buch verlegt?