Alle Jahre wieder. Im Sommer findet das Fantasy-Filmfest statt. Das wird aber kein verkappter Werbeartikel.
Was 1987 in einem Hamburger Programmkino als Spartenfestival für Fans des Besonderen begann, entwickelte sich innerhalb von wenigen Jahren zum Tourneefestival für Fans und ist mittlerweile ein bundesweites Kommerzfestival. Mein erstes Fantasy-Filmfest war 1994. Seitdem änderte sich viel beim Festival, beim Spektrum der Filme und in der Medienlandschaft allgemein.
Innerhalb von Frankfurt wechselte das Festival bereits zweimal das Kinocenter; seit 2004 wird es im Frankfurter Metropolis gezeigt, welches zum Cinestar-Konzern gehört. Es muss positiv bemerkt werden, dass zu den beiden Festival-Sälen einer der beiden größten des Kinocenters gehört; in dem Riesenkino mit ca. 650 Plätzen saßen zu manchen Nachmittagsvorstellungen nur wenige Festivalgäste und durch einen zwischenzeitlichen Wechsel hätte das Kino eventuell mehr Geld verdient, indem dort einer der aktuellen Blockbuster gezeigt worden wäre. Dieses Lob entfällt seit letztem Jahr. Abgesehen vom Eröffnungsabend wurden wir in ein wesentlich kleineres abgeschoben.
Saal 8: ca. 350 Plätze, Saal 1: ca. 250 Plätze, Saal 6: ca. 650 Plätze.
Bei meinen ersten Fantasy-Filmfesten ging ich in jede mögliche Vorstellung. In meinem ersten Jahr gab es keine Dauerkarten mehr. Ich kaufte Einzelkarten für alle Filme. Das kostete damals ca. DM 300; eine Einzelkarte kostete nach meiner Erinnerungen DM 8,00. In den drei folgenden Jahren sicherte ich mir rechtzeitig Dauerkarten. Die erste Dauerkarte 1995 kostete DM 160,00 oder DM 170,00; ein Jahr später kostete die Dauerkarte bereits DM 200,00. Jetzt kostet die Dauerkarte EUR 185,00 und eine Einzelkarte kostet EUR 9,00. Bereits 1998 ging ich wieder dazu über, Einzelkarten zu kaufen und achtete mit der Zeit darauf, mir die Filme genau auszusuchen.
War das Fantasy-Filmfest noch vor einigen Jahren oft die einzige Möglichkeit, einen Film zu sehen, der dann bei Gefallen nur unter hohem finanziellem und logistischen Aufwand aus dem Ausland zu importieren war, ist das Festival heute ein Durchlauferhitzer für die Videothekenregale. Bei Studium des Filmprogrammes erkennt man mit etwas Erfahrung, welche der Filme demnächst im Kino bzw. auf DVD veröffentlicht werden. Da ist dann als Verleih eine Kinovertrieb, ein DVD-Anbieter oder auch mal ein Fernsehsender angegeben. In solchen Fällen ist es die überlegung wert, den Film vier, sechs oder acht Wochen später für EUR 1,80 am Tag aus der Videothek zu holen und dafür auf ein ggf. nerviges Publikum zu verzichten. Schöne und sonnige Tage könnten dann – wenn es sie gäbe – mit anderer Freizeitgestaltung verbracht werden und man kann sich auf die Filme konzentrieren, die (noch) keinen Verleih oder DVD-Vertrieb haben.
Es ist auch empfehlenswert, nicht für alle Filme Karten im Vorverkauf zu besorgen. Vor einigen Jahren schwenkte die Festivalleitung trotz vorheriger Ansage, alle Karten könnten umgetauscht bzw. zurückgegeben werden, um und bereits gekaufte Karten wuden weder umgetauscht noch zurückgenommen; das war 2004. Das sorgte für viel Ärger unter den Festivalbesuchern und hinterlässt den Eindruck: Das ist kein Festival mehr für Filmfans sondern ein rein kommerzielles Festival zum Geld verdienen.
Die gastronomischen Gelegenheiten in unmittelbarer Umgebung zum Kinocenter sind durchaus gut und preiswert. Es gibt direkt auf der anderen Straßenseite u.a. eine Nudelbar, einen sauber wirkenden Imbiss, ein bayerisches Lokal und einen Türken.
Jetzt kommen die Filmbesprechungen. Alle Filme werden in der jeweiligen Originalfassung gezeigt. Filme, die nicht in englischer Sprache gedreht sind, werden mit englischen Untertiteln gezeigt; in wenigen Ausnahmen werden Filme, die bereits auf anderen deutschen Festivals liefen, mit deutschen Untertiteln gezeigt. Für viele Kinobesucher ist das sehr gewöhnungsbedürftig, daher ist die Bezeichnung “Filmfestival für Fortgeschrittene” nicht unberechtigt.
Zunächst gebe ich den Text der Filmbesprechung aus dem Programmheft bzw. von der Internetseite des Festivals wieder, dann kommentiere ich, gebe Zusatzinformationen und vergebe Bewertungen analog von Schulnoten (1 = sehr gut; 6 = unzumutbar).
OF = Originalfassung
OmeU = Originalfassung mit englischen Untertiteln
OmdU = Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Mittwoch, 26. August um 20:00 Uhr, Kino 6
Frankreich, Belgien, französische OmdU
Unseren Fans davon zu erzählen, dass Frankreich sich im letzten Jahrzehnt, beginnend mit HAUTE TENSION, zur führenden Nation für Horror der beinharten Sorte entwickelt hat, hieße, Eulen nach Athen zu tragen. LA MEUTE, das Debüt von Franck Richard, fügt sich nahtlos in diese neue französische Tradition. Der Film überschreitet Grenzen, bricht Tabus und geht zielsicher immer dorthin, wo es wehtut – den Protagonisten ebenso wie dem Publikum. Und hebt sich dennoch deutlich und wohltuend ab von den jüngst typischen Ultrabrutal-Spektakeln, die sich primär als pubertäre Härteproben verstehen (womit sie auf ihre ganz eigene Weise präzise die französische Realität zu Beginn des 21. Jahrhunderts widerspiegeln). So funktioniert LA MEUTE nicht nur als verwunschene Variation des Backwoods-Slashers, sondern ist vor allem auch ein richtig guter Film. Als Special Screening im offiziellen Programm von Cannes veranlasste er das zimperliche und konservative Premierenpublikum an der Croisette mal wieder zu ein paar Walkouts. Aber beim Fantasy Filmfest, dessen Zuschauer ja bekanntlich das Ungewöhnliche, das Verstörende genauso wie das Kunstvolle lieben, wird LA MEUTE garantiert die gebührende Wertschätzung erfahren. Schon allein, weil Émilie Dequenne (aus PAKT DER WÖLFE und FISSURE) eine Filmheldin ist, mit der man die Welt in Flammen setzen will. Ein taffes Outlaw-Chick im aufmüpfigen Joan-Jett-Look, das sich mit den Cheerleaderinnen aus handelsüblichen US-Horrorfilmen den Arsch abwischen würde und selbst fiesen Bikern den Mittelfinger zeigt, auch wenn das in LA MEUTE böse Folgen hat In ihrer Rostkarre sieht es aus wie bei Schweins unterm Tisch, sie hört Patti Smith und Led Zeppelin (geht’s besser?) und sie fährt auf kaum befestigten Landstraßen durchs Hinterland, die zuletzt Laurent Lucas in CALVAIRE in den Wahnsinn führten. Mit einem undurchschaubaren Tramper, gespielt ausgerechnet von Neo-Chanson-Gott Benjamin Biolay kehrt sie in eine Spelunke im sprichwörtlichen Nichts ein, welche gut und gern von einer kettensägenvernarrten Familie aus Texas betrieben werden könnte. Und tatsächlich erweist sich die Madame hinter dem Tresen – Yolande Moreau, Frankreichs Antwort auf Roseanne Barr – als ebenbürtige Verwalterin von blankem Terror, der sich kaum in Worte fassen lässt. Das Szenario in Kurzform: Biolay verschwindet, Dequenne findet sich in einem Käfig im Keller wieder, Philippe Nahon, (der Metzger aus MENSCHENFEIND) schaut zu Besuch vorbei und trägt ein groteskes T-Shirt. Was jetzt folgt, ist so düster, blutig und komisch zugleich, dass wir einfach nur vor Inbrunst johlen wollen, wenn es zum Last Stand ausgerechnet in der Bruchbude der eingangs erwähnten Biker kommt.
Vor knapp fünf/sechs Jahren begann in Frankreich eine neue Welle harter Horror- und Thrillerfilme. Es geht hier meistens sehr blutig und sadistisch und auch unappetitlich zu, wobei Handlung und Gewaltexzesse mit der Optik des gängigen französischen Depressions- und Problemdramas kombiniert werden. Das ist nicht unbedingt atraktiv.
Willkommen im herbstlichen Frankreich (oder Belgien, egal). Es ist neblig und trüb. Tussi nimmt Anhalter mit. Sie kehren in einem spelunkigen Imbiss in der Landschaft ein, bekommen ein bischen Ärger mit einem Rockertrio, bis die Wirtin mit der doppelläufigen Flinte kommt. Anhalter verschwindet auf dem Klo, Tussi sucht nach ihm, Tussi wird von schmuddeliger Wirtin mit dem Knüppel umgehauen. Tussi wacht im Käfig auf. Ihr Käfignachbar ist Asiate. Der Anhalter ist der Sohn der Wirtin. Dann wird ein bischen gefoltert, aber ohne alzu schlimme Details, ein bischen Brandeisen eben. Später werden zersägte Leichenteile im Säurebad aufgelöst und es ist deutlich zu sehen, dass es Gummiatrappen sind. Na ja, ein Hauch von Kettensägenmassaker blitzt schon für ein paar Sekunden durch die fade Geschichte und man wartet auch darauf, ob nicht irgendwelche Zombies, Vampire oder Nuklearmutanten aus dem Hinterzimmer oder Gebüsch springen. Nachts werden Tussi und der Asiate auf dem Feld aufgehängt und aufgeschnitten. Der Boden wird mit Blut gedüngt. Und aus der Erde kriechen tatsächlich entstellte humanoide Kreaturen und lutschen ihren Opfern Blut aus. Keine Angst, es ist alles so dunkel, dass kaum etwas zu erkennen ist. Zwischenzeitlich greift ein Politist mit Cowboyhut (und dem grotesken T-Shirt) in die Handlung ein und verliert den Kopf. Tja, die Mutanten sind Opfer eins Bergwerksunglücks, zwei von ihnen sind Söhne der Wirtin und sie alle werden von der Wirtin mit Blutopfern am Leben gehalten. Beim Endkampf mit dem Mutanten werden die Wirtin (so ganz klar ist mir das nicht) und auch die drei (völlig deplazierten) Rocker erledigt. Tussi wird von den Unterirdischen überrannt. Ein paar Monate später: Tussi steht mit schwangerem Kugelbauch hinter der Theke. Der Sohn kommt mit der nächsten Tussi rein. Nächste Tussi hängt kopfüber auf dem Acker. Ende.
Die Wirtin wird von Yolande Moreau gespielt, die besonders als gutmütiges Muttchen in den Filmen von Jean Pierre Jeunet bekannt ist. Entweder war das Drehbuch komplett anders als der Film oder sie brauchte dringend Geld. Ansonsten ist der Film weder schauspielerisch noch inhaltlich noch optisch erwähnenswert. Spannung bleibt aus. Die Handlung ist ohne Inteligenz oder Rafinesse entwickelt. Die Figuren sind uninteressant und auch die Effekte für die Härtner bleiben aus. Die Köpfe der Mutanten sind recht ordentlich gestalten, allerdings nie lang genug und gut genug zu sehen; dafür gibt es einen minimalen Pluspunkt. Da ist dann auch gar nichts komisch – wenn, dann unfreiwillig. Daher johlt auch niemand vor Inbrunst und das Kino ist allgemein von Enttäuschung erfüllt. Ganz unüblich gibt es keinen Schlussapplaus bei einem Eröffnungsfilm. Die Festivalplaner greifen zum zweiten mal nacheinander bei einem Eröffnungsfilm voll daneben.
Note: 5+ (+ wegen der Gesicher der Mutanten)
Donnerstag, 27. August um 23:30 Uhr, Kino 8
Japan 2009, englische OF
Vor ungefähr zwanzig Jahren flackerten die wohl bizarrsten Psychotrips seit ERASERHEAD über die Leinwände: TETSUO: IRON MAN und TETSUO II: BODY HAMMER. Ihr Schöpfer hat sich nun lange kunstfestival-kompatibel betätigt – Zeit also, dass seine Bilder wieder Amok laufen lernen. Höchste Zeit für Shinya Tsukamoto, weiter radikal an der Fusion von Mensch und Metall zu einer neuen Kreatur zu feilen. Zeit für die krasse Version von TRANSFORMERS. Zeit für einen neuen TETSUO! Die Fortsetzung des Industrial-Splatterpunks beginnt damit, dass ein Unbekannter Anthonys kleinen Sohn mit voller Absicht totfährt. Als ihn kurz darauf auch noch seine Frau Yuriko verlässt, ist Anthony am Boden zerstört. Sein Frustpegel erklimmt derartige Höhen, dass er zum rasenden Metallmonster mutiert. 20 000 Volt jagen durch seine Venen – wer könnte da noch stillsitzen? Im Bemühen, die neuen Kampffähigkeiten seines stählernen Körpers zu ergründen, stößt er auf ein altes Geheimprojekt – während ringsum das Feuer auf ihn eröffnet wird … Wir müssten schon eine verdammt große Dosis Psychopharmaka einwerfen, um einen solch rabiaten Rausch zu halluzinieren, wie ihn Tsukamoto auf die Leinwand bannt. Da kommt ein Kinoticket deutlich günstiger. In dem Mann tobt weiterhin der ungezähmte Dämon von einst, immer noch Avant-fucking-garde!
Shinya Tsukamoto ist ein außergewöhnlicher Filmemacher und Darsteller mit einem außergewöhnlichen visuellen Stil. Handlungselemente werden hier wie bei Tsukamoto üblich mit rabiat montierten Aufnahmen von schnell arbeitenden Maschinen und Großstadtfassaden. Unterlegt mit einer harten Musik werden die Filme so oft zu sehr interessanten und beeindruckenden, aber auch anstrengenden Filmerlebnissen. Tsukamoto kann aber auch anders, z.B in seinem sehr ruhig erzählten Film VITAL. Im dritten TETSUO-Film manifestieren sich erneut die Agressionen eines Mannes in metallische Körpermutationen.
ist ein außergewöhnlicher Filmemacher und Darsteller mit einem . Handlungselemente werden hier wie bei Tsukamoto üblich mit rabiat montierten Aufnahmen von schnell arbeitenden Maschinen und Großstadtfassaden. Unterlegt mit einer harten Musik werden die Filme so oft zu sehr interessanten und beeindruckenden, aber auch anstrengenden Filmerlebnissen. Tsukamoto kann aber auch anders, z.B in seinem sehr ruhig erzählten Film. Im dritten TETSUO-Film manifestieren sich erneut die Agressionen eines Mannes in metallische Körpermutationen.
Zu den Nachteilen des Films gehört, dass er bis auf sehr wenige Dialogpassagen komplett auf englisch gedreht ist. Dass die Metall-Tumore im Gesicht der Hauptfigur als Latexgebilde zu erkennen sind, ist auch nicht sehr von Vorteil. Insgesamt bleibt dieser dritte TETSUO-Film hinter den bisherigen inhaltlichen, visuellen und akkustischen Amokläufen von Tsukamoto zurück.
Diese Art von Filmen ist sowieso nicht für den regulären Kinobetrieb gedacht sondern der perfekte Rausschmeißer für die Nachtvorstellungen bei Filmfestivals; auf DVD wird der Film später durchaus sein Geld verdienen.
Note: 3
Freitag, 28. August
14:45 Uhr, Kino 1
Spanien, spanische OmeU
Gott spielen – Diego bekommt eine Gelegenheit, diese Erfahrung zu machen. Er ist Schmerzspezialist in einem spanischen Krankenhaus, und Extremsituationen sind sein Alltag; die meisten seiner Patienten balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Nüchtern, fast unwirsch begegnet er dem Leid, das ihn umgibt. Bis eines Tages ein vor Trauer halb wahnsinniger Angehöriger Diego für den Selbstmordversuch seiner Frau Sara verantwortlich erklärt und den kühlen Mediziner mit einer Waffe bedroht. Ein Schuss fällt. Diego bleibt zwar wie durch ein Wunder unverletzt, doch wird er das Gefühl nicht los, etwas hätte sich dramatisch verändert. überhaupt geschehen seit dem verhängnisvollen Moment seltsame Dinge: Komapatienten erwachen, Krebsleidende werden entgegen aller Prognosen geheilt – wo auch immer der Arzt auftaucht, werden die Menschen urplötzlich gesund Ein packendes Drama, produziert von Oscarpreisträger Alejandro Amenábar, der bereits in OPEN YOUR EYES und THE OTHERS sein Talent für Außergewöhnliches und übernatürliches bewies.
Leider gelingt die Heilung nicht in allen Fällen. Diegos Vater stirbt an Prostatakrebs und seine Tochter bekommt eine Geschlechtskrankheit, an der sie zu sterben droht. Das ist der Preis, den der Wunderheiler wider Willen zu zahlen hat. Das ist der Preis, den sein Vorgänger zu zahlen hatte, dessen Frau nach dem Selbstmordversuch ins Koma fiel und der sich während der Konfrontation mit Diego selbst erschießt. Die einzige Methode, die eigenen Familienmitglieder zu retten ist, sich selbst zu opfern.
Hier verrate ich eigentlich zu viel, aber es gibt keinen deutschen DVD-Vertrieb, der sich diesem starken Drama annehmen wird; ein deutscher Kinoverleih – wovon träumen wir nachts? Mit so etwas wird leider nicht viel Geld zu verdienen sein. Es ist traurig. Mit viel Glück werden wir mal eine Ausstrahlung im Nachtprogramm mit verunglückter Synchronisation (c) ZDF sehen oder auch verpassen.
Ich bin ein Fan von Eduardo Noriega. Vor 15 Jahren war er Mädchenmörder aus Leidenschaft, bei einem Unfall entstellter Playboy, später ETA-Terrorist und nun Arzt in den besten Jahren mit Falten und grau meliertem Vollbart. Seine schauspielerischen Leistungen kenne ich als ausnahmslos herausragend. Auch die anderen darstellerischen Leistungen sind excellent. Bildgestaltung, Ausstattung und Filmmusik sind sehr gelungen. Ein sehr guter und sehenswerter Film, der eigentlich nicht ins Schema des Fantasy-Filmfestes passt, aber darüber möchte ich mich auf keinen Fall beschweren.
Note = 1
17:00 Uhr, Kino 1
DIE LETZTEN TAGE DER EMMA BLANK
Niederlande, niederländische Omeu
Der holländische Filmtitel ist originalgetreu übersetzt, daher werde ich nicht diese Festival-Unart übernehmen, immer einen englischen Titel zu nutzen.
Diese schwarze Komödie ist eine übung in purer Grausamkeit. Aberwitzig, doch keineswegs zum Lachen – eine abgrundböse Kreuzung aus der tödlich kriminellen Energie von THE LADYKILLERS und der surrealen Dinnerszene in Buñuels DAS GESPENST DER FREIHEIT. Emma Blank stirbt. Die letzten verbleibenden Tage nutzt sie, um ihr Personal systematisch zu quälen: Der Hausdiener muss sich einen Schnurrbart ankleben, wenn sie das wünscht; die Köchin wird vor immer verwegenere kulinarische Aufgaben gestellt, ein weiterer Lakai verrichtet die Geschäfte eines Hundes. Emma ist herrisch, gehässig, gnadenlos. Doch dies ist nur die Hälfte der Wahrheit, weil Regisseur van Warmerdam bisher erst die Hälfte gezeigt hat. Szene für Szene deckt der Film unvermutete Verwandtschaftsverhältnisse auf und offenbart, warum die Bediensteten jede Erniedrigung bereitwillig über sich ergehen lassen. Sie können Emmas Tod nicht erwarten, weil sie erben wollen. Und selbst dann ist noch nicht alles eindeutig. Erst wenn am Ende wirklich gestorben wird, lösen sich die Verstrickungen in diesem wunderbar schmutzigen, hinreißend perversen Gruppenbild mit verendender Dame.
Alex van Warmerdam ist ein Ausnahmeregisseur. Er arbeitet überwiegend am Theater und drehte seit 1986 nur sechs Filme. In Deutschland der überwiegende Anteil seiner Filme lief durchaus erfolgreich in deutschen Programmkinos. Jetzt entdeckt das Fantasy-Filmfest Alex van Warmerdam mit einem für das Programm ebenfalls sehr untypischen Film; und auch hier möchte ich mich nicht beschweren, dass der Film eigentlich nicht ins Konzept passt.
ist ein Ausnahmeregisseur. Er arbeitet überwiegend am Theater und drehte seit 1986 nur sechs Filme. In Deutschland der überwiegende Anteil seiner Filme lief durchaus erfolgreich in deutschen Programmkinos. Jetzt entdeckt das Fantasy-Filmfest Alex van Warmerdam mit einem für das Programm ebenfalls sehr untypischen Film; und auch hier möchte ich mich nicht beschweren, dass der Film eigentlich nicht ins Konzept passt.
Inteligent beobachtet, sorgfältig in der Bild- und Ausstattungsarbeit, prima gespielt und sehr boshaft.
Note = 1
Von seinen Filmen ist in Deutschland kein einziger regulär auf DVD erhältlich. Wann erbarmt sich endlich ein DVD-Anbieter?
Samstag, 29. August
19:15 Uhr, Kino 1
Frankreich, französische OmeU
Aus heiterem Himmel wird der einflussreiche Großindustrielle Graff (César-Preisträger Yvan Attal) entführt. Einen abgeschnittenen Finger erhält seine Familie per Post – zusammen mit einer Lösegeldforderung von fünfzig Millionen Euro. Die Familie und Entführer ahnen noch nicht, was bald in sämtlichen Klatschblättern genüsslich in allen Details ausgebreitet werden wird: Der Entführte hat ein verhängnisvolles Doppelleben als spielsüchtiger Playboy geführt und das Familienvermögen zu großen Teilen verzockt. Die betrogene Ehefrau bemüht sich verzweifelt, mit den kompromisslosen Entführern zu verhandeln, derweil ihr Mann psychisch und physisch vor die Hunde geht. Die Polizei und Graffs Vorstandskollege und bester Freund entpuppen sich als zwei nicht gerade unwichtige Zahnräder im undurchsichtigen Ränkespiel. Hoch konzentriert schaut Lucas Belvaux hinter die Fassaden der Reichen und Mächtigen, zeigt das nervenaufreibende, strategische Geschacher um Leben und Tod, Einfluss und Protektion zwischen Entführern, Familienangehörigen, Polizei und Politikern. Inspiriert von einem wahren Entführungsfall liefert der Regisseur sowohl einen höchst spannenden und intelligenten Kidnapping-Thriller als auch (insbesondere im überraschend bitteren Finale) eine tiefgründige Charakterstudie.
Weil es mit dem Lösegeld so lange nichts wird, verkaufen die Entführer ihr Opfer weiter. Die Polizei findet Geliebte und Liebesnest von Entführungsopfer Graff. Darauf hin zerbricht die Familie immer mehr und die Situation wird nach der Freilassung auch nicht besser. Das einzige Wesen, das sich aufrichtig über die Rückkehr freut, ist der Hund.
Regisseur Lucas Belvaux war einer der Macher der preisgekrönten, geniale und umstrittenen Pseudo-Dokumentation “MANN BEISST HUND“, in der ein Dokumentarteam einen Berufsmörder bei der Arbeit begleitet und zu Komplizen wird. Der Film ist kein Meisterwerk, dass ich auf Ewigkeiten in meiner Videosammlung haben möchte, aber gute und ordentliche Arbeit, glaubwürdig entwickelt und gut gespielt.
war einer der Macher der preisgekrönten, geniale und umstrittenen Pseudo-Dokumentation , in der ein Dokumentarteam einen Berufsmörder bei der Arbeit begleitet und zu Komplizen wird. Der Film ist kein Meisterwerk, dass ich auf Ewigkeiten in meiner Videosammlung haben möchte, aber gute und ordentliche Arbeit, glaubwürdig entwickelt und gut gespielt.
Note = 2
21:30 Uhr, Kino 1
Großbritannien, englische OF
David und Emily sind vierzehn und beste Freunde. In dem heruntergekommenen Trailerpark an der Küste von Norfolk, wo sie aufwachsen, gibt es keine anderen Teenager, was die beiden umso enger aneinander schmiedet – wem sonst könnten sie sich anvertrauen? Als Emily ausreißt, weil sie der Obhut ihrer trinkenden Mutter entzogen werden soll, weiß David natürlich, dass sie sich in einer Höhle am Strand versteckt. Er verrät es aber weder Emilys Mutter und schon gar nicht der Polizei. Diese startet eine groß angelegte Suchaktion nach dem Mädchen, während David Emily heimlich mit Lebensmitteln und Neuigkeiten versorgt. Er geht förmlich auf in dem Glück, die Freundin ganz allein für sich zu haben. Ein Glück, das allerdings ein jähes Ende findet. Denn nach zwei Nächten in der Höhle offenbart Emily ihm ein Geheimnis, das dem Jungen klar macht, dass er sie zwar gut, aber längst nicht gut genug kannte. Er ist so bestürzt, dass er den Verstand verliert. Während die Polizei mit ihrer Fahndung einen Medienrummel und Hysterie auslöst, versinkt David (zuvor schon gekonnt bösartig in EDEN LAKE) zunächst in verzweifelter Untätigkeit. Doch dann reift ein schrecklicher Plan in ihm … Von federleichter Unbeschwertheit zu abgrundtiefem Schrecken: Der junge Brite Tom Harper inszeniert den Coming-of-age-Stoff im britischen Unterschichtmilieu mit viel Feingefühl und Stilsicherheit und einem hervorragenden, zwischen Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht zerrissenen Thomas Turgoose in der Hauptrolle.
Ihre Mutter ist – wie schon gelesen – eine alkoholkranke Verkäuferin im örtlichen Laden, sein Vater ist ein peinlicher Country-Sänger im Vergnügungspark. Eine kleine logische Lücke gibt es in der Geschichte. Warum sind Emily und David die einzigen Jugendlichen in dem Alter vor Ort? Gibt es dort keine Schule? Sind sie nur im Urlaub dort und treffen sich jedes Jahr? Das wird es sein. Die Dialoge sind phasenweise nur sehr schwer zu verstehen.
Das Geheimnis ist, dass Emily angeblich vom hausmeisterähnlichen Angestellten des Camping-Parks schwanger ist. Seine zärtlichen Annäherungen wie das Streicheln des Oberschenkels (sie in kurzen Hosen) oder der Versuch eines Kusses werden abgewiesen, denn sie braucht einen Mann und er ist in dieser Hinsicht bedeutungslos. Dafür wird die Rache schrecklich sein.
Für ein Regiedebüt ist das wirklich äußerst beeindruckend. Hervorragend gespielt.
Note = 2
Jetzt kommt eines meiner Lieblingsspiele. Stellen wir uns bitte vor, das wäre ein deutscher Film an der Mecklenburger Ostseeküste mit pubertierendem Junggemüse wie z.B. Jim-Bob oder John-Boy Ochsenknecht als David, Moritz Bleibtreu als potentiellem Erzeuger von Emilys Kind oder Katja Riemann oder Vroni Ferres als Emily Mutter, aber natürlich ohne perverse Fummeleien. Brrrr. Zum Fremdschämen.
23:30 Uhr, Kino 9 (ca. 350 Plätze, eins von zwei Kinos, in denen 3D-Projektion möglich ist)
USA, englische OF
Was die Mechaniker dieser Kfz-Werkstatt während einer Nachtschicht zu sehen bekommen, ist mit keiner StVO zu vereinbaren! Und weckt vor allem bei Tilda, der Powerfrau in der Männerrunde, gewaltigen Kampfgeist. Ein Formwandler hat sich in die abgeschirmte Tiefgarage der Chicagoer Polizei eingeschlichen und neben seiner Begeisterung für protzige Schlitten auch einen unstillbaren Appetit auf Menschenblut entwickelt. Ja wirklich, ein oktopusartiges Alienvieh morpht sich unter die Motorhauben und macht in den spärlich beleuchteten Hallen Jagd auf die kleine Schar verdatterter Kfz-Schrauber. Im Gefecht muss sich Tilda gleich gegen zwei Seiten absichern: das mörderische Mobil und ihren nervigen Macho-Vorgesetzten Ray (Oded Fehr). Durch die moderne 3D-Brille betrachtet haben Chauvi-Sprüche wie “Frau am Steuer – Ungeheuer!” endgültig ausgedient. HYBRID räumt mit derlei antiquierten Vorurteilen effektiv auf. Für Fans ist es eine wahre Freude, dass ein Sub-Genre wie der “PS-Horror” bereits so früh von der 3D-Technik bedient wird. Natürlich wird hier kräftig in der Klassikerabteilung siehe CHRISTINE und PREDATOR gestöbert und mit einigem Krawumm Grindhouse-Feel heraufbeschworen. Dieser 3D-HYBRID ist alles andere als sparsam im Verbrauch!
Ja, HYBRID 3D ist nur sparsam bei Spannung, Inteligenz, Effekten und schauspielerischer Qualität.
Wenn ich einen Horrorfilm in 3D anschaue, möchte ich – ja, ganz direkt formuliert – sehen, wie mir der Saft und die Brocken und die Mordwerkzeuge ins Gesicht fliegen. Was ich nicht in 3D – und sonst natürlich auch nicht unbedingt – sehen möchte, sind die Innenansichten von Fahrzeugen, miese Darsteller, die durch die Tiefgarage rennen und Chauvi-Sprüche oder andere dumme Dialoge aufsagen, oder Tentakelmonster unter der Motorhaube, die aussehen wie computer-animierte Kaugummiblasen.
Zum Ende der Vorstellung gibt es vereinzelte Buh-Rufe, die absolut berechtigt sind. Normalerweise verlasse ich bei so etwas das Kino. Aber der für 3D-Vorstellungen erhöhte Preis von EUR 12,00 (zusätzlich EUR 1,00 für die 3D-Brille, aber ich hatte noch eine) war mir zu viel Geld, um zu gehen. So schlief ich zu später Stunde ein paar mal kurz ein und das waren wirklich die besten Momente dieser Kinovorstellung. Auf Rückfrage bei anderen Geduldigen scheine ich nichts verpasst zu haben.
Note = 6
Auf der Kommentarwand im Foyerbereich sind Kommentare wie “Frechheit” vermerkt.
Sonntag, 29. August
14:45 Uhr, Kino 1
Eigentlich halte ich nicht viel von solchen Kurzfilmprogrammen und würde es bevorzugen, vor jedem Film einen Kurzfilm zu sehen. Durchschnittlich EUR 1,00 für einen Kurzfilm ist aber ein relativ angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Filme sind insgesamt gut. Besonders der zehnminütige Trailer eines angeblichen neunstündigen Horrorfilms ist sehr lustig, in dem ein Geist sein Opfer mit einem Esslöffel traktiert.
Note = durchschnittlich 3
17:00 Uhr, Kino 1
Japan, japanische OmeU
In dieser abgefahrenen Sciencefiction-Fantasy krachen uns Autowrackteile, Aliens und Zeichenstile unterschiedlichster Couleur mit Turbo-Speed um die Ohren, als gäbe es kein Morgen. Takeshi Koike (der schon an den Animations-Klassikern VAMPIRE HUNTER D und WICKED CITY mitgezeichnet hat und sich als Regisseur des Segments “World Record” in THE ANIMATRIX einen Namen machte) zeigt uns keine glatt geschliffene Mangawelt. Seine Zukunftsvision ist schnell, wild und zuweilen ziemlich schmutzig, wenn sich die Völker einer zu großen Teilen befriedeten Galaxie an so genannten Redline-Wettkämpfen ergötzen. Im Underground rund um diese illegalen Autorennen tobt das wahre Leben: Hier treffen die abgebrühtesten Zocker und schlimmsten Finger aufeinander; hier werden Helden geboren und genauso rasch wieder von der Seitenbande gekratzt. JP ist ein solcher Star-Rennfahrer, und heimlich verliebt in seine Konkurrentin Sonoshee. Nach einer höllischen Vorrunde, die beide mit einigem Glück überleben, wird nun mit Spannung der halsbrecherische Hauptevent auf dem Planeten Roboworld erwartet. Doch die Obrigkeiten, die den mörderischen Fun mit allen Mitteln vereiteln wollen, sind ihnen dicht auf den Fersen.
Die Handlung ist sehr viel versprechend. Leider gelingt es dem Regisseur nicht, den verschiedenen Handlungsphasen das entsprechende Tempo zuzuordnen. Es ist immer Action, ständig bewegt sich etwas oder es gibt Explosionen. Pausenlos schweben irgendwelche Ergebnis-Ranglisten oder Senderlogos durchs Bild (was auch erhebliche Probleme mit den Untertiteln gibt, wodurch ich mir nicht vorkomme wie in einem Anime sondern wie bei eine Spartensender mit Klingeltonwerbung, Gewinnspiel und SMS-Chat. Fast dauernd wechseln sich Defomierte (die Hälfte mit einem roten Kunstauge), Außerirdische und sogar Hunde ab. Ich kapituliere, lasse diese Reizüberflutung einfach nur noch über mich ergehen und ruhe auch zwischenzeitlich meine Augen aus.
Note = 5
19:45 Uhr, Kino 1
USA, englische OF
Kaboom! Das ist die subversive Sprengkraft, die von Gregg Arakis mittlerweile zehntem Film ausgeht und die zugleich seine Rückkehr zu den knalligen, aggressiven und grenzenlos wilden Filmen der “Teen Apocalypse Trilogy” besiegelt, die er in den 90er-Jahren hervorgebracht hat – TOTALLY F***ED UP, THE DOOM GENERATION, NOWHERE. Im besagten mittleren Teil dieser Trilogie zischt Rose McGowan als grell geschminktes Punk-Goth-Girl gleich zu Beginn “Fuck!” in Richtung Kamera. Danach bricht die Hölle los mit einer Palette von Sex und Gewalt – das Verderben als Kunstform. KABOOM ist sozusagen das Geschwister im Geiste: eine furios komische Mischung aus in quietschbunte Farben getauchter Endzeit- Vision und sexuell aufgeladenem California-Teeny-Streifen, in dem sich das Ende der Welt als der ultimative aller Orgasmen entpuppt. Und Höhepunkte gibt es einige in Arakis Film, der seine Darsteller für den frigiden Geschmack amerikanischer Sittenwächter mal wieder unvorstellbare Dinge tun und sagen lässt. Warum auch nicht? Alle Akteure sehen superscharf aus (und sind auch scharf aufeinander), schmeißen Drogen und hauen sich im Minutentakt coole Sprüche um die Ohren. Wenn zum Beispiel Smith, der betont bisexuelle Held der Geschichte (gespielt von Thomas Dekker mit ewig verwundertem Gesichtsausdruck, als sei er bei einer von Ken Russell inszenierten Orgie zwischen Jared Leto und dem Cast von GOSSIP GIRL gezeugt worden), plötzlich mit einer albernen, pseudo-existenzialistischen Baskenmütze aufkreuzt, was seine beste Freundin Stella (Haley Bennett – heiß!!!) mit einem staubtrockenen “Sind wir in Paris?” quittiert. Kaboom. Wer sich all die treffsicher ausgespuckten One-liner merken könnte, hätte unterhaltungstechnisch echt ausgesorgt Aber es geht überdies um diverse Absurditäten wie religiöse Verschwörungen oder geheime Pläne, den Untergang der Menschheit herbeizuführen – als hätte sich die Manson-Family bei Scientology eingeschleust. Da setzt KABOOM dann auf einmal zum Helter Skelter an, da macht sich in dem entspannten Jeder-mit-jedem-Woodstock auf einmal ein Altamont-Vibe breit, der zunehmend alles Licht aus dem Film saugt. “It’s nuttier than squirrel shit”, kommentiert eine der Hauptfiguren das irre Treiben. Auch durchgeknallter als DONNIE DARKO, über den sich Araki mit ein paar strategisch platzierten Hasen lustig zu machen scheint. Unser Fazit: KABOOM ist der perfekte Partyfilm “for the end of the world as we know it” – oder eben fürs Fantasy Filmfest
Die/der Urheber/in dieses Textes wird auch nicht genau verstanden haben, worum es hier ging. Oder eine halbwegs zutreffende Inhaltsangabe hätte uninteressant geklungen.
Er ist 18 und bisexuell mit deutlicher Tendenz zu homosexuell. Seine beste Freundin ist lebisch und deren Sexualpartnerin ist sehr besitzergreifend und wendet auch mal Voodoo-Praktiken an. Ein Mädchen, das Smith nur vom Sehen kennt, wird vermisst und er selbst fühlt sich von schwarz Gekleideten mit Tiermasken verfolgt. Zum Schluss mischt noch eine Sekte mit. Ein ziemlich irrer und wirrer Trip. Erstaunlicherweise wird in fast jeder zweiten Dialogszene Fast-food gefressen und alle sind rank und schlank
Note = 2-
21:30 Uhr, Kino 8
Japan, japanische OmeU
Die Welt der Yakuza stützt sich auf einen vielschichtigen Ehrenkodex – jeder kleinste Schachzug kann Leben oder Tod bedeuten. Der “Chairman”, honoriges Oberhaupt des einflussreichen Sanno-Kai-Syndikats, regiert mit eiserner Hand über ein verzweigtes Netz an Unterorganisationen, die einander spinnefeind sind. Als er Ikemoto damit beauftragt, seinem gutem Freund Murase einen Denkzettel zu verpassen, gerät der in einen Gewissenskonflikt und reicht die Aufgabe an Ôtomo weiter, den Führer einer kleineren Gruppierung innerhalb des Clans. Ôtomo ist wenig zimperlich in der Wahl seiner Mittel, und die Strafaktion gerät außer Kontrolle. Ehe Ikemoto sich versieht, tobt um ihn herum plötzlich ein blutiger Bandenkrieg, und ringsum ist seine Loyalität gefordert … Takeshi Kitano ist zurück. Und wie! OUTRAGE ist sein erster Yakuza-Film seit zehn Jahren – und doch fühlt sich Kitanos Handschrift nach wenigen Szenen schon wieder unaufdringlich vertraut an. In penibel konstruierten Aufnahmen entwirft der japanische Ausnahmeregisseur eine komplexe hierarchische Welt, in der Konflikte auf archaische Weise ausgetragen werden. Dabei überhöht Kitano seine nihilistischen Zerstörungsorgien mit äußerster Effektivität ins Groteske: Nur wenige Zuschauer werden danach ihren Zahnarzt noch mit denselben Augen sehen.
(Beat) Takeshi Kitano ist ein absoluter Ausnahmekünstler. Er ist als Komiker, Fernsehmoderator, Theater- und Filmschauspieler, Filmregisseur, Romanautor und Maler aktiv. Sein Werk als Filmregisseur ist von einem sehr ruhigen und getragenen – nicht langweiligen – Erzählstil geprägt, bei dem je nach Genre ruhige, fast meditative Szenen durch eruptive Gewalt abgeschlossen werden. Bei der Uraufführung in Cannes wurde OUTRAGE aufgrund der gewalttätigen Szenen sehr gespalten aufgenommen. Dabei ist der Grad der physischen Gewalt durchaus im Rahmen seiner bisherigen Yakuza- und Kriminalfilme. Was ich hier als Stilbruch empfinde, ist, dass Erschossene hier teilweise in stilisierter Form zappeln und mit den Armen wackeln; dafür gibt es Punktabzug. Bei all den Beteiligten ist es hin und wieder nicht einfach, diese den verschiedenen Yakuza-Clans zuzuordnen. Zum besseren Verständnis wird es sich lohnen, den Film noch mal zu sehen.
ist ein absoluter Ausnahmekünstler. Er ist als Komiker, Fernsehmoderator, Theater- und Filmschauspieler, Filmregisseur, Romanautor und Maler aktiv. Sein Werk als Filmregisseur ist von einem sehr ruhigen und getragenen – nicht langweiligen – Erzählstil geprägt, bei dem je nach Genre ruhige, fast meditative Szenen durch eruptive Gewalt abgeschlossen werden. Bei der Uraufführung in Cannes wurde OUTRAGE aufgrund der gewalttätigen Szenen aufgenommen. Dabei ist der Grad der physischen Gewalt durchaus im Rahmen seiner bisherigen Yakuza- und Kriminalfilme. Was ich hier als Stilbruch empfinde, ist, dass Erschossene hier teilweise in stilisierter Form zappeln und mit den Armen wackeln; dafür gibt es Punktabzug. Bei all den Beteiligten ist es hin und wieder nicht einfach, diese den verschiedenen Yakuza-Clans zuzuordnen. Zum besseren Verständnis wird es sich lohnen, den Film noch mal zu sehen.
Note = 2
Montag, 30. August
Am Einlass bekomme ich von dem jungen (wahrscheinlich schlecht bezahltenm) Mann erklärt, wo ich das Kino finde, was in solchen Multiplexern durchaus üblich ist. Auf meine Antwort “Danke, ich lebe hier seit fast einer Woche” reagiert er etwas erschrocken und tut mir dann wieder leid, denn er muss das ja sagen.
14:45 Uhr, Kino 8
Norwegen, norwegische OmeU
Eigentlich wollte Kai nie wieder einen Fuß in sein Heimatdorf setzen – zu peinigend sind die Erinnerungen an seine geisteskranke Mutter. Niemand ahnte damals, was die Sadistin ihrem Sohn über viele Jahre antat, in dem einsam gelegenen Haus mit der geheimen Folterkammer tief unten im Keller. Nun führt ihr Tod und das Erbe den verschlossenen Mann zurück an die Stätte des Grauens. Und kaum betritt er das alte Gemäuer, drängen sich die Dämonen der Vergangenheit mit Gewalt in sein Bewusstsein: seine qualen, seine Flucht, wirre Flashbacks. Was geschah mit dem Waisenjungen aus dem Dorf, dessen Leiche nie gefunden wurde? Weshalb klingelt jede Nacht das Telefon? Während Kai noch bemüht ist, die bislang verdrängten Erlebnisse seiner Kindheit zu ordnen, macht eine entsetzliche Neuigkeit in der Gegend die Runde: Ein paar Jugendliche sind verschwunden. Finstere Korridore, ein gespenstisch rollender Ball; verschachtelte Räume, die unter der Last lange vergangener Gräueltaten fast einzustürzen drohen – in punkto Atmosphäre und nervenaufreibender Dramaturgie lässt HIDDEN keine Wünsche offen. PÃ¥l Øie beweist darüber hinaus ein untrügliches Gespür für Schreckmomente, bei denen uns ein ums andere Mal das Herz aussetzt.
Eine Hand fährt aus dem Waldboden. Kein schlechter Start für einen Psychothriller. Kai gelang eben die Flucht aus seinem Kellerverlies. Er begegnet Peter, der eine Pinkelpause einlegt und das Auto seiner Eltern von einem LKW erfasst wird und explodiert. Und in diese Gegend kehrt Kai zurück, während das Schicksal von Peter immer noch nicht vollständig geklärt ist.
Ja gut, einige Handlungselemente könnte man als Klischees bezeichnen. Wenn Kai bei der Leiche seiner Mutter in der Krankenhaus-Pathologie steht, dann ist es nicht unbedingt unerwartet, dass sie Augen und Mund aufreißt und schreit – bzw. Kai sich das vorstellt – ist aber trotzdem wirkungsvoll. Wenn jemand einen verspiegeltes Badezimmerschränkchen schließt, sollte man darauf vorbereitet sein, dass dort ein fauchender Geist auftaucht – klappt aber trotzdem immer wieder.
Eine klug entwickelte Geschichte, gute Darsteller, sorgfältig platzierte Schockeffekte, gute Kameraarbeit und Ausstattung. Ein wirklich ordentlicher Psychothriller.
Note = 2+
Es gibt einen Hinweis über die Art der Schnürsenkel an Peters Schuhen und die Frage, ob die Knoten von Kai´s Mutter gebunden wurden. Dieser Hinweis wird nicht weiter verfolgt und dazu entwickelt sich nach dem Abspann zwischen den Filmkritikern und denen, die welche werden wollen, eine Diskussion über die Notwendigkeit von falsch gelegten Fährten.
17:00 Uhr, Kino 1
Grußbritannien, Niederlande, englische + deutsche OF
Verlockender kann ein Plot doch kaum klingen. Und wirklich, nur das dazugehörende Bewegtbild kann die herrliche Nostalgie des Inhalts noch toppen. Stellt euch vor: Zwei amerikanische It-Girls touren quer durch Europa. Beim Stopp in Deutschland möchten sie natürlich feiern, bis der Arzt kommt. Leider verfahren sich die beiden auf dem Weg zur Party (ehrlich!) und haben auf einer verlassenen Waldstrasse eine Reifenpanne (ohne Witz!!). Da keines ihrer Handys Empfang hat (es wird immer besser …) machen sie sich zu Fuß auf den Weg. Bald fängt es an, heftig zu regnen (jaaaaa!!!). Doch Gott sei Dank stoßen sie auf ein etwas abgelegenes Haus. Dort wohnt der wohl genialste, aber auch kränkste Chirurg, den Deutschland zu bieten hat (Bingo!). Er hegt den abstrusen Plan, aus verschiedenen Körpern eine Art menschlichen Hundertfüßler zusammenzunähen. Gut, für hundert Extremitäten reicht es nicht ganz, aber drei Menschen hintereinander tun’s dem Herrn Doktor Heiter fürs Erste. Fehlt noch ein flugs entführter Japaner, und es kann losgehen mit der ersehnten “Rüssel-an-Schwanz”-Operation! Dieser Film ist die wohl hingebungsvollste Trash-Perle der letzten Jahre. Vom Veteranen bis zum Fan-im-Praktikum – CENTIPEDE erfüllt alle Wünsche, die sich seit den 80ern aufgestaut haben mögen. Allein schon der Blick von Dieter Laser lässt uns vor Ehrfurcht zu Eis erstarren. Gerne übernehmen wir auch den Hinweis des Kinotrailers: “100 % medically accurate”.
Ja, ich hätte wirklich gewarnt sein sollen. Die Idee klingt wirklich richtig schön krank und unterhaltsam, ist aber völlig dilletantisch umgesetzt und ohne einen Hauch von Rafinesse mit steriler HD-Optik umgesetzt. Dass Dieter Laser, das Urgestein des deutschen Autorenkinos, der einzige professionelle Darsteller in diesem Amateurfilm ist und aufgrund mangelnder Regieleistung agiert wie ein Scheintoter, macht den Film auch nicht besser. Am Anfang amüsiert sich das Pblikum noch durchaus, das lässt allerdings nach, je länger der Film Zeit mit unnötigen Handlungselementen und unpassendem Tempo vertrödelt.
Bei so etwas muss die Optik wild und krank und grobkörnig und schmutzig sein und nicht in glasklarer HD-Video-Optik ohne nennenswerte Kamerabewegung. Wenn schon so eine kranke Handlung erzählt wird, muss das Publikum mit wüsten Exzessen beglückt werden. Wenn der irre Wissenschaftler seine Versuchsobjekte zum Beispiel auspeitscht, sollte das Publikum das auch sehen und nicht nur im Nebenraum hören und danach die aufgemalten roten Streifen sehen. Einer der wirklich witzigen Momente ist eine Szene, in der am Anfang ein Einheimischer im Wagen auftaucht und die beiden Amerikanerinnen bei ihrer Reifenpanne für Pornodarstellerinnen hält. Das wäre sogar möglich. Wenn jemand den nicht geringen Teil von Dreharbeiten mit dem Gesicht ans Rektum einer anderen Person festgebunden ist, dann wird die Berufserfahrung als Pornodarstellerin unter Umständen von Vorteil sein.
Note = 5-
21:30 Uhr, Kino 8
Die Parallelvorstellung ist ausverkauft und an der Kasse stehen noch ca. 10 oder 12 Leute, die in TUCKER & DALE VS EVIL in Kino 1 (ca. 250 Plätze) gehen wollen. In Kino 8 (ca. 350 Plätze) sind noch über 250 Plätze frei. Wo liegt das Problem? Sicher wäre es für alle akzeptabel gewesen, die Kinos zu tauschen; zwei Filmrollen wären in das jeweils andere Stockwerk transportiert worden und sämtliche Festivalbesucher/innen wären am Eingang informiert worden. Das wurde früher im alten Turm-Palast jedes Jahr gemacht. Das wirkt doch sehr unprofessionell.
Frankfreich, Belgien, französische OmeU
Irgendwo sitzt die unheilige Dreifaltigkeit Argento, Fulci und Fernando di Leo und nickt … zustimmend. Das belgische Regieduo Hélène Cattet und Bruno Forzani entblättert den italienischen Giallo der frühen 70er-Jahre und lässt ihn wiederauferstehen als Freud’schen Psychoschocker in Primärfarben. Eine strenge Fingerübung, die den ohnehin Logik außer Acht lassenden Ansatz von PROFONDO ROSSO und SUSPIRIA so konsequent weiterführt, dass Handlung als solche überflüssig wird: AMER will gespürt, erfahren, erlebt werden. Ein durch und durch sinnlicher Film über “Sehen und Gesehenwerden”, über Obszönität und Voyeurismus (auch Brian de Palma hätte seine helle Freude daran). über drei Phasen ihres Lebens – Kindheit, Jugend, Erwachsensein – begleitet der Film seine Heldin Ana durch einen verstörenden Albtraum der Erweckung. Ästhetik und Stimmung der eingangs erwähnten Vorbilder werden dabei so perfekt heraufbeschworen, dass die beiden sensationell talentierten Filmemacher es getrost wagen können, Grenzen zu sprengen: Hier wird der Giallo zum Experimentalkino: wild, kompromisslos, aufregend, frei. Irgendwo sitzt die heilige Dreifaltigkeit Buñuel, Jodorowsky und Kenneth Anger und nickt … anerkennend.
Zu den großen Vorbildern gehört natürlich auch der geniale Mario Bava, der in der Kindheitsepisode nicht nur optische sondern auch inhaltliche Inspiration bietet, geht es doch auch in einer Episode von dessen “DREI GESICHTER DER FURCHT“ um die Bewachung einer Leiche mit Schmuck. Ansonsten geht es in diesem Film nicht um das Erzählen einer Geschichte (das wäre in fünf Minuten erzählt), sondern darum, die visuellen und akkustischen Mittel des Mediums Kino auszureizen und zu zelebrieren. Perfekt durchkomponierte Bilder werden mit passender Akkustik sowie Filmmusik klassischer Giallos kombiniert. Hier ist der Weg das Ziel. Klasse.
Note = 2
23:30 Uhr, Kino 8
Südkorea, koreanische OmeU
Hae-won braucht eine Auszeit vom Big-City-Life in Seoul und will eine Woche an einem Ort ihrer Kindheit verbringen. Die abgelegene Insel scheint sich seitdem kein bisschen verändert zu haben. Doch der Eindruck trügt: Stillstand und totale Isolation haben die Bewohner ihre ganz eigenen Maßstäbe herausbilden lassen – eine bedrohliche Stimmung aus Feindseligkeit, Neid und sexueller Gier schlägt der Besucherin entgegen. Ungebrochener Hass entlädt sich regelmäßig und brutal über ihre frühere Freundin Bok-nam (Young-hee Seo aus THE CHASER), die ihr Schicksal als Zielscheibe für bestialische Erniedrigung mit unfassbarer Leidensfähigkeit hinnimmt. Doch mit Hae-wons Ankunft erwacht ihre Hoffnung – und wird gleich wieder im Keim erstickt: Die egozentrisch unterkühlte Großstädterin sieht sich weder als Verbündete noch als Fluchthelferin. Jetzt brennen bei der Gepeinigten endlich die Sicherungen durch … Einen Rape & Revenge-Slasher ganz in der Tradition des kompromisslosen koreanischen Kinos legt Cheol-soo Jang (ein Zögling aus Schule von Ki-duk Kim) als sein Debüt vor. Der ursprüngliche und zunächst unbedeutende Hintergrund von Hae-wons überraschendem Besuch wird schließlich allen Beteiligten zum bitteren Verhängnis.
Spannend, gut gespielt und bei den Racheszenen durchaus hart. Wird hoffentlich auf DVD herauskommen.
Note = 2
Dienstag, 31. August, 19:00 Uhr, Kino 1
Südkorea, Japan, japanische OmdU
Gleich in der Eröffnungssequenz setzt die Verfilmung des Manga-Bestsellers von Kôji Matsumoto ein klares Statement gegen den Schmusekurs im Vampirgenre und gegen Tagebuchromantik à la TWILIGHT. Eher geht es zu wie auf dem Schlachthof, als eine Handvoll Studenten gegen eine Horde Untoter antritt und den Nachtgestalten statt des traditionellen Pflocks durchs Herz gleich komplette Baumstämme ins aufplatzende Gesicht wuchtet. Zwei Jahre, nachdem sein Bruder Atsushi spurlos verschwunden ist, taucht eine mysteriöse Femme fatale auf und bietet Akira an, ihn zusammen mit seinen besten Freunden dorthin zu bringen, wo sich Atsushi angeblich versteckt. Tatsächlich trifft das Grüppchen den vermissten Bruder auf der abgelegenen Insel an. Zugleich öffnen sich jedoch die Pforten der Hölle, denn Atsushi befindet sich mitten im Kampf gegen unzählige Vampire und Monster, die auf dem Eiland nach neuen Opfern gieren. Zu spät wird den Freunden klar, dass sie als Nahrungsnachschub nach Higanjima gelockt wurden. Also ziehen sie bewaffnet mit Pfeil und Bogen, Schwert und Baseballschläger gemeinsam in die Schlacht gegen eine dunkle Macht, die ihre Freundschaft auf eine harte Probe stellen wird. Der Name des Regisseurs, Tae-gyun Kim, dürfte den meisten Asia-Fans vom international gefeierten VOLCANO HIGH ein Begriff sein. Jetzt, rund acht Jahre später, setzt er mit einem saublutigen Vampir-Actioner nach. Das pflockt!
Gute Idee, gute Darsteller/innen, teilweise gute Optik, miese Tricks. Der Anfang ist stark und gelungen, ab Eintreffen auf der Insel gibt es erhebliche Mängel bei Kampfchoreographie, Kameraführung und Tempo. So scheinen manche Kämpfe recht holprig umgesetzt zu sein; dazu kommen ein sehr nerviges Kameragewackel und eine unpassende Montage, was bei mir den Eindruck hinterlässt, dass Mängel in der Kampfchoreographie verdeckt werden sollen. Bei manchen Kämpfen, bei denen auch einer der Freunde auch mal sein Leben lässt, kommt es zu teilweise minutenlangen Dialogen und Abschiedszeremonien, während einen Meter nebenan bereits die nächsten Vampire hampeln und so tun, als ob sie darauf warten, dass es weiter gehen kann. Bei solchen Szenarien liegt dannn doch die Würze in der Kürze; hier wäre es sinnvoll gewesen zu straffen. Der Film hätte durchaus 20 Minuten an solchen Szenen sparen und so erheblich weniger langatmig sein können. Der Gipfel ist dann ein computeranimiertes Monster, das aussieht wie irgendwo zwischen Bakterienanimation in einer Wissenschaftssendung und Ballerspiel-Monstrum, kurz lächerlich.
Note = 3-
Gezeigt wurde eine Digitalprojektion. Die Bildqualität ist zwar durchaus gut, bleibt aber natürlich hinter einer 35mm-Projektion zurück. Wenn ein Film direkt auf HD gedreht wird, um ihn direkt einer DVD-Auswertung zuzuführen, halte ich das ggf. noch für halbwegs vertretbar, wobei die Frage berichtigt ist, was ein “Heimvideo” auf einem Filmfestival zu suchen hat. Läuft auf einem rein ehrenamtlich organisierten Filmfestival wie EXGROUND oder NIPPON CONNECTION eine Digitalprojektion, weil eine Filmrolle verloren geht oder trotz Zusage nicht geliefert wird, habe ich damit kein Problem. Wurde ein Film auf 35mm gedreht und auf einem rein kommerziellen Festival wie hier eine Digitalprojektion gezeigt, halte ich den Eintrittspreis von EUR 9,00 zurückhaltend formuliert für nicht angemessen.
Zu guter Letzt sollte – wer immer die Texte für ein solches Filmprogramm schreibt – wissen, dass in den meisten asiatischen Ländern der Familienname zuerst aufgeführt wird und nicht am Ende steht, z.B.: BAN Ki-moon, MAO Tse-tung, KIM Ki-duk, CHOW Yun-fat.
Es war noch verhältnismäßig mild und warm an diesem 31. August. Ich bin mit dem Rad im Kino, das Kino ist gut gefüllt und es ist trotz Klimaanlage eher warm. Da bin ich froh, mit Bermuda, T-Shirt und ärmelloser Weste relativ leicht bekleidet zu sein. Die Quittung kommt beim Verlassen des Kinocenters. Es ist doch recht kühl bei der Heimfahrt und eine Leuchtanzeige auf dem Heimweg zeigt 12°C an.
Mittwoch, 1. September
Bei mir macht sich ein Ansatz von Halsweh bemerkbar, der im Lauf des Tages etwas schlimmer wird und sich zu einem noch leichten Reizhusten entwickelt. Trotzdem fahre ich wieder mit dem Rad ins Kino.
14:45 Uhr, Kino 8
Vietnam, vietnamesische OmeU
Trinh heißt die Kick Ass-Braut, die eine Bande kleinkalibriger Halbwelt-Schnösel mit der Handkante zusammenhält, damit sie einen Coup in Saigon ausbaldowern. Die Dame mit dem Schwarzgurt steht bei Gangsterboss Black Dragon in der Kreide, der sie nicht nur ausgebildet, sondern dafür auch ihre kleine Tochter als Faustpfand einbehalten hat. Erfüllt sie auch diese letzte Mission – französischen Nahkampf-Schränken einen Laptop abzuluchsen – erhält sie ihr Kind zurück. Dass so ziemlich alles schief läuft, sie betrogen und bestohlen wird, ist ebenso Motor der Dramatik wie ihr Herz, das noch oft gebrochen wird, auch wenn ein Mann wie Quan (Johnny Nguyen aus TOM YUM GOONG) an ihrer Seite steht. Dieser “Clash der Action-Titanen” besiegelt Vietnams Ruf als die kommende Genre-Schmiede. Hier spuckt die AK-47 ordentlich Blei, und die Martial-Arts-Attacken fallen um einiges gröber aus als an manch anderen Ecken dieser Welt. Coolness trieft aus jeder Pore des gestylten Thrillers, der die Jahresbestmarke am heimischen Boxoffice erklomm. Die gut gewählte Mischung aus Großstadt- Gangsterballade, tragischer Romanze und knallhartem Actionreißer konserviert die Glanzzeit der Hongkong New Wave eines John Woo. Starkes Kino aus Vietnam – wir freuen uns schon auf Nachschub.
Naja, “Coolness aus jeder Pore” ist mal wieser eine typische übertreibung in diesem Programmheft. So, wie bei jeder beliebigen Zombie-Komödie, bei der sich Peter Jackson jubeln, beim Psychothriller sogar Alfred Hitchcock den Suspense neu lernen würde. CLASH ist gute, überwiegend ordentlich gemachte Unterhaltung oberhalb der Action-Gülle mit unterentwickelten Charakteren und Handlung, guten Kampf- und Actionszenen und einer Reihe von Szenen voll unfreiwilliger Komik. Da muss ein Motoradfahrer ausgerechnet in eine Batterie von Fässern fahren, die sofort explodieren. Und die Konserve der “die Glanzzeit der Hongkong New Wave eines John Woo” betrifft wohl den grimassierenden Gangsterboss “Black Dragon” (ja wirklich), der einen weißen Anzug trägt und ein Abziehbild von Anthony Wongs Boss aus John Woos HARDBOILED ist.
Was nun wirklich niemand im Publikum gebrauchen konnte, ist die gelegentliche vietnamesische Rap-Musik.
Note = 3
17:00 Uhr, Kino 1
Belgien, französische OmeU
Der Vampir (lat. blutsaugus nachtactivus) ist zwar der Star unzähliger, meist trivialer Schauerromane und Filme; er begegnet uns auf Hörspielkassetten und in Broadway-Musicals. Doch wer ist er wirklich? Wie sieht sein Nachtablauf und sein Sozialverhalten aus, wo fängt er seine Beute, wie wachsen seine Nachkommen auf? Ein Doku-Soap-Filmteam geht diesen brisanten Fragen nach – unter größter Lebensgefahr! Denn schon zwei andere Teams haben den Dreh wegen schwerer Blutarmut vorzeitig abgebrochen. Crew Nr. 3 hat nun die Familie Saint-Germain im Fokus, die unerkannt in einer belgischen Wohnsiedlung lebt – und deren Allnachtsprobleme unseren gar nicht so unähnlich sind: “Ich will aber Pink tragen, anstatt schwarz!”, rebelliert Tochter Grace, während sich Papa George beim örtlichen Clanchef einschleimt und die nervigen Untermieter mobbt. Warum kann das undankbare Gesindel nicht einfach im Heizungskeller bleiben? Alle Parteien kommen ausführlich zu Wort, ebenso wie die artgemäße menschliche Haus- und Leibsklavin. Selbstverständlich erleben wir die Saint-Germains auch auf der Jagd nach frischem Blut, wobei bevorzugt kleine Mädchen und illegale Einwanderer auf der Speisekarte stehen. Jeder hat nun mal seine Vorlieben. Einen freimütigeren Einblick in die Welt des echten Vampirs hat es noch nie gegeben!
Eine Pseudo-Dokumentation über den Alltag von Vampiren. Das klingt originell und ich lasse mich mal darauf ein. Der Stil scheint sich sehr an den in anderem Zusammenhang erwähnten belgischen Klassiker MANN BEISST HUND zu orientieren und kann mich nach der Einführung nicht wirklich überzeugen. Etwas lange braucht der Film, um seine Form und seine wirklich komischen Momente zu entwickeln. Wenn illegale Einwanderer getötet und ausgelutscht werden, ist das ein durchaus gelungenes kritisches und makaberes Handlungselement, bei welchem dem Publikum das Lachen vergeht. Insgesamt ist der Film doch gelungen. Bei der Einführung hören wir, dass mit sehr wenig Geld und komplett ohne Drehgenehmigung gearbeitet und teilweise improvisiert wurde. Davor habe ich Respekt. In der Rolle einer deutsstämmigen Vampirbraut ist die deutsche Schauspielerin, Model und gelegentliche Skandalnudel Alexandra Kamp zu sehen.
19:15 Uhr, Kino 8
Großbritannien, englische OF
Natürlich ist es statthaft, HARRY BROWN als britische Antwort auf GRAN TORINO zu bezeichnen – nicht von ungefähr verweist der Vorname der Titelfigur auf “Dirty Harry” Callahan: In beiden Filmen greifen verwitwete Veteranen ein letztes Mal zu den Waffen, als Jugendbanden in ihrem Wohnviertel mit willkürlichen Gewaltexzessen ihren Machtanspruch klarstellen wollen. Dargestellt werden die in die Jahre gekommenen Fighter von den jeweils ikonischen Darstellern ihrer Generation: Clint Eastwood auf der einen, Michael Caine auf der anderen Seite. Doch damit enden die Parallelen: Während GRAN TORINO ein melancholischer, beständig humorvoller Abgesang auf gesellschaftliche Verrohung und Intoleranz ist, zeichnet sich HARRY BROWN durch graue Grimmigkeit und stählerne Verzweiflung aus. In Ästhetik und Actiongehalt steht der Film eher harten Gangmovies wie SHANK (ebenfalls auf dem Fantasy Filmfest zu sehen) oder KIDULTHOOD nahe: ein aus der Hüfte geschossener urbaner Albtraum voll von nihilistischer Brutalität. Mitten im Gefecht ein Rentner, der sich lange bemüht, nicht auszurasten. Doch irgendwann ist Schluss mit der Altersruhe. Dann sieht Harry Brown rot, nein purpurrot in diesem überwältigenden Revengethriller, der Caine in großer Michael-Winner-Tradition die Bühne bereitet und dabei einige überraschungen in petto hält.
Der Text ist Unfug. Bloß, weil zwei Männer im Rentenalter sich mit Jugendlichen anlegen, ist das keine Antwort auf GRAN TORINO. Dort spielt Clint Eastwood in eigener Regie einen grantigen Kriegsveteranen und Rassisten, der sich nach einiger Zeit mit einem koreanischen Nachbarsjungen anfreundet und dessen großväterlicher Förderer wird. Hier spielt Michael Caine zwar auch einen Kriegsveteranen, der allerdings eben seine Frau beerdigen musste und nach dem Mord an seinem besten Freund – David Bradley, alias Hausmeister Filch von Hogwards – voller Verzweiflung, Wut, aber auch Skrupel zur Waffe greift. Auch gibt es keine Michael-Winner-Tradition. Michael Winner war Regisseur des Charles-Bronson-Films DEATH WISH alias “EIN MANN SIEHT ROT“, einem eher derben und plumpen Rachespektakel. Die Darstellerischen Leistungen sind solide bis sehr gut, Michael Caine ist überragend. Die Handlung wird klug und sensibel entwickelt, die Charakterisierung der Figuren ist gelungen. Die Kameraarbeit ist der Handlung entsprechend ruhig und im positiven Sinn unspektakulär. Kulissen und Ausstattung zeigen eine glaubwürdige Verwahrlosung. Der Regisseur ist immerhin Debütant und überzeugt durch eine sehr gute Schauspielführung.
Wirklich gelungen. Der Film wird offensichtlich direkt auf DVD und nicht im Kino erscheinen, was sehr sehr schade ist.
Note = 2
21:30 Uhr am Einlass
Fankfurt Gummiband Massaker – Teil 1
Deutschland 2010, 3 Minuten, deutsche Originalfassung
Bei meinem 20. und letzten Film wird zum ersten und einzigen mal mein Rucksack durchsucht. Zunächst werde ich von einem jungen Angestellten aufgefordert, meinen Fahrradhelm abzugeben bzw. einzuschließen. Dann wird im Rucksack tatsächlich ein Fahrradgummi zum Festschnallen des Gepäcks entdeckt. Diesen soll ich auch abgeben. Immerhin könnte ich damit im Kino – das ist jetzt wirklich kein Scherz – jemanden strangulieren. Weiterhin präsentiere ich zur Weiterentwicklung der Diskussion meine Regenjacke (mit der ich ebenfalls jemanden ersticken könnte), ein Deodorant (mit dem ich unzählige Menschen ertränken oder vergiften könnte, mit dem ich – da alkoholhaltig – im Kino Feuer legen könnte), sowie eine Haarbürste, mit ich unschätzbaren Schaden anrichten könnte. Aus der Hosentasche entnehme ich meinen Fahrradschlüssel und meinen Wohnungsschlüssel, mit dem ich wer weiß wie vielen Opfern die Augen ausstechen oder die Halsschlagadern aufreißen könnte. Ich frage ihn, ob das mit dem Gummiband wirklich ernst gemeint ist oder ob irgendwo eine versteckte Kamera auf uns gerichtet ist; die Frage versteht er nicht. Die Kollegin neben ihm zwinkert ihm zu und signalisiert ihm wohl, dass es jetzt reicht. Dann darf ich mit vollem Gepäck und Fahrradhelm das Kino betreten.
Kino 1
Norwegen, norwegische OmU
Frei nach dem Motto “Lebst du noch oder stirbst du schon?” etabliert sich spätestens seit DEAD SNOW allerfeinstes Genrekino zum norwegischen Exportschlager. Auch auf dieser DETOUR wird mit kleinem Budget großer Schrecken verbreitet: Lina und Martin befinden sich auf dem Weg aus dem schwedischen Grenzgebiet zurück nach Hause, als eine Straßensperre sie auf eine Umleitung quer durch den dichten Mischwald schickt. Wie es der unglückliche Zufall will, sitzen die zwei bald im absoluten Nirgendwo fest, nicht ahnend, dass eine panische Anhalterin, ein immer wieder mysteriös auftauchender Cop, ein ätzender Tankstellenbesitzer und ein Kofferraum randvoll mit illegaler Schmuggelware ihre kleinsten Probleme sind. Weit schlimmer: Im gesamten Wald sind Kameras verteilt, die das Pärchen zu Stars einer ganz besonderen Live-übertragung machen sollen und an die Skrupellosigkeit dieses “Big Brothers” ist bisher noch kein privater Fernsehsender herangekommen! Regisseur und Drehbuchautor Eskeland beschreibt seinen Film als “technologisch aufbereiteten Horrorthriller”, dem er mit unverbrauchten Gesichtern, einem reduzierten Setting und norwegischem Black Metal die Sporen gibt. Ibsen, Flatbrød, Aquavit und straighter Slasher – die Nordlichter wissen, was Spaß macht.
Der Hollywood-Schwede Peter Stormare, der hier als Hauptdarsteller aufgeführt ist, spielt überhaupt nicht mit. Das ist nicht weiter schlimm und macht den Film weder besser noch schlechter. Peter Sormare spielt in einem anderem Streifen mit, der im Programmheft aufgeführt ist, aber leider ausfällt, sein Name geriet sicher aus Versehen hier her, was bei einem kommerziellen Filmfestival – Verzeihung, mein subjektiver Eindruck – etwas unprofessionell wirkt. Nun, es ist kein Grund, den Eintrittspreis [9,00 EUR für 77 Minuten ) zurückzufordern.
Eine Umleitung, garstige Fallen sorgen für einen platten Reifen sorgen, eine verlassene Tankstelle mit sinistrem Betreiber. Das ist wirklich nicht neu und auch nicht wirklich richtig spannend. Erfahrenes Genrepublikum wird sich wenige Minuten nach dessen erstem Auftritt ahnen, dass der nette Verkehrspolizist einer der Verbrecher ist – auch ohne im Programmheft vom mysteriösen Cop zu lesen, vielen Dank. Die Identität einer anderen Verbrecherin ist dann später doch eine überraschung. Die Kameras im Wald sind eine eher neue Idee. OK. Auch ein logistischer und elektronischer Aufwand, aber was solls.
Es dauert dann insgesamt eine gute halbe Stunde, bis der Film Spannung und Fahrt gewinnt und man mit den potentiellen Opfern wenigstens ein wenig mitfiebert. Nicht gerade ein Knüller, aber passabel.
Note = 3
Ca. 23:00 Uhr.
Mein Halsweh ist inzwischen schlimmer, eine richtig schöne Erkältung zeichnet sich ab. Da ziehe ich es vor, mit dem Fahrad zur nächsten S-Bahn-Station zu fahren und den Großteil des Heimweges auf Gleisen zurück zu legen.
Dieses Filmfestival war durchwachsen. Es gab einige richtig gute bis sehr gute Beiträge, die ich mir auch für meine Sammlung zulegen würde, viel Mittelmäßiges und einigen richtig miesen Schrott. Es sei den Festivalorganisatoren empfohlen, hier und da ein größeres Kino zu buchen, bei der einen oder anderen Filmauswahl etwas mutiger – auch beim Weglassen – zu sein und vor allem beim Eröffnungsfilm nicht wieder voll daneben zu greifen.
s. auch:
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfest 2008
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Exground 21
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfest 2009
Filmfestivals für Poser – Die Internationalen Hofer Filmtage 2009
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Nippon Connection, das japanische Filmfestival 2010
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