Drogendealer des Autos

Zu einem radikalen Ansatz und einer wütenden Polemik mit realem Hintergrund. Ein radikalkritisches, herrlich wütend geschriebenes Buch, das es in dieser Form in den letzten Jahren nicht gegeben hat. Von Rupert Neudeck Da hat sich ein Lektor entschlossen, die ganze Wutorgie, die der Autor auf das Auto und  Verseuchung der

buch_totalschaden1.jpgZu einem radikalen Ansatz und einer wütenden Polemik mit realem Hintergrund. Ein radikalkritisches, herrlich wütend geschriebenes Buch, das es in dieser Form in den letzten Jahren nicht gegeben hat. Von Rupert Neudeck

Da hat sich ein Lektor entschlossen, die ganze Wutorgie, die der Autor auf das Auto und  Verseuchung der Umwelt durch das Auto anrichtet, in dem ursprünglichen Manuskript zu lassen. “Scheiße, Drogendealer, Autler”. Hitler wird als der erste Autokanzler apostrophiert, der zweite war dann der Schröder.Der Autor kann (will?) sich auch nicht bremsen in seiner Wut auch auf die Pseudoökologen, als die er die Grünen enttarnt hat: Um immer wieder – so bricht es aus ihm heraus – “die Grünen, die inzwischen wichtige pseudoökologische Posten in der ganzen Republik innehaben, hier ein bisschen Radverkehr fördern, da ein bisschen Trams bauen, auf Druck von außen hin blödsinnige Umweltzonen auszurufen”. Diese Grünen sind nicht bereit, dem ganzen Autogeleiteten Verkehr den Garaus zu machen. Sie sind aber bereit, “jedes Scheiß-Straßenbauprojekt abzunicken oder klammheimlich durchzuwinken”. Dabei hätte er ruhig einmal den Boris Palmer und seinen mutigen Widerstand und die Führung des Widerstands gegen Stuttgart 21 erwähnen dürfen.

So brachial der Autor in seinem Widerstand daherkommt, so recht hat er

Unter der Rot-grünen Koalition, also einer Regierung mit Beteiligung von Grünen hat sich die Zahl der Flughäfen in Nordrhein-Westfalen verdoppelt. Das betrifft auch das Buch, das ja mit einem utopischen (?) Ausblick ins das Jahr 2030 und der Bemerkung endet: 2030 sei der Flugverkehr entscheidend reduziert, “der innerdeutsche Verboten, der transkontinentale den realen Kosten angepasst. Die vielen kleinen Flughäfen sind alle geschlossen. Flugbenzin ist hoch besteuert”.

Autor Gietinger nennt die Vertreter der Autorinteressen Drogendealer – und zwar ohne Anführungszeichen. Der ADAC beeinflusst maßgeblich den VGT, den Verkehrsgerichtstag, der jedes Jahr in Goslar stattfindet. Der ADAC hält den VGT im Würgegriff durch seine Sponsorschaft und beeinflusst damit die Ministerialbürokratie und die Rechtsprechung gegen etwaige Autokritik.

1998 wurde dem Generalsyndikus des ADAC, Wolf Wegener, die Goslar Medaille umgehängt. Zur Laudatio erhob der ehemalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann seine Stimme: “Sie sind Verfassungsrichter zahlreicher Initiativen im Verkehrsrecht. Ihr Wort hatte und hat hier Gewicht”. Lapidar erklärt der Autor: “Fußgänger, Radfahrer oder der ÖPNV(der sog. Umweltverbund) haben keine Vertreter beim Verkehrsgerichtstag”.

Der Autor beklagt, dass es keinen Mut mehr zum radikalen Widerstand gibt in diesen Zeiten, seit uns die “Grenzen des Wachstums” unweigerlich schon 1972 aufgezeigt wurden. 1990 noch attackierten Reiner Klingholz und Klaus Staeck den ADAC mit ihrem Buch “ADAC ade!” Das sei noch in der Hochzeit der Autokritik geschrieben, da die Trabi Motoristen dazukamen und die Katalysatorideologie noch nicht voll grassierte.

Er zerlegt alles – trotz dieser Wutsprache sind in dem Buch eine Fülle wichtiger Informationen gegen die politische Auto-Correctness: Man sagt, jeder siebte Arbeitsplatz sei vom Autoabhängig. Die Autoindustrie sei zwar sehr mächtig, sagt der Autor. Aber das hänge weniger von der Zahl der Arbeiter ab, als von ihrer Kapitalmacht und den Verflechtungen mit Exekutive, legislative und Rechtsprechung. Genau sind es 730.000 Menschen, die unmittelbar für die Autoindustrie arbeiten. Und das sind 1/34tel aller Arbeitsplätze. Also nur jeder 34. Arbeitsplatz hängt von der Autoindustrie ab. So das nüchterne Aufblättern ständig wiedergekäuter Statistiken.

Der Autor belegt, wie wir sogar schon mal weiter waren mit unserer Kritik an der “Macht des Drogenkartells” Auto.

Heute haben die Autokonzerne schon die halbe Kulturindustrie gekauft. Halbe Filme (James Bond, Jurassic Park) und ganze Filme (Herbie) sind von der Autoindustrie finanziert. Die ganze Kritik der Kulturindustrie, die Frankfurter Schule, später Enzensberger, der damals die Bewusstseinsindustrie so scharf unter die Lupe nahm, sind tot. “Das Mobilitätsbeschleunigungskartell bleibt von allen Anklagen verschont”.

Der Autor zitiert einen Rudolf Augstein von 1954, der noch radikalkritisch meint: “Der Verkehrstod ist eine Zivilisationserscheinung wie der Krebs eine zu sein scheint”. Doch schon 1967 zieht der gleiche Augstein vom Leder gegen die 0,8 Promille Grenze am Steuer. Dass es Leute gibt, die durch drei Schnäpse fahruntüchtig werden können, sei klar. Aber: Ebenso gäbe es Leute, “die mit 1,2 im Blut noch voll fahrtüchtig” seien. Gietinger: “Und (Augstein) meinte damit offensichtlich sich selbst”.

Verheerend war die entschuldigende Wirkung des Katalysators. “Plötzlich schien Anfang der 80er Jahre das Autofahren sauber zu sein”. Mancher Emissionswert ging zurück, mancher wurde auch nur falsch gemessen. Dabei gibt es in Deutschland immer noch 40 Prozent der Bevölkerung, also 35 Mio. ohne Führerschein.

Gut auch die Bemerkungen zu den total überbeschützten Kindern, für die mittlerweile Autos gekauft werden, damit sie zu den Schulen gefahren und von dort wieder abgeholt werden. Diese Kinder haben gar keine Erfahrung mehr der Natur, aber auch nicht mehr der Stadt, auch nicht des Waldes. Die machen aus Angst der Eltern keine Schnitzeljagden und Abenteuer Zelt Touren.

Da wird der Autor nostalgisch – und man kann ihn verstehen

Fast jede Bewegung heutiger Kinder sei kontrolliert. Sie spielen zuhause in Zimmern.  TV- und PC-Spielkonsum sind enorm, zur Schule werden sie meist gefahren. Wenn sie keinen Sport machen, werden sie fetter als früher.

“Ich erinnere mich, dass wir von klein auf der Straße oder dem Gehsteig gespielt haben, dass wir einen weiten Aktionsradius hatten und bis zum Wald, mitten die durch die schon stark motorisierte Kleinstadt gingen”.” Der Satz von Heinrich Böll ist heute gar nicht mehr begreifbar: “Nicht für die Schule, sondern auf dem Schulweg lernen wir”.

Ein radikalkritisches, herrlich wütend geschriebenes Buch, das es in dieser Form in den letzten Jahren nicht gegeben hat.

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