Mit seinem Urteil hat das französische Gericht ein Exempel statuiert. Ob es Bestand haben wird, hängt davon ab, ob bei einer sich abzeichnenden Revision der Beklagten das Urteil von der Revisionsinstanz als rechtswirksam anerkannt wird. Da die der Société Général zustehende Schadensersatzsumme wohl von Jérôme Kerviel nicht bis an sein Lebensende erbracht werden kann, hat das Urteil neben der Gefängnisstrafe mehr symbolischen Wert.
50 Mrd. Euro als Wetteinsatz
Es ist ein unglaublicher Vorgang, dass ein einzelner Händler mit einer Summe in Höhe von 50 Mrd. Euro offenbar ungehindert von einer internen Aufsicht spekulieren konnte. Das sonst übliche Limit von 125 Millionen Euro – auch kein Pappenstil – wurde um das 80zigfache überschritten. Mithin sind der Bank wie auch der Börsenaufsicht ebenso erhebliches Verschulden zu attestieren. Eigentlich sollte eine doppelte Autorisierung und Kontrolle bei solchen Vorgängen vorgeschrieben sein. Der Fall Madoff zeigt jedoch ebenfalls, wie sorglos und ohne wirksame Kontrolle im globalen Finanzsystem gezockt werden kann.
Mit großen Summen erzeugt man auch auf großen Finanzmärkten Marktmacht, d.h. Kontrolle über Preise von Finanzprodukten. Egal, was andere Marktteilnehmer erwarten, ist bei entsprechend großen Summen die Richtung von Kursen von fast jedem Produkt manipulierbar, da es kaum einen gleich großen Gegenspekulanten am Markt geben wird. Hier wird eine temporäre quasi-monopolistische Marktposition generiert, die aufgrund des überraschungseffekts hohe Gewinne bringen kann. Die hohen Spekulationsgewinne insbesondere im Eigenhandel der großen Banken sind eine der Ursache für die hohe Volatilität, die durch fundamentale Faktoren nicht erklärt werden kann.
Trading software und raffinierte Modelle zur Marktmanipulation sind die Instrumente
Durch raffinierte Kaskaden von Kauf- oder Verkaufsorders können in den heutzutage computerisierten Handelssystemen Kursstürze und Kursralleys kreiert werden. Ein erstes Warnsignal hatte bereits der Schwarze Montag im Jahr 1987 über Fehlentwicklungen im Börsenhandel erkennen lassen. Durch Verkaufsdruck wurde mittels einer Kaskade von weiteren Verkaufsorders, die mit Stop-Loss-Verträgen in den Rechnern gespeichert waren, ein Dominoeffekt kreiert. Das elektronische Handelssystem spielte danach verrückt, da die Börsenhändler aufgrund der Desinformation auf diesen Kurssturz mit Panik reagierten. Robert Shiller hatte damals bereits in seinem Buch Market Volatility nachweisen können, dass es keine ökonomisch sinnvollen Informationen für einen solchen Kursrutsch gab, sondern der Kurssturz durch die Fragilität der computerisierten Handelssysteme plus dem irrationalen Handeln der Börsenhändler in Zusammenhang gebracht werden musste.
Ebenso hat der Kurssturz an der New Yorker Börse im Mai dieses Jahres eine simple Ursache in einem zu rasch gestückelten Verkauf von Fondpapieren eines großen institutionellen Anlegers. “Ausgangspunkt für den ‘Flash Crash’ war demnach der Verkauf von 75 000 sogenannter E-Mini- Wertpapiere – eigentlich ein reguläres Absicherungsgeschäft. Doch angesichts des mit 4,1 Milliarden Dollar (rund drei Milliarden Euro) recht großen Volumens und der rasanten Abwicklung des Geschäfts durch ein Computerprogramm sei ein Dominoeffekt ausgelöst worden.” Aus dem Master of the Universe wird dann ganz rasch ein Master of Desaster, da sie die Kontrolle über den Börsenhandel verlieren. Statt Informationseffizienz – wie von den Vertretern der der Effizienzmarkthypothese behauptet wird – wird Desinformation in einem kumulativen Prozess generiert. Ohne Einschränkung im computerisierten high-frequency Handel werden sich diese Ereignisse immer wiederholen.
Nach dem Crash ist vor dem Crash. Da durch die Marktmanipulationen der Großbanken in der Regel aber viel Geld verdient werden kann, die hohen Boni der Investmentbanker stützen sich auf diese Quellen, ist bisher kein Fortschritt erzielt worden dem ein Ende zu setzen. Wenn die globalen Finanzmärkte von dieser Geißel befreit werden könnten, könnten die Bürger wieder ruhiger schlafen. Diese Form der Finanzmarktabrüstung stößt aber auf den erbitterten Widerstand der Banker. Es wird wohl noch größerer Finanzmarktkatastrophen bedürfen, bis hier ein Umdenken tatsächlich erfolgt.
Die Schadenfreude, die manch einer empfinden mag darüber, dass man endlich einmal “einen” der Bonusempfänger drastisch bestraft hat, wird leider wieder dadurch getrübt, dass solches Vorgehen hierzulande nicht passiert, nicht passieren kann, weil sich die Finanzwirtschaft bei der Regierung mit Ablasszetteln hat ausstatten lassen.
Bei uns befinden sich die Schuldigen im luftleeren Raum und die Nonnenmachers und viele Andere gibt es überall.
Dass unsere Regierung endlich einmal tabula rasa macht und lieber die Konventionalstrafen zahlt, nach dem Motto: “Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken OHNE Ende.
Ein Anfang wäre z. B. “Stuttgart 21″ zu den Akten zu legen! – Aber damit könnten ja eventuell die schwäbischen Feudalherren ihr Gesicht verlieren und auch mögliche Pfründe!