Medienkritik: Wir informieren uns zu Tode

Unter diesem Titel hat Neil Postman 1990 einen Vortrag gehalten [1]. Postman wird häufiger mit dem Zitat “Wir amüsieren uns zu Tode” zitiert. Er hatte als Medienkritiker über das zunehmende Konsumverhalten von Medien eine gesellschaftskritische Betrachtung angestellt. Durch die zunehmende Ausbreitung von Medien insbesondere im Zeitalter elektronischer Massenmedien wird der

eher.jpgUnter diesem Titel hat Neil Postman 1990 einen Vortrag gehalten [1]. Postman wird häufiger mit dem Zitat “Wir amüsieren uns zu Tode” zitiert. Er hatte als Medienkritiker über das zunehmende Konsumverhalten von Medien eine gesellschaftskritische Betrachtung angestellt. Durch die zunehmende Ausbreitung von Medien insbesondere im Zeitalter elektronischer Massenmedien wird der normale Bürger zunehmend überfordert, diese Informationsmenge zu verarbeiten, d.h. zu strukturieren und sich hieraus ein Weltbild zu machen. Der Dauerbeschuss mit Nachrichten in Form von Text-bits, Sound bites oder Videoclips tritt eine Sinnüberflutung ein, die eine Desorientierung der Wissensverarbeitungskapazität der Leser, Zuschauer oder Zuhörer zur Folge hat. Wie sagte es einmal ein Zuhörer nach einer Veranstaltung: Before I was confused, now I am confused at much higher level. Das Mehr an Information macht uns nicht schlauer, sonder nur verwirrter.

Informationsflut als Mittel zur Desinformation

Man kann diese Entwicklung einfach als Ergebnis eines anarchischen Prozesses ansehen, der wegen der immer vielfältiger werdenden Möglichkeiten Informationen unter die Leute zu streuen, dazu führt, dass diese ein Problem der angemessenen Auswahl der Informationen aus der allgemeinen Informationsflut nicht mehr bewältigen können. Das Ergebnis ist – wie Informationstechniker wissen – dann weißes Rauschen. Wer die sich derzeit immer mehr steigende Nachrichtenfülle betrachtet, wundert sich daher kaum noch, dass es eine immer größere Zahl der Bürger vorzieht sich taub zu stellen, das heißt komplett auf den Nachrichtenkonsum zu verzichten.

Dies kann neben der Ursache eines außer Kontrolle geratenen Systems von Informationsmärkten auch bewusste Manipulation sein, um gehaltvolle Informationen durch Informationsspam zu stören – analog dem was das Email-System immer mehr belastet aufgrund der Verbreitung unsinniger, falscher, irrelevanter und verzerrter Information – und so das Medium als wertvolle Informationsquelle zu zerstören oder soweit in Mitleidenschaft zu ziehen, dass es nur unter hohen Kosten – sprich intellektuellem Aufwand – noch möglich ist, Relevantes und Irrelevantes zu trennen. Durch solche Mechanismen wird auch Macht und Herrschaft ausgeübt.

Eine Sensation jagt die andere. Da das menschliche Hirn aber Zeit benötigt eine Information überhaupt aufnehmen und verarbeiten zu können, treten bei mehr und mehr Menschen schon in der Kindheit ADS-Symptome auf. Der Mensch spiegelt die Hyperaktivität der Medien. Das Ergebnis ist wie gesagt ein Mensch, der sich durch seine mediale Umwelt überfordert fühlt. Statt der viel beschworenen mündigen Bürger, die durch eigenständiges Denken am kollektiven oder auch individuellen Entscheidungsfindungsprozess teilnehmen können, treten Personen, die alles für denkbar, alles für möglich und letztendlich auch hinsichtlich der eigenen Bewertung in einen Zustand der Indifferenz verfallen. Was man nicht mehr versteht, kann man auch nicht beurteilen oder man urteilt nach gutem Glück, d.h. nach dem Zufallsprinzip.

Weniger ist mehr

Als Konsequenz kann daraus nur folgern, dass man durch eine intelligente Filterung des Informationsangebots aus dem weißen Rauschen eine Methode entwickeln kann, die relevante Informationen aus dem Informationschaos zurückgewinnt. Diese Fähigkeit zur Strukturierung und Rückgewinnung von relevanter Information aus dem chaotischen Informationsangebot wird wohl eine der entscheidenden überlebensfähigkeiten sein, die der Mensch sich aneignen muss. Mit meinem Blog hier in Readers Edition versuche ich genau daran zu arbeiten. Sichtung, Bewertung und Strukturierung, um mir am Ende noch ein Bild vom Geschehen machen zu können. That’s about it.

[1] Neil Postman: “Informing Ourselves To Death”.

Photo: Jorge Franganillo, via flickr

Kommentare

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  1. Gut beobachtet, gut geschrieben.

    Und trotzdem:
    Die meisten Menschen sind bereits in der Kindheit gierig nach Informationen aller Art, für die Verarbeitung der Informationen fehlt ihnen jedoch die Mündigkeit – also die Berechtigung. Die Autorität der Eltern und der Lehrer bei der Auswahl und der Verarbeitung der Informationen steht ganz hoch über der kindlichen Eigenständigkeit.

    Die Eltern und Lehrer reagieren z.B. oft ungehalten, wenn sich die Kinder mit “Unsinn” beschäftigen. Und so haben die Kinder nur wenig Chance, selbst dahinter zu kommen, was “Unsinn” eigentlich ist. Allein das führt dazu, dass sich viele Menschen erst im Erwachsenen-Alter endlich mit dem Unsinn ernsthaft beschäftigen können.

    Mit der medialen Information machte sich bereits Walter Benjamin seine Gedanken, sehr anschaulich auch in seinem Werk:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Kunstwerk_im_Zeitalter_seiner_technischen_Reproduzierbarkeit
    wo er sich mit den “Reproduktionstechniken” kritisch beschäftigt und dabei eine Nachricht vom Mund zu Mund für deutlich wertvoller hält, als die aus einer Zeitung.

    Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob die Informationsflut, die zur Zeit Benjamins noch eher von Mund zu Mund erfolgte, leichter zu verarbeiten war, als die aus den heutigen Medien. Die Live-Aussage eines Menschen hat deutlich suggestivere Wirkung (ein Vorteil des Fernsehens), als ein Zeitungsbericht.

    Meiner Wahrnehmung nach suchen die Menschen dank der Informationsflut auch viel schneller nach dem “Handfesten”, anstatt sich im philosophieren über die verschiedenen Aussagen zu verlieren. Auf Grund dessen könnten wir auch mit etwas handfesteren Konflikten rechnen zwischen den Bürgern und der Politik. Viele Bürger kommen auch ohne anspruchsvolle Aufarbeitung der Informationen zu ihrem eigenen Schluss. Und dagegen scheint die Desinformation immer machtloser zu sein, im Vergleich zu den Zeiten, in denen jede autoritäre Desinformation großen Einfluss auf die Menschen üben konnte…