Mais, c’est la vie

“Zusammen ist man weniger allein” im Theater Sommerhaus in Sommerhausen Philibert, von verarmtem Adel, ist zwar ein historisches Genie, doch, wenn er mit Menschen spricht, gerät er ins Stottern. Daher verkauft er Postkarten im Museum. Camille ist magersüchtig und künstlerisch sehr begabt. Sie malt jedoch nur im Geheimen und verdient

oliet.jpg“Zusammen ist man weniger allein” im Theater Sommerhaus in Sommerhausen

Philibert, von verarmtem Adel, ist zwar ein historisches Genie, doch, wenn er mit Menschen spricht, gerät er ins Stottern. Daher verkauft er Postkarten im Museum. Camille ist magersüchtig und künstlerisch sehr begabt. Sie malt jedoch nur im Geheimen und verdient sich ihren Lebensunterhalt, indem sie nachts putzt. Und Franck, der Macho mit harter Schale und dem weichen Kern, kocht in einem Feinschmeckerlokal. An seinem einzig freien Tag besucht er seine Großmutter Paulette, den einzigen Menschen, der ihm geblieben ist. Bald schon ergänzt sie die Pariser WG, in der sich vier grundverschiedene Typen gefunden haben, die sich streiten, lieben und irgendwie versuchen, miteinander zurechtzukommen, denn zusammen ist man weniger allein.

Nach der Romanvorlage von Anna Gavalda (Jahrgang 1970) spielt sich das Sommerhaus-Ensemble, in Szene gesetzt von Luise Weber, die erst kürzlich in “Gut gegen Nordwind” ihr Regiedebüt gab, in die Herzen der Zuschauer. Patrick Obrusnik (alias Franck) erspielt sich von Beginn an so viel Raum, dass die Bühne fast zu klein für ihn erscheint. Ganz laute Töne wie im Streit mit Camille, für die er immer mehr Gefühle hat, die er nicht zugeben mag, kommen genauso selbstverständlich und überzeugend über die Rampe, wie seine Verzweiflung, wenn es um Paulette geht, zu der ihm auch der Zugang fehlt, obwohl sein Herz übervoll an Gefühlen ist. Bodo Koch (alias Philibert) steht ihm in nichts nach und gibt dem starken Pendant schauspielerisch Paroli, indem er sich ganz in seiner Rolle des verklemmten, psychisch angeknacksten und introvertierten Eigenbrötler, der doch dazugehören will, verliert.

Zwischen diesen zwei Kosmen, die die Bühne beherrschen, bewegt sich Laura Bettinger (alias Camille), der man anfangs ein bisschen ihre Nervosität anmerkt. Sie changiert zwischen der Wachsamen und Hingebungsvollen und schafft es nie ganz, ihren Kopf auszuschalten. Dadurch sind ihre Emotionen eher blass, wie das ganze Wesen selbst, das Franck immer versucht aufzupäppeln, körperlich wie seelisch. überhaupt zieht sich das “Essen” wie ein roter Faden durch das Stück: Philibert kocht eine ungenießbare Suppe, während Franck ihn zurechtweist, Camille zwingt sich zu essen und laviert zwischen Crêpes Suzette und dem Vernaschtwerden. Die Küche des Altersheims stinkt zum Himmel und im Traum vom eigenen Restaurant finden sich alle wieder.

Apropos alle, unerwähnt blieb bisher Stella Borck (alias Paulette), die Unvergleichliche, die nicht nur weil sie altersmäßig mithalten kann, die
80jährige Großmutter von Franck spielt. Intensiv, authentisch, ausdrucksstark zieht sie in ihrem Monolog über die Vergangenheit das
gesamte Publikum in ihren Bann. Sie komplettiert die geschlossene
Ensembleleistung auf einzigartige Weise. Applaus für einen wunderbaren Abend, der zu Tränen rührt, aber dennoch nie ins Kitschige oder ins Klischee abdriftet. Der Schluss kommt zwar nicht überraschend, aber doch abrupt, und hebt sich somit von der Romanvorlage ab. Mais, c´est la vie! Unbedingt anschauen!

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