Integrationsdebatte: Bedenkliches Schwappen über’n Bottichrand (Kommentar)

Die sogenannte Integrationsdebatte läuft unvermindert auf Hochtouren. Auffällig daran ist: um wirkliche Verbesserung etwa der Integration von Migranten in unsere Gesellschaft scheint es aber dabei gar nicht zu gehen. Würde die Debatte dann nicht anders geführt werden müssen, als in der Weise, dass man die diejenigen, an deren Integration es

Die sogenannte Integrationsdebatte läuft unvermindert auf Hochtouren. Auffällig daran ist: um wirkliche Verbesserung etwa der Integration von Migranten in unsere Gesellschaft scheint es aber dabei gar nicht zu gehen. Würde die Debatte dann nicht anders geführt werden müssen, als in der Weise, dass man die diejenigen, an deren Integration es bestimmten Politikern – z. B. vom Schlage eines Horst Seehofer – angeblich gelegen ist; stigmatisiert, diffamiert und so letztlich aus der Gesellschaft ausgrenzt?

Stattdessen wird nahezu jeden Tag sprichwörtlich eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Nun gab sogar der an diesem Wochenende abermals zum Vorsitzenden der Jungen Union gewählte Philipp Mißfelder seinen Senf dazu. Der Berufsjugendliche der CDU ist einem ja noch “bestens” in Erinnerung: War er es doch, der den alten Leuten am liebsten keine Hüftgelenke mehr geben wollte und in Hartz-IV-Empfängern eigentlich nur Menschen zu sehen schien, die nicht nur frech am Tropfe des Sozialstaates hängen, sondern die ihnen gegebenen finanziellen Hilfen auch noch fleißig und in erster Linie sogleich in Schnaps und Zigaretten umsetzen. Nun attestierte Mißfelder dem CSU-Vorsitzenden Seehofer betreffs den von diesem geforderten Zuwandererstopps und stärkte diesem für seinen arg populistischen Beitrag von neulich so den Rücken. Nun ja…

Angela Merkel und das “christliche Menschenbild”

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sah sich offenbar nun gemüßigt, ihrerseits in die m. E. von Tag zu Tag unheimlicher werdende “Integrationsdebatte” ein paar Worte einzuwerfen. Auf einer Regionalkonferenz der CDU tönte sie so: Wer das christliche Menschenbild nicht akzeptiert, ist “fehl am Platze” in Deutschland. Wolfgang Lieb von den NachDenkSeiten meint dagegen in seinem Beitrag dazu – den ich hier zur Lektüre empfehlen möchte – meiner Meinung nach sehr nachvollziehbar, dass wohl eher Bundeskanzlerin Merkel “fehl am Platze” sein dürfte. Denn, so steht dort sinngemäß zu lesen, wenn die Kanzlerin dieses “christliche Menschenbild” sozusagen tatsächlich zur Leitkultur für alle und jeden hier in diesem Lande lebenden Menschen erheben wolle, so hätte sie unser Grundgesetz nicht nur völlig falsch verstanden, sondern – meine ich – mit ihren Worten im Prinzip sogar dagegen verstoßen.

Gefährliche Mechanismen

Dass sich jüngst auch der Generalsekretär des Zentralrats der Juden Stephan Kramer – sicherlich erschrocken über die unsäglichen Stammtischparolen des Horst Seehofer – kritisch zu Wort meldete, um damit den hierzulande immer öfters diffamierten Muslime beizuspringen, verdient Lob: Es ist darüber hinaus sogar nur allzu verständlich. Wer, wenn nicht die Juden wüssten aus ihrer leidvollen Geschichte heraus nämlich sehr genau, wie leicht die zunächst dumpfe, unterschwellige und dann immer offener – von der schweigenden Mehrheit in Nazi-Deutschland weitestgehend geduldet – betriebene Diffamierung in eine furchtbare Katastrophe mündete. Stephan Kramer bezeichnete Seehofers Anbiedern an bestimmte Stammtische (und somit dessen allzu durchsichtigen Versuch, Stimmenfang am äußersten rechten Rand der Gesellschaft zu betreiben – ganz nach der alten Strauß-Devise: rechts von der CSU dürfe es keine politisch relevanten Kräfte geben) so: “Das ist nicht nur schäbig, sondern geradezu verantwortungslos.” Damit hat Kramer den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn Kramer hat nämlich sehr gut erkannt, dass diejenigen – welche jetzt quasi öffentlich ermuntert durch Sarrazin und Seehofer (der auf dessen kruden Thesen aufbaut) plötzlich froh darüber sind, endlich einmal “die Wahrheit” über “Kopftuchmädchen” (Sarrazin) und angeblich integrationsunwillige Muslime aus dem “arabischen und türkischen” Kulturkreis (Seehofer) herauslassen zu dürfen – fast passgenau dem Klientel zuzurechnen sind, welche ansonsten eher dem  Antisemitismus frönen. Nur da offene Hetze gegenüber Juden hierzulande ganz zu recht als politisch nicht korrekt gilt und demzufolge mehr oder weniger als Tabu akzeptiert wird, nimmt dieser Personenkreis (das könnten ca. 15 – 20 Prozent der Bevölkerung der BRD sein) freilich gern die in andere Richtung gehenden rechtspopulistischen Vorlagen von Leuten wie Sarrazin bzw. Seehofer auf.  Denn die nehmen bei ihrer Kritik ja vorwiegend Menschen muslimischen Glaubens aufs Korn. Und wir wissen: Seit den Anschlägen von 9/11 wurde der Islam quasi zum Feindbild des Westens aufgebaut. Auch bei uns blieb dies natürlich – wie man auch an der Art und Weise wie die Integrationsdebatte geführt wird – nicht ohne Folgen. Der Islam ist – zumindest verbal – anscheinend zum Abschuss freigegeben.

Entsprechende Vorurteile gegen diese Religion haben folglich Konjunktur. Stephan Kramers Kritik daran kann nicht hoch genug bewertet werden. Damit hat Kramer ganz gewiss nicht das derzeitige kritikwürdige Stammtischpalaver einiger Politiker in Bezug auf Ausländer und Migranten muslimische Glaubens im Besonderen in eine Reihe mit den Taten der Nazis und den ihnen verübten Holocaust stellen bzw. damit vergleichen wollen. Dies jedoch werfen ihm jetzt  “übliche Verdächtige” in Sachen Provokation,  wie beispielsweise Henryk M. Broder (der nun Kramers Rücktritt fordert) vor. Kramer hat aber doch nur vor brandgefährlichen gesellschaftlichen Mechanismen warnen wollen, wie sie von scheinbar nur Gutes im Sinne führenden “Mahnern” wie den Sarrazins und Seehofers ausgelöst werden können, welche somit gewollt oder ungewollt zu Brandstiftern am demokratischen Gemeinwesen werden. Die Geschichte unseres Landes ist voll von düsteren Beispielen dieser Art. Wir sollten ihnen keine weiteren hinzufügen.

Vor wenigen Tagen hegte ich hier an gleicher Stelle den wohl frommen? Wunsch, in der Integrationsdebatte, möge im Interesse von uns allen Sachlichkeit einkehren und vor allem: das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Doch es schwappt und schwappt. Nun schon bedenklich über den Bottichrand hinaus…

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