In den Medien kocht das Thema “Multikulti” über, seit Sarrazin seine fremdenfeindlichen Thesen verbreitet hat. Wulff hält taktisch dagegen und teilt mit, dass es neben der jüdisch-christlichen in Deutschland auch eine islamistische Kultur gäbe – eine typische multikulturalistische Position.
Merkel, Seehofer, Schavan und Brüderle, um nur die prominentesten Verkünder zu nennen, erklären die deutsche Leitkultur, mit der vor Jahren Friedrich Merz ins Fettnäpfchen trat, für das richtige Staatsziel und verbreiten plakativ das Konzept des Multikulturalismus sei tot. Merkel skandiert, dass Multikulti “absolut tot” wäre. Erstaunlich ist, dass es keinen Aufschrei gibt. Jemand hat einfach das Fettnäpfchen beiseite gestellt. Heute darf man ungerügt sagen, dass man will, dass sich die Ausländer in unserem Lande assimilieren sollen. Wir sind in dieser Frage da angelangt, wo die Einwanderungsländer USA, Kanada und Australien schon seit eh und je stehen. Aber eine geregelte Einwanderung kennen wir nicht.
Wohlgemerkt: die Politiker erklären nur, sie deklamieren, ohne zu argumentieren. Dabei hatten sich die Verbreiter des Modells eines multikulturellen Deutschlands wirklich etwas dabei gedacht. Der forschrittsliebende CDU-Vordenker Heiner Geissler und der Grüne Daniel Cohn-Bendit insbesondere verfolgten mit dem Konzept der parallelen Kulturen die Abkehr vom völkischen Denken, um neuer Fremdenfeindlichkeit vorzubeugen. Es ging darum, den geistigen und emotionalen Abstand zum Rassenwahn des Dritten Reiches zu vergrößern. Daher sollten die Deutschen es aufgeben, Druck auf die nach dem Krieg zu Millionen ins Land geholten Menschen anderer Kulturen auszuüben. Sie sollten sich nicht am “deutschen Wesen” orientieren müssen. Im Nebeneinander sollten sich die Kulturen gleichberechtigt tolerieren. Diese Denkrichtung stand lange Zeit so im Vordergrund, dass jemand wie Edmund Stoiber, der sich – lange bevor sich Merz mit der Leitkultur hervortat – in seiner Regierungserklärung vom 8.12.1994 polemisch dagegen aussprach, deswegen als Ewiggestriger angefeindet wurde. Multikulti wurde so zum selbstverständlichen Programm, dass in Berlin sogar eine Multikulti-Radiastation danach genannt wurde.
Selbst die Grünen merkten aber nach einer Weile, dass das Konzept der kulturellen Parallelwelten an der Realität vorbei ging. Künast schlug daher vor fast genau zehn Jahren ihrer Partei vor, nicht mehr von der Multikultur zu reden, weil dieses Wort gar nicht erkläre, nach welchen Regeln die Menschen unterschiedlicher Kultur in einem Lande zusammenleben sollten. Sehr früh, nämlich 1991 hatte als Cohn-Bendit, damaliger erster Leiter des Frankfurter Amtes für multikulturelle Angelegenheiten darauf hingewiesen, dass man eine multikultureslle gesellschaft nicht frei vor sich hin leben lassen dürfe, vielmehr vorbeugend den ihr innewohnenden Gefahren begegnen müsse, denn “die multikulturelle Gesellschaft [sei] hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie [sei] von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt.”
Unausgesprochen war Multikulti aus der Mode gekommen.
Die Bevölkerung rieb sich erstaunt die Augen, als offenbar wurde, dass ganze Stadtteile in den urbanen Zentren der Republik gar nicht mehr als “deutsch” zu erkennen waren. Diese Gettobildung wie, z.B., im Wedding und in Gelsenkirchen-Nord hatte man doch nicht gewollt!
Dann kamen die grauen Herren mit dem sarrazynischen Rechenstift und klärten uns auf, dass inzwischen (!) die Neubürger mit ihren Familien mehr kosteten als sie einbrächten. Ob das wirklich stimmt, ist nicht von Bedeutung. Der Neid der deutschen Arbeitslosen auf ausländische Beschäftigte ist leicht zu schüren. In diesem Hin und Her ist der Respekt vor den Menschen, die Politik und Wirtschaft zur Bewältigung der Arbeit im damaligen Wirtschaftswunderland wahllos ins Land gelockt hatten, verloren gegangen. Toleranz? Wohl noch. Aber Wohlwollen und Respekt? Das ist zuviel.
Die längst abgehalfterten wirtschaftshörigen, volksfremden aber wählergeilen Regierungsparteien haben diese Stimmung im Volke richtig erkannt. Ohne geistige Aufarbeitung des Themas kramen Merkel & Co. ihre Vuzuelas aus dem Regal und tuten laut gegen die fehlende Integration.
Dass es die Politik ist, die die Verantwortung dafür trägt, dass wir bis heute keine kluge Einwanderungspolitik haben und dass den ins Land gelockten Menschen anderer Kultur die richtigen Angebote gemacht werden, sich – gleich zu welchem Gott sie beten – hier erfolgreich zu orientieren, um sich in unserem Land zuhause fühlen zu können, bleibt unerwähnt.
Statt dessen wird die unausgegorene Vorstellung von der deutschen Leitkultur zur vorherrschenden Maxime. Auf einmal werden die klassischen Einwanderungländer gelobt, die seit eh und je nach Belieben und wirtschaftlichem Interesse die ihnen am günstigsten erscheinenden Einwanderungsangebote angenommen haben. Genau das ist Seehofers neue Position, die Merkel derzeit nur nach außen hin noch nicht teilt. Taktik und Kalkül ist alles.
Deutschland soll also doch ein Einwanderungsland werden. Dumm ist nur, dass die Debatte zu spät kommt. Die benötigten hochqualifizierten Kräfte machen einen Bogen um unser Land, weil wir es versäumt haben, die Menschen, die wir bereits ins Land gelockt haben, respektvoll zu behandeln und als gleichberechtigte Menschen zu akzeptieren.
Derweil werden wir immer weniger.
Natürlich wäre es ein Leichtes, die demografischen Probleme zu lösen. Den Bevölkerungsschwund mit Wirtschaftsflüchtlingen aus aller Welt zu schließen, kann aber keine Lösung sein. Mit dem dann ins Land kommenden großen Völkergemisch käme zwangsläufig die Armut mit zu uns.
Weder Multikulti noch Leitpolitik machen Sinn!
Was ist die Lösung? Weder Multikulturalismus noch Leitpolitik! Wir müssen uns nur allen Menschen, die in unserem Land leben, offen zuwenden und zeigen, dass wir sie auch in ihrer Andersartigkeit respektieren. Wir müssen ihnen helfen, uns besser kennen zu lernen, um sich hier besser orientieren zu können. Dazu gehört ganz vornean das Angebot – nicht der Zwang – die deutsche Sprache zu lernen. Von den Skandinaviern können wir lernen, wie man Gettobildung verhindert und Schulen so beschickt, dass nicht die große Mehrheit der Schüler fremdsprachlich ist. Wer aber will im föderalen System das Schulsystem ändern? Die große Koalition war einmal mit den nötigen Mehrheiten zur Föderalismusreform angetreten, ist dann aber doch kläglich gescheitert.
Photo: goto10, via flickr
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