Von einer Wissenschaft, die auf das Übersinnliche trifft
Übersinnlich heißt ja nur, dass das sinnlich Wahrnehmbare überschritten ist. Wie diese übersinnliche Wahrnehmung möglich ist und woher sie kommt, haben Wissenschaftler herausgefunden.
Neue technische Verfahren ermöglichen es, zu beobachten, welche Regionen des Gehirns bei religiösen und meditativen Zuständen aktiv oder ausgeschaltet sind.
Bevor Kopernikus, Darwin und Charles Lyell entdeckten, dass die Welt nicht durch einen Blitzschlag allmächtiger Schöpfungskraft entstand und dadurch die kirchliche Welt in ihren Grundfesten erschüttert wurde, war noch alles in Ordnung. Gott war im Himmel und in uns und in Allem existent. Im Laufe der Jahrhunderte, lösten immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse starre religiöse Vorstellungen ab.
Heute belebt ein neuer Wissenschaftszweig die Suche nach Gott und bringt die mystische Theologie und die faktische Naturwissenschaft an einen runden Tisch. Die Neurotheologie.
Bildet sie den Rahmen für eine Aussöhnung der Naturwissenschaften mit der Religion?
Neurobiologische Experimente lassen nämlich den Schluss zu, dass religiöse Zustände mit der Aktivität bestimmter Gehirnregionen zusammenhängen. Ist Gott also im Gehirn? Und wenn ja, was macht er da?
Zu den Begründern der Neurotheologie zählt der Radiologe Andrew Newberg von der University of Pennsylvania. Er durchleuchtete betende Nonnen und meditierende Mönche in den intensivsten Phasen der Gotteserfahrung und stellte eine drastisch geminderte Aktivität in dem Hirnareal fest, das für die Orientierung im Raum zuständig ist.
Daraus schlossen sie, dass „mystische Erfahrung biologisch real und naturwissenschaftlich wahrnehmbar ist.“
Auch Dr. Vilayanur S. Rachmahandran, Professor für Psychologie
und Neurowissenschaften an der University of California in San Diego, glaubte eine Art Wahrnehmungsorgan für das Übersinnliche gefunden zu haben und nannte es Gott-Modul.
Patienten mit Schläfenlappenepilepsie berichten besonders oft von religiösen Empfindungen während ihrer epileptischen Anfälle. Durch klinische Studien mit Epilepsiepatienten sah Rachmahandran den Beweis für den Zusammenhang zwischen Schläfenlappen und Religiosität bestätigt. Der kanadische Neuropsychologe Michael Persinger von der Laurentian University in Sudbury benutzte einen umgebauten Motorradhelm, der magnetische Felder erzeugte, die das Gehirn stimulieren sollten. Danach beschrieben viele Versuchspersonen undefinierbare mystische Zustände. Auch Atheisten beschrieben ähnliche Erfahrungen unter dem Helm, interpretierten sie nur seltener religiös. Für Persinger ist dies der Beweis, dass man auf Knopfdruck mystische Erfahrungen erzeugen kann.
Liefert die Neurotheologie Beweise für die Existenz oder für die Nicht-Existenz Gottes?
Hinterfragt man die großen Theorien der Neurowissenschaftler, stellt
sich heraus, dass sie auf sehr wackeligen Füßen stehen. Newbergs Gott-Modul hat die Versuche des kanadischen Psychologen Mario Beauregard nicht überlebt. Bei Beaugards durchleuchteten Nonnen zeigte sich weit mehr als eine Hirnregion aktiv. Eine Aktivitätsminderung im Orientierungsareal konnte er nicht feststellen.
Schwedische Forscher von der Universität Uppsala empfanden das Experiment Persingers nach. Sie machten nur einen entscheidenden Unterschied. Sie ließen die Hälfte der Probanden nicht wissen, dass ihnen die Hirnsimulation nur vorgetäuscht wurde. Trotzdem berichteten sie gleich häufig von spirituellen Gefühlen. Den Versuchsergebnissen Persingers entgegen habe es „keinerlei Hinweise auf eine Wirkung der magnetischen Felder“ gegeben.
Hat Gott also unseren Geist erschaffen oder erschuf unser Geist Gott?
Streng wissenschaftlich wird man diese Frage wohl niemals beantworten können.
Entweder es gibt einen Gott, dann hat er uns neben der Gabe zu riechen, Gefühle zu empfinden, unsere Intelligenz zu gebrauchen oder unseren Bewegungsapparat zu steuern auch die Möglichkeit gegeben ihn zu erleben. Wenn es keinen Gott gibt, gibt es ihn auch nicht im Gehirn, auch dann nicht, wenn eine Gehirnregion bei mystischen Zuständen eine vermehrte oder geminderte Aktivität zeigt. Gott im Gehirn, im Himmel oder in Allem existent- bleibt wohl weiter eine Frage des Glaubens.
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