Filmfestivals für Fortgeschrittene: EXGROUND 23

EXGROUND ist eine Wortkombination aus “Experimental” und “Underground”. In den ersten Jahren bestand das Filmfestival wohl nur aus Experimental- und Untergrundfilmen. Das Publikum für so etwas ist nicht groß. In den folgenden Jahren wurde das Spektrum erweitert, eroberte sich das Festival ein wachsendes Publikum und ist im Rhein-Main-Gebiet mittlerweile eine

caligari.jpgEXGROUND ist eine Wortkombination aus “Experimental” und “Underground”. In den ersten Jahren bestand das Filmfestival wohl nur aus Experimental- und Untergrundfilmen. Das Publikum für so etwas ist nicht groß. In den folgenden Jahren wurde das Spektrum erweitert, eroberte sich das Festival ein wachsendes Publikum und ist im Rhein-Main-Gebiet mittlerweile eine feste Größe. Dabei ist das Filmangebot größtenteils immer noch abseits von gewöhnlicher Kinoware.

Seit 1994 bin ich regelmäßig dabei. Einfach ist es meistens nicht, ein Kinofestival mit Vorstellungen bis in die Nacht zu bestehen und normale Arbeitstage dazwischen durchzustehen. Immerhin hatte ich in der betreffenden Woche Urlaub.

Schauplatz ist das Wiesbadener Caligari-Kino

Oscar-Preisträger Volker Schlöndorf hat vollkommen recht, wenn er das Caligari als “Juwel unter den deutschen Lichtspielhäusern” bezeichnet. Es ist jedesmal ein Genuss, dort einen Film zu sehen. Das Festival ist komplett ehrenamtlich organisiert. Kleine Pannen gehören dann auch mal dazu und machen es noch sympathischer. Beispielsweise fiel 2008 am Eröffnungsabend ein Computersystem aus, die Kassiererin musste die Eintrittskarten handschriftlich ausfüllen und wohl auch noch Strichlisten führen, um nicht mehr Karten abzugeben als Plätze vorhanden sind, und sie behielt trotzdem die Nerven. Das führte zu kleineren Wartezeiten, die unter den Bedingungen der ehrenamtlichen Organisation durchaus zu verkraften sind.

Die Preise sind mit € 7,00 pro Vorstellung immer sehr moderat, eine Zehnerkarte kostet € 50,00. ALG-II-Empfänger/innen haben mit Nachweis die Möglichkeit je nach Verfügbarkeit der Plätze kostenlos fast alle Vorstellungen zu besuchen.

Im günstigsten Fall stehen bereits einige Wochen vor Beginn des Festivals im Internet Inhaltsangaben und weitere Informationen zu allen Filmen bereit, was eine vorläufige Planung sehr erleichtert. Jedes Jahr gibt es einen Länderschwerpunkt und die Retrospektive einer Regisseurin bzw. eines Regisseurs. Der Länderschwerpunkt lag diesmal auf Lateinamerika und die Retrospektive ist dem deutsch-amerikanischen Regisseur Ulli Lommel gewidmet.

Im weiteren Verlauf beschreibe ich kurz die gesehenen Filme – falls dies nicht ausreichend im Filmprogramm getan wurde und gebe Bewertungen nach dem Schema von Schulnoten (1 = sehr gut; 6 = mies).

Alle Filme laufen in Originalfassung. Nicht deutsch- bzw. englischsprachige Filme laufen in Originalfassung mit meistens englischen Untertiteln. Deutsche Untertitel gibt es nur bei Filmen, die zuvor auf einem anderen deutschen Filmfestival (meistens Berlinale) liefen. Synchronisationen bzw. deutsche Untertitel sind zu teuer für das Festival.

Freiag, 12. November
18:00 Uhr. Es regnet in Strömen. Die Anfahrt von Frankfurt nach Wiesbaden ist anstrengend und nervig und die Scheiben beschlagen andauernd. Zwischenzeitlich überlege ich immer wieder, mit der S-Bahn nach Wiesbaden zu fahren. Immerhin ist es möglich, mit einer Eintrittskarte kostenlos öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Allerdings fährt zwischen ungefähr 0:07 Uhr und 4-Uhr-irgendwas kein einziger Zug vom Wiesbadener Hauptbahnhof ab; also nicht empfehlenswert. Nach einer halben Stunde Sucherei bekomme ich einen Parkplatz in akzeptabler Nähe zum Kino, bin fünf Minuten vor Beginn an der Kasse und bekomme tatsächlich noch eine Karte für die nicht ganz ausverkaufte Eröffnungsveranstaltung.

19:00 Uhr

LIFE DURING WARTIME
von Todd Solondz
USA 2009, 35 mm 96 Min., englische OF

Die nächste Vorstellung beginnt um 22:15 Uhr und es wird wohl allgemein eine Dauerlaudatio von über einer Stunde erwartet. Ganz so schlimm ist es nicht; Festivalleitung sowie Vertreter von hessischer und kommunaler Kulturpolitik beschränken sich auf ungefähr eine halbe Stunde.

“Zehn Jahre nach seinem Meisterwerk HAPPINESS erzählt Todd Solondz mit bitterbösem Humor die Familiengeschichte der drei Jordan-Schwestern weiter. Die Sozialarbeiterin Joy flüchtet nach einem Streit mit ihrem Mann, einem Ex-Knacki, zu ihrer Mutter nach Florida. Schwester Trish hat allen erzählt, dass ihr Mann Bill tot sei, obwohl er wegen Pädophilie im Knast sitzt. Während sie eine Beziehung zu einem “normalen” Mann beginnt, kommt ihr Ex aus dem Knast. Und Helen, die dritte im Bunde, leidet unter ihrem Erfolg in Hollywood. Eine ganz normale US-Familie auf der Suche nach Liebe, Glück und Erlösung, obwohl es um Pädophilie, Perversion, Selbsthass und Selbstmord geht.”

Todd Solonz ist ein bemerkenswerter Filmemacher. Er hat das Talent, eigentlich deprimierende Geschichten um kranke Psychen und kaputte Familien mit sehr harmonischer Bildgestaltung und Musik sowie feiner Ironie zu kombinieren und solche Stoffe zu sehr guten Unterhaltungsfilmen zu machen. Die darstellerischen Leistungen sind brilliant. Obwohl es sich um eine indirekte Fortsetzung des 1998er Filmes HAPPINESS handelt, ist die Handlung des Filmes abgeschlossen und es fehlt kein Wissen, um diesen Film zu verstehen.

Einer der besten Eröffnungsfilme seit vielen Jahren

Note = 1

ca. 21:15 Uhr. Bevor ich im Filmkatalog wühle, nutze ich die Gelegenheit, einen günstigeren Parkplatz zu suchen und zu finden.

22:15 Uhr

PYATNITSA.12 [Freitag der 12.]
von Wladimir Sajkin
Russland 2009, 35 mm 87 Min., OmeU

Wenn der Bulle den Verrückten beneidet, der einmal im Monat Mädchen grausam ermordet, so stimmt etwas in der Stadt nicht. Wenn eine echte Liebe mit dem Gabelstoß in den Hals beginnt, so stimmt etwas mit dieser Liebe nicht. Wenn die Besitzerin eines Puffs den Bullen liebt, so stimmt etwas mit dem Puff nicht. Man kann sich darüber auch keine Gedanken machen. Es ist Freitag. Der vierte im Monat. Punkt zwölf “muss” der Killer eine Frau umnieten. Jeder weiß Bescheid und macht, dass er schnellstens nach Hause kommt. Doch nicht nur der Killer ist auf der Jagd. Ein gestörter Mörder, ein völlig durchgeknalltes Opfer und ein wahnsinniger Cop sind die Protagonisten dieses irren Stück Films, und alle drei haben das dringende Bedürfnis, sich dem Betrachter direkt mitzuteilen. Was einen Heidenspaß macht.

Wider Erwarten ist der Film mit deutschen Untertiteln ausgestattet. Wie sehr der Film mit seinem Titel zum Datum der Vorstellung passt, wird von der Ansagerin mehrfach betont. Der Film ist sehr wild, wirr und konfus. Dass der Serienmörder mit den Taten Erniedrigungen aus seiner Kindheit und Jugend kompensiert und ständig in die Kamera jammert, ist wirklich nicht originell. Zum Schluss geht der wahnsinnige Polizist als Serienmörder in den Knast und das Lieblingsopfer beginnt mit der Tötung des Serienmörders eine eigene Mordserie. Sehr gewöhnungsbedürftig und nicht mein Fall.

Note = 3

Am Samstag feiert einer meiner besten Freunde Geburtstag. Wir essen Raclette, schauen Schundfilme auf DVD, installieren etwas auf seinem Laptop und geben dem Erwerbslosen ein paar Bewerbungstipps.

Am Sonntag ruhe ich mich aus. Am Montag regnet es in Strömen und ist wirklich ungemütlich. Die Animationsfilmrolle interessiert mich, aber wegen einer Vorstellung bei dem Dreckswetter 60 km zu fahren, lohnt sich nicht. Der deutsche Beitrag klingt zum Davonlaufen; und Filmbeschreibungen in Festivalkatalogen sind meistens noch geschönt.

Also pausiere ich tatsächlich bis zum Donnerstag. Vorher gehe ich am Mittwoch in Frankfurt in die Nachtvorstellung von MACHETE.

20:00 Uhr

LES AMOURS IMAGINAIRES [HEARTBEATS]
von Xavier Dolan
Kanada 2010, Digital, 102 Min., fanzösische. OmeU

Die besten Freunde Francis (Regisseur Xavier Dolan) und Mary sind verschworene Fashionistas. Auf einer Party begegnen sie dem goldgelockten Jüngling Nick, der gerade vom Land nach Montréal gezogen und in den Augen von Mary und Francis zum Niederknien schön ist. Die beiden verfallen Nick, der aber hält sich herausfordernd bedeckt, und das Liebesduell der Freunde beginnt. Ein Ausflug aufs Land wird zum Höhepunkt des Liebesreigens und setzt die Freundschaft des Trios aufs Spiel. Das kanadische Wunderkind Xavier Dolan führte bei seinem zweiten Film nicht nur Regie, schrieb das Drehbuch, übernahm eine Hauptrolle, den Schnitt des Films und die Koproduktion, sondern war auch für die Ausstattung und die fantastischen Kostüme verantwortlich. Der wunderbar tragisch-komische Liebesfilm ist ein Fest für die Sinne, unterbrochen von absurden Mini-Interviews.

“Bang Bang” von Nancy Sinatra benutzte Quentin Tarantino als Titelmusik für KILL BILL VOL.1. Hier hören wir im Trailer die italienische Fassung – keine Ahnung, von wem gesungen. Dazu sehen wir wohl komponierte Zeitlupenaufnahmen, von einem Hut, der in eine Hutschachtel gelegt wird, von einer rauchenden Frau, einem Mann, der mit dem Frisieren fertig ist, Vorbereitungen zu einem Treffen, der Hutschachtel, die getragen wird. Sollte es Regisseur Dolan – immerhin erst 21 Jahre jung – darauf angelegt haben, Werbefilme für Markenmode, Kosmetik und edles Durftwasser zu drehen, sind diese Szenen wirklich die richtige Visitenkarte. Die absurden Mini-Interviews, von denen wir in der Inhaltsangabe lesen und mit denen der Film auch beginnt, sind in die Kamera gesprochene Monologe verschiedener Personen über die Katze Marilyn, eine zerbrochene Terracotta-Vase und die verschiedenen Stufen zwischen totaler Heterosexualität und totaler Homosexualität. Dabei wird wiederholt ruckartig auf die Personen zu- und wieder weg gezommt, weil hinter der Videokamera jemand scheinbar unkontrolliert mit dem Zoom spielt, was mich eher nervt. Erwähnte ich schon? Der Film ist auf HD-Video gedreht. Drittes Stilelement sind Treffen, Unterhaltungen, Parties, auf denen sich die Personen der Handlung unterhalten. Während dieser Dialoge, an die ich mich zwei Tage nach dem Film nicht mehr erinnere, wird die Handkamera hin und her geschwenkt, wobei auf unnötiges Gewackel immerhin verzichtet wird. Zwei zurückhaltend inszenierte Erotikszenen gibt es: eine hererosexuelle (rot beleuchtet, so sind normalerweise Bordellszenen gedreht) und eine homosexuelle (grün beleuchtet, erinnert mich an Leichenhalle).

Hier ist der richtige Zeitpunkt, zu erwähnen, dass der zweite Film des Abends, den ich sehen möchte, im Murnau-Filmtheater einige Kilometer entfernt laufen wird. Der zeitliche Ablauf ist durchaus verbesserungsbedürftig, denn bei einer zeitlichen Verzögerung von bis zu einer viertel Stunde, einem Vorfilm und einem Hauptfilm von 102 Minuten ist es unmöglich, rechtzeitig bis 22:00 Uhr das andere Filmtheater zu erreichen, denn es sind ein Fußweg zur Bushaltestelle, eine Busfahrt von immerhin nur wenigen Minuten – wenn der Bus sofort kommt – sowie ein Fußmarsch von etwa einem Kilometer vom Hauptbahnhof bis zum Kino zurückzulegen. Entweder ich breche das Beziehungsschmerz-Heimvideo mit Werbeclip-Einlagen vorzeitig ab oder ich komme zu spät zu einem hoffentlich guten britischen Thriller. Die Wahl fällt mir nicht schwer. Vorher überzeuge ich mich noch am Hauptbahnhof davon, dass der letzte Zug tatsächlich kurz nach Mitternacht abfährt – ja, stimmt wirklich – und auch am Wochenende später kein Betrieb mehr ist. Zum Glück steht mein Vehikel wenige Meter vom Murnau-Filmtheater entfernt.

Note = 6

22:00 Uhr im Murnau Filmtheater

CRYING WITH LAUGHTER
von Justin Molotnikov
Großbritannien 2009, 35 mm, 93 Min., englische OF

Joey Frisk ist ein erfolgreicher, aber äußerst cholerischer Stand-up Comedian, dessen Leben alles andere als lustig ist. Seine fatale Vorliebe für Kokain und Alkohol zügelt nicht gerade sein Temperament. Bei einem Auftritt droht er, seinen Vermieter vor versammeltem Publikum umzubringen, der ihn vor die Tür setzen will, weil er die Miete nicht gezahlt hat. Am nächsten Tag wird sein Vermieter tatsächlich krankenhausreif geschlagen. Joey gilt als Hauptverdächtiger, kann sich aber an nichts erinnern. Fatalerweise wendet er sich in seiner Verzweiflung an seinen Jugendfreund Frank, der kurz zuvor aus der Versenkung aufgetaucht ist. CRYING WITH LAUGHTER von Justin Molotnikov ist ein kraftvoller Low-Budget-Thriller aus Schottland, mit einem fantastisch aufgelegten Stephen McCole in der Hauptrolle.

Der Vorfilm ist sehr schräg und lustig. Die einzige Hinterlassenschaft nach einer durchsoffenen Nacht ist eine Kotzpfütze, für die es zu weit zum Klosett war, und ein darin liegendes Gebiss, welches von Hund Luci gefressen wird. Der Tag der Hunde- und Gebissbesitzerin und ihres Freundes führt über Dentallabor, Drogenberatung mit Methadonausgabe in den Park, wo Hund Luci das Gebiss wieder aussch***t, welches vom Freund mit Bier gespült und wieder von ihr in Betrieb genommen wird.

Zum Hauptfilm: Der durchgenkallte Freund Frank entführt im Verlauf der Handlung zuerst Joeys Tochter und später einen demenskranken alten Mann aus dem Altersheim. Der Alte wird von Frank beschuldigt, ihn bzw. beide auf der Schule bzw. im Internat bzw. während der Militärausbildung sexuell missbraucht zu haben (100% bin ich nicht sicher, denn der Film läuft in schottischem Englisch ohne Untertitel und die Dialoge sind phasenweise sehr schwer zu verstehen), und wird dafür auch gehörig gefoltert. Ein Teil der Rahmenhandlung besteht aus Bühneneinlagen, in denen Joey die Entführungsgeschichte rekapituliert, welche dann in Rückblenden zu sehen ist. In diesen Bühneneinlagen ist Joey von Prügelspuren gezeichnet; da ist dann früh klar, dass die Geschichte gut ausgegangen sein wird (oder so ähnlich), was ich nicht für wirklich gelungen halte. Schauspielerisch durchaus gelungen und überwiegend sehr spannend.

Note = 2-

Freitag, 19. November
In meiner Tasche habe ich eine Termoskanne mit Herzattacken-Kaffee dabei, der mich wach halten soll. Als ich den ersten Becher zu mir nehmen möchte, gibt es eine unangenehme Überraschung; die Kanne ist offensichtlich undicht und meine Filmzeitschrift In meiner Tasche habe ich eine Termoskanne mit Herzattacken-Kaffee dabei, der mich wach halten soll. Als ich den ersten Becher zu mir nehmen möchte, gibt es eine unangenehme Überraschung; die Kanne ist offensichtlich undicht und meine deadline-magazin ist mit Kaffee vollgematscht. Aber die Tasche vom japanischen Filmfestival Nippon-Connection bleibt dicht, wirklich toll.

20:00 Uhr

SONHOS ROUBADOS [STOLEN DREAMS]
von Sandra Werneck
Brasilien 2009, 35 mm, 90 Min., portugiesische OmeU

Sex als Ware. Liebe als Hoffnung. Freundschaft als Glück. Jessica, Sabrina und Daiane leben in einem Armenviertel von Rio de Janeiro. Neben ihrer Freundschaft besitzen sie nicht viel. Ihr alltägliches Umfeld ist geprägt von Arbeitslosigkeit und Armut sowie daraus resultierender Kriminalität. Ihre finanzielle Notlage treibt auch die drei Freundinnen in die Prostitution. Die Folge sind Auseinandersetzungen mit den Behörden, der Familie und den Liebhabern. Trotz allem verlieren sie nie ihren Humor, versuchen ihr Leben so zu nehmen, wie es ist, und das Beste daraus zu machen. SONHOS ROUBADOS schildert das universal erlebbare Dilemma in den Armenvierteln unserer Welt und erzählt mit poetischer Sensibilität zugleich die Geschichte von drei jungen Frauen, die an ihrer Freundschaft zueinander wachsen und so nie den Glauben an sich selbst verlieren.

Der Film begleitet die drei jungen Frauen bzw. Mädchen über die zeitliche Distanz von etwas mehr als einem Jahr. Jessica und Sabrina sind gerade mal 18 Jahre jung, die eine hat bereits ein Kind, welches ihr vom Kindsvater und dessen Mutter wegen des Verdachts auf Prostitution entzogen wird. Die Andere erwartet ein Kind von ihrem Quasi-Verlobten, der ihr die Wahl zwischen Abreibung und Ende der Beziehung lässt. Daiane feiert am Beginn des Films ihren 14. (!!!) Geburtstag und im letzten Drittel des Films ihren 15. Geburtstag. Sie lebt bei der Tante, deren angeheirateter Mann ihr nachstellt und ihr schließlich Geld für Sex gibt. Aus dem fröhlichen Kindergesicht wird im Verlauf des Films das sorgenvolle Gesicht einer jungen Erwachsenen.

Die Bildgestaltung (in Breitwand) ist sehr gelungen mit guter Kamerabewegung und starker Farbgebung. Es ist anzunehmen, dass hier überwiegend Laiendarsteller/innen agieren, und dafür sind die schauspielerischen Leistungen wirklich sensationell.

Die Regisseurin Sandra Werneck sorgt bei so problematischen Themen wie Armut und Kinderprostitution und der Gefahr AIDS bewusst oder auch unbewusst für eine gewisse Ambivalenz, indem sie die erotischen Reize der drei jungen Frauen sehr deutlich in Szene setzt. Sie tragen knappe Tops, Shorts, kurze Röcke, sind in Bikinis, Unterwäsche oder beim Liebesakt auch nackt zu sehen. Auch Daiane ist mit ihren 14 Jahren von hinten mal im String-Tanga zu sehen.

Ganz stark. Note = 1

22:15 Uhr

R U THERE
von David Verbeek
Niederlande 2010, 35 mm, 83 Min., niederl.-taiwanes.-engl. OmeU

Der professionelle Gamer Jitze reist um die Welt, um an Videospielturnieren teilzunehmen. In Taipeh ist er wegen einer Berufskrankheit – Schmerzen im Arm – gezwungen, sich einige Tage zu schonen. Im Hotel trifft er auf eine Teilzeitprostituierte und beginnt, sich für das Mädchen und damit auch für sein Leben in der realen Welt zu interessieren. Min Min steht Jitze nicht professionell zu Diensten. Er bezahlt sie für Massagen, die seine Schmerzen lindern, und dafür, dass er zu ihrer Familie ins Hinterland mitkommen darf. Es zieht so etwas wie Normalität in das Leben des jungen Mannes ein. Da er aber Min Min seine Gefühle nicht zeigen kann, begegnen sich beide in der virtuellen Welt von “Second Life”.

Nein, es zieht keine Normalität in sein Leben ein, denn die Normalität sind eher Ballerspiele und das Drumherum bzw. die virtuelle Scheinwelt. Im so genannten echten Leben benimmt sich Jitze wie ein Außerirdischer. Nach einem durchaus fesselnden Einstieg beim Videospielturnier mit Wettkämpfen und taktischen Beratungen des Teams sind die Begegnungen zwischen Jitze und seiner taiwanesischen Bekannten sowie der Ausflug zu ihrer Familie sehr schleppend inszeniert und wirken improvisiert. Dialogpassagen wirken, als ob ständig jemand den Text vergessen hätte. Aufnahmen vom Land sind weitaus weniger sorgfältig inszeniert als die Passagen in der virtuellen Welt, was sehr schade ist, denn die Landschaft hat sehr viel zu bieten.

Schade, verschenkt. Note = 4

0:00 Uhr

LANGE NACHT
von Till Kleinert
Deutschland 2009, Digital Betacam, 91 Min., deutsche OmeU

Sechs Jugendfreunde wiedervereint am See in der Nähe ihres Heimatortes. Mal wieder zusammen eine Nacht abhängen und alten Zeiten frönen. Mit der Dämmerung erscheinen jedoch alte Feinde auf der Bildfläche: die immer noch ortsansässige Skinhead-Gang. Und noch immer gibt die Gang keine Ruhe, und die entspannte Nacht am See wird schnell zum Kampf ums Überleben. Die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller, doch als sich das Grauen in Form von furchterregenden Wesen aus dem Waldboden erhebt, scheint es kein Entkommen mehr zu geben. In seinem Spielfilmerstling konzentriert sich Regisseur Till Kleinert stark auf seine Charaktere und die unterschwelligen Konflikte und Feindseligkeiten in der alten Freundesgruppe.

Trotz der amateurhaften Ausstattung mit HD-Videokameras ist man am Anfang sehr bemüht, eine möglichst professionelle Kameraarbeit zu bieten, wobei einmal sogar scheinbar mit einem Kran gearbeitet wird. Die Bildqualität ist allerdings besonders bei Szenen im Sonnenlicht minderwertig; die Kontraste und die Farbabstufungen sind sehr schlecht. Bei den Szenen am Abend bzw. in der Nacht ist die Bildqualität etwas besser, aber man sieht den Szenen die HD-Optik ständig an, es sieht eben aus wie ein besseres Heimvideo. LANGE NACHT lief offensichtlich schon auf ein paar Genre-Festivals (mit englischen Untertiteln), ist aber definitiv bei dieser Optik nichts für die Leinwand. Das Schicksal des Films sind unter solchen Voraussetzungen die unteren Videothekenregale und die Grabbeltische im Kaufhaus, was den Machern bestimmt bewusst sein wird.

In der ersten halben Stunde gelingt es sogar phasenweise, etwas Gruselstimmung aufzubauen, welche aber schlagartig endet, als die Neonazis kommen. Die Wesen, die aus dem Wald auftauchen sind dann auch nicht furchterregend sondern unfreiwillig komisch und auch auch nur sehr schemenhaft zu erkennen. Eine alte Regel aus frühen Horrorfilmzeiten lautet ja, dem Publikum nicht alles zu zeigen, sondern die Hauptsache der Fantasie des Publikums zu überlassen. Das wird aber nicht die bewusste Absicht der Filmemacher gewesen sein; mein Eindruck ist eher, dass nicht mehr gezeigt wurde, weil es nicht ging, weil sie es nicht konnten.

Eines der wenigen natürlich agierenden Wesen in diesem Film ist der Schäferhund der Neonazi-Truppe. Ich ahne sofort, als ich den Hund sehe, dass dieser Hund in der Handlung irgendwie ums Leben kommen wird – altes unnötiges Horror- und Thrillerfilm-Klischee, dessen Ursache Talentlosigkeit bei der Entwicklung der Handlung ist – und beschließe, in diesem Fall zu gehen. Ja, und ich behalte recht; nach 57 handgestoppten Minuten wird der Hund erschossen – brandenburgische Neonazis haben ja auch im Wald grundsätzlich Knarren dabei – und nach genau einer Stunde habe ich die Jacke an. In diesem Stadium der Handlung sind immer öfter die geheimnisvollen Kreaturen zu sehen, von denen wir mittlerweile wissen, dass sie ihre Opfer heimsuchen, wenn es dunkel ist. Die einzige Möglichkeit, zu überleben, ist das Lagerfeuer und andere Lichtquellen zu erhalten; und das gab es auch schon vor 15 Jahren bei AKTE X.

Die Erscheinungen der Waldmonster sorgen in verschiedenen Ecken des Kinos für immer mehr Gelächter.

Gedreht wurde in Brandenburg, ein Auto hat ein Potsdamer Kennzeichen. Die Landschaft scheint durchaus geeignet für einen solchen Filmstoff zu sein – wenn es gekonnt gemacht wird. Aber da ja vom wiederholten Verschwinden von Rucksacktouristen an der brandenburgischen Seenplatte nichts bekannt ist, wirkt das leider nicht.

Tut mir leid, geht gar nicht. Note = 6

Samstag, 20. November
20:00 Uhr

EN GANSKE SNILL MANN [A SOMEWHAT GENTLE MAN]
von Hans Petter Moland
Norwegen 2010, 35 mm, 107 Min., OmU

Ulrik hat gerade zwölf Jahre hinter schwedischen Gardinen verbracht, und nach seiner Entlassung stellt sich ihm die Frage – neues Leben oder altes? Eigentlich will er schleunigst die Vergangenheit so weit wie möglich hinter sich lassen. Seinen Sohn will er wiedersehen und sich an dessen Nachwuchs erfreuen. Er findet einen Job in einer Autowerkstatt, bekommt eine Topfpflanze geschenkt und verliebt sich in die Tochter des Chefs. Eine verschrobene alte Dame gibt ihm Kost und Logis und will als Gegenleistung lediglich auch ihren – erotischen – Appetit gestillt wissen. Einem ganz normalen Leben steht also eigentlich nichts mehr im Wege. Wenn da nicht die offengebliebenen Rechnungen wären. Regisseur Hans Petter Moland gelang mit EN GANSKE SNILL MANN eine unwiderstehlich lässige und eloquente Komödie über ein Leben im Imperfekt in einer durch und durch rationalisierten Welt.

Die Schauspielarbeit in Skandinavien scheint sehr angenehm zu sein, meint man, wenn man den Hollywood-Schweden Stellan Skarsgard als frisch entlassenen Ex-Knacki Ulrik sieht. Über einen Mangel an Rollen kann sich Skarsgard auf keinen Fall beschweren, ist er in Hollywood doch als Nebenrollendarsteller gut im Geschäft, z.B. in zwei Fluch-der-Karibik-Filmen und ILLUMINATI. Den Liebhaber seiner Frau erschoss er damals. Nach zwölf Jahren kann er sich kaum vor alten Gangsterfreunden retten, die ihm einen neuen Mordauftrag andrehen wollen. Und nach all den Jahren der Enthaltsamkeit kann er sich auch nicht über mangelnde sexuelle Gelegenheiten beschweren, bieten ihm neben seiner schrulligen Zimmerwirtin auch seine Ex-Frau und die Sekretärin der Autowerkstatt Befriedigung an. Trotz einiger Zumutungen kann Ulrik nichts mehr aus der Ruhe bringen, bis er schließlich die hoch schwangere Frau seines Sohnes ins Krankenhaus bringt und dabei in der Limousine seines Bosses seinen Enkel zur Welt bringen muss.

Skurrile Figuren wie der dauersprechende Werkstattbetreiber Sven und ein zwergwüchsiger Waffenhändler sorgen für gute Laune. Ein bischen mehr Tempo hätte dem trockenen Humor sehr gut getan. Insgesamt ein sehenswerter Film, der in wenigen Wochen regulär im Kino starten wird.

Note = 3+

22:15 Uhr

BÁNG-KAH [MONGA]
von Doze Niu
Taiwan 2010, 35 mm, 140 Min., OmU

In Monga, einem Stadtteil von Taipeh, haben in den 1980er-Jahren Straßengangs das Sagen. Der schüchterne Mosquito hat keine Lust mehr, in der Schule herumgeschubst zu werden, und will endlich etwas dagegen unternehmen. Monk, Dragon, Monkey und A-Po sind von seinen Kampfkünsten beeindruckt und nehmen ihn daher in ihrer “Prince Gang” auf. Der alte Triadenanführer Geta nimmt die Nachwuchsgangster unter seine Fittiche und erklärt ihnen die Regeln und traditionellen Werte der Unterwelt von Monga. Während die Teenager das coole Gangsterleben in vollen Zügen genießen, bekommen sie gar nicht mit, dass ihre “heile” Welt von rivalisierenden Gangs bedroht ist. Bald wird nichts mehr so sein wie früher. BÁNG-KAH ist ein brillant choreografierter und inszenierter Gangsterfilm mit spektakulären Actionszenen.

Wer die elektrisierenden Gangsterfilme aus dem Hong Kong der 80er und frühen 90er Jahre liebt und nach der Übergabe der britischen Kronkolonie an die Volksrepublik China 1997 Entzugserscheinungen bekam, weil ein Großteil der begabten Filmemacher und Darsteller nach Hollywood ging, wird hier sehr gut bedient. Zwar gibt es weder die akrobatischen Kämpfe noch die ballettähnlichen Schusswechselkämpfe z.B. eines John Woo, doch Freunde des fernöstlichen Genrefilmes werden auf jeden Fall ihre Freude haben, der in Kürze regulär im Kino starten wird. Starke Bildkompositionen, prima Darsteller, eine fesselnde Geschichte, die auch ruhige Momente zulässt. Beim letzten Gefecht auf Leben und Tod wird eine Blutfontaine digital animiert und die Blutstropfen verwandeln sich in rote Kirschblüten, die im Verlauf der Handlung davor eine besondere Bedeutung haben; das wirkt ein bischen kitschig und hätte weg gelassen werden sollen. Sonst ganz stark.

Note = 2+

Ein guter EXGROUND-Jahrgang mit nur wenigen echten Enttäuschungen und einigen tollen Überraschungen. Danke.

s. auch:

* Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy-Filmfest 2008 

* Filmfestivals für Fortgeschrittene – EXGROUND 21 (2008)
* Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy-Filmfest 2009 

* Filmfestivals für Poser – Die 43. Internationalen Hofer Filmtage 2009
* Filmfestivals für Fortgeschrittene – Nippon-Connection – das japanische Filmfestival 2009
* Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy-Filmfest 2010

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