Googeln Sie doch einmal die Worte “Koffer auf Bahnhof.” Heute, 24.11.2010, bringt der Bot 347.000 Ergebnisse in 0,14 Sekunden.
Vornean steht die Geschichte vom blauen Koffer, den ein polnischer Müllsammler zum späteren Abholen am Dienstagmorgen auf der Plattfom 13/14 des Düsseldorfer Hauptbahnhofs abgestellt hatte, weil er noch mal los ging und weiteren Sperrmüll sammeln wollte.
Der fleißige Sammler war sich keiner Schuld bewusst, auch nicht, dass er die 177 Züge zum Warten brachte und einen Schaden in angeblich fünfstelliger Höhe verursachte, weil ein Fahrgast den herrenlosen Koffer gesehen hatte und die Polizei wegen Terrorgefahr den Bahnhof räumte. Der arme Pole soll nun den Schaden ersetzen.
Ähnliches wird auf der ersten Seite bei Google vermeldet wegen eines einsamen Koffers auf dem Bahnsteig in Fulda am 31.10.2010. Am 19.11.2010 wurde nach Sperrung der Bahnstrecke Harburg ein Koffer gesprengt, war aber nur voller Reiseutensilien. Am 17.8.2010 erwischte es den Eisenacher Bahnhof. Am 9.9.2010 traf es den Bahnhof Göppingen, am 28.9.2010 den Fernbahnhof am Flughafen Frankfurt a.M. Am 19.7.2010 war der Bahnof in Cochem dran. Am 23.8. war es ein japanischer Tourist, der seinen Koffer angekettet am Hamburger Hauptbahnhof stehen ließ, um noch mal – ohne den schweren Koffer – die Stadt zu besichtigen, bevor sein Zug kam. Ein herrenloser harmloser Plastiksack legte den Hannoveraner Hauptbahnhof lahm. In Köthen (Sachsen-Anhalt ) war es ein leeres Behältnis.
Ein letztes Beispiel: Ein herrenloser Koffer hat am Montagabend die U-Bahnlinien U7 und U8 in Neukölln und Kreuzberg lahmgelegt und für ein Verkehrschaos gesorgt. Der Koffer war von einem Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe auf einem Bahnsteig im Bahnhof Hermannplatz entdeckt worden, wie die Polizei heute mitteilte. Daraufhin wurden der Bahnhof geräumt und seine Umgebung abgesperrt. Betroffen waren auch mehrere Buslinien und der Autoverkehr an diesem Knotenpunkt. Die Linie U7 fuhr anderthalb Stunden lang nicht zwischen Möckernbrücke und Grenzallee, die U8 zwischen Boddinstraße und Kottbusser Tor. Später stellte sich heraus, dass der Koffer leer war.
Wer glaubt den Warnungen noch bei so viel falschem Alarm?
Ist das nun wirklich angesichts der öffentlichen Terrorwarnungen noch normal oder Hysterie? Welcher Terrorist ist denn so dumm und nutzt noch den alten Koffertrick? Was, wenn er ein Fahrrad ankettet, in dessen Rohrrahmen Sprengstoff steckt? Oder wenn er den Koffer bei der Gepäckaufbewahrung abgibt? Wer glaubt überhaupt noch unseren Sicherheitswächtern, die seit eh und je vor Gefahren warnen, die sich dann nicht als stichhaltig herausstellen! Auch wenn da Zweifel angebracht sind, den Reisenden wird Stress gemacht.
Schließlich handle es sich für die Polizei bei der Terrorgefahr ja auch um die “größte Herausforderung der Nachkriegsgeschichte”, wie der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, öffentlich erklärte. Er rechnet im Advent mit realen Gefährdungen: “Solange die Weihnachtsmärkte laufen, müssen wir jederzeit mit Anschlägen rechnen.” Und Polizeichef Matthias Seeger, sieht die Terror-Gefahr ernster als je zuvor: “Auf einer Skala von eins – keine Gefahr – bis zehn – akute Anschlagsgefahr – liegen wir im Moment bei 9,0″, so der oberste deutsche Polizist. Da all diese Funde von vergessenen und achtlos abgestellten Behältnissen ebenso ungefährlich waren wie der in Namibia gefundene verdächtige Koffer, der nach Deutschland geschickt werden sollte – es handelte sich ja um einen sogenannten Realtestkoffer eines US-amerikanischen Herstellers, mit dem üblicherweise Sicherheitskontrollen getestet werden- fragt sich die Wienerzeitung, wie viel Realität hinter all den Warnungen steckt. Sie weist darauf hin, dass wenigstens ein Anschlag am Freitag in Deutschland wirklich stattfand: auf Berlins größte Moschee. Die Spuren am Brandort lassen auf eine vorsätzliche Tat schließen. Der Brand beschädigte die Fassade, verletzt wurde niemand.
Alarm zu schlagen ohne in irgendeiner Weise plausibel zu machen, dass wirklich Gefahren drohen, ist gefährlich. Der Warneffekt geht verloren, wenn der Alarmist immer nur verlangt, dass man seinen Worten einfach glauben soll. Unsere Schutzwächter einschließlich des Polizeiministers Thomas de Maizière erklären in nicht nachvollziehbarer Weise, dass man den Terroristen in die Hände spiele, wenn man irgend etwas über die Glaubhaftigkeit der Informationsquellen veröffentliche. Haben wir denn wirklich Grund zu glauben, dass er nicht zu einem falschen Spiel in der Lage wäre?
Wie so viel falscher Alarm gefährlich werden kann, wenn wirklich mal was passiert, beschreibt Äsop in einer seiner ältesten Fabeln, die das Muster war für eine Vielzahl solcher lehrreichen Erzählungen in der Literaturgeschichte:
Ein Hirte machte sich wiederholt einen Spaß daraus, um Hilfe vor dem Wolf zu rufen und lacht die herbeieilenden Bauern aus. Als dann der Wolf wirklich kommt, glaubt keiner mehr seinen Hilferufen, und er verliert seine Schafe.
Photo: viernullvier, via flickr
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