Buchauszug exklusiv: Terrorland – Die ungeschützte Republik

Uranhexafluorid könnte eines Tages Deutschland vor massive Probleme stellen, weil die Transporte angreifbar sind. Im November 2009 stellten Renate Künast und Jürgen Trittin im Bundestag einen Fragenkatalog vor, der sich mit der Sicherheit der UF6-Transporte befasste. Darin heißt es: „Sieht die Bundesregierung ein Sicherheitsproblem durch abgereichertes UF6, welches grundsätzlich als

terrorland.jpgUranhexafluorid könnte eines Tages Deutschland vor massive Probleme stellen, weil die Transporte angreifbar sind. Im November 2009 stellten Renate Künast und Jürgen Trittin im Bundestag einen Fragenkatalog vor, der sich mit der Sicherheit der UF6-Transporte befasste. Darin heißt es:

„Sieht die Bundesregierung ein Sicherheitsproblem durch abgereichertes UF6, welches grundsätzlich als Material für eine so genannte Schmutzige Bombe und für Geschosse (aus abgereichertem UF6 kann Uranmetall gewonnen werden, welches als besonders durchschlagkräftig gilt) verwendet werden kann?i

Die Zusammensetzung der Betreiberfirmen erweist sich als kompliziertes Konstrukt, wie die Drucksache 17/96 des Deutschen Bundestags belegt. Danach reichert die Urenco Deutschland GmbH im nordrhein-westfälischen Gronau Uran für Kernbrennstäbe für Atomkraftwerke an. Sucht man im Internet nach der Adresse des Unternehmens, gelangt man über die Internetseite der Firma zunächst zu einer Postfachangabe. Allerdings ist die Anlage damit kaum vor dem Zugriff neugieriger Blicke geschützt: Über Google Earth lassen sich sowohl die exakte Lage, als auch die Umgebung der Facility eruieren.

Aus virtuellen 500 Metern Höhe sind auf diese Weise wichtige Details erkennbar. Rund 1,03 Kilometer beträgt beispielsweise die Diagonale vom Eingangsbereich der Urenco bis zum nördlichsten Punkt der Anlage, gut befahrbare Wege säumen das Gelände von allen Seiten – die Straßen liegen außerhalb der Anlage und somit jenseits von ernstzunehmenden Kontrollen. Wo Gebäude stehen, und an welcher Stelle sich das begehrte nukleare Material befinden könnte, lässt sich anhand der digitalen Bilder ebenfalls konstruieren.

Während sich die Diskussion in Politik und Medien im Jahr 2010 auf belanglose Details wie „Google Street View“ konzentrierte und Häuslebauer darüber sinnierten, ob ihr Eigenheim global zur Schau getragen werden dürfe, können operative Terrorzellen aus der ganzen Welt Deutschland in aller Ruhe ausspionieren – am Laptop oder am PC. Noch vor zwanzig Jahren galten hochauflösende Satellitendaten als Privileg, das Geologen, Geheimdiensten oder dem Militär vorbehalten war – heute liefert das Internet die wertvollen Bits und Bites zum Nulltarif jedem, der sie anfordert. Aus welchen Gründen auch immer.

Gewiss, wer Anlagen wie in Gronau in einer Kommandoaktion angreifen möchte, findet die Details vor Ort. Dennoch ignorieren Politik und Wirtschaft die Tatsache, dass mit Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Millenniums Dienste wie Google Earth zum Alltag gehören. Die Frage muss daher nicht lauten, warum Anlagen ungepixelt auffindbar sind – denn auch die Abschaffung des Internet würde niemand ernsthaft in Erwägung ziehen. Die Kernfrage, um die es geht, ist eine andere:

Weswegen ignorieren die Betreiber von exponierten Einrichtungen die Digitalisierung unserer Welt?

Und warum setzen sie auf Sicherheitsmaßnahmen, die in den 1980ern ihre Berechtigung hatten, heute jedoch nur noch begrenzt funktionieren können?

Glaubt man den kristallklaren Aufnahmen der Satelliten, deren Bilder im Internet erkennbar sind, fehlen in Gronau ernstzunehmende Bewachungsposten. Schwer Bewaffnete staatliche Einheiten zum Schutz vor terroristischen Kommandos? Sichtschutz gegen Einblicke von oben? Hubschrauber-Sperren, wie sie einige deutsche Justizvollzugsanstalten zum Schutz von Kinderschändern -oder Mördern gegen Anschlagsversuche aus der Luft einführten? Wunschdenken. Wer möchte, kann Anschläge auf Anlagen wie in Gronau am Reißbrett entwerfen, um sie anschließend mit der nötigen Manpower und Bewaffnung auszuführen.

Dabei geht es nicht um den eigentlichen Erfolg einer terroristischen Kommandoaktion allein. Schon der Versuch hätte weitreichende Folgen für die deutsche Wirtschaft, wie das Beispiel Urenco ebenfalls demonstriert. Denn die Urenco-Gruppe ist eine Gesellschaft britischen Rechts mit Hauptsitz in den Niederlanden. Ein Drittel gehört der britischen Regierung, weitere 33,3 Prozent sind Eigentum der Niederlande – das letzte Drittel aber teilen sich die deutschen Konzerne RWE und E.ON. Jeder Anschlag hätte somit direkte Auswirkungen auf die Energieversorger der Bundesrepublik. Als ob das allein nicht reichte, lassen sich via Internet die Folgen eines Attentats sogar verstärken. Denn im frei zugänglichen Bundestags-Dokument ist nachzulesen, dass der Hauptgeschäftsbereich des Unternehmens die URENCO Enrichment Company Limited (UEC) ist, und: „Sie betreibt die Anreicherung nach dem Zentrifugenverfahren in Europa in Anlagen in Großbritannien (Capenhurst), den Niederlanden (Almelo) und Deutschland (Gronau)“. Simultan geführte Anschläge würden somit nicht nur Deutschland, sondern die gesamte EU schlagartig in ein wirtschaftliches Desaster führen.

iDrucksache 17/96 des Deutschen BundestagsDas Buch:
Terrorland – Die ungeschützte Republik
Books on Demand
ISBN 978-3-8391-9014-2
Paperback, 112 Seiten
Euro 13,50

Kommentare

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  1. Und da wird die Bevölkerung heiß gemacht durch die Jagd nach verdächtigen Koffern!
    Es werden ja auch die Uraltreaktoren in Gang gehalten, die gegen keinen Luftangriff gescchützt sind.