Wir sind mitten in der Krise. Ist die letzte angeblich vorbei, rutschen wir in Wirklichkeit schon wieder munter in die nächste hinein. Die ganze Wahrheit über die Ursachen der Finanzmarktkrise wird von Herrschenden weder Tacheles redend benannt, noch sind von ihnen wirksame Maßnahmen ergriffen worden, um die daran Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Auch fehlen bislang wirklich griffige Regelungen, um künftige Krisen verhindern zu können. Die Zockerei geht weiter als wäre nichts geschehen.
Ironischerweise werden sogar in der jetzigen Krise von der Politik ähnliche Fehler wiederholt, wie sie bereits in der Weltwirtschaftkrise von 1929 gemacht worden waren (eine interessante Gegenüberstellung 1929-2010 auf Youtube).
Hat Angst vorm Absturz: Die Mittelschicht
Dass indes etwas sehr Einschneidendes – das (noch) unabsehbare schwerwiegende Folge zeitigen könnte – geschehen ist, wird jedoch sehr wohl bemerkt. Kaum jedoch von den Herrschenden, die sich vom Geld regieren lassen. In Deutschland bekommt das vorwiegend inzwischen die Mittelschicht zu spüren, bzw. wird dessen mit “Haltet-den-Dieb-Geschrei!” gewahr. Gingen die Zukunftsträume der sich dazu zählenden Menschen in früheren BRD-Zeiten bekanntlich noch meist reibungslos in Erfüllung, werden diese inzwischen immer öfters von bösen Ahnungen und Alpträumen abgelöst: Die Mittelschicht hat (berechtigte und begründete) Angst vorm sozialen Absturz.
Sarrazins Gift
Dass nun inmitten dieser trüben und wenig stabilen Zeiten das streckenweise wirklich schwachsinnige Thesen enthaltende Buch “Deutschland schafft sich ab” des ehemaligen Berliner Finanzsenators und Ex-Bundesbankvorstandsmitglieds Thilo Sarrazin auf den Markt kam, ist scharf betrachtet ein großes Unglück. Nicht nur für unser Land und unserer Gesellschaft gesehen, sondern vorallem für die Stabilität unserer Demokratie. Erschreckend, konstatieren zu müssen, dass in diversen Umfragen zu Sarrazins “Sach”-Buch 65 bis 86 Prozent der Befragten die Thesen des gewesenen Bundesbankers gut und richtig finden. Dabei könnte, wer wollte, anhand eines von der Partei DIE LINKE herausgegebenen Faktenchecks “Linke Argumente gegen rechte Hetze” (Die kleine Broschüre ist ein Zeichen dafür, dass Parteiengelder auch vernünftig verwendet werden können) leicht erfahren, wie wenig haltbar die Sarrazinschen Thesen im Vergleich zur Wirklichkeit sind. Längst haben sich auch Wissenschaftler, deren Forschungsergebnisse “Hobbygenetiker” Sarrazin aus dem Zusammenhang gerissen und für seinen roten Wälzer passend gemacht hatte, von dessen Thesen distanziert und gegen ihre Vereinnahmung verwahrt. Nichtsdestotrotz: Sarrazins Gift wirkt weiter. Wo wir wieder beim Unglück wären. Lesen Sie einmal die Studie “Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010″ der Friedrich-Ebert-Stiftung. (Und geben Sie sie möglichst auch anderen Mitmenschen zu lesen). Es läuft einem bei der Lektüre allerdings eiskalt den Rücken herunter: Der Studie nach wird nämlich nicht nur die Demokratie in Deutschland von immer mehr Menschen immer weniger bzw. nicht mehr geschätzt, sondern auch der Antisemitismus bekommt hierzulande wieder besorgniserregenden Zulauf. Denn er findet in breiten Bevölkerungskreisen – bis hineine in die Mitte - erschreckend viel Zustimmung.
Rechtsextreme Gesinnungen “eklatant gefährlich”
Noch erschreckender fand Frau Prof. Dr. Ingrid Haller aus Frankfurt am Main am vergangenen Dienstag während eines leider nur sehr spärlich (offenbar wegen – in Zeiten von E-Mail und Internet eigentlich unverständlich – ungenügender Werbung für die interessante Veranstaltung) besuchten Referats mit anschließender Diskussion im Ver.di-Haus Dortmund, dass sich laut besagter Studie so mancher in der BRD sogar wieder einen Führer vorstellen kann. Professor Haller bezeichnete diese sich da abzeichnende negative Entwicklung in unserer Gesellschaft als “eklatant gefährlich”. Besonders aufschrecken, so Ingrid Haller dürften darob nun vorallem jene, welche bislang immer stets geglaubt hatten: “Einmal Demokratie – immer Demokratie”. Wieder einmal beweist dies: Die Demokratie ist ein zartes Pflänzchen, das ständiger Hege und Pflege bedarf.
(Das Referat von Prof. Dr. Ingrid Haller fand im Rahmen der Reihe “NachDenkTreff” statt. Dieser ist eine Einladung, viele Dinge anders zu sehen. Eine Ähnlichkeit mit den NachDenkSeiten ist dabei nicht zufällig, sondern beabsichtigt)
Zum Thema passt der auf der Einladung zum Referat zitierte Satz von Theodor W. Adorno “Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.”
Islamophobie und Stimmungsmache gegen Migranten als Integrationsdebatte getarnt
Wenn inmitten der Krise - da auch an deutschen Stammtischen nach Schuldigen dafür gesucht wird – ein Thilo Sarrazin mit seinem inzwischen bedauerlicherweise zum Bestseller gewordenen Buch “Deutschland schafft sich ab” daherkommt und zusammengefasst in etwa die These vertritt, dass zugewanderte Muslime integrationsunwillig, dumm und viel zu fortpflanzungsfreudig seien und diesen Unsinn dann auch noch als Integrationsdebatte tarnt, so ist das in Wirklichkeit doch nichts anderes als das Schüren von Islamophobie und Stimmungsmache gegen Migranten. So jedenfalls sieht es Frau Professor Haller. Ob die Sarrazin-Thesen aber nun stimmten oder nicht, darum gehe es letztlich auch gar nicht. Vielmehr, zeigt sich Haller überzeugt, geht es um Emotionen und den scheinbar unerschütterlichen Glauben an den Stammtischen, über den Islam Bescheid zu wissen oder die Überzeugung, dass die islamische Minderheit in Deutschland eines der größten Probleme für die Bundesrepublik darstellt.
Dazu passt: Heute nun stellte unsere umtriebige, junge, dynamische und nicht selten vor Kameras und Mikrofonen ziemlichen Unsinn herunterschnurrende Bundesfamilienministerin Kristina Schröder eine Studie vor, die laut einer Nachrichtenmeldung auf Funkhaus Europa beweisen soll (was aus einer anderen Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer so explizit nicht herausgelesen werden konnte; wie es Frau Schröder wohl brauchte), dass es unter Muslimen eine erhöhte Gewaltbereitschaft gebe, die auch “kulturelle Wurzeln” habe.
Auch etwas anderes sollte man sich langsam auf der geistigen Zunge zergehen lassen: Kürzlich wurde vermeldet, Liz Mohn sei “Die Goldene Victoria” für Integration verliehen worden. Die Verlegerin: “Wir müssen verstehen, die Menschen mitzunehmen und zu vermischen. Es gibt wenige Dinge, die so bedeutsam sind, wie Integration. Dieser Preis ist für mich ein grosser Ansporn. Er bedeutet mir sehr viel.” Mohn betonte: “Jeder von uns ist gefragt, ob eine Gesellschaft von Toleranz oder von Intoleranz geprägt ist, hängt von unserem Handeln ab.” Wie diese hehren Worte der Frau Mohn ausgerechnet mit dem Integrationspreis des Verbandes Deutscher Zeitungsverleger (VDZ) passgerecht gemacht werden können, bleibt das Rätsel der Preisverleiher. Schließlich hat Liz Mohn gerade mit dem “Antiintegrationsbuch Sarrazins” (Wolfgang Lieb) aus der zu ihrem Bertelsmann-Konzern gehörenden DVA-Verlag Millionen Euro gescheffelt. Hetze gegen Türken und Araber, oder in Richtung von Migranten, die am laufenden Band “kleine Kopftuchmädchen” produzieren und “Hobbygenforscher” Sarrazin zufolge auch noch weniger Grips in der orientalischen Birne haben, kann – wie wir sehen – also auf der einen Seite reichlich Geld und auf der anderen Seite obendrein auch noch einen Integrationspreis einbringen! Welch Heuchelei. Verkehrte Welt…
Diskriminierung statt Integration
Prof. Dr. Ingrid Haller ging in ihrem Referat 1950er Jahre (zu dieser Zeit waren die ersten Anwerbeverträge mit Ländern abgeschlossen worden, um der deutschen Wirtschaft nach der Nachkriegszeit Arbeitskräfte zuzuführen) und bis in die 1970er Jahre, da “Aussiedler” in die BRD kamen, bzw. später die in ihren Ländern politisch Verfolgten, die um Asyl bei uns nachsuchten. Haller stellte fest: Allen Gruppen gemeinsam sind Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Die Mehrheitsgesellschaft habe lange “Integrationspolitiken” verweigert. Leider, bedauerte Ingrid Haller, wenn der Begriff “Integration” überhaupt eine Rolle gespielt habe, dann waren meist Assimilationskonzepte gemeint. Integrationskonzepte, wie sie etwa das “Kühn-Memorandum” (des langjährigen NRW-Ministerpräsidenten Heinz Kühn), wiederspiegelten, seien weitgehend ignoriert worden.
Ingrid Haller, die u. a. am Lehrstuhl für Migrationssoziologie und interkulturelle Kommunikation der Uni Kassel und im Hessischen Kultusministerium zu Zeiten von Hildegard Hamm-Brücher - wo sie die legendäre Rahmenrichtlinien-Revision verantwortete – arbeitete, kann auf jede Menge Erfahrung in Sachen Integration zurückgreifen. Sie verwies darauf, dass sowohl das Beherrschen der Mutter – wie die Sprache des Einwanderungslandes zur Integration gehöre. Und sie ist sich sicher: Wäre Deutschland vor vierzig Jahren dem Beispiel anderer Nachbarländer gefolgt und hätte sie gegenüber den “Gast”arbeitern das Erlernen der deutschen Sprache zur Pflicht gemacht, die Ausländer “hätten das angenommen”. Und die Arbeitgeber hätten die Kurse sicherlich bezahlt. Schließlich waren sie auf die Arbeitskräfte angewiesen. Haller selbst betreute damals selbst Gastarbeiter. Und bei einem regelmäßigen jour fix stellte sie fest, dass deren Deutsch von Mal zu Mal besser wurde. Hauptsächlich durch die Gespräche mit ihr. Fazit: Die Menschen brauchen stets Sprachvorbilder. Anderswo sprach man mit den Gastarbeitern nicht, oder nur über das (für die Arbeit) Nötigste.
Partizipationsrechte gewähren
Ingrid Haller plädiert heute dafür, den Migranten Schritt für Schritt mehr (auch politische) Partizipationsrechte zu gewähren. Ansonsten könnten wir auch nicht von “ausländischen Mitbürgern” sprechen. Mitbürger hätte nämlich nicht nur Pflichten (z. B. Steuern zu zahlen), sondern auch die Möglichkeit die Gesellschaft mitzugestalten. Eine Alternative dazu sieht Haller nicht. Und sie bleibt darin Optimistin: Die Gleichberechtigung der Frau habe sich ja auch (klar: es gibt noch immer Defizite) letztlich (nach hundert Jahren) durchgesetzt. Von einer wie auch immer gearteten “Leitkultur” hält Dr. Haller nichts. Integration müsse die Menschen dagegen vielmehr mit dem Grundgesetz, der Rechtssetzung, der Rechts- und Politischen Kultur unseres Landes bekannt machen und so deren normative Sozialisation befördern.
Professor Dr. Ingrid Haller hat längst die Erfahrung gemacht, dass Migrantenkinder nicht dümmer oder weniger intelligent als deutsche Kinder sind. Und bei entsprechender Förderung und einem verbesserten Bildungssystem haben sie die gleichen Chancen. Die allermeisten Probleme sind ohnehin sozialer Natur und nicht auf Migranten zu beziehen. Was aber immer wieder gern versucht bzw. vergessen wird. Haller betreute über Jahre eine bilinguale Schulklasse. Alle Kinder erreichten einen guten Abschluss. Ingrid Haller musste schon vor Jahrzehnten erfahren, dass in Abwandlung des berühmten Gorbatschow-Satzes, diejenigen von den Ahnungslosen bestraft werden, die zu früh kommen. Die Ahnungslosen sorgten so bis wenigstens ins Jahr 2000 hinein,dass versäumt wurde zur Kenntnis zu nehmen: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Selbst Helmut Schmidt versagte diesbezüglich kläglich. Deshalb fehlten und fehlen halt teilweise bis heute die Bedingungen für Integration. Dass Bundespräsident Wulff kürzlich betonte, der Islam gehöre zu Europa wie auch zu Deutschland, kann Dr. Ingrid Haller unterschreiben. Schamlos findet sie jedoch, dass sich hierzulande desöfteren so laut tönend auf die jüdisch-christlichen Wurzeln der Deutschen berufen wird. Um das zu verstehen, müsse man nur die jüngere Geschichte befragen. Schon deshalb dürften wir, so Haller, die in der Krise entstehenden Ängste nicht übersehen. Vorallem aber sollte es sich verbieten, sie auch noch tüchtig zu schüren, wie Sarrazin und andere taten und weiter tun.
Hier sei ein Gedanke von Albrecht Müller von den NachDenkSeiten eingeflochten: Müller erinnerte sich vor ein paar Tagen an die Politik von Willy Brandt und fand, von ihm könne man auch im Umgang mit Migranten – im Besonderen mit Muslimen – etwas lernen (“Entspannung statt Eskalation wäre auch heute angesagt”)
Ein Jammer, dass so fachkundige Experten in puncto Integration und Migration so selten öffentlich zu Wort kommen. Der Dortmunder NachDenkAbend mit Frau Prof. Dr. Ingrid Haller war für die zwar leider sehr kleiner Schar der erschienenen Hörerinnen und Hörer ein sehr erhellender.
Ingrid Haller engagiert sich heute u. a. beim “Grünen Halbmond”, einer in etwa mit der Caritas vergleichbaren Organisation, welche sich muslimischen Menschen zuwendet und mit Rat und Tat zur Seite steht. Betreffs der in Sachen Integration noch zu machenden Hausaufgaben – hauptsächlich, was die so notwendige Verbesserung des Bildungssystems anlangt – sieht Professor Haller unser Land gar nicht gut aufgestellt. In den nächsten Jahren, behielte sie recht, dürften demnach noch gravierende Probleme auf uns zu kommen. Probleme, auf die die Politik offenbar in keiner Weise vorbereitet ist…
Photo/Quelle: Gerd Altmann via Pixelio.de
Ein sehr wertvoller Beitrag zum wahren Stand der Demokratie und der Achtung der Mitmenschen in unserer Gesellschaft! Der Hinweis von Frau Haller, dass es nicht weiter “ausländische Mitbürger” heißen darf, ist treffend. Die darin steckende Ausländerfeindlichkeit ist so allgemein, dass keinem auffällt, wie vequer eine solche Rede ist! Adorno hat Recht. Nicht die alten Nazis im neuen Gewand sind gefährlich. Es sind die scheindemokratischen Durschschnittsbürger, die sich nach neuer Führung sehnen und alles ihnen Fremde missachten. Sarrazin hat die Menschen nicht dazu gebracht, er hat es nur aufgezeigt, wie viele wirklich denken und fühlen wie er.