(17) Hättiwaris
Der Hättiwari möchte allen gern erklären, warum er es doch nicht ganz geschafft hat. Dabei war es doch klar, er hätte den Sieg (die Karriere, das Geld, die Auszeichnung) verdient, wären da nicht böse Kräfte im Spiel oder die Hinterfotzigkeit der Rivalen oder einfach das Glück, von dem die anderen so reichlich bekommen und das dem Hättiwari nicht gutgesinnt ist.
(18) Einikräuler
Die Einikräuler werden im Volksmund auch Arschkriecher genannt. Sie kultivieren und pflegen ihre besondere Fähigkeit: nach dem Mund reden. Die gelernten Säusler schmieren dabei ihren Gesprächspartnern (vorzugsweise prominente Einflussreiche) Honig ums Maul und erwarten sich dabei, die so ersehnte, wohlwollende Beachtung ihrer Interessen. Dabei schrecken die Speichellecker auch nicht zurück, zu dem blödesten Gesudere ihr Süßholzgeraspel abzusondern. Besonders tüchtige Schleimer begleiten dies mit breitem Grinsen, um das Gegenüber in Sicherheit zu wiegen. Heuchler
(19) Machtler
Der Machtler ist stolzer Besitzer des Herrschergens. Das verlangt Unterwürfigkeit und bedingungslose Demutsbezeugungen von seinen jeweiligen Vis-á-vis, also von seinen Untergebenen. Diese eingeforderten Ehrfurchtsbeweise dienen natürlich ausschließlich dem Wohle der (manchmal widerspenstigen) Ohnmächtigen. Eventuell erforderliche Strafen und Schikanierungsübungen sind wohldurchdachte Erziehungsrituale, damit sich die Orientierungslosen nicht in der Komplexität der weiten Welt verirren.
(20) Applaussüchtler
Der Applaussüchtler ist dem Geklatsche seiner Umgebung verfallen. Er (sie) braucht die Gunst der Klatscher zum Überleben und muss immer und überall gefallen. Ihre Überlebensnahrung ist das bedingungslose bejubelt, bestaunt und bewundert werden. Fällt kurzzeitig der Jubel aus, verfällt der Jubelverlierer in tiefem Seelenschmerz, der oftmals zwischenzeitlich mit Hochprozentigem gemildert werden muss. Längerfristige Bewunderungsstörungen sind schwer heilbar und enden nicht selten tragisch.
(21) Näsler
Der nasale Klang des Näsler unterscheidet sich vom nasalen Klang eines krankhaft veränderten Stimmklangs durch den Niveauunterschied. Der Näsler spricht von oben nach unten. Damit betont er seinen Bildungsstatus. Er unterstreicht damit seine Wichtigkeit und distanziert sich unüberhörbar vom Unvornehmen, meistens dem Angesprochenen.
(22) Dickfeller
Der Dickfeller ist für seine Gutmütigkeit bekannt. Beliebtes Motto: ist mir wurscht. Dickfeller haben in der Regel viel Geduld und lassen vieles über sich ergehen. Wenig bringt sie aus der Fassung. Sie begegnen Berufsnörglern mit Gelassenheit. Oft haben sie bereits so viel auf die Schnauze bekommen, sodass sich ein dickes Schutzfell als brauchbare Abwehrmaßnahme bewährt hat. Denn ein dickes Fell ist ein wahrer Segen, um sich manchem Zeitgeistwahnsinn erfolgreich zu verweigern. Aber Vorsicht: unter dem dicken Fell der Dickfeller verbirgt sich häufig eine dünne Haut.
(23) Prahlsusis
Die Prahlsusi bzw. der Prahlhans sind begnadete Blender mit großem Maul. Ihr größter Wunsch: sie möchten gerne wichtig sein. Daher bedienen sie sich des Aufschneiders 1×1: egal worum es geht, sie haben oder kennen die besseren Möglichkeiten. Auch wenn es sich um Luftschlösser handelt, schlagen sie so viel geschwätzigen Schaum, dass den zwangsbeglückten Kleinmäulern die herausgeforderten erforderlichen Erwiderungen im Hals stecken bleiben.
(24) Nerver
Die Nerver drangsalieren ihre Zeitgenossen mit Inhalt suchendem Geschwätz. Das Problem dabei: sie finden ihn nicht, den Inhalt. Das langweilt selbst das mit großer Gelassenheit gesegnete Gesprächsopfer und ist eine übermenschliche Herausforderung für eine durchschnittliche Begabung in Sachen Aufmerksamkeit. Auch beim besten Willen ist oft schwer erkennbar, worum es dem Nerver geht. Entweder es ist immer das gleiche Gesudere oder ein endlos zusammenhangloses Gequatsche ohne Komma und Punkt.
(25) Ablehner
Ablehner sind im Normalfall dagegen. Sie suchen immer Gründe, warum etwas nicht funktionieren kann. Und dann auch nicht so sein soll. Es gelingt ihnen oft mit schlagfertigen verbalen Einwänden ihre Kontrahenten – die Befürworter – auf den zweiten Platz zu verweisen. Für Ablehner haben Emotionen wenig Wert. Sie scheuen Abhängigkeiten von anderen, verlassen sich auf die eigenen Fähigkeiten und sind für engagierte Nichtablehner nicht zu unterschätzende Profiverhinderer.
(26) Bauchtriebler
Bauchtriebler leben spontan ihren Naturtrieb. Es sind angeborene Verhaltensweisen, die ohne reflektierte Kontrolle ablaufen. Mit kognitiven Prozessen – Nachdenken, Analysieren, Rechnen, Planen, Problemlösen – können sie wenig anfangen. Ein logisches Argument ist in der Regel chancenlos. Es ist ein organisierter Mechanismus im Nervensystem, der auf bestimmte Impulse anspricht und sie reagieren lässt. Beispielsweise durch Flucht oder Angriff. Dabei werden sie von einem sicheren Gefühl begleitet. Entweder – Oder. Dieses Verhalten ist bei unterschiedlichen Gattungen zu beobachten, vor allem bei Menschenaffen – vereinfacht gesagt: bei Mensch und Tier.
(27) Streithansler
Der Streithansler ist streitsüchtig und meckert, nörgelt und stänkert bei jeder unpassenden Gelegenheit. Er (sie) sind perfekte Seelenmisshandler. Ihre schlechte Laune und ihr aggressives Verhalten liegen möglicherweise in den Genen. Es gibt begründete Hinweise über einen Zusammenhang zwischen bestimmten Genvarianten und den Charakterzügen Aggressivität und Feindseligkeit.
(28) Erdversinker
Die Erdversinker sind schüchterne Menschen, zaghaft und vorsichtig. Sie kommen sich vor wie auf einer Bühne und empfinden ihre Mitmenschen als Publikum, das sie fortwährend kritisch beobachtet. Die ständige Sorge abschätzig behandelt, abgelehnt oder falsch verstanden zu werden, ist ein ständiger Begleiter. Dann kann es schon vorkommen, dass der Abwehrkampf aus der Sicht der Falschverstandenen nicht perfekt gelingt und das Gefühl tonnenschwerer Peinlichkeit den Abgelehnten lähmt. Da möchten sie dann gerne in der Erde versinken.
Diesen Schüchternen fällt es auch schwer, soziale Kontakte mit anderen Mitmenschen zu knüpfen. Es ist übertriebener Respekt (den viele Hochmütige gnadenlos untertreiben) der die Schüchternheitsprofis zu Minderwertigkeitskomplexanwärter macht.
(29) Selbstunterwerfer
Der Selbstunterwerfer hat die Achtung vor sich selbst aufgegeben. Es fehlt ihm an Stolz, Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen. Er (sie) ist der Gegenpol von an Eitelkeit und übersteigertem Selbstwertgefühl strotzenden Gockeln (und Gockelinen) und übt sich in masochistisch übertriebener Demütigkeit. Festigkeit, Souveränität und Unbeugsamkeit sind Eigenschaften, denen er hilflos gegenübersteht.
(30) Allesgeber
Allesgeber fragen nicht nach dem ROI*, wenn sie ihr letztes Hemd für andere ausziehen. Sie helfen mit allem was sie haben. Sie dehnen ihre Sehnen, machen sich die Hände dreckig, geben ihr Geld und grübeln und überlegen, wie sie anderen in deren Not beistehen können. Die Frage „Wo bekomme ich meinen Einsatz zurück?“ kommt den Supergebern niemals in den Sinn, außer vielleicht im Supermarkt, wenn es um Getränkeflaschen geht. Und da auch nur um den Einsatz an die Bittsteller vor den Eingängen weiterzugeben. Diese Megaaltruisten sind die wenig bedankten Retter auf unserer Erde. Grenzenlos selbstlos. Sie machen manches gut, was viele Charakterlooser hinterlassen. Dass es sie gibt, dafür dürfen sich die Erdenbürger glücklich schätzen – würde doch die Welt weit düsterer erscheinen, als sie ist.
(* Return On Investment = Anlagenrendite, Ergebnis/Erfolg einer Investition)
„Wie viel Verrücktheit geht noch?“, ISBN 978-3-8391-8456-1
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