Der Gründer der Netzeitung ist tot: Knut I. Skeid hat bei der Veränderung der deutschen Zeitungs-Kultur eine erhebliche Rolle gespielt.
Als ich Knut Skeid im Frühjahr 2000 in Hamburg zum ersten Mal traf, kam er sieben Stunden zu spät. Sein Anschlußflug von Kopenhagen war gestrichen worden. Also mietete er kurzerhand ein Auto. Ein wenig hatte er dabei die Entfernung unterschätzt.
Bezeichnend ist die Episode allemal: Knut Skeid war der klassische Wikinger. Polyglott, tatkräftig, entschlossen, auf Eroberungen aus. Trinkfest sowieso. Vor allem aber: Ein Mensch, für den Freundschaft keine Phrase war, die man solange verwendet, wie man einen anderen brauchen kann. Er haßte Eitelkeit. Oberflächlichkeit ging ihm – mitunter verstörend sichtbar – auf die Nerven.
Auch die der Journalisten. Nicht, dass er nicht selbst auch eitel gewesen wäre. Aber er fiel nicht auf seine eigene Eitelkeit herein. Er erkannte, dass die Zeit, in der wir leben, eine der interessantesten für Journalisten ist. Voller neuer Möglichkeiten, gerade wegen der vielen Gefahren. Solch eine Großwetterlage lieben die Wikinger.
Knut Skeid vereinte extreme Widersprüche erfolgreich in sich: Er arbeitete als Journalist in Oslo zuerst für ein kommunistisches Kampfblatt und dann für eine Wirtschaftszeitung. Bei keinem mußte er sich verbiegen.
Die Gründungen von Nettavisen in Norwegen und der Netzeitung in Deutschland waren wohl nur deshalb möglich, weil er so dialektisch dachte: Weltverbessernd wie ein Journalist, kalkulierend wie ein Kaufmann. Enorme Bildung und scharfer Verstand machten ihn zu einem wunderbaren Gesprächspartner. Für Business Pläne hatte er wenig übrig. Das erklärt gleichermaßen seine Erfolge und sein Scheitern.
Sehr früh prognostizierte er die dramatischen Umbrüche, die das Zeitungsgeschäft erleben sollte. Allerdings nicht theoretisch, sondern praktisch: Nettavisen ist in Norwegen noch immer eines der führenden Online-Nachrichtenmedien. Die Netzeitung gibt es als journalistisches Medium zwar nicht mehr. Aber ihr Spirit wurde von vielen Verlagen beobachtet, und von nicht wenigen am Ende auch übernommen.
Die Gründung der Netzeitung gelang, weil er in der letzten Sekunde erkannte, dass der Wind drehen würde: Im Herbst 2000 drängte er uns zum Start, wenige Monate später platzte die Blase der New Economy. Der Ansatz war geradlinig: “I am a simple man”, kokettierte Skeid gerne. Also: Journalismus der klassischen Art, möglichst immer die Nase vor den anderen haben. “Aus Prinzip schneller” hieß das Motto der Netzeitung. Und dafür hart arbeiten. Wie in der Wikinger-Galeere. Schlagzahl erhöhen, wenn es die Nachrichtenlage erfordert. Am besten rund um die Uhr, wie nach dem 11. September 2001.
Heute gibt es keine ernstzunehmende Zeitungs-Redaktion mehr in Deutschland, die nicht im 24/7-Rhythmus funktioniert. Keine, die nicht die Interessen der Leser ständig im Blick hat. Keine, die nicht weiß, dass im Anfang zwar das Wort war, in der Gegenwart jedoch auch das Bild und die Videos eine Rolle spielen. Und dass ein- und derselbe Journalist von allem etwas verstehen muß.
Dass diese neue journalistische Kultur auch in Deutschland zum Standard wurde, liegt zum nicht unmaßgeblichen Teil an Knut Skeid und seinem Impuls, die Netzeitung im deutschen Markt zu etablieren.
Er mag die Geschwindigkeit von Revolutionen im Nachrichtengeschäft ebenso unterschätzt haben wie die Entfernung von Kopenhagen nach Hamburg.
Wenn es jedoch existentiell darauf ankam, hatte er einen erschreckend klaren Blick.
Als er im Sommer 2010 die endgültige Diagnose des gefährlichsten Hautkrebs erhalten hatte, analysierte er seine Lage gründlich und sagte, er habe noch bis Weihnachten zu leben. Alles, was darüber hinaus gelänge, wäre ein “Bonus”. Er hat die Zeit bis auf eine Woche genau vorhergesagt. Der Bonus wurde nicht gewährt. Knut I. Skeid ist am 13. Dezember 2010 in Oslo im Alter von 53 Jahren gestorben.
Interessant, die Interna über diesen außergewöhnlichen Menschen zu erfahren. Die Netzeitung stand – anders als die Readers Edition – in direkter Konkurrenz zu den anderen Medien, die Tag für Tag nur Neues verbreiten.
Readers Edition bringt dagegen eine neue Freiheit für Autoren und Kommentatoren, mit der kein anderes Medium aufwartet. Daher hat sie eine große Zukunft,