Der Rattenfänger vom Internet

Julian Assange ist ein gefährlicher Gaukler Zugegeben, ich bin kein Freund von WikiLeaks und ihrem Posterboy Julian. Dies mag auf den ersten Blick verwundern, stehe ich doch selbst oft ein für Transparenz und freie Informationen. Ich bin kein Freund von vielen Geheimnissen, denn sie kommen meist eh ans Tageslicht, und

Blogge.jpgJulian Assange ist ein gefährlicher Gaukler

Zugegeben, ich bin kein Freund von WikiLeaks und ihrem Posterboy Julian. Dies mag auf den ersten Blick verwundern, stehe ich doch selbst oft ein für Transparenz und freie Informationen. Ich bin kein Freund von vielen Geheimnissen, denn sie kommen meist eh ans Tageslicht, und dann nach Murphy’s Law immer zum falschen Zeitpunkt.

Der Punkt ist aber, WikiLeaks und Assange verraten keine Staatsgeheimnisse, sie verraten etwas viel schlimmeres, nämlich ganz persönliche Gedanken. Es ist nicht hilfreich, wenn alle Gedanken, die zu einer Entscheidung führen, veröffentlicht werden. Stellt euch vor, Kinder veröffentlichen jeden Gedankenaustausch der Eltern auf Facebook. Es geht hier nicht um finale Entscheidungen, sondern um Gedanken, Meinungen, ganz persönliche Sichtweisen, Auslotungen und Alternativen, die zu einem Bild oder Verständnis erst führen. Nicht viel anderes stellt WikiLeaks ins Netz mit den Berichten der einzelnen US-Botschaften und Meinungen zu Personen.

In jeder Organisation, sei es ein Staat, ein gemeinnütziger Verein, ein wirtschaftliches Unternehmen oder ein lokaler Fußballverein, führt erst ein offener, aber interner Gedankenaustausch zu einer Entscheidung, in jeder sogenannten “Brain-Storming” Session aber sollte kein Gedanke verboten sein, so abstrus er auch sein mag, denn nur dies führt zu größter Erkenntnis. Werden aber einzelne Splitter oder Fragmente dieses Prozesses publik gemacht, wie es WikiLeaks unter großem medialem TamTam gerne macht, erzeugt dies nicht nur unnötigen Erklärungsbedarf, sondern wirft ein falsches Bild auf die finale Entscheidung und Entscheidungsteilnehmer, und lenkt von den wirklichen Problemen ab. Die Presse klatscht Beifall, sie kann genüsslich ihre Spalten füllen, und dem Rattenfänger gehen immer mehr Opfer ins Netz.

Ich nenne Assange einen Gaukler, weil er “Gedanken” als “Geheimnisse” verkauft, und ich nenne ihn gefährlich, weil es nur zu einem führen wird: wir werden unsere Gedanken noch tiefer verbergen, und dies ist ein in sich sehr schädlicher Prozess. Denn erst wenn Gedanken in einem definierten und sicheren Umfeld gedacht werden können, können sie diskutiert und abgewogen werden, und wie bei so vielen Gedanken des einzelnen Menschen, am Ende einfach fallen gelassen werden. Aber die Drohung, sich für jeden noch so abwegigen Gedanken rechtfertigen zu müssen, tötet jede Kreativität, denn wir werden uns einfach weniger Gedanken machen. Sogar Gedankenspiele sind dann dank WikiLeaks verboten, und dies ist sehr gefährlich. Wie bei dem Kind und seinen Eltern, sie werden berechtigte oder dumme Ideen nicht mehr diskutieren, aus Angst, gerade die dummen Gedanken und Planspiele könnten öffentlich werden. Sie gehören aber wie die Sackgassen im Stadtbild zu jedem Findungsprozess.

Ein Gaukler ist Assange auch, weil er fortlaufend versucht, seine rechtsstaatlichen Probleme in Schweden mit der Diskussion um WikiLeaks in Verbindung zu stellen. Jeder Politiker wie Assange würde bei solchen Vorwürfen eine Auszeit nehmen und sein Amt befristet ruhen lassen, um die erhobenen Vorwürfe aus der Welt zu Räumen, um sich danach dann frei von Verdacht auf seine Aufgaben zu konzentrieren. WikiLeaks funktioniert auch ohne Assange, aber die andauernde Diskussion um konspirative Kräfte hilft weder WikiLeaks noch der Suche nach der Wahrheit, sie hilft nur einem: dem Posterboy Assange.

Schweden ist nun nicht gerade bekannt dafür, eine untergebener Abnickpartner Amerikas zu sein, sein Rechtssystem wird nicht von Amnesty International in Frage gestellt, auch fällt Schweden nicht durch krasse Fehlurteile oder Aktionen der Staatswillkür auf. Ob die Vorwürfe der Damen zutreffen oder nicht bleibt zu klären, ebenso wie im Fall Kachelmann, aber sie müssen rechtsstaatlich geklärt werden. Assange versucht sich medial wirksam über das Gesetz zu stellen, sich als Freiheitskämpfer für das Gemeinwohl zu positionieren, er genießt diese Aufmerksamkeit, und dies ist heuchlerisch. Ich würde sicherlich auch einer Auslieferung in den Iran versuchen zu bekämpfen, aber nach Schweden? Ich kann nicht verstehen, warum er nicht einfach hinreist, sich den Vorwürfen stellt, und sie ausräumt. Es wartet dort kein Killerkomando auf ihn, das hätte es in London viel einfacher. Aber so wie er sich hier ziert und konspirative Kräfte in den Vordergrund spielt, bleibt bei mir ein fader Beigeschmack, der mich erneut in der überzeugung stärkt: wo Rauch ist ist auch Feuer.

Ob das Feuer eine Vergewaltigung ist, oder nur reine Wichtigtuerei, wirft beides kein positives Bild auf Julian Assange. Angst vor Schweden braucht nun niemand wirklich zu haben.

WikiLeaks mit Facebook zu vergleichen, Assange mit Zuckerberg, ist der Gipfel der Verschleierung in einer nicht einfachen Materie. Facebook versucht Menschen zu motivieren, ihre Gedanken mit der Öffentlichkeit zu teilen, WikiLeaks hingegen begeht Diebstahl dieser Gedanken und stellt sie ohne Genehmigung der Öffentlichkeit zur Verfügung.

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