Je mehr Geheimnisse veröffentlicht werden, um so geheimnisvoller und angebundener wird unsere Welt. Das meint jedenfalls ein Philosoph, der beim Focus Online buchstabengetreu zitiert wird:
“Lanier, der als Erfinder des Begriffs ‘virtuelle Realität’ gilt, warf Wikileaks-Sprecher Julian Assange in FOCUS vor, die falschen Ziele zu verfolgen: Anstatt die Welt transparenter und die Menschen freier zu machen, schaffe er eine Welt ohne ‘Vertrauen und Anstand’.”
Es ist aber eine philosophisch unbestreitbare Tatsache, dass die rüpelhafte Welt ohne “Vertrauen und Anstand” von dem lieben Gott von Anfang an so und nicht anders geschaffen wurde. Unter tatkräftiger Mitwirkung seiner lieblichen Geschöpfe – der Menschen. Die Welt ist bereits größtenteils ohne Vertrauen und Anstand. Wahrscheinlich sieht die Welt sogar noch schlimmer aus, weil viele Unanständigkeiten noch sorgsam geheim gehalten wird. Damit die Welt etwas schöner aussieht und damit der liebe Gott mit seinem Werk doch irgendwie zufrieden sein kann.
Nimm keine Süßigkeiten von einem Fremden!
Diese Belehrung an unsere Kinder zeugt nicht gerade vom ausgeprägten Vertrauen in diese unsere Welt. Und auf diese höchst vorsichtige, durch schlechte Erfahrungen geprägte Haltung hatte weder WikiLeaks noch das gesamte Internet irgendwelchen Einfluss. Im Internet scheint sich unsere misstrauische Haltung gegenüber dem Rest der Welt nur zu bestätigen. Aus dieser Haltung ist auch der Jugendmedienstaatsvertrag entstanden, wonach auch WikiLeks demnächst ihre Enthüllungs-Dokumente auf jugendgefährdende Inhalte hin überprüfen muss, um sie zu klassifizieren und um Maßnahmen zum Schutz der Jugend vor diesen Inhalten zu treffen.
Die Anziehungskraft des Geheimen
Der Enthülungsjournalismus, auch investigativer Journalismus genannt, ist nicht erst durch das Internet entstanden und schon gar nicht von der WikiLeaks-Avantgarde erfunden worden. Den Gang zu mehr Transparenz unternimmt das Abendblatt, der “europaticker” mit seinem Umweltruf, genauso wie die Bürgerinitiativen aus Koblenz und anderswo. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass der Enthülungsjournalismus ursprünglich von der Bild-Zeitung erfunden wurde. Leider mangelt es uns aber an internationalen Vergleichen.
Der Philosoph und das jüngste Gericht
Ein Internet-Philosoph, der wie Jaron Lanier im Internet seine eigene “virtuelle Realität” entdeckt, und dabei die Tatsache missachtet, dass sich in dem verzweigten Netz nur unsere menschliche Welt und vor allem unsere Gedankenwelt widerspiegeln, die mit der Realität oft so wenig zu tun haben, dass sie als “virtuell” bezeichnet werden müssen, unterstellt WikiLeaks ganz real und wenig realistisch eine “digitale Selbstjustiz”. Die Veröffentlichung ist also Selbstjustiz. Auf jeden Fall dann, wenn sie digital erfolgt.
Natürlich üben wir auch irgendwie Selbstjustiz, wenn wir unsere Urteile über andere Menschen veröffentlichen, genauso wie es der Internet-Philosoph Jaron Lanier macht. Dazu sind aber dringend unsere Urteile notwendig, die sich von der Sache jeder selbst machen muss. Das ist aber erst dank der Veröffentlichung möglich…
Photo: Gerd Altmann, via pixelio.de
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