Kulinarische Körperintelligenz statt Studienrummel?

Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop nennt sein Buch “Hunger & Lust”, BoD, 2009, 204 S., 16,80 EUR, “das erste Buch zur kulinarischen Körperintelligenz.” Seine Kernthese ist, dass wir es ganz unserem Körper überlassen sollen, wann, wie und was wir essen. Er fragt, wer denn besser als unser eigen Fleisch und Blut

hunga.jpgDer Ernährungswissenschaftler Uwe Knop nennt sein Buch “Hunger & Lust”, BoD, 2009, 204 S., 16,80 EUR, “das erste Buch zur kulinarischen Körperintelligenz.” Seine Kernthese ist, dass wir es ganz unserem Körper überlassen sollen, wann, wie und was wir essen. Er fragt, wer denn besser als unser eigen Fleisch und Blut wissen könne, welche Nahrungsmittel bzw. welche in ihnen enthaltenen Stoffe wir brauchen. “Echtes Essen” bedeute, die Entscheidung über das tägliche Essen unserem Verdauungssystem allein zu überlassen, denn es lerne von klein auf, welche Speisen für uns gut sind. Diese Körperintelligenz schreibt er der aus 100 Millionen Nervenzellen bestehenden Innervierung des Verdauungstrakts vom Mund bis zum Darmausgang zu. Ganz wie der Assistenzprofessor Dr. Werner Stangl aus dem österreichischen Linz in seinen Arbeitsblättern, nennt er dieses große Nervengeflecht das Bauchgehirn, das kleine Hirn oder auch “little brain.”

Keine kulinarische Körperintelligenz

Tatsache ist, dass das Verdauungssystem sich selbst steuert. Es gibt zwar unübersehbare Hinweise darauf, dass bewusste und unbewusste Aktionen aus dem menschlichen Gehirn Einfluss nehmen auf die Funktion der Verdauungsvorgänge. Man denke nur an plötzliches Erbrechen oder Durchfälle angesichts der Konfrontation mit als ekelhaft oder gefährlich bekannten Personen oder Situationen. Knop erläutert, dass aber 90 % der Kommunikation zwischen dem Nervensystem des Verdauungstrakts und dem Gehirn die umgekehrte Richtung haben. Im übertragenen Sinne kann man sagen: der Darm informiert das Gehirn! Es fragt sich allerdings auch nach den Ausführungen Knops, welches genau diese Informationen sind. Ist es wirklich so, wie Knop behauptet, dass sich der Darm merke, wie gut ihm schon immer zu Weihnachten ein Bratapfel geschmeckt hätte und dass der Darm prompt beim nächsten Weihnachten wieder danach gelüste? Solche Annahmen gehören in das Reich der Phantasie!

Die “Standleitung” vom Verdauungstrakt, den großen parasympathischen nervus vagus gibt es nachgewiesenermaßen sehr wohl. Es gibt aber keinen Grund zur Annahme, dass aus dem Darm mehr als dumpfe unintelligente Signale ins Gehirn abgegeben würden. Die differenzierteste solcher Informationen, von denen man genau weiß, ist die Meldung der Ankunft von Kohlenhydraten durch Millionen im Dünndarm gefundene auf Zuckerstoffe affine Chemosensoren, die den Anstoß für die körpereigene zentralnervöse Synthese des Esskontrollhormons und Botenstoffes Serotonin nach dem von mir entdeckten Aminas-Prinzip geben.

Was Knop bei seiner Theorie ganz außer acht lässt, ist, dass jedes intelligente Wesen sich auch irren und auch schlechten Gewohnheiten verfallen kann. Dem Nervengeflecht im Bauchraum eine eigene kulinarische Intelligenz zuzusprechen, ist angesichts der dünnen Fakten mutig, sie aber für unfehlbar zu erklären, ist abwegig.

Kein Bauchgehirn

überhaupt: was soll die Rede von einem Gehirn im Bauch? Zwar sind die Nerven- und Gliazellen des Verdauungssystems, auch das enterische System genannt, identisch mit denen des Gehirns, und was im Hirn Botenstoffe sind wie Serotonin und Dopamin sind im Magen-Darmtrakt bauartgleiche Gewebshormone. Wie gesagt, gibt es auch wechselseitige Beeinflussungen auf emotionaler Ebene. Das enterische Nervensystem verfügt demnach auf chemischer und neuronaler Ebene über Ähnlichkeiten mit dem Gehirn. Das Gehirn unterscheidet sich jedoch insbesondere durch den hohen Grad seiner neuronalen Komplexität sowie durch deren funktional klar unterschiedene Nutzung, insbesondere für die Fähigkeit zu denken und zu entscheiden.  Auch Behauptungen, das “Bauchgehirn” verfüge über ein “Gedächtnis”, sind unzutreffend. Tatsächlich verfügt das enterische Nervensystem nach aktuellem Wissensstand über ein neuronales Gedächtnis. Die Nervenendungen werden namlich im Gebrauch langfristig verändert, neu gebildet oder verkümmern. Dieses Gedächtnis ist allerdings kein semantisches Gedächtnis, das einen spachlich repräsentierten Inhalt speichert. Unser Bauch hat nicht die ihm von Knop angedichteten intellektuellen Fähigkeiten.

Aber richtig ist es, nicht mit dem Verstand, sondern mit allen Sinnen zu essen

Knops nicht nachvollziehbare Kernthese der Existenz einer kulinarischen Körperintelligenz mündet indessen ein in die absolut richtige Aufforderung, nicht mit dem Verstand zu essen, sondern mit den Sinnen. Hier liegt die große Stärke des insgesamt sehr lesenswerten informativen Buches. Mit Lust zu essen bedeutet natürlich nicht, jeden Unsinn zu verzehren. Aber der ewige Hickhack um die besonderen Werte dieser oder jener Nahrung oder bestimmter Inhaltsstoffe hat viele Menschen bereits so verunsichert, dass sie nur noch versuchen, “gesund” zu essen statt das, was ihnen schmeckt. Gerade die gesicherten Informationen über die Kommunikation zwischen dem enterischen System und dem Gehirn, dem Sitz der Gefühlswelt, machen es zur Pflicht, Essen und Trinken als wichtigen Quell der Freude am Leben zu würdigen.

Schluss mit dem Studienrummel

In hervorragender Manier weist Knop nach, dass die ungezählten, sich fast zwangsläufig widersprechenden Studien über angeblich gesunde Ernährung unzuverlässig und meist einfach falsch sind. So im Detail demonstriert zu bekommen, wie Obst und Gemüse erst ganz toll, dann aber wieder der Gesundheit abträglich sind, wie fett oder light mal gut, mal schlecht sind, wie erst Resveratol im Wein von höchstem Vorteil und dann im Bier ein Stoff sein soll, der 100 Mal besser sein soll, ist für Laien wie für Experten gleichermaßen spannend. Knop zeigt auch, mit welchen Tricks Studien arbeiten. Ein Beispiel: angeblich soll die Mammografie das Brustkrebsrisiko in der Relation um 5 % senken. In der Studie gab es in der Tat 4 Tote bei der Gruppe ohne Mammogphie und nur 3 bei den Frauen, die sie bekommen hatten. Nicht allgemein veröffentlicht wurde indes, dass jeweils 1000 Frauen untersucht worden waren, das absolute Risiko was also nur um 0,1% gefallen – also praktisch gar nicht!
Mit Verstand gesicherte Erkenntnisse nutzen

Knop sagt zwar, man solle seinen Verstand beim Essen ausschalten. Dennoch rät er von übertrieben bearbeiteten Lebensmitteln ab (light, fettreduziert, Diät, ohne Zucker, kalorienarm). In Wahrheit nutzt er schon gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, um die Weichen für die Gesunderhaltung durch kluge Auswahl der Nahrung und richtige Essweise zu stellen.

Fazit: ein flott geschriebenes lesenswertes Buch voller wertvoller Informationen und einem beherzigenswerten Motto, auch wenn der theoretische Unterbau die Kernthese nicht trägt.

Kommentare

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  1. Berichtigung:

    (1) In die Wiedergabe der relativen Senkung des Krebsrisikos durch die Mammographie hat sich ein sinnentstellender Schreibfehler eingeschlichen. Relativ sind es ja 25 % weniger, wenn statt 4 nur 3 (von Tausend!) sterben.

    (2) Der Autor Uwe Knop hat mich darauf hingewiesen, dass er die Arbeitsblätter von Professor Stangl nicht kennt, dass er vielmehr andere Quelen benutzt hat. Ich bin sicher, dass dem so ist, sonst würde er das gar nicht geltend machen. Vielleicht hat Professor Stangl dieselben Quellen benutzt. Im Ergebnis gleichen sich die Ausführungen jedenfalls sehr, sie sind aber keine Abschriften.

    Für den Schreibfehler und die Formulierung, die an eine direkte übernahme denken lassen, bitte ich um Nachsicht.

    Das Buch ist übrigens 2010 in dr 2. Auflage herausgekommen. Ich habe es im Versandhandel neu gekauft und kriegte ohne Kommentar eine Ausgabe von 2009.

    Ich betone noch einmal, dass ich das Buch wärmstens empfehlen kann, weil es einen spannenden überblick über große Szene der häppchenweisen wissenschaftlichen oder auch nur quasi wissenschaftlichen Beschäftigung mit Einzelaspekten der Ernährung gibt. Nur der von einigen Experten geteilten Auffassung der besonderen Intelligenz des entereichen Systems kann ich nichts
    abgewinnen. Immerhin stimmt das Ergebnis: Essen und Trinken muss Spaß machen. Wer sein Essen nur hineinwürgt, weil er meint es sei gesund, verkennt seine innere Abhängigkeit von den Dingen, die im Leben Frede bereiten.

    Für meinen Geschmack kommt im Buch die Chemie der Fettverbrennung zu kurz.
    “Schlank im Schlaf” von Dr. Detlef Pape wird zu schnell verworfen. Und – natürlich-
    ist es falsch, anzunehmen, Serotonin bilde sich sicher, wenn man nur alle seine
    Bausteine aufnimmt.